19:59 20 November 2019
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    Mann betritt das IWF-Gebäude in Washington D.C. (Archiv)

    IWF als Waffe gegen Assange? Economic Hitman Perkins EXKLUSIV zum wahren Wirtschaftskrieg

    © REUTERS / JAMES LAWLER DUGGAN
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    Beobachter vermuten, dass IWF-Milliarden an Ecuador die spätere Verhaftung von Wikileaks-Gründer Julian Assange ermöglicht haben. Sputnik befragt dazu den früheren „Economic Hitman“ John Perkins, der einst Südamerika für die USA ausplünderte und solche Methoden kennt. „Chinesische Wirtschaftskiller sind in Lateinamerika aktiv“, sagt er.

    Das Executive Board des Internationalen Währungsfonds (IWF) erteilte im März die Freigabe für einen Kredit von über 4,2 Milliarden US-Dollar an die Regierung von Ecuador. Nur wenige Wochen später hob die Botschaft von Ecuador in London den diplomatischen Schutz von Julian Assange auf. Die britische Polizei konnte ihn daraufhin verhaften. Die USA fordern weiterhin seine Auslieferung.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: „Wirtschaftskiller“ Perkins: „Ich half den USA beim Ausnehmen armer Länder“ EXKLUSIV<<<

    Internationale Beobachter – darunter der deutsche Ökonom Marc Friedrich – vermuten nun, dass es da einen Zusammenhang gibt. Nämlich, dass der IWF-Milliarden-Kredit an das südamerikanische Land Teil eines geopolitischen Schachspiels sein könnte. Ganz im Sinne der globalen Wirtschaftspolitik der USA. Ganz im Sinne der Strategie der „Economic Hitmen“, die man auch als „Wirtschaftskrieg-Agenten“ oder „Wirtschaftskiller“ bezeichnen könnte. Das Bauernopfer in diesem Spiel: Wikileaks-Gründer Assange.

    „Assange ist eine Fußnote im großen Spiel“

    Der US-Amerikaner John Perkins war einst ein Economic Hitman, also einer dieser „Wirtschaftskiller“. Seine ehemalige Tätigkeit als „Wirtschaftskrieg-Agent“ für die USA – hauptsächlich in Süd- und Lateinamerika – hat er ausführlich in früheren Interviews beschrieben. Heute versucht er die Welt über die im Verborgenen ablaufenden Machenschaften dieser Agenten aufzuklären. Sein Job sei es heute, diese Informationen und Erkenntnisse zu verbreiten. Jeder müsse den wahren Wirtschaftskrieg kennen, nicht nur die Regierungsoffiziellen, auch die Bevölkerung. Er hoffe, seine Tätigkeit als Aufklärer habe einen positiven, nachhaltigen Effekt.

    Goldbarren
    © REUTERS / Tamara Abdul Hadi

    „Wissen Sie“, erklärte Perkins in einem Sputnik-Interview, „es kann durchaus möglich sein, dass es da einen Zusammenhang gibt. Aber ich denke, da geht es noch um viel mehr.“ Er habe jüngst einige Monate in Ecuador verbracht, kenne das Land gut. „Die Entscheidung für diesen Kredit, der insgesamt über zehn Milliarden Dollar beträgt – wenn man noch dazugehörige Zahlungen von Institutionen wie der Weltbank dazu addiert – wurde bereits im Februar bekanntgegeben. Es kann durchaus sein, dass einer der Bedingungen für diesen Kredit die Verhaftung Assanges war. Aber ich denke, es geht den USA und der EU vor allem darum, ihren Einfluss in Süd- und Lateinamerika auszudehnen. Das verstehe ich auch als Antwort auf die Taktik Chinas, das auch über Kredithilfen Lateinamerika an sich binden will.“

    Es gehe letztlich um Einfluss, Öl und Rohstoffe. „Assange? Er war höchstens eine Fußnote bei dem Spiel.“ Aber Perkins betonte die Wichtigkeit von Whistle Blowern in funktionierenden Demokratien. „Man braucht immer Leute mit einem Insider-Blick, die das System von innen her kennen – und die dann Kritisches berichten. Die dann auch die Möglichkeit haben, Kritisches berichten zu können.“

    Lateinamerika warnt vor US-Wirtschafts-Agenten

    In Lateinamerika erkenne Perkins gegenwärtig, „dass die Chinesen versuchen, ökonomisch eine gewaltige Vorherrschaft zu erringen.  Sie verleihen Kredite und bauen große Infrastruktur-Projekte, Hydraulik-Anlagen, Sportanlagen und so weiter. Die USA und die EU sehen das natürlich. Sie sehen, dass sie verlieren. Den Wettbewerb mit China verlieren.“

    Julian Asanges Anhänger protestieren gegen seine Ausweisung in dei USA (Archivbild)
    © Sputnik / Justin Griffiths-Williams

