04:55 20 Juni 2019
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    Installation der Mikrotunnel bei Lubmin im Rahmen der Pipeline-Baus Nord Stream 2

    Eine Pipeline die spaltet oder verbindet? – Vortrag über Nord Stream 2 in Berlin

    © Foto: Nord Stream 2/Axel Schmidt
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    Andreas Peter
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    Die Arbeiten an der Erdgas-Pipeline „Nord Stream 2“ sind in der Endphase. Zwei Drittel sind verlegt. Für den Abschnitt in den dänischen Hoheitsgewässern steht die Genehmigung noch aus. Die aus den USA gesteuerte Propagandakampagne gegen das Projekt ist ebenfalls noch aktiv. Die Pipeline-Gesellschaft ist deshalb auf Info-Tour. Zuletzt in Berlin.

    Im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in der Berliner Friedrichstraße gibt es einen Kinosaal mit fast 200 Plätzen. Es sind nur wenige Plätze frei, als Steffen Ebert, einer der Sprecher der „Nord Stream 2 AG“, ans Pult tritt und seinen rund 40-minütigen Parforce-Ritt durch die Geschichte des umstrittenen Pipeline-Projektes startete. Ein simples handliches kleines Profilstück eines Original-Rohres ging derweil von Hand zu Hand durch die Reihen. Und die Zuhörerinnen und Zuhörer staunten nicht schlecht, wie gewichtig und dick 27 Millimeter Stahl dann doch sind, wenn man es erst mal in der Hand hält. Und in dem Augenblick bekommt eine im ersten Moment nicht vorstellbare Auskunft von Steffen Ebert schon eine ganz andere Bedeutung.

    Denn Ebert erklärt, mit welchem enormen Druck das Gas durch die mehr als 1.200 Kilometer der Trasse einmal strömen soll. Zwischen 170 und 220 bar. Das heißt, auf einen Quadratzentimeter Stahl wirkt ein Druck, der einem Gewicht zwischen etwas mehr als 173 Kilogramm bzw. 224 Kilogramm entspricht. Und obwohl der Druckunterschied nur rund 30 Prozent beträgt, müssen die Rohre für 220 bar um rund 50 Prozent stärker sein, nämlich 41 Millimeter Wanddicke haben. Das Publikum ist aber auch aufrichtig beeindruckt, als Ebert verdeutlicht, dass die Pipelinerohre belanglos aussehen mögen, es aber in sich haben. Im wahrsten Wortsinn.

    Die Rohre auf den ersten Blick unspektakulär, aber nur auf den ersten …

    Das Innere der Rohre ist mit einer speziellen rotschimmernden Epoxid-Beschichtung versehen, die die Reibungskräfte des Gasstroms minimieren und ihn damit schneller machen kann. Von außen sind die Rohre mit einer dreilagigen, mehr als vier Millimeter dicken Schicht aus schwarzem Polyethylen ummantelt, die als Korrosionsschutz dient. Darum wird noch ein Stahlbetonmantel gelegt, der eine Stärke von 60 bis 110 Millimetern hat. Das bietet noch einmal Schutz gegen Korrosion. Doch vor allem geht es um das Gewicht. Denn der Stahlbeton wird mit 70 Prozent Eisenerz angerührt. Alles zusammen verdoppelt das ursprüngliche Gewicht jedes der 12 Meter langen Rohrsegmente auf insgesamt 24 Tonnen. Das Gewicht ist nötig, um den Doppel-Strang aus fast 200.000 Rohren zuverlässig gegen Auftrieb zu schützen und ihn am Boden der Ostsee zu fixieren.

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    Und weil wir beim Rostschutz waren, es gibt noch eine dritte Komponente gegen diesen Metallfraß. In regelmäßigen Abständen sind so genannte galvanische Opferanoden an den Rohren angebracht. Sie verhindern, dass der Stahl des Rohres im Salzwasser angegriffen wird. Die Legierung der Anoden aus Aluminium und Zink ist so dimensioniert, dass nach der projektierten Lebensdauer der Pipeline von 50 Jahren die Anoden nur zu 40 Prozent verbraucht wurden.

