13:34 16 Dezember 2019
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    William Orpen: Vertragsunterzeichnung in der Spiegelgalerie des Schlosses von Versailles 1919

    Letztes Kriegsecho und Friedenschance – Historikerin über „Versailler Vertrag“

    © Foto : Imperial War Museum / Public Domain
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    Am 28. Juni 1919 wurde im Schloss von Versailles der Friedensvertrag der Siegermächte mit Deutschland unterzeichnet, der den 1. Weltkrieg beendete. Deutschland wurden hohe Reparationsleistungen auferlegt und dessen Schuld am Krieg im Artikel 231 festgeschrieben. Im Sputnik-Interview erklärt die Historikerin Susanne Brandt den Vertrag.

    Was war der „Versailler Vertrag“ vom 28. Juni 1919? Sie haben ihn in Ihrem Buch als „Das letzte Echo des Krieges“ bezeichnet. Warum?

    Ich habe natürlich versucht. einen Titel zu finden, der Lust auf das Lesen macht, aber gleichzeitig meine Deutung wiedergibt. Dieser Ausspruch des südafrikanischen Delegierten Jan Christian Smuts vom Tag der Unterzeichnung hat das für mich am besten zum Ausdruck gebracht: Dass im Gepäck der Delegierten zur Friedenskonferenz in Paris alle Konflikte, alle Emotionen, aber auch alle Hoffnungen gewesen sind. Und dass auch die großen Probleme, die der Krieg aufgeworfen hat, die Fragen des Wiederaufbaus, der Wiedergutmachung, gelöst werden sollten. Smuts hat viele kritische Punkte gehabt, aber gesagt: Ich unterschreibe, weil es das letzte Echo des Krieges ist und ich hoffe, dass jetzt tatsächlich der Aufbau des Friedens beginnen kann. Aber dieser Aufbau muss von den Völkern gemacht werden, sagte Smuts.

    Nun geht es in Deutschland immer um diesen einen Vertrag, eben den „Versailler Vertrag“. Aber bei der Pariser Friedenskonferenz wurden bis 1920 mehrere Dinge besprochen und vereinbart. Was gehörte noch alles dazu?

    Es gehörten auch die anderen Friedensverträge mit den Gegnern der Entente bzw. der Alliierten dazu, mit Bulgarien, mit Österreich und Ungarn sowie der Türkei. Aber für die „Friedensmacher“ ist der Vertrag mit Deutschland der wichtigste gewesen, weil Deutschland der wichtige Gegner gewesen ist. Deshalb wurden alle Energien erst einmal in die Abfassung dieses Vertrages gesteckt. Viele Passagen in den folgenden Verträgen sind Eins zu Eins aus dem „Versailler Vertrag“ übernommen worden.

    Welche Interessen hatten die verschiedenen beteiligten Seiten? Der Historiker Adam Tooze hat in seinem Buch „Die Sintflut“ beschrieben, dass die USA in der Folgezeit mehr Druck auf die eigenen Alliierten ausgeübt haben, dagegen weniger Druck auf Deutschland, um dessen Reparationsleistungen nicht zu gefährden.

    In Paris waren zunächst nur die Siegermächte anwesend, mit den Besiegten wurde ja nicht verhandelt. Und auch die Neutralen sind nicht als Verhandlungspartner dabei gewesen. Die Ziele sind sehr vielfältig gewesen. Ich fange bei Frankreich an: Das zentrale Ziel war es, erst einmal die im Krieg 1870/71 von Deutschland eroberten Gebiete, Elsass-Lothringen, zurückzubekommen. Der allerwichtigste Punkt für Frankreich war aber, langfristig eine Sicherheit zu bekommen gegenüber dem bedrohenden Deutschland: Durch einen Pufferstaat an der gemeinsamen Grenze, einem neutralen Gebiet und anderen Ideen dafür. Das dritte wichtige Ziel für Frankreich war es, Wiedergutmachung für die durch den Krieg und die Besatzung verursachten Zerstörungen zu bekommen.