    Außerdem stimme es, „dass die südamerikanischen Länder wissen, wie die Economic Hitmen der USA dort vorgehen und vorgegangen sind. Wie sie Regime Changes, Regierungsumstürze und Putsche organisieren. Der schlechte Ruf eilt ihnen voraus. So wie ich das auch in meinen Büchern beschreibe. Lateinamerikaner, mit denen ich spreche, und lateinamerikanische Regierungspolitiker sagen, man wolle keine Kredite mehr von den USA, der Weltbank oder dem IWF annehmen. Zu viele Bedingungen seien an diese Kredite geknüpft. Beispielsweise US-Militärbasen. Reformen. Oder konsequente Privatisierung, auch von öffentlichen Gütern. Die armen Menschen leiden dann darunter.“

    Die Chinesen geben im Vergleich dazu das Geld einfach, zu viel weniger Bedingungen. „Sie entsenden nicht ihr Militär zum ‚Schutz‘ dieser Kredite, um eigentlich diese Länder nur zu besetzen. So wie es die USA meist machen. Die Chinesen machen das eben anders.“

    So arbeiten die „Economic Hitmen“ Chinas

    Perkins war in den letzten Monaten in Südamerika. „In Kolumbien, Guatemala, Costa Rica, Mexiko. Und die Economic Hitmen arbeiten in all diesen Ländern. Keine Frage.“ Er betonte: „Nicht nur die US-amerikanischen Economic Hitmen – auch die Chinesen schicken ihre Leute. Die Chinesen haben eine große Präsenz in Kolumbien und besonders in Costa Rica. Auch in Mexiko. Diese Präsenz wächst. Weil auch der globale ökonomische Wettbewerb zwischen China und den USA wächst.“ Die US-Regierung habe „einen schlechten Ruf, eine schlechte Reputation bei den lateinamerikanischen Entscheidern. Die Regierungsumstürze, manchmal auch die Attentate auf Regierungs-Politiker, bleiben in der Erinnerung. Niemand möchte doch US-Basen in seinem Land haben. China hat eben noch nicht dieses Stigma.“

    Er denke, „die chinesischen Economic Hitmen sind vielleicht smarter, weil sie aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben können. Sie versuchen zu vermeiden, die gleichen Fehler zu machen. Indem sie eben bei ihren Krediten nicht auf Privatisierung setzen. Vielleicht ist das der Unterschied. Ich glaube auch nicht, dass die Chinesen lateinamerikanische Staaten erpressen und direkt bedrohen, unter Druck setzen, wie dies häufig die USA tun.“ Als er selbst noch ein Economic Hitman gewesen sei, sei das „ziemlich einfach“ gewesen. Es sei alles über Erpressung lateinamerikanischer Regierungschefs gelaufen. „Ich nannte dann immer Salvador Allende in Chile als warnendes Beispiel. Oder andere gestürzte oder ermordete Regierungspolitiker, in Guatemala zum Beispiel. Entweder sie arbeiteten mit uns zusammen oder sie wussten, welches Schicksal sie ereilen wird. Man kann also sagen, die Chinesen sind etwas sanfter als wir es waren.“

    Sind IWF-Milliarden gegen „gute Sozialpolitik“ in Ecuador gerichtet?

    Andererseits „haben die Chinesen in Ecuador einen großen Fehler begangen: Sie haben einen unglaublich teuren Wasserstaudamm in Ecuador gebaut – ganz in der Nähe eines aktiven Vulkans mit Erdbebengefahr. Also in einer Region, wo sie nicht hätten bauen sollen. Auch die chinesischen Ingenieure machen also Fehler. Ecuador müht sich ab, den Kredit dafür zurückzuzahlen.“

    Letztlich vermute er hinter dem Milliarden-Kredit an Ecuador durch den IWF noch ganz andere Zielsetzungen westlicher Mächte wie Washington oder Brüssel. „Wenn Sie sich Ecuador anschauen: Die Regierung dort hat in den letzten Jahren eine relativ vernünftige Sozialpolitik betrieben. Sie hat mehr für Soziales ausgegeben. Die Medizin-Versorgung hat sich massiv verbessert. Auch die Bildung. Für mich sieht es eher so aus, als ob dieser Milliarden-Kredit dazu dienen soll, diesen positiven Trend zu stoppen. Indem man die sozialen Sektoren eben wieder privatisiert. Zum Nutzen westlicher privater Firmen. Das ist der US-amerikanische Weg.“

    >>>Andere Sputnik-Artikel: US-Medien geben zu: Weltgemeinschaft stemmt sich gegen Dollar-Diktat<<<

    Das Radio-Interview mit John Perkins zum Nachhören:

    Das Radio-Interview mit John Perkins (Englisch) zum Nachhören:

     

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    Zahlungen, Taktik, Infrastruktur, Internationaler Währungsfonds (IWF), IWF-Hilfe, IWF, Weltbank, Bedingungen, Schutz, Militär, Präsenz, Costa Rica, Wettbewerb, Guatemala, Chile, Salvador Allende, Erpressung, Versorgung, Medizin, Westen, Westen, Firmen, Kredit, Milliarden, Sozialpolitik, Attentate, Geld, System, Kritik, Whistleblower, Öl, Rohstoffe, Einfluss, EU, Bevölkerung, Informationen, Agenten, Machenschaften, Wirtschaftspolitik, Deutschland, Marc Friedrich, Ecuador, China, Lateinamerika, Wirtschaft, USA, Sputnik, WikiLeaks, Verhaftung, Julian Assange, Wirtschaftskrieg