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13:47 16 Oktober 2019
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    EU-Flagge (Archivbild)

    Französische Historikerin erklärt Scheitern der Annäherung von Russland und EU

    © REUTERS / Vincent Kessler
    Politik
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    Die heutigen Konflikte zwischen dem Westen und Russland sind laut der französischen Historikerin Hélène Carrère d’Encausse darauf zurückzuführen, dass Europa Russland keine ernstzunehmenden Integrierungsmöglichkeiten angeboten und somit den jahrhundertelangen russischen Traum zurückgewiesen hatte. Dies berichtete das Magazin „Le Point“.

    Die europäischen Länder hätten den Zerfall des kommunistischen Systems unaufmerksam verfolgt und nicht begriffen, dass Russland „ein großes europäisches Land war, das zweimal in seiner Geschichte von Europa abgeschnitten worden war und zweimal versucht hatte, sich wieder in diese Zivilisation zu integrieren“, sagte die Professorin.

    Zum ersten Mal sei Russland nach der mongolischen Invasion (im 13. Jahrhundert - Anm. d. Red.) von der europäischen Zivilisation abgeschnitten worden. Allerdings habe Peter der Große das Land im 18. Jahrhundert „wieder in die europäische Gemeinschaft gebracht“. Eine ähnliche Situation sei entstanden, als Moskau nach 75 Jahren Kommunismus erneut versucht habe, die Beziehungen zum Westen zu verbessern. „Und ich kann Ihnen sagen, dass Gorbatschow, Jelzin und selbst Putin am Anfang ihrer Präsidentschaft bereit waren, den Prinzipien und Vorschlägen zu folgen, die Europa Russland hätte anbieten können“.

    Die Europäer hätten die Bestrebungen von Moskau beachten sollen, so Carrère d’Encausse. Da die Autorität Russlands das Gleichgewicht der europäischen Gemeinschaft hätte stören können, hätte die EU Russland zwar keine vollberechtigte Mitgliedschaft anbieten müssen. Allerdings hätte Europa Moskau ein „ernstzunehmendes Vereinigungssystem“ vorschlagen können, um die heutigen negativen Auswirkungen zu verhindern. „Davon träumten die Russen, aber dieser Traum ging verloren“.

    Europa habe diesen Fehler dank seiner „Angst, Verachtung und Kurzsichtigkeit“ begangen, es habe Russland für ein „exotisches“ und sogar „barbarisches“ Land gehalten.

    Als der einstige französische Präsident Charles de Gaulle von einem „Europa vom Atlantik bis zum Ural“ gesprochen habe, habe er eine Zukunftsvision an den Tag gelegt, betonte Carrère d’Encausse. De Gaulle habe sehr gut verstanden, dass Russland „ein Teil dieses großartigen mit dem Siegel des Christentums gekennzeichneten Ensembles“ sei.

    Zudem habe der französische Staatsmann Russland als eine Brücke nach Asien wahrgenommen: „Als er ‚bis zum Ural‘ sagte, meinte er damit einen Wegweiser am Uralgebirge, der in zwei Richtungen weist: Auf einem Pfeil steht ‚Europa‘ und auf dem anderen ‚Asien‘ geschrieben. Tatsächlich meinte er das gesamte Russland“.

    Leider habe De Gaulle seine Vorstellungen nicht in die Realität umgesetzt, Russland sei nicht zu einer Brücke sondern zu einer Barriere für Europa geworden, und dies sei ziemlich gefährlich, betonte die Expertin.

    Laut Carrère d’Encausse verloren die Europäer beim Aufbau des geeinten Europa die Kultur aus der Sicht und schufen lediglich eine Art „Zollunion“, die dem handelspolitischen Zusammenschluss deutscher Staaten im 19. Jahrhundert ähnelt. „Wir hätten Europa unter Berücksichtigung der Kultur aufbauen sollen, und das hätte uns weitsichtig gemacht“.

    Das Problem bestehe darin, dass Europa keine Lehre aus der Geschichte gezogen habe, ist sich die Expertin sicher. Dies betreffe unter anderem „die ukrainische Tragödie“. „Für die Deutschen (… ) ist die Ukraine ihr Hinterhof. Bereits 1914 war die Ukraine unter den Kriegszielen Deutschlands, Hitler griff diese alten Ideen während des Zweiten Weltkrieges nur auf, indem er die Ukraine in den deutschen Lebensraum aufnahm.“

    Ein Einblick in die Geschichte würde die Europäer daran erinnern, dass Peter der Große bei seiner Europa-Reise 1697 sein aufrichtiges Engagement für Europa und europäische Werte an den Tag gelegt habe. „Ein Einblick in die Geschichte würde uns einsehen lassen, wie sehr das 18. Jahrhundert in Russland ‚französisch‘ und das 19. Jahrhundert ‚deutsch‘ war – dank der Philosophie von Hegel, aber vor allem der von Marx und Engels, die zu Mitbegründern des Kommunismus, dieser europäischen Erfindung wurden“.

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    Dabei sei das europäische Verhältnis zu Russland nicht immer so negativ wie heute gewesen: „Ich war zwischen 1994 und 1999 Abgeordnete des Europaparlaments. Und wir fühlten die Atmosphäre der Neugier und der Offenheit gegenüber Russland. Alles schien möglich zu sein, es gab keine Atmosphäre der Feindseligkeit oder Angst. Wir waren nicht von der Idee besessen, die Russen im Bereich der Menschenrechte ständig zu unterweisen“, äußerte Carrère d’Encausse.

    Es gebe zwar auch im politischen Leben Russlands Schwierigkeiten, gab die Professorin zu. Die Europäer dürften jedoch nicht den Anderen Moral predigen, ohne Rücksicht auf deren Geschichte und Traditionen zu nehmen:

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     „Europa hat zwar das Individuum geschaffen – aber auch einen wahnsinnigen Individualismus. Es sei zu verstehen, dass diese Menschenrechtskultur (…) den Russen nicht völlig passt. Sie haben 75 Jahre einer schrecklichen Geschichte erlebt und begriffen, wie wichtig es ist, ein Mitglied einer Gemeinschaft zu sein, wie gefährlich es ist, getrennt zu leben“. Hoffentlich würden die Europäer nicht mit dieser Gefahr konfrontiert werden müssen, resümierte die Expertin.

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    Tags:
    Hélène Carrère d’Encausse, Europa, EU, Russland