    Großbritannien als zweite große Siegermacht hatte seine wichtigen Ziele schon erreicht. Der Grund, warum es in den Krieg eintrat, war die Verletzung der belgischen Neutralität durch Deutschland. Mit dem Waffenstillstand ist Belgien im Prinzip befreit. Ein weiteres wichtiges Ziel für Großbritannien ist gewesen, dass die konkurrierende deutsche Flotte aus dem Verkehr gezogen wurde, salopp gesagt, was auch durch den Waffenstillstand erreicht wurde. Für die Zukunft wünschte sich Großbritannien ein Gleichgewicht in Europa, was kein extrem geschwächtes Deutschland vorsah.

    Der US-amerikanische Präsident Woodrow Wilson ist mit dem wichtigen Ziel nach Paris gekommen, einen „Völkerbund“ zu schaffen, der in Zukunft verhindert, dass Konflikte derart entgrenzen und die ganze Welt in Brand setzen, wie es der 1. Weltkrieg getan hat. Er hoffte, dass Konflikte künftig friedlich, oder weniger blutig, beigelegt werden können. Ebenso waren für ihn auch die Wiederherstellung Belgiens, die Wiedergutmachung für begangenes Unrecht, Wiederaufbau der zerstörten Gebiete und andere Themen wichtig. Er wollte außerdem, dass in Deutschland ein demokratischer Staat entsteht.
    Das sind ganz unterschiedliche Ziele der Alliierten, die auch in Konkurrenz zueinander stehen. Das ist während der Verhandlungen in Paris immer wieder deutlich geworden. Das Einzige, was als Band zwischen den Siegermächten diese zusammenhielt, war die Überzeugung von der deutschen Schuld. Das hat ihnen immer wieder geholfen, über Krisen – die Konferenz ist mehr als einmal am Rande des Scheiterns gewesen – und ihre gegensätzlichen Ziele doch noch Kompromisse zu finden.

    Wie schätzen Sie das Ergebnis, den Vertrag, ein?

    Die Forschung und die Presse haben ja ganz lange kein gutes Haar an dem „Versailler Vertrag“ gelassen. Es wurde gesagt, damit seien die Wurzeln für den nächsten Krieg gelegt worden. Das würde ich nicht so sehen: Die Pariser Friedenskonferenz und der „Versailler Vertrag“ widerspiegeln die Hoffnung und den Versuch, diesen weltumspannenden Konflikt tatsächlich aufzulösen, am Ende des Krieges ihn wieder in eine Friedensphase zu überführen. Was vielleicht ganz herausragend ist: Der erste Teil des „Versailler Vertrages“ ist die Satzung des Völkerbundes gewesen. Der Völkerbund hätte die Möglichkeit gehabt, alle Fehler oder Unzulänglichkeiten des Vertrages zu revidieren, wenn die Mitglieder das gewollt hätten.

    Allein, dass der Vertrag zustande gekommen ist, ist aus meiner Sicht positiv zu bewerten. Die Emotionen, die auch in Paris geherrscht haben, der Hass auf die Gegner, das ist ja nicht der Friedenskonferenz anzulasten. Das ist eben das Echo des Krieges. Insofern muss man eher den Krieg als den Friedensvertrag kritisieren.

    Manche sprechen davon, der „Versailler Vertrag“ sei gescheitert. Manche sprechen davon, er sei die Grundlage für das gewesen, was dann in Deutschland mit dem Faschismus aufkam, weil Nationalisten und Faschisten ihn als „Schandvertrag“ bezeichneten. War der „Versailler Vertrag“ der Nährboden für die Machtübernahme der Faschisten 1933?

    Ich würde sagen, dass die Nationalsozialisten mit dem „Versailler Vertrag“ ein Argument hatten, mit dem sie kämpfen konnten, weil die Ablehnung des Vertrages durch alle gesellschaftliche Gruppen in Deutschland gegangen ist. Das war eines der wenigen Themen, in dem sich fast alle Deutschen einig gewesen sind. Aber die Nationalsozialisten wollten ja viel mehr. Die haben gegen die Republik und gegen die Demokratie gekämpft.

    Insofern hat aus meiner Sicht der „Versailler Vertrag“ nicht Schuld am Aufstieg der Nationalsozialisten. Er ist ihr Argument gewesen. Ihr Aufstieg lässt sich zum Beispiel dadurch erklären, dass die Demokratie in Deutschland erst mit dem Ende des Krieges entstanden ist und extrem schwierige Startbedingungen hatte. Auf der rechten Seite gab es massive Gegner der Demokratie und der Republik. Das sind die viel wichtigeren Faktoren.

