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21:44 20 Oktober 2019
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    Iranische Schiiten während der Taziye-Aufführung (Archiv)

    Nervenkrieg gegen Iran: Steigen die Einsätze, kommt es zum Knall

    © AFP 2019 / BEHROUZ MEHRI
    Politik
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    Eine Gratwanderung zwischen Krieg und Frieden – seit über 40 Jahren ist das die Beziehung zwischen Washington und Teheran. Auf Eskalation folgt ein Entspannungsversuch, folgt eine Eskalation. Das Portal „Swesda“ analysiert die Interessenlage in der Region.

    Es schien, 2015 sei das ewige Washington-Teheran-Problem durch die Nuklearvereinbarung endlich gelöst worden. Die Vereinigten Staaten und die Islamische Republik hatten sich zum Atomdeal bekannt. Schwere Sanktionen, die gegen Iran verhängt worden waren, wurden aufgehoben – das Land konnte seine wirtschaftliche Lage verbessern.

    Zeitgleich sah sich Teheran an einer anderen Front herausgefordert: Die iranische Führung musste sich gegen die Terrorgewalt des IS stemmen, der parallel auch der rechtmäßigen syrischen Regierung den Krieg erklärt hatte. Die gemeinsame Bedrohung hat zum Schulterschluss zwischen Teheran und Damaskus geführt. Iranische Truppen stehen der syrischen Regierung im Anti-Terror-Kampf bei.

    Dieser Umstand – dass Teheran den syrischen Präsidenten Baschar Assad unterstützt – ist der Hauptauslöser für Washingtons neuen Unmut, steht doch das Bündnis den Plänen Amerikas im Weg, die amtierende syrische Regierung zu stürzen.

    Verschärft hat sich auch das Verhältnis der sunnitischen Golfmonarchien zum schiitischen Iran; sie unterstützen offen die zahlreichen Anti-Assad-Gruppen in Syrien. Hinzu kommt, dass Israel – ein Hauptverbündeter der Vereinigten Staaten in der Region – den Einsatz iranischer Einheiten unweit der Golanhöhen als eine Sicherheitsgefährdung auffasst. Es kommt zu nicht-verbalem Schlagabtausch zwischen Israel und Iran auf syrischem Boden.

    Ein Ergebnis dieser Gemengelage: Im Mai 2018 stiegen die USA aus der Nuklearvereinbarung aus und verhängten neue Sanktionen gegen Iran. Seither droht Washington mit schweren Luft- und Raketenschlägen gegen iranisches Gebiet. Teheran reagiert mit Gegendrohungen: Auf einen US-Angriff folge Vergeltung – und wegen Trumps Ausstieg aus dem Atomdeal werde Iran seinerseits die Umsetzung der Vereinbarung aussetzen.

    Wer Krieg will, braucht einen Vorwand

    Die neu gegen Iran verhängten Sanktionen sind ein schwerer Schlag gegen die iranische Wirtschaft. Die Strafmaßnahmen treffen die Ölexporte des Landes, die wichtigste Einnahmequelle Teherans mit direkter Auswirkung auf den Wohlstand der Menschen in Iran.

    Die Interessen mehrerer Länder hatte Washington dabei zu berücksichtigen: China und Japan etwa, die vom iranischen Öl abhängig sind, sind von den Sanktionen ausgenommen. Aber – die Lage rund um Iran hat sich wie auf Geheiß just in dem Augenblick verschärft, als der japanische Premierminister in Teheran weilte, um über Öllieferungen zu verhandeln. Genau in dem Moment wurde im Golf von Oman ein norwegisches und ein japanisches Tankschiff angegriffen.

    Washington macht Teheran für die Attacken verantwortlich – aus dem einen Grund, dass im Wasser nahe den beschädigten Tankern ein iranischer Pass gefunden wurde. Auf die Anschuldigung folgte Kriegsgerät: Die USA schickten eine schwere Aufklärungsdrohne in den iranischen Luftraum, die nach mehreren Vorwarnungen von der Flugabwehr des Landes abgeschossen wurde.

    Donald Trump reagierte auf den Abschuss mit einem Befehl, das iranische Territorium zu bombardieren. Nur wenige Minuten vor dem „Strike“ wurde die Mission abgeblasen.

    Dass der Angriff auf den japanischen Tanker zeitlich mit dem Besuch des japanischen Premiers in Teheran zusammenfiel, lässt dahinter natürlich eine geplante Provokation vermuten. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass die USA Vorfälle fabrizieren, um einen Kriegsgrund herbeizuführen.

