07:13 19 November 2019
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    Die linke Politikerin Sahra Wagenknecht (Archivbild)

    Sahra Wagenknecht: „Will nicht dabei sein, wo Menschen keine eigene Haltung haben“

    CC BY-SA 2.0 / DIE LINKE Nordrhein-Westfalen / Alfred Diethard Nahr
    Politik
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    So souverän und sympathisch erscheint einem Sahra Wagenknecht, wenn sie am Montagabend bei einer Talkrunde mit dem Modemacher Wolfgang Joop auftritt. Das Gespräch, das nicht über die Mode hinausgehen sollte, entfaltete sich zu einer aufrichtigen Diskussion über die persönliche DDR-Erfahrung und Sorgen um die Zukunft der Menschheit. Ein Eindruck.

    Sahra Wagenknecht und Wolfgang Joop. Fraktionschefin der Linke und deutscher Star-Designer. Was hat sie an diesem hitzigen Abend im Berliner Kino „Babylon“ zusammengeführt?  Das Treffen hat übrigens die „Linke“ organisiert; sie ist später auch in dem Video zu sehen.

    „Ich bin ja jemand, der von Mode eigentlich gar nichts versteht“, sagt Wagenknecht, gekleidet in ein einfaches schwarzes Kleid, bescheiden zum Auftakt. Sie habe sich nie damit beschäftigt und kaufe immer aus dem Bauch heraus, was ihr gefalle. Desto spannender sei es für sie, wenn man aus unterschiedlichen Bereichen komme, aber eine Sprache gesprochen habe. Der 74-jährige Joop nickt zufrieden und meint, er habe das Gefühl, Wagenknecht gehe einmal täglich an die Ballettstange, so graziös trete sie auf. 

    Die politische „Außenseiterin“ der Gesellschaft, wie die Moderatorin, Luc Jochimsen, Wagenknecht nennt, und der Star-Designer Joop haben einmal doch etwas Ähnliches erlebt. Er sollte bis zum 8. Lebensjahr ohne Vater auskommen, weil dieser „nach der US-Gefangenschaft von den Sowjets verdächtigt wurde, Spionage zu betreiben“. Ihr Vater war nach dem dritten Lebensjahr plötzlich nicht mehr da, und die kleine Sahra sollte nach dem Umzug mit Ihrer Mutter aus einem Dorf bei Jena im Ostberliner Prenzlauer Berg aufwachsen. Jedoch habe sie sich, auch wenn der Vater weg war und sie wegen des anderen Aussehens von den Kindern „gehänselt“ wurde, nie einsam gefühlt, denn sie habe sich eine andere Welt erschaffen. Ihre Kindheit sei daher eher eine glückliche gewesen, wobei sie relativ früh angefangen habe, sich mit unterschiedlichen Theorien zu befassen. „Ich fand die DDR an ihren eigenen Ansprüchen gemessen, völlig unzulänglich, unzureichend und unerträglich“, sagt sie nun. Und doch wollte sie nicht in den Westen.

    Dies wünschte sich Wagenknecht für Umgang mit Ressourcen

    Eine Gesellschaft, in der alles ökonomisiert werde und der Profit alles bestimme, sei nie ihr Ideal gewesen. Was sie aber vermisse, ohne das System zurück zu wollen, sei ein achtsamer Umgang mit den gebrauchten Dingen. „Die einzelnen Produkte hat man da nicht einfach weggeschmissen, sondern repariert“, erinnert sich Wagenknecht. Die innere Haltung „So lange reparieren, bis gar nichts mehr geht“ findet die Politikerin heute ohne Begründung durch die Mangelwirtschaft zukunftsweisend. Sie würde sich wünschen, dass auch die Unternehmen nicht so produzieren würden, dass die Dinge nach der Garantiefrist möglichst schnell kaputt gehen würden. 

    Das wäre nicht nur aus Umweltgründen, also der anderen Haltung gegenüber den Ressourcen, sondern auch aus Gründen der Lebensqualität zukunftsträchtig und nachhaltig. 

    „Wir haben es in der DDR früher als im Westen begonnen, Respekt zu haben vor den weggeworfenen Sachen“, bestätigt Joop. Wer kein Respekt vor den Sachen habe, der habe keinen Respekt vor sich selbst. Wenn er die Möglichkeit hätte, in der Modeindustrie nicht durch die Schnelligkeitsgesetze ausgegrenzt zu sein, hätte er es anders als aus Notrecht gern mitgemacht. Heute will er wieder  lernen, dass „die Mode uns nicht mehr bediene“. Die „Porno“-Ästhetik, also wenn die Mainstreamer und Medien mit zu viel Entblößung der „unemanzipierten Personen“ die Dinge verkaufen wollen, weist er als Nachfolgerin der Mode-Ästhetik entschlossen zurück.

    Wenn die Menschen sich mit dem Wind drehen ...

    Kurz vor dem Mauerfall trat Sahra Wagenknecht im Frühsommer in die SED ein, womit sie eine Art von Akten des Rebellentums getätigt habe, verweist die Moderatorin. Man habe sie auch deshalb genommen, weil es nicht so viele gegeben habe, antwortet Wagenknecht. „Ich war der Meinung, wenn sich in dem System etwas ändern lässt, dann nur in dieser Partei“. Für die DDR wollte sie eine grundsätzliche Veränderung zum attraktiven Modell der humanen Gesellschaft, die sich nicht an dem kapitalistischen Profit orientiere, so wie sie es bei Karl Marx oder Rosa Luxemburg gelesen habe. Als sie noch keinen festen Studienplatz hatte, gab sie Nachhilfeunterricht in Russisch und Mathe. Nun gesteht sie, dass die Illusion, als kleines Mädchen in der SED etwas verändern zu wollen, irrsinnig gewesen sei. 

