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08:54 17 Juli 2019
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    US-Sicherheitsberater John Bolton (Archiv)

    „Nuklearer Konflikt“ mit Iran befürchtet: Boltons Drohungen werden wahr?

    © AP Photo / Jessica Hill
    Politik
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    Paul Linke
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    Noch bevor er Sicherheitsberater des US-Präsidenten wurde, versprach John Bolton, die islamische Regierung im Iran zu stürzen. Einige Militärexperten glauben, dass der Zeitpunkt nun gekommen sein könnte. Sie warnen vor einem nuklearen Konflikt. War der Angriff auf die Tanker im Golf von Oman eine „Fals-Flag-Operation“ gegen den Iran?

    Mehrmals hat sich John Bolton, der Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, als harter Gegner der iranischen Regierung zu erkennen gegeben: „Ich habe seit mehr als zehn Jahren gesagt, dass das erklärte Ziel der USA sein sollte, das Mullah-Regime im Iran zu stürzen. Das Verhalten des Regimes wird sich nicht ändern – also müssen wir das Regime ändern. Und deshalb, noch vor 2019, werden wir hier in Teheran feiern“, unterstrich Bolton im Jahr 2017 vor einer Gruppe iranischer Oppositioneller in Paris. Damals besetze er noch kein Amt im Regierungskabinett, galt jedoch als Favorit für das Amt des US-Außenministers.

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    Auch 2015 schrieb er einen Kommentar in der „New-York Times“ mit dem Titel „Um Irans Bomben zu stoppen, Iran bomben“.

    „Machtkampf um die Vorherschafft“

    „Bolton ist ein fanatischer Iranhasser, der den Regime-Change im Iran angekündigt hat, koste es was es wolle, mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen“, sagt Oberstleutnant a.D. der Bundeswehr Jürgen Rose im Sputnik-Interview. Der „Unsicherheitsberater“ arbeite Hand in Hand mit dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu, der dasselbe beabsichtige, erklärt der Abrüstungsexperte vom „Darmstädter Signal“, einem kritischen Forum von aktiven und ehemaligen Bundeswehrsoldaten.

    Auch Saudi-Arabien, mit dem Trump „riesige Waffendeals“ abgeschlossen habe, sei „extrem feindselig“ gegenüber dem Iran gestimmt, sagt Rose weiter. „Es findet ein großer Machtkampf um die Vorherschafft in der Region statt.“ Denn der Iran sei in Bezug auf Syrien und den Irak extrem erfolgreich, und diese „starke Position“ sei den „amerikanischen Angriffskriegen“ im Irak und Syrien geschuldet, meint Rose. Das sei sowohl den Golfmonarchien in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) als auch Israel ein Dorn im Auge.

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    Einen wirtschaftlichen Grund für die aggressive Haltung gegenüber dem Iran sieht der ehemalige Bundeswehr-Offizier der Luftwaffe und Nato-Experte Jochen Scholz: „Der Iran ist ein Teil des Seidenstraßenprojekts von China.“ Scholz war in verschiedenen Nato-Gremien und im Bundesministerium der Verteidigung tätig. Er warnt im Sputnik-Interview, der Iran müsse nun sehr vorsichtig agieren, „um keinen Vorwand zu liefern, angegriffen zu werden“.

    „Nukleare Dimension“

    Scholz und Rose bezeichnen die momentane Sicherheitslage in der Straße von Hormus nach dem Angriff auf die beiden Tanker am Golf von Oman als „brandgefährlich“. „Der Iran wird sicherlich – wenn er angegriffen wird – zurückschießen, mit Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen: ein ausgebautes und umfangreiches Raketenarsenal.“ Die Öl-Anlagen der Saudis seien „gute Flächenziele, die man unter Feuer nehmen kann“, erklärt Jürgen Rose.

    Er warnt zudem vor einer „nukleare Dimension“ in einem offenen Konflikt mit dem Iran. Er erinnert an die Meldungen aus den 1990er Jahren, „dass sechs nukleare Sprengköpfe aus Kasachstan an den Iran gegeben worden sind. Man muss also davon ausgehen, dass der Iran in der Lage ist, sogenannte schmutzige Bomben zu bauen, radioaktives Material mit Sprengstoff zu versetzen, damit zu schießen und dann zumindest großflächige radioaktive Verstrahlungen zu erzeugen“, betont der Nato-Kritiker.

    Unhaltbare Anschuldigungen?

