Widgets Magazine
23:05 19 September 2019
SNA Radio
    Sitzung des EU-Rats in Brüssel (Archivbild)

    „Neoliberalismus ist totalitär“ – Psychologe über Angst und Herrschaft heute. Teil 1

    © REUTERS / Pool / Johanna Geron
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    13610
    Abonnieren

    Angst hat „eine überraschend große Präsenz in dem Lebensgefühl unserer Epoche“. Das stellt der Psychologe Rainer Mausfeld in seinem neuen Buch fest. Darin beschäftigt er sich mit den Ursachen dafür und zeigt, wer ein Interesse daran hat. Im Gespräch mit Sputnik hat er das zusammenfassend erklärt.

    Angst und Macht sind sehr alte und sehr wirksame Techniken, um eine Gesellschaft zu beherrschen. Darauf hat der Psychologe Rainer Mausfeld im Gespräch mit Sputnik aufmerksam gemacht. Er hat kürzlich sein neues Buch „Angst und Macht – Herrschaftstechniken der Angsterzeugung in kapitalistischen Demokratien“ veröffentlicht.

    „Angst ist eine Emotion, ein Affekt, der tief in unser psychisches Gefüge eingreift“, so Mausfeld. „Darüber lässt sich sehr gut manipulieren.“ Kapitalistische Demokratien seien besonders darauf angewiesen, das Spannungsverhältnis zwischen Demokratie und Kapitalismus zu verbergen. Beide sind aus seiner Sicht eigentlich „in ihrem Wesenskern miteinander unvereinbar“, wie er in seinem Buch schreibt.

    Das sei die Grundlage für die vielfältigen Manipulationsmechanismen und -aktivitäten in der Geschichte des Kapitalismus. Sie seien mit dem rasanten Aufstieg der Sozialwissenschaften seit Beginn des 20. Jahrhunderts verbunden. Zuerst sei es vor allem um Meinungsmanagement, die traditionelle Propaganda, gegangen. Techniken, Angst zu erzeugen, seien damals nur intuitiv eingesetzt worden. Doch es sei bereits klar gewesen, dass diese Methoden sehr viel wirksamer sind als der Versuch, Meinungen zu manipulieren.

    Angst lähmt Widerstand

    Mausfeld erklärte dazu im Gespräch, Angsterzeugung beruhe auf einer wichtigen Unterscheidung: „Zwischen Realangst und Binnenangst. Realangst wird durch ein konkretes, äußeres Objekt ausgelöst, zum Beispiel durch einen Hund. Sie kann durch ein angemessenes eigenes Verhalten wie Flucht oder Kampf bewältigt werden.“

    Wenn die äußere Gefahr aber nicht bewältigt werden könne, bleibe die Angst in der Person gefangen. Sie werde zur „Binnenangst“  und zehre die psychischen Energien des jeweiligen Menschen auf, weil sie nicht durch eine Handlung bewältigt werden könne. Depression und Apathie seien die Folge. „Das ist die Angst, die man für eine Herrschaftstechnik benötigt.“

    Indem Realangst in Binnenangst verwandelt werde, könne gesellschaftlicher Widerstand gelähmt werden, habe bereits 1944 der Politologe Franz Neumann erklärt. Mit dem Aufstieg des Neoliberalismus ab den 1970er Jahren seien diese Herrschaftstechniken gezielt eingesetzt worden, betonte Mausfeld.

    Angst trotz Fortschritt

    Zu den Folgen gehört für ihn, dass Angst „eine überraschend große Präsenz in dem Lebensgefühl unserer Epoche hat“, wie er im Vorwort seines neuen Buches schreibt. Diese sei aber hinter einer kulturellen Fassade verborgen, „die vor allem durch Konsumismus, Zerstreuung und eine alle Lebensbereiche durchdringende Unterhaltungsindustrie geprägt ist“.