    Publikum auch politisch sehr gut über den Stand des Projektes informiert

    Doch es sind natürlich nicht nur technische Details, die Steffen Ebert vorträgt. Er kommt auch auf die politischen Querelen rund um die Unterwassertrasse zu sprechen. Und wie sich in der anschließenden Diskussion zeigt, ist das Publikum nicht nur in technischer Hinsicht fachkundig, sondern auch gut politisch informiert. Was nicht heißt, das Steffen Ebert sozusagen ein Heimspiel hat. Er muss beispielsweise auch Fragen beantworten, ob sich die Nord Stream 2 AG denn auch ernsthaft mit den Bedenken ihrer Gegner und Kritiker auseinandergesetzt hat, ob sie versucht hat, die andere Seite, die Sorgen der Ukraine und anderer Staaten wenigstens zu verstehen.

    Nord Stream 2 hatte die Bedenken Anderer immer im Blick

    Natürlich hat die Nord Stream 2 AG und ihr Eigentümer diese Bedenken immer mit im Blick gehabt, erwidert Steffen Ebert. Für ihn würden die nüchternen Zahlen alles Notwendige sagen. Die Prognosen über sinkende Gasfördermengen aus der Nordsee stammen nicht von Nord Stream 2 und ihrer Eigentümerin Gazprom, sondern aus Unterlagen der Europäischen Union und der entsprechenden Förderländer. Und danach ergibt sich in den kommenden Jahren eine fehlende Gasmenge von bis zu 120 Milliarden Kubikmetern Gas, beginnt Ebert laut zu rechnen. Die EU geht davon aus, dass der Verbrauch nicht sinken wird. Und die Bundesregierung benötigt für die Absicherung der Grundstromlast einen preiswerten Energieträger, nachdem sie aus Kernkraft und Kohle aussteigt. Die Transportkapazität von Nord Stream 2 betrage 55 Milliarden Kubikmeter. Es bleiben also noch genügend Liefermengen übrig, für andere Wettbewerber, rechnet Steffen Ebert vor.

    Zur Überraschung nicht weniger Zuhörer erwähnt Ebert auch, dass die Ukraine seit 2016 gar kein Erdgas mehr aus Russland bezieht, somit von dort auch nicht erpresst werden kann, wie immer wieder behauptet wird. Und das Argument, Russland würde irgendwann den Gashahn für Europa zudrehen, um die EU zu erpressen, ist absurd. Erstens will Russland Geld verdienen mit seinem Gas. Zweitens hat die EU, haben Staaten wie Polen etwa einen sehr guten Energiemix erreicht. Das Leitungsnetz ist in Europa so dicht, dass jederzeit ein Lieferembargo ausgehebelt werden könnte. Aber abgesehen von dem schon erwähnten Eigeninteresse Russlands an zuverlässigen Deviseneinnahmen. Weder die Sowjetunion noch Russland haben jemals, seit sibirisches Gas nach Europa geliefert wurde, einen Liefervertrag nicht erfüllt, erinnert Ebert.

    Es geht häufig nicht mehr um Fakten, sondern um Politik

    Leider haben er und seine Kollegen aus der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit vor allem in jüngster Zeit den Eindruck, dass harte Fakten häufig überhaupt nicht das Problem sind, sondern es nur um Politik geht. Häufig werde die Ablehnung der Pipeline allgemein mit russischer Politik der zurückliegenden Jahre begründet. Dagegen könne man eben keine technischen und wissenschaftlichen Fakten aufbieten. Das müsse tatsächlich politisch geklärt werden.

