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22:10 15 Juli 2019
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    Russische Luftlandetruppen in Kosovo 1999

    Kosovo: Wie russische Fallschirmjäger der Nato die Stirn boten

    © AP Photo / STR
    Politik
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    Galija Ibragimowa
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    Vor 20 Jahren, in der Nacht auf den 12. Juni, drangen russische Fallschirmjäger in geheimer Mission in den kosovarischen Flughafen Slatina ein und nahmen ihn unter ihre Kontrolle. Dabei waren sie der Nato zuvorgekommen. Für die Amerikaner, die sich als Herren der Lage bezeichneten, war das eine Überraschung…

    …Für die Russen ein Triumph, für die Serben zumindest ein zeitweiliger Schutz. Die Militäroperation ging in die Geschichte als „Vorstoß nach Pristina“ ein und festigte das Recht Moskaus, an der Regelung des Konfliktes in Jugoslawien teilzunehmen.

    Milosevic unter Druck setzen

    Die Allianz mischte sich in den Jugoslawien-Krieg im März 1999 ein, wobei gegen militärische und zivile Objekte Serbiens Bombenangriffe unternommen wurden. Bei den Angriffen starben friedliche Einwohner, doch weder die Nato noch Slobodan Milosevic gingen Kompromisse ein.

    Die Versuche der Weltgemeinschaft, die Seiten an den Verhandlungstisch zu bringen, waren vergeblich. Das Kräfteverhältnis neigte sich nicht zugunsten der jugoslawischen Armee.

    Um das Blutvergießen zu stoppen, versuchte der damalige russische Premier und Sondergesandte für den Balkan Viktor Tschernomyrdin den jugoslawischen Staatschef zum Abzug der jugoslawischen (de facto serbischen) Truppen aus dem Kosovo zu bewegen.

    Im Gegenzug versprach er die Aufrechterhaltung der Einheit Serbiens. Zudem sicherte die russische Seite Milosevic zu, dass es in den Friedenstruppen auch russische Militärs geben wird.

    „Viktor, und wann kommt das Versprochene?“, fragte Milosevic bedrückt. Allerdings begann er mit dem Abzug.

    Amerikanische Almosen

    Am 10. Juni, nach dem Abzug der jugoslawischen Armee aus dem Kosovo, kündigten die Nato-Länder das Ende der Militärkampagne auf dem Balkan an. Die Bombenangriffe auf Belgrad wurden eingestellt, doch es musste noch die Situation in Pristina stabilisiert werden. Moskau wollte die Regelung im Norden des Kosovo, der überwiegend von Serben besiedelt ist, unter seine Regie nehmen. Die Amerikaner, die zuvor versprochen hatten, Russland an den Friedensprozess anzuschließen, weigerten sich plötzlich.

    „Wir erlauben ihnen, sich mit einem Bataillon im US-Zuständigkeitsbereich im Kosovo zu beteiligen“, sagte der Berater des US-Außenministers, General Vogelsong.

    Serbische Panzersoldaten grüßen den russischen Militärkonvoi nahe Pristina, 16. Juni 1999
    © AP Photo / MOD / Pool / Russell Boyce
    Serbische Panzersoldaten grüßen den russischen Militärkonvoi nahe Pristina, 16. Juni 1999

    Damals schlug Washington der russischen Armee vor, sich mit zwei Bataillonen den internationalen Kräften, jedoch unter dem Kommando des britischen Generals Mike Jackson, anzuschließen. US-Außenminister Strobe Talbott sagte, dass Russland bislang seine Stärke nicht wiederhergestellt habe, weshalb die Briten die Stabilisierung der Lage im Norden des Kosovo besser meistern könnten.

    „Wir werden im Kosovo nach unserem Ermessen, im Rahmen der Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrats, vorgehen“, sagte der Leiter der Verwaltung für internationale Zusammenarbeit des russischen Verteidigungsministeriums, Generaloberst Leonid Iwaschow, dazu.

    Die Verlegung der britischen Einheiten nach Kosovo sollte am 12. Juni via den Flughafen Slatina beginnen. Doch Moskau beschloss, den Einzug der ausländischen Militärs in Pristina zu verhindern, und sperrte den kosovarischen Flughafen. Dazu konzipierte das Militär einen geheimen Plan zur Verlegung russischer Fallschirmjäger einen Tag vor der geplanten Ankunft der Briten.

    Szenarien für den Vorstoß

    In Bosnien und Herzegowina, nahe der Stadt Ugljevik, war seit 1995 eine russische Fallschirmjäger-Brigade stationiert. Nach dem Bosnienkrieg überwachte diese Einheit im Rahmen der Nato-Friedensmission den Waffenstillstand zwischen den Serben, Kroaten und bosnischen Muslimen.

    Es wurde beschlossen, diese Fallschirmjäger bei einer geheimen Operation einzusetzen. Doch die Friedenstruppen wurden von einem US-General kommandiert, der die Russen kaum zu einem Sondereinsatz ins benachbarte Serbien lassen würde. Nach weiteren Konsultationen beschloss Moskau, ein zusammengesetztes Bataillon geheim vorzubereiten.

