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05:45 22 September 2019
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    Die von Nato zerbombte Stadt Aleksinac in Serbien, April 1999

    Nach den Luftangriffen: Bombardierte die Nato Serbien, um Beitritt zu erzwingen?

    © AP Photo / PHILIP MARK
    Politik
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    Die Folgen der Luftangriffe gegen Jugoslawien, die der üblichen Praxis der Nato folgten, weltweit gewaltsam Frieden und Demokratie zu verbreiten, sind nach 20 Jahren nicht nur in Serbien, sondern auch in den globalen geopolitischen Strategien der Großmächte und deren Verbündeten zu erkennen.

    Doch einige Ziele der westlichen Kräfte, wegen denen die Allianz einen souveränen Staat mit Waffen bekämpfte, sind bislang nicht erreicht worden.

    1999 bombardierte die Nato 78 Tage lang Serbien. Die genaue Zahl der Opfer der Luftoperation der Allianz wurde offiziell nicht genannt, doch nach Einschätzung der serbischen Seite sind dabei 1200 bis 2500 Menschen ums Leben gekommen, rund 6000 wurden verletzt. Nato-Bomben vernichteten Infrastruktur, Industrieobjekte, Schulen, Krankenhäuser, Kulturdenkmäler, Kirchen und Klöster, Wohnhäuser. Nato-Flugzeuge legten nicht nur serbische Städte, sondern auch die serbische Wirtschaft in Trümmer. Nach verschiedenen Einschätzungen in Belgrad handelte es sich um einen ökonomischen Schaden in Höhe von 30 bis 100 Milliarden Dollar.

    Doch nicht weniger wichtig sind die politischen und geopolitischen Folgen der Bombenangriffe auf Jugoslawien. Laut dem ehemaligen Premier der Bundesrepublik Jugoslawien, Momir Bulatovic, eröffnete der Angriff gegen Serbien ohne Zustimmung des UN-Sicherheitsrates den Weg für endlose Kriege und Verstöße gegen das Völkerrecht seitens der USA und ihrer Verbündeten.

    „Ich möchte daran erinnern, dass die Amerikaner damals offen sagten, dass sie vier Kriege gleichzeitig führen können. Sie behaupteten, sie könnten neben uns gleichzeitig auch den Irak, Libyen und Nordkorea angreifen. Wir wurden zur ersten Zielscheibe, weil sie hier die Befreiungsarmee des Kosovo hatten, dank der sie sich keine Gedanken über eine Bodenoperation machen mussten. Als die Amerikaner mit uns zu Ende waren, zogen sie weiter – es folgte eine Reihe ununterbrochener Kriege“, so Bulatovic.

    Ihm zufolge waren es gerade die Bombenangriffe auf Jugoslawien, die zum Antrieb für die Rückkehr Russlands ins „Great Game“ wurde. „Am wichtigsten sind für mich die Worte Wladimir Putins, der mehrmals sagte, dass sich Russland besann, als es sah, wie die Nato Belgrad und ganz Serbien vernichtete. Das hatte ernsthafte Folgen nicht nur für uns, sondern für den Frieden in der ganzen Welt“, so Bulatovic.

    Der Politologe Leon Kojen meint, dass der Nato-Angriff auf Jugoslawien neben dem Sturz von Slobodan Milosevic auch weniger offensichtliche Ziele hatte.

    „Zwei dieser Hauptaufgaben sind ziemlich offensichtlich: erstens natürlich die internationale Anerkennung des Kosovo. Das zweite Ziel, das aus verständlichen Gründen unmittelbar nach den Luftangriffen nicht so offensichtlich war, aber mit der Zeit immer auffälliger wurde, war, Serbien zum Nato-Mitglied zu machen, damit es seine Selbstständigkeit verliert, über die Belgrad bis heute verfügt“, so der Experte.

    Der Politologe Slobodan Samardzic erklärt gegenüber Sputnik, warum keines der beiden strategischen Ziele der USA und ihrer Verbündeten auch nach 20 Jahren als vollständig erfüllt betrachtet werden kann:

    „Das Kosovo hat bislang keine Unabhängigkeit bekommen. Es fehlt dafür am wichtigsten Element – der rechtlichen Unabhängigkeit, die Pristina erst bekommen kann, wenn Serbien das Kosovo juristisch anerkennt. Darin besteht die Gefahr eines juristisch verbindlichen Abkommens über die so genannte umfassende Normalisierung der Beziehungen. Damit ist das Kosovo immer noch nicht unabhängig, seine Unabhängigkeit hängt von Serbien ab.“

    Kojen zufolge wäre es angesichts der Tatsache, wie lange und beharrlich der Westen seine Ziele auf dem Balkan verfolgt, naiv zu glauben, dass er von seiner Balkan-Strategie abweichen wird:

    „Meines Erachtens sollte nicht erwartet werden, dass der Westen nach 20 Jahren beharrlicher Arbeit zum Erreichen dieser Ziele aufgibt, egal wie tief seine politische Krise ist. Die Welt steht zwar jetzt viel näher an der Multipolarität als 1999, doch mir scheint, dass diese Ziele nicht verschwinden werden und die Belgrader Behörden ihnen früher oder später die Stirn bieten müssen“, so der Experte.

    Fachleuten zufolge wird die Lage Serbiens seit langem durch die von den lokalen Politikern ausgegebene Maxime „EU über alles“ erschwert, die in der letzten Zeit eindeutig an Aktualität verlor, weil die Aussichten Serbiens zum EU-Beitritt in den vergangenen Jahren schwinden. Wie soll sich Serbien verhalten, um seine Unabhängigkeit vom Willen der Nato zu bewahren und dem enormen Druck standzuhalten, wobei es gezwungen wird, auf einen Teil seiner Gebiete zu verzichten, und die eigenen nationalen Interessen zu verteidigen?

    Kojen zufolge sollte Belgrad damit aufhören, die EU im Tausch gegen die Hoffnung des Beitritts zu „bestechen“, und eigene Interessen mit zugänglichen Mitteln verteidigen:

    „Serbien hat immer die Chance, seinen außenpolitischen Vektor zu ändern, wenn es das will. Das ist nicht einfach angesichts der Tatsache, dass Serbien nun von Nato-Mitgliedern umringt ist, und sich das in der nächsten Zukunft auch nicht ändern wird. Doch die Welt ist heute tatsächlich viel näher an einem multipolaren System als vor 20 bzw. 30 Jahren. Ein vernünftiger außenpolitischer Kurswechsel, wobei man sich ausschließlich nach den nationalen Interessen und historischen Werten Serbiens und des serbischen Volkes richten würde, würde uns zumindest irgendwelche Verbesserungen ermöglichen“, so der Experte.

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    Tags:
    EU, Luftangriffe, Slobodan Milosevic, Jugoslawien, Jugoslawienkrieg, NATO, Kosovo