    Härtere Indizien sind indes die Trümmer von „Hellfire“-Raketen, die unweit der Unglücksstelle gefunden wurden. Das sind Flugkörper, mit denen „Reaper“-Drohnen bewaffnet werden. Ein Flugvehikel dieser Art wurde am Tag des Angriffs über dem Golf von Oman identifiziert.

    Dass die Region am Kriegsabgrund steht, ist also zweifellos eine Tatsache. Nach der Erklärung Teherans, die Erfüllung der Nuklearvereinbarung auszusetzen, redeten alle Staaten außer den USA, die das Dokument unterzeichnet hatten, auf die iranische Führung ein, dies nicht zu tun. Auch Russland und China – Irans größte Partner – versuchten zu vermitteln.

    Chinas Interesse am Iran beschränkt sich nicht auf Ölexporte. Peking betrachtet das Land auch als einen wichtigen Knotenpunkt im Süd-Strang der „Neuen Seidenstraße“. China ist bereit, in die Verkehrsinfrastruktur und den Bau von Industrieanlagen zu investieren – und auch in die iranische Ölförderung.

    Zwar verzichten Chinas größte Ölimporteure wegen Drohungen aus den USA neuerdings auf den Kauf von iranischem Öl. Dennoch hat sich die chinesische Führung beim SOZ-Gipfel in Bischkek nur wenige Stunden nach den Tankerangriffen und den damit verbundenen US-Vorwürfen deutlich für den iranischen Präsidenten Rouhani positioniert.

    Eng ist auch die Beziehung zwischen Iran und Russland. Der Kampf gegen den Terror ist ein gemeinsames Bindeglied, die Zusammenarbeit im Bereich des Militärs ein anderes. Überdies verbinden Interessen im Kaspischen Meer die beiden Länder.

    Seit Langem diskutieren Russland und Iran den Bau eines schiffbaren Kanals, der das Binnenmeer über iranisches Gebiet – und damit die Ostsee über das russische Flusssystem – mit dem Indischen Ozean verbinden würde.

    Westliche Analysten wenden jedoch ein, Russland und Iran seien unmittelbare Konkurrenten auf dem Ölmarkt. Dass die US-Regierung die iranische Position als Ölproduzent schwächt, dürfte die russische Führung demnach freuen. Als Anzeichen dafür sehen die Experten das Bemühen Moskaus, die Beziehung zu Saudi-Arabien zu verbessern, und die engere Zusammenarbeit mit Israel.

    Hauptsächlich dienen diese Erklärungsversuche jedoch dazu, einen Keil zwischen Moskau und Teheran zu treiben. Es ist doch eine Selbstverständlichkeit, dass zwischen Staaten wirtschaftliche Gegensätze existieren. Selbst das enge Bündnis der USA und ihrer Nato-Partner ist dagegen nicht gefeit. Nur: Gegensätze lassen sich bei gemeinsamen Interessen erfolgreich ausräumen.

    Wie auch immer sich die Lage rund um Iran weiterentwickeln wird, eins steht fest: Von einem großen Krieg in der Region hat keiner etwas. Iran nicht, weil auf seine Wirtschaft und seine Menschen enorme Verluste zukämen. Und die USA nicht, weil sie weder militärisch noch politisch oder wirtschaftlich darauf vorbereitet sind – erst recht nicht im Vorfeld von Präsidentschaftswahlen.

    Denn Iran ist ein immer noch mächtiges Land, das bis zu 2,5 Millionen Soldaten aufstellen kann, die durchaus zeitgemäß ausgerüstet sind. Passable Flugabwehrsysteme zählen ebenfalls dazu. Allein die Luftangriffe der US Air Force wären also mit großen Verlusten verbunden, die Donald Trump wirklich nicht gebrauchen kann – von den möglichen Verlusten eines Bodenkrieges ganz zu schweigen.

    Ein Aber gibt es jedoch auch hierbei: „Wissend, dass die andere Seite einen Krieg vermeiden will, könnten die Kontrahenten höhere Wetten setzen – in der Annahme, der andere würde schon nachgeben. Das Problem ist allerdings, dass man die Kontrolle über die Höhe der Einsätze in diesem Nervenkrieg schnell verlieren kann“, sagt der Politologe Iwan Timofejew, Programmdirektor des internationalen Diskussionsklubs „Waldai“.  

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    Tags:
    Atomabkommen, Konflikt, Eskalation, Interessen, Öl, China, USA, Iran