16:19 22 November 2019
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    Investitionen in Energieeffizienz bei preiswertem Erdgas?

    © Sputnik / Ilja Pitalew
    Politik
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    Ein Nobelpreisträger beantwortete im Interview mit Sputnik die Frage, ob man beträchtliche Finanzmittel in die Energieeffizienz der Städte investieren soll, wenn man über Erdgas verfügt. Dr. Igor Baschmakow beteiligte sich an der XV. Deutsch-Russischen Partnerstädtekonferenz in Düren Ende Juni.

    DENA und Skolkowo

    Im Rahmen der Konferenz hat man während der Podiumsdiskussion „Energieeffiziente und nachhaltige Stadtentwicklung“ über die Entwicklung erneuerbarer Energiequellen sowie den Umweltschutz diskutiert. Seit Anfang 2019 setzen die Deutsche Energie-Agentur dena und das Russische School of Management Skolkowo zwei Pilotprojekte um: in der Stadt Luchowizy im Gebiet Moskau und in der Stadt Neftekamsk in der russischen Teilrepublik Baschkortostan, berichtete Alexej Chochlow, Leiter des Departments Stromwirtschaft der Moskow School of Management Skolkowo, gegenüber Sputnik.

    „Deutsche Partner, die diese Städte besucht haben, haben die deutlichen Anstrengungen in Richtung Energieeffizienz positiv eingeschätzt. Aber eine systemumfassende Herangehensweise an die Energieeinsparung, die bessere Ergebnisse bringt, gibt es noch nicht“, merkte Chochlow an.

    Als Hauptgrund dafür nannte der Experte den Mangel an föderaler Finanzierung und das Finanzdefizit der regionalen Budgets.

    „Wie schnell Russland zur Energieeffizienz übergeht, hängt in erster Linie davon ab, ob der Staat die Mittel dazu findet. Nur mit einem Wunsch kann man hier nicht auskommen: Wenn man kein Geld für eine Haussanierung hat, wird die Wärme durch Lücken im Dach und in der Außenfassade verloren gehen“, sagte der Skolkowo-Experte.

    Übernommene und gesammelte Erfahrungen

    In Russland verfüge man über Erfahrungen in allen Vorhaben, die es in Deutschland gibt, aber in einem deutlich niedrigerem Ausmaß, sagte Dr. Igor Baschmakow, Generaldirektor des Zentrums für effiziente Energienutzung, im Sputnik-Gespräch. In russischen Städten z.B. könne man häufig Solarmodule an Verkehrsampeln sehen, aber nicht so viele wie in Deutschland, wo solche Solaranlagen auf den Hausdächern montiert seien.

    „Heutzutage hat sich Deutschland die Aufgabe gestellt, die Anzahl von Gebäuden, die nach energieeffizienten Projekten saniert werden, von einem auf zwei Prozent zu erhöhen. In Russland machen solche Projekte einen Zehntelprozentpunkt aus. Wir müssen von den Deutschen lernen, wie man das in einem größeren Maßstab macht“, betonte er.

    Das Klima auf der Tagesordnung Russlands und Deutschlands

    Igor Baschmakow, Nobelpreisträger/ Welt 2007 als Mitglied der zwischenstaatlichen Expertengruppe für Fragen der Klimaveränderungen (IPCC), wies darauf hin, dass das Thema Klima in Russland in viel geringerem Maße diskutiert werde als in Deutschland. Und das falle sofort auf, teilte er seine Reiseeindrücke mit.

    „Wenn man durch deutsche Städte geht, sieht man überall Plakate mit den Aufrufen: Was hast du für das Klima gemacht? Diese Plakate regen zum Nachdenken an, welchen Beitrag man persönlich zum Umweltschutz gemacht hat. Was den Klimawandel angeht, so liegt er auf der Hand: das sind extreme Wetterbedingungen, die man in Europa beobachten kann. Als wir in Düren waren, lag die Temperatur über 30 Grad Celsius. Das Problem war, dass deutsche Hotels und Konferenzräume, wo wir uns aufgehalten haben, schlecht oder gar nicht klimatisiert waren. Die Konferenzteilnehmer haben das also in vollem Maße an der eigenen Haut gespürt.“

    Laut Baschmakow hat Deutschland im Bereich der Energieeffizienz viel Erfahrung gesammelt, insbesondere in den neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung. Er bedauerte aber, dass russische Unternehmer keine solchen günstigen Kredite haben, die in Deutschland für 30 Jahre zu drei Prozent vergeben wurden. Indessen ist das Potential zur Erhöhung der Energieeffizienz in Russland sehr hoch, wobei dieses Potential in Deutschland größtenteils bereits realisiert ist.

    Günstiges Erdgas und Investitionen in Energieeffizienz

    Offenkundig  erfordern neue Technologien einen großen Kostenaufwand. Ist es vernünftig für Russland, Geld für die Energieeffizienz und erneuerbare  Energien auszugeben, wenn man günstiges Erdgas hat und das in großen Mengen? Solche Aussagen sind oft zu hören. Das billigste Verfahren zur Förderung von Erdgas sei die Erhöhung der Energieeffizienz, versicherte Baschmakow.

    „Wenn wir die Energieeffizienz in russischen Gebäuden erhöhen, so kostet diese Art der Erdgas-Einsparung etwa dreimal so wenig wie die Gewinnung von zusätzlichen Erdgasvolumen. Heute wird Erdgas weit weg im Norden, im Autonomen Bezirk der Jamal-Nenzen gefördert, unter harten Klimabedingungen und bei langen kostspieligen Beförderungswegen. Die Ausgaben für die Energieeffizienz in Mehrfamilienhäusern zahlen sich innerhalb von drei bis vier Jahren aus. Die Ausgaben für die Erschließung von neuen Erdgasvorkommen und den Bau von Erdgaspipelines zahlen sich erst innerhalb von 15-30 Jahren aus und sogar noch länger“, unterstrich Baschmakow.

    Das Alte macht Platz für das Neue

    Während seiner Busreisen im Kreis Düren wurde Baschmakow auf interessante Landschaftskombinationen aufmerksam. Man sieht Tagebaue, wo vorher Braunkohle gefördert wurde. Heute schrumpft diese Branche in Deutschland schrittweise, aber Tagebauwerke kann man noch sehen. Und gleich daneben eine neue Landschaft mit zahlreichen Windkraftanlagen, die Strom produzieren. Diese Landschaft vereint das Neue mit dem Alten, das dem Neuen Platz macht.

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    Tags:
    Konferenz, Erdgas, Partnerschaft, Deutschland, Russland