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20:15 12 November 2019
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    Ich darf alles – Bild-Journalist erpresst Politiker und Kollegen

    CC BY 2.0 / Wolfgang / Bild
    Politik
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    Apostel Paulus hat mal gesagt: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten“. Oft wird die Formel in gekürzter Form verwendet – so hat Bild-Journalist Peter Tiede beschlossen, dass nicht nur seine Kollegen, sondern auch die Bundestagsabgeordneten ihm Rede und Antwort stehen. [Vor]BILD[liche] journalistische Ethik.

    Die Boulevardzeitung Bild ist für ihre faktenfreie und provokative Berichterstattung bekannt. Niemand erwartet davon Objektivität und analytische Auswertung. Für besonders einseitige und missratene Berichterstattung wurde Bild-Chefredakteur Julian Reichelt letztes Jahr mit dem Medienpreis „Die goldene Kartoffel“ ausgezeichnet. Aber ohne billige Sensationen wäre die „Bild“ dann nicht mehr, was sie ist: Boulevard, also laut, aggressiv und plakativ. Jedoch soll alles Grenzen haben.

    Russland-Besuch der deutschen Delegation: Die Lage der Dinge

    Vom 16. bis 21. Juni kamen Mitglieder des Bundestags im Rahmen des jährlichen Routinebesuchs der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe nach Russland. Es war der offizielle Gegenbesuch zu der bereits erfolgten Reise der russischen Seite. Wie in jeder anderen Parlamentariergruppe sind alle Bundestagsfraktionen präsentiert: Ingo Gädechens (CDU/CSU), Doris Barnett (SPD), Michael Georg Link (FDP), Gregor Gysi (Die Linke), Jürgen Trittin (Bündnis 90/Die Grünen) und der Vorsitzende der Gruppe, Robby Schlund (AfD).

    Das Programm wurde von allen Teilnehmern vorbereitet und umfasste verschiedene Aspekte. Neben Gesprächen mit russischen Duma-Abgeordneten und der Besichtigung des Staatskonzerns Gazprom wurden auch Konversationen mit oppositionellen Politikern und Menschrechtsorganisationen sowie die Teilnahme am Pressefest der deutschen Botschaft organisiert, zu dem auf Wunsch der Delegation auch oppositionelle Medien geladen waren. Dies bestätigten alle Abgeordneten selbst in einer gemeinsamen Erklärung: „Die Abgeordneten der Russland-Delegationsreise haben alle an der Vorbereitung der Reise mitgewirkt. Sie wurde auf Wunsch ergänzt und verändert. Die Botschaft hat die Fahrt tatkräftig unterstützt. Gerade aus Gründen der Transparenz haben wir unser Programm der Presse zur Verfügung gestellt und die Deutsche Welle begleitet uns“.

    Wenn aber eine von einem AfD-Politiker angeführte Delegation zu einer Reise nach Russland aufbricht, ist Kritik vorprogrammiert. Stimmen der Vernunft stoßen dann auf taube Ohren.

    Pressekonferenz als „Propaganda-Höhepunkt“: Wenn Journalisten entscheiden, was Parlamentarier dürfen und was nicht

    Am Donnerstag gaben die Parlamentarier eine Pressekonferenz in der russischen Nachrichtenagentur „Rossiya Segodnya“, wo mehrere Vertreter deutscher Medien präsent waren.

    Es wäre eine banale Abschlusspressekonferenz gewesen, wo über Bilanzen und weitere Perspektiven geredet wird, mit kaum medialem Echo. Doch in Zeiten antirussischer Paranoia ist alles völlig verdreht. So standen nicht die Inhalte der Reise im Zentrum der Diskussion, sondern der Ort der Pressekonferenz.

    Für einige deutsche Zeitungen war es bereits schwer, den Ort zu eruieren. Der SZ-Korrespondent fiel bereits in der Recherche-Phase durch: Er schrieb über das Pressezentrum des russischen Fernsehsenders Russia Today (RT) und dessen Radiosender Sputnik. Leider sollte man ihn schon an dieser Stelle enttäuschen: Die Pressekonferenz fand beim Medienunternehmen Rossiya Segodnya statt, Sputnik ist kein Radiosender, sondern eine Nachrichtenagentur, die ebenso nicht zu RT, sondern zu Rossiya Segodnya gehört.

    Die Journalisten, die dabei waren, hatten offenbar ein anderes Ziel, als über die deutsch-russischen Beziehungen zu sprechen, und zwar: Einen Skandal zu inszenieren. In einer Fortsetzung der in der „Bild“-Zeitung bereits veröffentlichten Vorwürfe fragte Journalist Peter Tiede, ob die Abgeordneten kein „ungutes Gefühl“ hätten, wenn sie in den Räumen von „Rossiya Segodnya“ eine Pressekonferenz gäben.

    „Sie sitzen hier bei Rossiya Segodnya, der russischen Medienholding, die vor allem auch für die Auslandspropaganda gegründet worden ist, die in Deutschland mit Ruptly, Sputnik und RT hetzt. Haben Sie überhaupt kein schlechtes Gefühl, sich hier hinzusetzen, und nicht ein einziges Wort zur Pressefreiheit zu sagen?“

    Zuvor hatte die „Bild“ den Routinebesuch als „Skandal-Reise“ bezeichnet und gemutmaßt, dass AfD-Politiker Robby Schlund die wichtigen Termine der Gruppe „an der deutschen Botschaft vorbei – mit Kreml-Hilfe“ vereinbart hätte. Darauf hatten die Abgeordneten eigentlich bereits geantwortet, als sie sich in einer am Mittwoch publizierten Stellungnahme gegen die Anschuldigungen verteidigt hatten.

