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    Reichspräsident von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler am Tage von Potsdam, 21. März 1933

    100 Jahre Versailles: „Kein Schand-Vertrag, nicht die Ursache für Hitlers Aufstieg“

    © Foto: Bulgarian Archives State Agency / Public Domain
    Politik
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    Am Freitag vor 100 Jahren wurde der Vertrag von Versailles unterzeichnet. In der Weimarer Republik nahmen ihn die Menschen als „Diktat-Frieden“ wahr. Heute noch behaupten manche, das Friedensabkommen hätte als „Schand-Vertrag“ den Aufstieg Adolf Hitlers begünstigt. Mit dieser Sichtweise räumt Historiker Wolfgang Benz im Sputnik-Interview auf.

    Am 28. Juni 1919 unterzeichneten die ehemaligen Kriegsmächte im Schloss von Versailles bei Paris den Versailler Vertrag. Das besiegte Deutschland musste dabei die Bedingungen der Siegermächte, darunter die USA, Großbritannien und Frankreich, akzeptieren. Laut dem Vertrag hatte Deutschland als Kriegsverlierer Wiedergutmachung für die Schäden aus dem Ersten Weltkrieg zu leisten. Dabei musste es langfristig Geld- und Sachleistungen sowie Reparationen und Ausgleichszahlungen an die Siegermächte erbringen.

    In der jungen Weimarer Republik wurde das Vertragswerk sehr bald als ein „Diktat-Frieden“ wahrgenommen. Schon seit Frühjahr 1919 ist den Deutschen laut Historikern klar gewesen, dass sie hohe Reparationszahlungen zu erwarten hatten. Heute noch behaupten vereinzelte Geschichts-Experten und politisch motivierte Beobachter, der Versailler Vertrag sei ein „Schand-Vertrag“ gewesen und hätte den späteren Aufstieg des Nationalsozialismus unter Adolf Hitler in Deutschland begünstigt. Doch das stimme nicht, wie der Berliner Historiker Wolfgang Benz im Sputnik-Interview klarstellt.

    Herr Professor Benz, am morgigen Freitag wird der Vertrag von Versailles 100 Jahre alt. Er war sehr entscheidend für die europäische Geschichte im letzten Jahrhundert. Wie würden Sie den Vertrag von Versailles grundsätzlich historisch einschätzen?

    Ich habe mich zunächst gewundert, dass man sich überhaupt noch an den Vertrag von Versailles erinnert. Die Symbolkraft dieses Friedensvertrages von 1919 ist ungebrochen. Historisch ist diese Angelegenheit überholt. In der Erinnerung steht dieser Friedensvertrag für Deutsch-Nationale, für Konservative, auch für Reaktionäre – aber wahrscheinlich nicht nur für die – als ein Zeichen der Unterdrückung, als ein Zeichen der Schmach, des Schlecht-behandelt-Fühlens, als eine drückende Last, die überwunden werden musste nach dem Ersten Weltkrieg.

    Welches Interesse hatten die Alliierten damals beim Vertrag und warum wurde Deutschland „klein gehalten“?

    Das ist das Bedürfnis des Siegers, nach jedem Sieg den Besiegten als alleinigen Aggressor dastehen zu lassen und kleinzuhalten. So hat Deutschland gegenüber Frankreich 1871 verfahren, als Frankreich drückende Friedensbedingungen und hohe Reparationslasten auferlegt wurden. So haben die Alliierten 1919 reagiert, um Deutschland so zu schwächen, dass ein zweiter Krieg nicht mehr möglich sein würde. Genau die gleiche Intention bestand 1945 bei der Potsdamer Konferenz. Deutschland sollte einfach nicht mehr in der Lage sein – ökonomisch oder technisch –  einen Krieg zu führen.

    Wurde Ihrer Meinung nach mit dem Vertrag von Versailles ein Nährboden für den späteren Faschismus gelegt? Oder sehen Sie da eine andere Traditionslinie?

    Ich sehe das nicht so. Dieses Argument war ja lange Zeit beliebt: Dass der Versailler Vertrag quasi eine rechte Gegenbewegung in Deutschland erzwingen musste. Daran sahen viele Beobachter die Mission Adolf Hitlers, die Fesseln des Versailler Vertrags zu überwinden. Aber das trifft die historische Wahrheit nicht. Als Hitlers Siegeszug in Deutschland begann, waren die schlimmsten (wirtschaftlichen und sozialen, Anm. d. Red.) Folgen längst überwunden.