    In der Nacht auf den 12. Juni sollte ein Bataillon aus 200 Soldaten einen 600 Kilometer langen Vorstoß gen Slatina blitzschnell vornehmen und den Einzug der britischen Einheiten in den Norden des Kosovo verhindern. Die Urheber des Planes wussten, dass dies eine Gegenreaktion der Nato auslösen konnte. Nicht ausgeschlossen war auch ein direkter Zusammenstoß, der Russland und den Westen an den Rand eines Krieges bringen konnte.

    „Bereits in der Phase des Treffens der Entscheidung über den Vorstoß nach Kosovo arbeiteten wir einen möglichen bewaffneten Zusammenstoß mit der Nato durch. Es gab auch ein Ersatz-Szenario – nach Belgrad fliegen und im Falle eines Zusammenstoßes mit der Nato Schnell-Verhandlungen über eine gemeinsame Bekämpfung der Bedrohung für unsere Friedenssoldaten durchzuführen“, sagte Iwaschow später.

    Das Hauptargument für diese Operation war ihm zufolge die Position der serbischen Militärs.

    „Jugoslawiens Armee hätte sich gerne an den Aggressoren sowohl für die Opfer als auch für verletzte Ehre gerächt. Zumal sie sich mit den Russen brüderlich verbunden fühlten“, sagte Iwaschow.

    Zeitweilige Verwirrung

    Einige Tage vor der Geheimoperation trafen in Pristina 18 russische Sondereinsatzsoldaten ein, um die Situation vor Ort einzuschätzen. Darunter auch Junus-bek Jewkurow, das heutige Oberhaupt der Teilrepublik Inguschetien. Vor 20 Jahren diente er in der russischen Luftlandebrigade in Bosnien und Herzegowina.

    Jewkurow zufolge herrschte damals Chaos in Kosovo. Kriminelle hatten damals faktisch das Sagen in der Region.

    Russische Friedenstruppen in Kosovo, August 1999
    © AP Photo / Amel Emric
    Russische Friedenstruppen in Kosovo, August 1999

    „In jedem Gebiet herrschte ein eigenes Oberhaupt, alle mit Waffen, Willkür. Auch der Flughafen wurde von ihnen kontrolliert. Unsere Gruppe wartete, bis ein Teil dieser Menschen am Abend zu ihren kriminellen Angelegenheiten ging. Sie kamen gegen Morgen und schliefen dann den ganzen Tag. Wir wählten einen Zeitpunkt, als nur wenige Menschen vor Ort waren, und nahmen den Flughafen ein“, so Jewkurow.

    Ihm zufolge war nicht die Operation am schwierigsten, sondern von der Militärführung die Genehmigung für ihren Beginn zu bekommen.

    „Der Zeitpunkt, zu dem man eigentlich weiß, dass man das moralische Recht hat, wegzugehen, doch gleichzeitig auch weiß, dass zum Flughafen bereits das britische Bataillon vorstößt. Also man steht vor der Wahl – die Positionen Banditen und danach den Briten zu überlassen, oder aber auf die Unsrigen zu warten. In solch einer unbestimmten Situation handelt man intuitiv – man trifft selber eine Entscheidung, von der der weitere Verlauf der Geschichte abhängt“, so Jewkurow.

    Zwischen Militärs und Diplomaten gab es Meinungsverschiedenheiten. Nicht alle Mitarbeiter des russischen Außenministeriums unterstützten die Idee des Vorstoßes nach Pristina. Auch einige Militärs waren dagegen.

    Bis heute ist unklar,  ob Russlands oberste Führung über die Vorbereitung dieser riskanten Operation Bescheid wusste. Laut dem damaligen Generalstabschef Anatoli Kwaschnin rief er den Kreml an, um den Staatschef darüber zu informieren. Doch der Chef der Präsidialverwaltung, Alexander Woloschin, sagte, dass Jelzin schlafe. Die Operation begann ohne seine Zustimmung.

    Dennoch weist Iwaschow diese Informationen zurück. Ihm zufolge wussten sowohl der Verteidigungsminister Igor Sergejew als auch Präsident Boris Jelzin darüber Bescheid.

    „Der Plan wurde unterstützt. Der Präsident genehmigte einen mit der Nato synchronen Einzug der russischen Truppen in Kosovo“, so Iwaschow.

    Panzer als Rettung

    Als die kosovarischen Serben erfuhren, dass sich russische Panzer nach Slatina bewegten, gingen sie mit Blumen und Geschenken auf die Straßen. Sie nahmen dies als Rettung wahr.

    15 russische Schützenpanzerwagen und 35 Laster trafen spät nachts in Kosovo ein und hissten sofort russische Flaggen.

    Am frühen Morgen des 12. Juni begann das zusammengesetzte russische Bataillon die Verteidigung. Nach ein paar Stunden zeigten sich von der Seite Mazedoniens britische Einheiten. Die Zahl der Briten war nicht viel größer als die der Russen. Doch auch ein französisches Bataillon kam hinzu.

    Die britischen Panzerfahrzeuge fuhren auf die russischen Blockposten zu. Die Luftlandesoldaten richteten sofort ihre Granatwerfer auf sie. Es wäre fast zu einem Gefecht gekommen.