    Die Anschuldigungen seitens der US-Regierung, dass der Iran die Tanker angegriffen hätte, halten beide Militärexperten für unglaubwürdig. „Es ist absurd zu glauben, die Iraner würden in dem Moment, wo der japanische Ministerpräsident im Einverständnis mit ihnen und den Amerikanern versucht zu deeskalieren, so eine Aktion starten“, moniert der ehemalige Nato-Offizier Scholz. Bei der Frage der Verantwortung für diesen Angriff konzentriere sich seine Vermutung zum einen auf das US-Militär, „möglicherweise ohne Wissen der Politik“. Denn die US-Regierung wisse, dass eine Eskalation mit dem Iran zu unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft führen könnte. Bei einer Blockade der Straße von Hormus würden nicht nur die Ölpreise durch die Decke gehen, warnt der Verteidigungsexperte. „Das würde alles sprengen, was wir bisher bei der Ölpreisentwicklung gesehen haben“, so Scholz. Er vermutet auch Tel-Aviv oder die Golfstaaten hinter dem Angriff: „Denn diese hätten Motive und kein Interesse daran, dass der Iran weiterhin an Einfluss gewinnt.“

    „False-Flag-Operations“

    Scholz erinnert an „Provokationen von israelischer Seite“, an den Vorfall der „USS-Liberty“. Am 8. Juni 1967 hatte das israelische Militär das Aufklärungsschiff der United States Navy angegriffen. „Sie haben ein amerikanisches Schiff bombardiert und wollten es den Ägyptern in die Schuhe schieben. Die Amerikaner haben das stillschweigen akzeptiert“, behauptet der ehemalige Bundeswehr-Offizier. Die offiziellen Erklärungen der israelischen und US-amerikanischen Seite sprechen von einem Irrtum.

    „Wir kennen es seit Jahrzehnten, wie solche sogenannten False-Flag-Operations durchgeführt werden“, erläutert der ehemalige Bundeswehroffizier Rose. Dabei erinnert er unter anderem an den „Überfall auf den Sender Gleiwitz“ am 1. September 1939, der für Adolf Hitler den Vorwand lieferte, Polen zu überfallen. Oder den „Tonkin-Zwischenfall“, „fast das gleiche“, was gerade am Golf stattgefunden habe: Im August 1964 wurde dort angeblich der US-Zerstörer „Maddox“ von nordvietnamesischen Schnellbooten angegriffen und beschossen, wie die United States Navy berichtete. Daraufhin gab der US-Kongress dem damaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson grünes Licht für den Krieg im Vietnam. „Hinterher stellte sich heraus, es war alles eine Erfindung, eine Fehlperzeption der Besatzung dieses Zerstörers. Es hatte überhaupt kein Angriff stattgefunden“, sagt der Nato-Kritiker und beruft sich dabei auf veröffentlichte Pentagon-Papiere.

    Umweltschäden absichtlich vermieden?

    Weiterhin verweist Rose darauf, dass bei dem Vorfall vor der Küste Omans keine Öltanker angegriffen worden sind. Die beiden Schiffe hatten Methanol und Rohbenzin geladen. Beides sind sehr flüchtige Stoffe. Damit habe man große Umweltschäden bewusst vermeiden wollen, vermutet der Experte. Die Schiffe hatten den Berichten zufolge von Saudi-Arabien und von den VAE abgelegt. Somit sei es einfacher für jemanden aus diesen Staaten gewesen, an diese Informationen heranzukommen, findet Rose: „Auch für den iranischen Geheimdienst wäre es bestimmt möglich, an solche Informationen zu kommen. Doch um einiges aufwändiger.“

    Am 13. Juni hatten sich zwei große Explosionen im Golf von Oman ereignet. Offenbar wurden zwei Supertanker angegriffen – die „Front Altair“ unter der Flagge der Marshallinseln und die „Kokuka Courageous“, die unter der Flagge von Panama fährt. US-Außenminister Mike Pompeo und US-Präsident Donald Trump hatten daraufhin den Iran für die Tanker-Angriffe verantwortlich gemacht. Iran dementiert die Vorwürfe. Zurückhaltend positionieren sich viele europäische Außenminister. Bislang sind es nur Großbritannien und Saudi-Arabien, die sich offen auf die Seite der USA stellen.

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    Interview mit Jürgen Rose:

    Interview mit Jochen Scholz:

     

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    Tags:
    Konflikt, Benjamin Netanjahu, Israel, Nahost, Nahost, Straße von Hormus, Washington, Teheran, Atomwaffen, Raketen, Öltanker, Tanker, Mike Pompeo, Hassan Rohani, Iran, EU, USA, Heiko Maas, John Bolton, Donald Trump, Golf von Oman