    Das ist ein sehr beliebter und scheinbar logischer Vorwand, dass die rechtsradikale und faschistische Bewegung Hitlers so viel Boden gewann, weil sie in dem Vertrag ein Argument hatte. Aber sie hätte genauso Boden gewonnen mit anderen Argumenten. Sehr viel schwerer wog das Argument des Krieges gegen die Juden. Der Beginn des propagierten Ausrottungs-Feldzugs gegen den angeblichen jüdischen Einfluss.

    Der Versailler Vertrag wird in seiner Bedeutung weit überschätzt, wenn man ihn zu den wesentlichen Ursachen für den Aufstieg des Faschismus dazurechnet.

    Der Vertrag hatte damals auch die Reparationen und Ausgleichszahlungen, die Deutschland an die Siegermächte zu leisten hatte, bestimmt und festgelegt. Ich denke, diese Reparationen aus dem Ersten Weltkrieg sind mittlerweile alle abbezahlt. Es sind nur noch Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg übrig, oder?

    Ich bin gar nicht sicher, ob vom Zweiten Weltkrieg noch Altlasten übrig sind. Es gibt jedenfalls noch Forderungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Aber der Erste Weltkrieg ist fiskalisch erledigt. Auch aus dem Versailler Vertrag gibt es keine Forderungen mehr. In der Praxis haben im Wesentlichen die Vereinigten Staaten von Amerika durch Kredite und Wiederaufbauhilfen Ende der 1920er Jahren die deutschen Reparationen bezahlt oder zumindest mitgetragen.

    Sie hatten vorhin bereits gesagt, der Vertrag ist heute historisch nicht mehr relevant. Sehen Sie überhaupt irgendwelche Folgen für heute aus dem Versailler Vertrag?

    Nein. Ich kann da keine Folgen mehr erkennen. Die historische Forschung ist weit darüber hinaus, dem Versailler Vertrag für den Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland eine wesentliche Rolle zuzubilligen. Aber Sie können jeden beliebigen Zeitzeugen fragen: „Wie konnte das sein, dass Hitler kam?“ Und Sie erhalten automatisch die Antwort: „Ja, das lag am Versailler Vertrag. Da war man so verzweifelt, dass man sogar den Hitler gewählt hat.“ Aber das sind Illusionen, das spielt in der politischen Realität keine Rolle mehr.

    Der Versailler Vertrag ist bei den neuen Rechtsparteien – bei der Alternative für Deutschland, AfD, etwa – nach meiner Beobachtung überhaupt kein Thema. Ein bedeutender Vorredner der AfD, Herr Gauland, hat den ganzen Nationalsozialismus als einen „Vogelschiss“* in der Geschichte bezeichnet. Vielleicht hat er noch nie vom Versailler Vertrag gehört.

    * Erst am Donnerstag hat der umstrittene AfD-Politiker Wolfgang Gedeon rechtsextremen Terrorismus in Deutschland als „Vogelschiss“ bezeichnet, verglichen mit linken oder islamistischen Terror-Akten.

    Oft wird die heutige Zeit mit der Epoche vor 1914 verglichen. Ich weiß, dass Sie kein Freund von solchen Parallelen sind -

    Ich lehne natürlich solche Vergleiche ab. Geschichte wiederholt sich. Aber sie wiederholt sich nie in den gleichen Formen. Ich habe wahrscheinlich viel zu oft die Frage beantworten müssen, ob denn ein neuer Hitler wieder vor der Türe stünde, wenn irgendein Rechtsradikaler etwas Idiotisches gemacht hat oder neue Parolen ertönen. Ob wir wieder Weimarer Zustände hätten?

    Zustände wie vor 1914 haben wir gewiss nicht. Da liegt wirklich jeder Vergleich schief. Das alte Europa vor 1914 ist restlos untergegangen und selbst, wenn Ewiggestrige gerne mit dem Säbel rasseln und den Nationalstaat wieder als etwas ganz Wunderbares entdecken. Das ist ganz unrealistisch. Die Welt ist inzwischen so globalisiert, dass nur Nostalgiker noch im alten Nationalismus irgendeine erstrebenswerte Parallele finden können.

    Der renommierte deutsche Historiker Wolfgang Benz (Jahrgang 1941) ist Experte für Zeitgeschichte und ein international anerkannter Wissenschaftler in den Forschungsbereichen Nationalsozialismus, Antisemitismus und Antiislamismus. Er lehrte von 1990 bis 2011 an der Technischen Universität (TU) Berlin.

    Das Radio-Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Benz zum Nachhören:

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    Bedeutung, Geschichte, Weltkrieg, Erster Weltkrieg, Deutschland, Frieden, Interview, Adolf Hitler, Hitler, Diktatur, Weimarer Republik, Weimarer Republik, Versailles, Vertrag