    Der Historiker Eckart Conze bezeichnet den Versuch, in Paris eine Friedensordnung für Europa zu schaffen, in seinem neuesten Buch als „Große Illusion“. Wie sehen Sie das?

    Das ist auch ein toller Titel, der sich auf einen der großen Filme über den 1. Weltkrieg bezieht, von Jean Renoir. Es ist auch eine klare These und spiegelt wider, dass in Paris die Hoffnung geherrscht hat, Frieden zu schaffen, die Völker miteinander zu versöhnen und den Krieg und seine Gründe zu überwinden.

    Warum war Russland als eine der am Krieg beteiligten Mächte auf Seiten der Entente nicht bei der Pariser Friedenskonferenz dabei?

    Russland hat nach der Revolution 1917 mit Deutschland einen Separatfrieden geschlossen und war damit aus dem Krieg ausgeschieden. Es hat mit Deutschland den Vertrag von Brest-Litowsk abgeschlossen, in dem ihm sehr harte Bedingungen auferlegt wurden. Dieser Vertrag wurde mit dem Waffenstillstand am 11. November 1918 annulliert, das heißt: Russland war wieder im Kreis der Siegermächte dabei. Nun hatte aber die Revolution in Russland unsichere Machtverhältnisse geschaffen. Die anderen Siegermächte wussten nicht, wer in Russland die legitime Regierung ist und das Land in Paris vertritt. Das war ein formaler Grund.

    Auf der anderen Seite war gerade in Großbritannien und Frankreich die Furcht vor dem Bolschewismus so enorm groß, die Furcht, dass diese visionären Ideen auf die eigene Bevölkerung überspringen könnten, dass gesagt wurde: Die wollen wir nicht hier haben! Der deutsche Außenminister Ulrich von Brockdorff-Rantzau hat das gewusst und hat immer wieder mit dem Argument gedroht: Wenn Ihr uns so harte Friedensbedingungen auferlegt, müsst Ihr Euch nicht wundern, wenn wir uns Russland anschließen.

    Welche Bedeutung hat das Ereignis heute, außer dass 100 Jahre später daran erinnert wird? Welchen Zusammenhang gibt es mit den Ereignissen von 1989, die das Ende des Kalten Krieges einläuteten und ebenfalls Hoffnungen auf eine europäische Friedensordnung hervorriefen?

    Wie erinnern uns ja nicht nur, um uns zu erinnern. Die Tatsache, dass wir uns in den letzten vier Jahren so intensiv an den 1. Weltkrieg erinnert haben, nicht nur Historiker und Journalisten, sondern auch eine breite Öffentlichkeit, zeigt, dass wir das nicht nur für ein vergangenes Ereignis halten, sondern als etwas sehen, was uns heute noch berührt. Es berührt uns, weil der Prozess des Friedensschaffens nach dem 1. Weltkrieg weder erfolgreich noch abgeschlossen ist. Frieden zu schaffen oder zu bewahren ist ja ein dauerhafter Prozess. Ich glaube, dass für viele Menschen, die Herausforderung, den Frieden zu bewahren, auch heute noch gilt. Das gilt bei aktuellen Konflikten auch für die Fragen: Verhandelt man mit dem Gegner? Wo verhandelt man mit dem Gegner, hinter verschlossenen Türen oder vor den Augen der Öffentlichkeit?

    Dr. Susanne Brandt
    © Foto : privat
    Dr. Susanne Brandt

    Zu den Ereignissen 1989/90 lässt sich sagen, dass diese auch eine Art Echo des 1. Weltkrieges waren. Auch ohne die These, dass der 1. Weltkrieg in den 2. Weltkrieg münden musste, lassen sich aus guten Gründen beide Weltkrieg als einen großen Konflikt sehen und den Kalten Krieg als Fortsetzung oder andere Form dieses Konfliktes. 1898/90 ist ein Teil der Frontstellung, die sich 1917 und in den Folgejahren entwickelt hat, zumindest zerbrochen. Damit will ich nicht sagen, dass bestimmte Konfliktlinien nicht weiterbestehen.

    Dr. Susanne Brandt ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geschichtswissenschaften der Universität Düsseldorf

    Literaturtipp:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
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    Tags:
    Jahrestag, Versailler Vertrag, Erster Weltkrieg