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19:34 17 Oktober 2019
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    US-Soldat während der Übungen am Bord des Flugzeugträgers (Archiv)

    Arktis: Was tut Russland, wenn die Navy in der Nordostpassage kreuzt?

    CC BY 2.0 / Official U.S. Navy Page / A Sailor gives the signal for aircraft launch aboard USS George H.W. Bush
    Politik
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    Das Risiko, dass in der Arktis ein Konflikt ausbricht, der rasch zu einem Atomkrieg führt, ist gegenwärtig groß. Alle an der Nordpolarregion interessierten Staaten sind hochgerüstete Atommächte oder mit Atommächten verbündet. Die Zeitung „Gazeta“ analysiert, wo in dieser brisanten Region geopolitische Brände hochschlagen können.

    Auf der einen Seite ficht die Nato um ihre Interessen, auf der anderen Seite verteidigt Russland seine Ansprüche – auch in der Arktis ist das Muster gleich. Und neuerdings drängt China immer stärker in die Region vor. Ob Peking in Absprache mit Russland handelt oder im Alleingang, ist dabei nicht ganz klar. Es geht den Chinesen jedenfalls darum, im Eismeer dauerhaft präsent zu sein: Zu verlockend sind die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die der künftig schiffbare Nördliche Ozean verheißt.

    Auch sonst wächst die Zahl der Staaten, die gerne arktisch wären. Auf dem diesjährigen Arktis-Forum in Sankt-Petersburg etwa waren unter anderem die Regierungschefs Dänemarks, Islands, Schwedens und Finnlands zugegen – und bezeichneten ihre Länder allesamt als zur Arktis zugehörig. Was sicherlich nur die Spitze des Eisberges ist: Alle Industrienationen haben wirtschaftliche Pläne für die Nordpolarregion, auch wenn nicht alle offen darüber reden.

    Grob gesehen, unterscheidet sich die Arktis nicht sonderlich von anderen Weltregionen, wo sich nationale Interessen ballen. Auch im Südchinesischen Meer ist es nicht ungefährlich und am Persischen Golf schon gar nicht. Berücksichtigen muss man allerdings, dass sich im Eismeer Staaten drängeln, die entweder Atommächte sind oder zu Militärallianzen gehören, die vor Kernwaffen nur so strotzen.

    Was man dabei gern vergisst, ist, dass Russland in den Neunzigerjahren seine arktischen Truppenverbände wegrationalisiert hatte. Ein riesiges Gebiet stand damals plötzlich ohne Deckung, ohne Schutz dar.

    Erst jetzt kehrt die russische Armee in die Region hinter dem Polarkreis zurück, nun aber mit ganz anderen technischen Möglichkeiten. Die russischen Streitkräfte bauen ihre einst abgetragenen arktischen Fähigkeiten entschlossen wieder auf. Stützpunkte, Flugplätze, Marinebasen entstehen. Die Flugabwehr wird verbessert, die Ortungs- und Überwachungstechnik perfektioniert. Und: Moskau verfügt über die weltgrößte Eisbrecher-Flotte.

    Alles sehr wichtige Maßnahmen, denn Unklarheiten, Missverständnisse, Gegensätze gibt es allein zwischen den Arktisanrainern überreichlich. Ein Kernproblem: Die ungelösten Fragen hinsichtlich der ausschließlichen Wirtschaftszonen vor den Küsten der arktischen Staaten. Ein Problem übrigens, das nicht erst seit gestern besteht, aber besser heute als morgen nach einer Lösung verlangt.

    Aber das Völkerrecht! – das würden die Kritiker jetzt rufen. Nur: Ausgerechnet die internationalen Vereinbarungen sind, bezogen auf die Arktis, so formuliert, dass sie streitbare Verhältnisse erzeugen.

    Für die Ausdehnung von Ausschließlichen Wirtschaftszonen zum Beispiel wurde eine konkrete Zahl festgelegt: 200 Seemeilen, gemessen ab bestimmten Ausgangslinien. Doch schon kommt das Aber. Gelingt es einem Staat nachzuweisen, dass Abschnitte des Meeresbodens eine Fortsetzung seines Festlandsockels sind, kann er eine Ausweitung der Wirtschaftszone beanspruchen.

    In der Praxis ist dieser Anspruch mehr als reiner Landgewinn: Im Meeresgrund unter dem Polareis werden Öl- und Gasressourcen vermutet, die einem Viertel der Vorräte entsprechen, die derzeit weltweit erkundet sind. Ein Schatz, dessen Förderung bei den gegenwärtigen Ölpreisen zwar unrentabel wäre, aber das Preisniveau muss ja nicht so bleiben.

    Nicht weniger konfliktgeladen ist das logistische Potenzial der Arktisregion. Schon heute streiten sich Staaten über die Nutzungsrechte auf die Nordostpassage. Prognosen gehen von völliger Eisfreiheit dieser lukrativen Seeroute in absehbarer Zukunft aus. Nicht zuletzt deshalb drängt Washington darauf, den Nördlichen Seeweg aus russischer Zuständigkeit zu lösen und unter internationale Aufsicht zu stellen.

    Moskau macht hoheitliche Rechte auf die Nordostpassage geltend. Das heißt, Schiffe dürfen diese Route nur mit russischer Genehmigung befahren, in Begleitung ausschließlich russischer Eisbrecher und Lotsen. Westliche Strategen fragen ihrerseits, warum ein Gebiet, das nicht zu den russischen Hoheitsgewässern gehört, unter russischer Verantwortung stehen soll. Ein Interessenkonflikt, der zu schweren Vorfällen führen könnte.

    Denn wie verhält sich Moskau, wenn plötzlich ein Verband der US Navy in der Nordostpassage aufkreuzt? Die amerikanische Marine wird für sich mit Verweis auf den internationalen Usus das Recht auf freie Schifffahrt beanspruchen. Unter bestimmten Umständen ist es schließlich gestattet, sogar Hoheitsgewässer zu befahren, wenn eine internationale Handelsroute durch diese führt.

    Wie entscheidet sich Moskau, wenn eine Trägerkampfgruppe vor Russlands Nordküste auftaucht?  Gewähren lassen, aufgeben – und damit vor der ganzen Welt die eigene Machtlosigkeit demonstrieren? Oder kämpfen? Aber wie, in so einem Fall, wenn nicht mit Kernwaffen? Das ungleiche Kräfteverhältnis zwischen den amerikanischen und den russischen Seestreitkräften würde natürlich horrenden Druck auf die Entscheider in Moskau ausüben. Das weiß auch Washington ganz genau…

    Es bleibt nur die Hoffnung, dass es keinen großen und überhaupt keinen Krieg in der Arktis geben wird. Denn jeder bewaffnete Konflikt hinter dem Polarkreis würde rasch und unweigerlich die Gebiete von Arktisanrainern erfassen. Weil sich ein Krieg gegen Russland territorial nicht eingrenzen lässt.

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    Tags:
    Konflikt, Kampf, Arktis, US Navy, USA, Russland