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18:09 23 Juli 2019
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    Irans Staastoberhaupts Ajatollah Ali Khamenei inspiziert das Flugabwehsystem „3 Khordad“ (Archiv)

    Brennpunkt Iran: „Auserwählte Operationen“, S-300 und Militär-Doppelstruktur

    © REUTERS / Handout
    Politik
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    Alexander Boos
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    Der Konflikt um den Iran spitzt sich seit Wochen gefährlich zu. Während Washington eine weltweite Koalition gegen Teheran aufbauen will, droht das iranische Militär offen der US-Regierung. Unterdessen meldet die internationale Zeitung „Le Monde diplomatique“: „Die Streitkräfte des Landes sind kaum verteidigungsbereit.“ Sputnik auf Spurensuche.

    Die Gefahr einer Eskalation im Iran steigt. „Iranisches Militär droht den USA“, meldete „Zeit Online“ am Montagmittag. US-Außenminister Mike Pompeo habe eine „Werbetour für eine weltweite Koalition gegen Iran“ gestartet, berichtete zeitgleich der „Spiegel“. Diese Idee erinnere an die „Koalition der Willigen“ 2003 beim damaligen Irak-Krieg.

    „Sollte es zu einer bewaffneten Auseinandersetzung mit den USA und ihren Verbündeten kommen, müsste Teheran sich verstärkt auf seine Revolutionsgarden verlassen“, schreibt die internationale Monatszeitung „Le Monde diplomatique“ in ihrer Juni-Ausgabe. „Gleichzeitig tönte (Donald Trumps nationaler Sicherheitsberater, Anm. d. Red.) John Bolton, die USA seien darauf vorbereitet, ‚auf jeden Angriff zu reagieren, ob von Stellvertretern, den islamischen Revolutionsgarden oder regulären iranischen Truppen‘. Ein bewaffneter Konflikt zwischen Iran auf der einen und den USA und ihren Verbündeten am Golf sowie Israel auf der anderen Seite ist nicht mehr auszuschließen.“

    Bolton machte laut der Fachzeitung jüngst auf die „Doppelstruktur der iranischen Streitkräfte“ aufmerksam. Im Zuge der Islamischen Revolution im Iran im Jahr 1979 hatte der damalige Ayatollah Chomeini die „Pasdaran“ (Revolutionsgarden) der Kontrolle der regulären iranischen Armee entzogen und sie direkt der religiösen Staatsführung in Teheran unterstellt. Diese militärische Doppelstruktur besteht bis heute. Auf diese müsse sich „jede kriegführende Partei bei einem Angriff auf die Islamische Republik Iran“ einstellen.

    Irans Revolutionsgarden: „Äußerste Fanatiker“

    Seit jeher sind die iranischen Revolutionsgarden als „äußerst fanatisch“ einzuschätzen, so die internationale Zeitung. Sie hätten diese Aggressivität auch beim Ersten Golfkrieg gezeigt, als der Iran gegen den Irak kämpfte. „Die Pasdaran waren so fanatisch, dass sie die Kämpfe bis zum Sturz von Saddam Hussein weiterführen wollten.“ Entgegen anderslautenden offiziellen Befehlen aus Teheran.

    Das iranische Militär besteht „als klassische Verteidigungsarmee aus vier Teilstreitkräften: Heer, Luftwaffe, Marine und Luftabwehr.“ Nach Artikel 143 der iranischen Verfassung „ist die reguläre Armee der Garant der Unabhängigkeit und der territorialen Unversehrtheit des Landes sowie der islamisch-republikanischen Ordnung.“ Laut Artikel 159 sollen die Revolutionsgarden „in brüderlicher Kooperation“ mit der iranischen Armee zusammenarbeiten und „ihre Rolle als Wächter der Revolution“ erfüllen. Die Hauptaufgabe der „Pasdaran“ sei es, „der Ideologie der Islamischen Republik zu dienen. Seit 2019 werden sie von Generalmajor Hussein Salami befehligt, unterstehen aber, wie auch die Armee, dem Oberbefehl Ayatollah Chameneis.“

    „Asymmetrische Kriegsführung“

    „Die Revolutionsgarden orientieren sich streng am Konzept der permanenten asymmetrischen Kriegsführung“, so „Le Monde diplomatique“.