    1991 wurde Wagenknecht unerwartet in den Vorstand der Nachfolgepartei PDS gewählt. „Ich war schon damals sehr strikt“, erinnert sich die Politikerin weiter. „Zur DDR-Zeit habe ich die DDR kritisiert, weil ich sie in der ganzen Unzulänglichkeit erlebt habe, danach hatte ich schon das Gefühlt vom ‚toten Onkel‘“, von dem die Verwandtschaft irgendwie profitiert habe und nach dem Tod über ihn hergezogen sei. „Ich dachte mir, jetzt muss ich den Onkel, tatsächlich die Mauer verteidigen. Ich dachte: Was ist das denn für Opportunismus, wenn alle, die vorher dafür waren, nun das Gegenteil sagen?“ Manchen sei sie deswegen stalinistisch vorgekommen, aber es sei aus dieser Haltung gekommen und nicht weil sie diktatorisch eingestellt gewesen war. 

    „Wenn Menschen nicht eine eigene Haltung haben, sondern sich mit dem Wind drehen, da will ich nicht dabei sein“, so Wagenknecht. 

    Nach der Wiedervereinigung habe sie das Gefühl gehabt, der Kapitalismus habe gesiegt.  Für sie aber sei es nicht gegangen, sich nun an das neue System anzupassen, im neuen System anerkannt zu werden, sondern darum. mit den eigenen Visionen eine menschliche und gerechte Gesellschaft aufzubauen und sicherzustellen, dass es jenseits des Kapitalismus und deren Strukturen was gehe, wo man soziale Politik machen könne. Auch Goethe, der „Faust“, habe sie da geprägt, das sie nun als kapitalismuskritisches Stück bezeichnet. 

    Die heutigen „Grünen“, so die Entwicklung, zeigen sich für die Wirtschaft attraktiver als die Altparteien, aber ist dann der Draht zum Kapitalismus nicht zu gespannt? „Es wäre Mainstream zu sagen, ich wähle grün“, sagt Jopp. Er habe nicht das Gefühl, dass viele andere ernste Probleme bei den Grünen wahrgenommen werden. Der Kapitalismus behindere die Menschen an seiner Entfaltung, wie er sein könnte, zitiert er den deutsch-US-Philosophen Herbert Marcuse. „Mir bleibt nichts anders übrig, mich entweder für den Kommunismus oder für das Christentum zu entscheiden“, konstatiert er halb zum Witz halb ernst. 

    „Es gibt keinen grünen Kapitalismus“

    Man habe sich zusammengefunden, um gegen die Krisen sowie gegen die Gewalt zusammenzustehen, sagt die Frau im Schwarz anschliessend. „Die Krise der Parteien ist ein Symptom für die Krise der Gesellschaft“, meint sie. In der Bonner Republik habe es noch einen sozial gezähmten Kapitalismus gegeben, wobei die Öko-Frage weit in die Zukunft weggeschoben gewesen sei und man viel produziert habe. Dann sei ist der Kompromiss von der Elite aufgekündigt worden, und der brutale Vormarsch des Neoliberalismus habe Deutschland seit den 90er Jahren politisch und klimatisch gespalten. Wagenknecht verweist zum Beispiel darauf, wie viele über Hass im Netz entsetzt seien. Zwar profitiere die AfD davon, aber es sei viel zu kurzsichtig, zu sagen, dass dieser Hass nur von einer Partei komme, meint die Politikerin. „Diese aggressive Stimmung ist das, was wir in der Ökonomie, in unserem Arbeitsleben <...> herbeigeführt haben“. 

    Man kann sich Wagenknecht zufolge das Öko-Thema als Mode machen, aber „es gibt keinen grünen Kapitalismus“. Wenn man nicht den Mut habe, das auszusprechen, dann werde es im schlechten Sinne ein Mode-, ein Lifestyle Thema. 

    Daher sei ein Mensch, der bio kauft und umweltfreundlich ist, ein guter Mensch, aber das ändere nichts, denn man müsse nicht nur über den Konsum, sondern über die Produktion, die Globalisierung und all das, wogegen diese Wirtschaftsordnung verbricht, seien es Menschen oder Arten, nachdenken „Es reicht nicht, im Lifestyle mitzuschwimmen, Modethemen zu bedienen, sondern wir müssen substanzieller werden.“ 

    „Der Kapitalismus muss gerettet werden, wenn er überleben will“, fing Joop die Sahra auf. Die beiden Gesprächspartner einigten sich darauf, dass z. B. der Begriff Erfolg für die Unternehmen neu definiert werden könnte. Zu den AfD-artigen Aussagen der Leute meinte er: „Ich muss sie mir genau anhören, um gegen sie zu argumentieren.“ Er habe sehr genau begriffen, dass die Zeit anders sei und dass man plötzlich in den USA keinen Partner habe, wie man daran längst gewöhnt gewesen sei. Setze man sich mit den USA etwas tiefer auseinander, merke man übrigens auch, dass deren Prinzip auf Sklaverei, Ausbeutung und sogar Genozid beruht habe.

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    Tags:
    Ost-Berlin, DDR, Linkspartei, PdL, Sahra Wagenknecht