    „Vor uns befanden sich etwa 200 Russen, die feindselig eingestellt waren und auf uns zielten – und wir hatten den Befehl, bis zum Flugplatz vorzurücken und ihn unter Kontrolle zu nehmen“, erinnerte sich später der Sänger James Blunt, der damals Hauptmann der Garde war und sich an dieser Nato-Kolonne beteiligte. Nach seinen Worten „wollte niemand den Dritten Weltkrieg auslösen“.

    Die Briten umzingelten den Flugplatz, blieben dann aber passiv und warteten auf weitere Befehle. In Washington beschloss man, eine Zuspitzung zu vermeiden.

    Talbotts Himmelstrick

    US-Vizeaußenminister Strobe Talbott erfuhr über diesen Vormarsch der russischen Militärs, als er auf dem Heimweg nach gerade stattgefundenen Verhandlungen mit den russischen Behörden über Serbiens Zukunft war. Seine Maschine befand sich gerade im weißrussischen Luftraum, und er verfügte, zurück nach Moskau zu fliegen.

    Dieser „Himmelstrick“ Talbotts wird oft mit der bekannten „Wende über dem Atlantik“ des damaligen russischen Premierministers Jewgeni Primakow im Sommer 1999 verglichen. Der Unterschied bestand jedoch darin, dass Primakow damit seine Empörung über die Nato-Bombenangriffe gegen Belgrad und die zuvor geplanten Verhandlungen in Washington ausdrückte, während der US-Vizeaußenminister im Gegenteil versuchte, die gerade beendeten Gespräche wiederaufzunehmen. Wie sich Talbott aber später erinnerte, hatte man auch in Moskau nicht ganz verstanden, was im Norden Kosovos vorging.

    Wladimir Putin (R) trifft russische Friedenstruppen in Pristina, Juni 2003
    © Sputnik / Wladimir Rodionow
    Wladimir Putin (R) trifft russische Friedenstruppen in Pristina, Juni 2003

    Der US-Diplomat hörte, wie der russische Außenminister Igor Iwanow seiner US-Amtskollegin Madeleine Albright per Telefon versicherte, es wäre zu einem Missverständnis gekommen, und die russische Kolonne hätte die Kosovo-Grenze versehentlich überquert. Daraus schlussfolgerte Talbott, dass die Russen keine vollständigen Informationen über die entstandene Situation hatten.

    Einen Tag später traf er sich mit Wladimir Putin, der damals an der Spitze des russischen Sicherheitsrates stand. Dieser soll ihm versprochen haben, die Situation zu analysieren und die Lage bei Slatina zu regeln.

    „Als ich mich mit Putin traf, musste ich mich sehr wundern, wie selbstbewusst er war, ohne sich viel Mühe zu geben, diesen Eindruck zu machen. Putin strahlte  Sachverständnis aus und schien in der Lage zu sein, ohne große Hektik die ihm nötigen Ergebnisse zu erreichen“, so Talbott.

    „Binnen nur eines Tages wäre es nach einer Siegesfeier nahezu zu einem neuen Kalten Krieg gekommen. Da gab es gewisse Missverständnisse zwischen den zivilen und militärischen Behörden, und niemand war sicher, was Jelzin am Ende befehlen würde“, beschrieb Madeleine Albright ihrerseits die Ereignisse von damals.

    „Auf die Schnauze gehauen“

    Wenige Tage nach dem Vormarsch der russischen Militärs begannen in Helsinki Gespräche über die Krisenregelung. Moskau bekam dabei das Recht, ein Friedenskontingent im Norden Kosovos zu stationieren. Es wurde darüber hinaus beschlossen, dass die russischen Militärs in Slatina bleiben würden, wobei aber der Flugplatz allen zur Verfügung stehen sollte. Am 15. Oktober 1999 bekam er wieder den zivilen Status.

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    Als Präsident Jelzin über diese Operation informiert wurde, soll er gesagt haben: „Na endlich habe ich der Nato auf die Nase geschnalzt.“

    Und einer der Militärs, der an der entsprechenden Beratung teilnahm, soll erwidert haben:

    „Herr Jelzin, Sie haben ihnen nicht geschnalzt, sondern richtig auf die Schnauze gehauen.“

    Einen Tag später unterzeichnete Jelzin einen Erlass zur Auszeichnung aller Teilnehmer des Vormarsches nach Pristina.

    Die russischen Friedenskräfte blieben im Kosovo bis zum Jahr 2003. Aber selbst nach dem Abzug der letzten russischen Soldaten vom Balkan wird dort auf Moskaus Meinung geachtet.

    Eine wichtige Rolle spielte dabei der Vormarsch nach Pristina, der den geopolitischen Status Russlands in dieser Region untermauerte.

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    Tags:
    Marsch, Offensive, Doppelstandards, Flughafen, Albanien, Serbien, Balkan, Wladimir Putin, Großbritannien, Kriegsgefahr, Luftlandetruppen, Pristina, Kosovo, NATO, Russland, Jugoslawienkrieg