02:24 08 Dezember 2019
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    Roboterarm in der Autoproduktion in Deutschland (Archiv)

    „Politische Wirkung gegen Null“ – Maschinenbau-Verbandspräsident zu Russland-Sanktionen

    © AFP 2019 / RONNY HARTMANN
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    Der Präsident des deutschen Maschinenbauverbandes, Carl Martin Welcker, will eine Überprüfung Russland-Sanktionen der EU. Ihre politische Wirkung tendiere gegen Null, bei immensen Auswirkungen auf das Russlandgeschäft, sagte er der „Augsburger Allgemeine“. Die Wirtschaft werde zunehmend für die Umsetzung politischer Ziele in Haftung genommen.

    Es ist gut möglich, dass sowohl der Name Carl Martin Welcker als auch der VDMA nicht jedem geläufig sind. In der Weltwirtschaft aber hat beides ein enormes Gewicht. Denn Welcker ist Präsident des größten europäischen Industrieverbandes, des als VDMA abgekürzten Vereins „Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V.“, mit rund 3.200 Mitgliedsunternehmen. Darunter befinden sich viele weltbekannte Namen und so genannte Hidden Champions, Weltmarktführer, deren Namen nicht jeden zweiten Tag in den Medien genannt werden.

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    Dazu zählt auch das Unternehmen von Welcker, die Alfred Schütte GmbH & Co.KG in Köln. Die in vierter Generation existierende Firma stellt hochspezialisierte Drehmaschinen her, mit denen unter anderem rund 85 Prozent aller in der Welt gefertigten Auto-Zündkerzen hergestellt werden. Schon Welckers imposante Erscheinung als Zwei-Meter-Mann macht ihn zu einer natürlichen Führungspersönlichkeit, zu der man, im wahrsten Wortsinn, aufblickt. Zusammen mit seinen rhetorischen Qualitäten und Kenntnissen eines Familienunternehmers hat der VDMA seit mehr als zwei Jahren einen beinahe idealtypischen Präsidenten.

    Der VDMA gehört mit mehr als 125 Jahren Geschichte zu den ältesten Unternehmensvereinigungen überhaupt. Seine Mitglieder repräsentieren ein Umsatzvolumen von zuletzt 232 Milliarden Euro, die von mehr als 1,3 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern erwirtschaftet werden. Die Unternehmen des VDMA sind damit die größten industriellen Arbeitgeber der Bundesrepublik und eine der wichtigsten Säulen des Exportwunderlandes Deutschland, denn fast 80 Prozent der Produkte der VDMA-Unternehmen werden in alle Welt exportiert.

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    Wenn Welcker sich als VDMA-Präsident in Interviews zur Alltagspolitik äußert, dann darf man davon ausgehen, dass Vorabversionen rechtzeitig dem Bundeskanzleramt und dem Wirtschaftsministerium vorliegen, um nicht von etwaigen Nachrichten am Frühstückstisch kalt erwischt zu werden. Eine Regionalzeitung wie die „Augsburger Allgemeine“ wird durch ein Interview mit Carl Martin Welcker geadelt, weil die Redaktion damit rechnen darf, dass sie überproportional zitiert wird.

    Welcker bezweifelt politischen Erfolg der Anti-Russland-Sanktionen

    So wie jetzt geschehen. Im Rahmen eines Interviews, das sich eigentlich um den deutschen Erfindergeist drehen sollte, piesackt der Redakteur den VDMA-Boss mit Fragen zur Sanktionspolitik des Westens gegen Russland. Welcker antwortet wie man es von ihm gewohnt ist, schnörkellos:

    „Nach nun schon fünf Jahren Sanktionen muss man überprüfen, ob diese wirklich etwas bewirkt haben. Nach meinen vielen Gesprächen in Russland muss ich feststellen: Die politischen Auswirkungen der Sanktionen tendieren gegen null. Andererseits sind die Auswirkungen auf das Russlandgeschäft von deutschen Firmen immens. In manchen Fällen führt das zu schweren Verwerfungen. Die Sanktionen schwächen also die Stellung der deutschen Wirtschaft in Russland.“

    Sanktionen schaden deutschen Unternehmen – China profitiert

    Denn den deutschen Unternehmen würden wichtige Wachstumsmärkte verloren gehen. In diese Lücke stoße ohne Not China, ärgert sich Welcker in dem Interview, das sich einreiht in eine ganze Reihe von Wortmeldungen von Politikern, die trotz massiver Anfeindungen und arroganter Belehrungen die Russland-Sanktionen der EU in Frage stellen. Welcker erklärt dem Redakteur der Augsburger Allgemeinen:

    „Mir macht es generell große Sorgen, dass die Wirtschaft zunehmend in Haftung genommen wird, um politische Ziele durchzusetzen, ob es um Russland oder den Iran oder morgen vielleicht andere Länder geht.“

    VDMA-Präsident: „Auf den einen oder anderen Teil des Sanktionspakets kann man sicher verzichten.“

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    Eine solche Politik koste Arbeitsplätze erinnert Welcker an simple unternehmerische Regeln. Er plädiere für einen intensiven Austausch zwischen Politik und Wirtschaft in dieser Angelegenheit. Und er sei sich sicher:

    „Auf den einen oder anderen Teil des Sanktionspakets kann man sicher verzichten. Viele Russen kennen die Qualität deutscher Produkte und sie wollen zu Europa gehören. Ja, viele Russen fühlen sich den Deutschen sehr nahe. Angesichts der Schrecknisse der gemeinsamen Geschichte ist das fantastisch für uns.“

    Es wird interessant sein zu beobachten, ob auch Carl Martin Welcker mit jener Mischung aus Oberlehrerattitüde und unverhohlener Wut für diese Äußerungen angegriffen wird, wie es einigen deutschen Politikern in jüngster Zeit ergangen ist. Sie hatten es gewagt, die Sinnhaftigkeit von Sanktionen in Frage zu stellen, die vorwiegend deutschen Unternehmen massiv schaden, vor allem in Ostdeutschland, ohne auch nur einen einzigen politischen Wirkungstreffer zu erzielen.

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    Politik, Politiker, China, Westen, Westen, Sanktionspolitik, Bundeskanzleramt, Bundeswirtschaftsministerium, Handelsumsatz, Umsatz, Autos, Auto, Köln, Weltmarkt, Unternehmen, Weltwirtschaft, VDMA, Wirtschaft, Geschäft, Wirkung, Europa, EU, EU, EU, Maschinenbau, Wirtschaftssanktionen, Russland-Sanktionen, US-Sanktionen, Sanktionen, Deutschland, Russland