    „Sie haben das Recht, sich die besten Rekruten auszusuchen. Von den insgesamt etwa 150.000 Kämpfern gehören schätzungsweise 10.000 bis 20.000 zu der Al-Quds-Einheit (‚Jerusalem‘-Einheit), die für ‚auserwählte Operationen‘ zuständig ist. Diese Elitetruppe kämpft in Syrien auf Seiten der Regierung von Baschar al-Assad. Im Libanon unterstützt sie die Hisbollah und im Irak die schiitischen Milizen.“

    Die Armee des Landes umfasse circa 350.000 Soldaten, „von denen 200.000 Wehrpflichtige sind.“ Doch „wegen der internationalen Isolation des Landes ist die reguläre iranische Armee notorisch schlecht ausgerüstet.“

    Stärken und Schwächen der iranischen Militär-Strukturen

    Demnach verfüge Irans reguläre Armee „nicht über die nötigen logistischen Ressourcen, um Auslandsoperationen durchzuführen“, so das Blatt. Bei schweren Luftangriffen sei das Land außerdem kaum in der Lage, „den iranischen Luftraum zu verteidigen.“ Die Doppelstruktur kennzeichne auch die iranische Luftverteidigung. „Teherans Luftwaffe verfügt nur über 65 Kampfflugzeuge, von denen einige noch aus der Zeit des Schahs stammen.“ Dabei handle es sich vor allem um F-4 und F-5-Flieger. Allerdings verfüge Irans Militär über „eines der besten Luftverteidigungssysteme weltweit“, um das eigene Territorium zu schützen. Es umfasse modernste Radarsysteme, darunter auch Radartechnik aus Russland und China.

    Heute würde „eine ausländische Invasion eine Welle des Patriotismus auslösen. Ein Angreifer würde auf eine reguläre Armee stoßen, die entschlossen ist, ihre Positionen um jeden Preis zu behaupten. Zudem bekäme er es mit Revolutionsgardisten zu tun, die darauf trainiert sind, jenseits der Landesgrenzen einen Zermürbungskrieg gegen zahlenmäßig überlegene Kräfte zu führen.“ Bedeutsam sei auch der Fakt, dass „Teheran 2016 das russische Flugabwehrraketensystem S-300 erworben hat.“ Damit könne Iran „strategisch wichtige Einrichtungen sogar vor Mittelstreckenraketen schützen“.

    Irans „Kleinst-U-Boote“ und Raketen

    Über das iranische Raketenarsenal sei nicht viel bekannt. „Sicher ist aber, dass die Pasdaran über mindestens 300 Raketen vom Typ Shahab-1 und Shahab-2 mit einer maximalen Reichweite von 500 Kilometern verfügen. Durch ihre Reichweite sind sie eine direkte Bedrohung für US-Stützpunkte in den Anrainerstaaten Irans am Golf sowie im Irak und in Afghanistan.“ Aktuell würden die Revolutionsgarden selbst auch ballistische Defensiv-Systeme entwickeln.

    „Die US-Marine weiß genau, dass sie es im Fall eines Konflikts mit einer Armada von Schnellbooten und Kleinst-U-Booten und auch mit (…) Fluggeräten, die in geringer Höhe über der Wasseroberfläche operieren, zu tun hätten.“ Zwischen den Jahren 2010 und 2017 sei es iranischen Drohnen und Schiffen im Persischen Golf gelungen, mehrfach Kriegsschiffe der USA aus „nächster Nähe“ zu filmen und zu fotografieren.

    Bilanz: „Nicht überbewerten“

    „Trotz allem darf man das iranische Militärpotenzial nicht überbewerten“, zieht das Fachblatt die Bilanz. Die iranische Armee und die Revolutionsgardisten seien finanziell „solide ausgestattet: 2016 belief sich das Verteidigungsbudget auf 15,9 Milliarden US-Dollar, von denen 42 Prozent an die Pasdaran gingen. Das entspricht etwa den Militärausgaben der Türkei oder Israels.“

    Doch letztlich leide Irans Wirtschaft und Militär unter den Sanktionen, wichtige Handelspartner seien weggebrochen. „Als wichtigste Waffenlieferanten sind China, Nordkorea und Russland übriggeblieben. (…) Diese internationale Isolation ist auch der Grund für die chronisch schlechte Ausrüstung der Armee.“ Teheran sei bislang nicht in der Lage, die Auswirkungen der Sanktionen durch eine Ausweitung der eigenen Produktion zu kompensieren. „Heute haben die Revolutionsgarden auf dem Feld der militärischen Rüstung die Rolle einer innovativen Kraft übernommen, wobei sie von den Erfahrungen des permanenten Einsatzes auf vielen Schauplätzen im Ausland profitieren.“

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    Tags:
    Krieg, Struktur, Analyse, Marine, Iranische Revolutionsgarde, Donald Trump, Kampfkraft, Bereitschaft, Verteidigung, Streitkräfte, Militär, iranische Armee, Konflikt, USA, Iran