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    Aber auch die Sanktionen, die vor allem die USA gegen das Projekt in Stellung bringen, haben ihre Ursache ja ausschließlich im Bestreben der USA, ihr aus Fracking gewonnenes Flüssiggas in Europa zu verkaufen. Doch es ist deutlich teurer als russisches oder anderes natürliches Gas. Das wissen natürlich auch die USA. Aber sie haben mit den extraterritorialen Sanktionen ein sehr effektives Erpressungsmittel in der Hand, wie sich im Fall der Sanktionen gegen den Iran zeigt, wo die meisten Firmen ihre US-Geschäfte nicht für ihr Irangeschäft aufs Spiel setzen.

    Bemerkenswerte Loyalität der internationalen Vertragspartner von Nord Stream 2

    Vor diesem Hintergrund bestätigt Steffen Ebert im Gespräch mit Sputniknews unter anderem, dass es in der Tat bemerkenswert ist, dass er als einer der Sprecher der Nord Stream 2 AG mit einem gewissen Stolz sagen kann, dass die internationalen Partner des russischen Konzerns Gazprom nach wie vor zum gemeinsamen Projekt stehen. Und das, obwohl angenommen werden kann, dass Konzerne wie Shell, Engie oder Wintershall auch über erhebliche Geschäftsinteressen in den USA verfügen. Vielleicht ist es nur eine Frage des Rückgrats? Steffen Ebert findet, für solche spekulativen Fragen sind er und die Nord Stream 2 AG, die er vertritt, nicht die richtigen Ansprechpartner.

    Die Diskussion mit dem Publikum offenbart, dass zumindest diejenigen, die sich zu Wort melden, kein Verständnis für die Sanktionsandrohungen und die Anfeindungen gegen das Projekt haben. Das betrifft auch die Haltung der gegenwärtigen dänischen Regierung, die als bewusste Verzögerungstaktik empfunden wird. Steffen Ebert hatte rekapituliert, dass den dänischen Behörden mittlerweile zwei genehmigungsfähige Routen für Nord Stream 2 vorliegen, das heißt, dass das Prüfverfahren de facto abgeschlossen ist. Eine weitere, dritte Route befindet sich im normalen Genehmigungsverfahren. Dieser Weg wurde gewählt, um der dänischen Regierung zu demonstrieren, dass die Nord Stream 2 AG kompromiss- und verhandlungsbereit ist. Außerdem sei eine Route sogar auf ausdrücklichen Wunsch der dänischen Behörden projektiert worden.

    Dänische Regierung spielt offenkundig auf Zeit, aber Nord Stream 2 hofft weiter auf Genehmigung

    Steffen Ebert kann die im Saal vorgetragenen Vorwürfe gegen die dänische Regierung nicht entkräften. Wie sollte er auch, wenn jene Regierung eine Art Lex Nord Stream 2 beschließt, mit der der dänische  Außenminister ein Vetorecht für die Genehmigungsverfahren von Nord Stream 2 hat, das er nicht begründen muss. Und überdies besteht keine Möglichkeit, eine Entscheidung der Behörden über Genehmigung Ja oder Nein gerichtlich einfordern zu können oder gegen Entscheidungen zu klagen.

    Steffen Ebert will kein Öl ins Feuer gießen, weshalb er sich immer wieder darauf zurückzieht, dass er in einem laufenden Verfahren keine im Zweifel justitiablen Äußerungen tätigen möchte. Im Gespräch mit Sputniknews erklärt er, die aktuelle Situation berge „ein gewisses Risiko einer Verzögerung“ in sich. Aber würde Dänemark kurzfristig sein „Go!“ für eine der drei Routen geben, könnte der Zeitplan für die Fertigstellung der Pipeline bis Ende 2019 immer noch eingehalten werden.

    Das vollständige Interview zum Nachhören hier:

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    Tags:
    Dänemark, Projekt, Pipeline, Bau, Vertrag, Gazprom, USA, Propaganda, Nord Stream 2, Berlin, Deutschland