    Doch dies genügte „Bild“-Reporter Tiede offenbar nicht. Die Antworten der Politiker ließ er an sich vorbeiziehen und ging weiter in die Offensive:

    „Wenn Sie sich kurz umdrehen und nach oben gucken, dann können Sie doch nicht davon reden, dass Sie in einem unabhängigen Raum sitzen, Entschuldigung. Und ich erwarte wirklich eine Antwort auf meine Frage. Ich habe Sie nicht gefragt, wie Sie die Berichterstattung der Bild-Zeitung einschätzen, ich habe Sie gefragt, ob Sie kein ungutes Gefühl haben, wenn sie in diesen Räumen unter dieser Aufmachung sitzen und eine Pressekonferenz abgeben.“

    Ebenso hart ging Tiede mit den Journalisten ins Gericht. Begonnen wurde mit den Sputnik-Journalisten, die er als „Trolle“ bezeichnete:

    ​Aber er ging noch weiter und wies auch die Deutsche Welle nachdrücklich zurecht:

    ​Sag mir, wer dein Freund ist, und ich sag dir, wer du bist: Deutsche Welle folgt den Spuren von Bild

    Anstatt seine Ansichten zu verteidigen, unterstützte DW-Korrespondent Miodrag Soric den Bild-Reporter:

    „Was hat die Abgeordneten, und auch ich habe mehrere Delegationen hier kommen und gehen sehen, ich habe noch keine gesehen, die das Pressegespräch führt vor dem Hintergrund von Sputnik, einem Medium, das bewusst Propaganda und Falschinformationen verbreitet“.

    Welche Gründe bewegten den DW-Journalisten, der seit langem als Korrespondent in Moskau tätig ist (nur zum Vergleich: Die Bild-Zeitung hat überhaupt kein Büro in Moskau), sich Peter Tiede anzuschließen? Angst oder Pietät vor der auflagenstärksten Zeitung in Deutschland?

    Erst vor einem Tag verfasste er einen Artikel mit dem Titel: „Bundestagsabgeordnete verteidigen Russland-Reise“, wo die Bild-Berichterstattung die Politiker ordentlich in die Mangel nimmt. „Eine Parlamentarier-Reise nach Russland birgt innenpolitischen Sprengstoff – und wenn der Delegationsleiter ein AfD-Politiker ist, umso mehr. Dennoch verläuft die Reise ruhig – auch wenn andere Medien anders berichten“, schrieb Soric. Er zitierte aber alle Abgeordneten außer den AfD-Vorsitzenden, worauf ein Sputnik-Korrespondent hinwies – gleich wurde er von Soric auf Facebook „entfreundet“.

    ​„Ich habe keine ‚Freunde‘, die bei Sputnik arbeiten“, schrieb er später auf Twitter.

    Neben dem DW-Korrespondenten kam bei der Pressekonferenz auch ARD-Journalistin Birgit Virnich zu Wort:

    „Ich bin wirklich erstaunt, dass Sie hier in so einem Raum wie hier mit diesen Logos ihre Pressekonferenz halten. In den vergangenen Jahren haben die Parlamentarier in diversen Hotels ihre Pressekonferenzen gegeben. Jedes Bild, das wir von Ihnen drehen als Parlamentarier, die nach Russland gereist sind, werden dieses Branding haben. Rossiya Sewodnya, als sprächen Sie für Rossiya Sewodnya, also es ist einfach schief“.

    ​Wenn ungehinderte Meinungsäußerung keine Pressefreiheit ist, was ist es dann?

    Nochmal zur Klärung der Situation. Aus Transparenzgründen wurde das Programm des Besuchs der Presse zur Verfügung gestellt und die Deutsche Welle begleitete die Delegation. Bild-Journalist Peter Tiede durfte bei allen Veranstaltungen rein. Er durfte die Abgeordneten „nützliche Aushängeschilder für Putin“ und „Idioten“ nennen. Er durfte seine Stimme erheben, die Politiker ständig unterbrechen und sie sogar ausspionieren. Er durfte die Beiträge der anderen Medien „Dreck“ nennen und die Journalisten als Propagandisten und Trolle qualifizieren. Er durfte sogar Fake News verbreiten, was natürlich nicht zum Qualitätsjournalismus gehört, aber für die Bild-Zeitung üblich ist.  Trotzdem gibt es für ihn in Russland keine Pressefreiheit.

    Schon mal aufgefallen, dass eigentlich immer diejenigen am lautesten schreien, die den meisten Dreck am Stecken haben? Wenn ein Journalist über keinerlei Russland-Kenntnisse verfügt und keinerlei Wunsch hegt, das Land zu verstehen, dann ist Hetze das perfekte Mittel, um Aufmerksamkeit zu generieren. Aber ist es echte Pressefreiheit, wenn sie ein Journalist für seine persönlich motivierte Hetze gegen Russland missbraucht?

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    Bundestag, Bundestag, Deutsch-Russische Parlamentariergruppe, Robby Schlund, Bündnis 90/Die Grünen, Die Grünen, Gregor Gysi, Jürgen Trittin, FDP, SPD, AfD, Partei Alternative für Deutschland (AfD), Die LINKE-Partei, CDU, Besuch, Russland, Deutschland, Berichterstattung, Ethik, Bundestagsabgeordnete, Journalisten, Politiker, Erpressung, Bild