    „Eigentlich müssten wir heute die besten Voraussetzungen für ein historisch niedriges Angstniveau haben. Zwei der wirkmächtigsten Bedingungsfaktoren zur Verminderung gesellschaftlicher Ängste, nämlich ein großer alle Lebensbereiche prägender technischer Fortschritt und die Errichtung einer demokratischen Gesellschaftsordnung stehen uns ja im Prinzip hierfür zur Verfügung.“

    Doch in den Gesellschaften der hochentwickelten Industriestaaten, die als kapitalistisch gelten, hätten psychische Störungen wie Ängste und Depressionen in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen, so Mausfeld. Das gelte auch für soziologische Erscheinungen wie Abstiegs- und Statusängste besonders in der Mittelschicht.

    Neoliberalismus ist antidemokratisch

    Ursache sei „eine strukturelle Angsterzeugung durch Erzeugung unsicherer Lebensverhältnisse und unsichere Arbeitsverhältnisse, so dass man seine Zukunft nicht mehr planen kann. Das führt zu einer großen gesellschaftlichen Verunsicherung. Es gibt außerdem ideologische Faktoren, die mit dem Neoliberalismus zusammenhängen, so die angebliche Alternativlosigkeit oder die Ideologie des unternehmerischen Selbst.“

    Die gesamte Ideologie der vermeintlichen Leistungsgesellschaft erzeuge massive Versagensängste, stellte der Psychologe fest. Das hat er bereits zuvor in dem Buch „Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören“ beschrieben.

    „Das neoliberale Projekt ist ein explizit antidemokratisches Projekt“, betonte er. Zwar werde die demokratische Rhetorik aufrechterhalten, aber zugleich die Kluft zu den tatsächlichen kapitalistischen Lebensverhältnissen immer größer. „Deshalb muss der Neoliberalismus immer tiefer in die Angst-Kiste greifen.“ Nur so könne er sich durchsetzen und in der Gesellschaft halten.

    Menschen als Selbstausbeuter

    Mit dem neoliberalen Projekt seien die traditionellen Angsttechniken perfektioniert worden. Dazu gehört für Mausfeld, was der französische Philosoph Michel Foucault als „Internalisierung der Macht“, bezeichnete. Das heißt, die Beherrschten haben die Macht verinnerlicht und folgen ihr in ihrem Verhalten von allein. So müssen die Herrschenden keinen massiven, brutalen Unterdrückungsapparat mehr einsetzen, um ihre Macht zu sichern.

    Foucault habe als einer der Ersten das „neoliberale Selbst“ in den Fokus genommen, sagte der Psychologe. Der Neoliberalismus sei mehr als eine ökonomische Theorie: „Der Neoliberalismus ist in gewisser Weise eine totalitäre Ideologie, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens der Konkurrenzlogik, einer ökonomischen Logik, unterwerfen will, bis hinein in das Individuum. Das Individuum soll sich selbst als Ich-AG, als Unternehmer seiner Selbst, an die Marktverhältnisse anpassen und optimieren und einer eigenen Profitmaximierung unterwerfen.“

    Wenn die Menschen dabei versagen, müssten sie sich nach der neoliberalen Logik ihr Scheitern selbst zuschreiben, so Mausfeld. Der Mechanismus sorge dafür, dass das eigene Scheitern nicht den Verhältnissen zugeschrieben werden könne – „sondern ich habe das mir selbst zuzuschreiben.“

    Angst vor Versagen

    Das sei ein „perfider, aber ausgesprochen wirksamer Trick, die gesellschaftlichen Antagonismen (Widersprüche) von außen nach innen zu verlagern“: Die Selbstausbeutung mache die Menschen zu „Sklaven ihrer selbst“, während sie gleichzeitig als „höchste Form von Freiheit“ erscheine – weil es anscheinend keinen Sklavenhalter mehr gebe.

    Die Ursache für das Gefühl der Ohnmacht angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse werde nicht mehr bei diesen gesehen, beschrieb der Psychologe einen der Effekte. Die Betroffen kämen zu dem Schluss: „Ich habe es nicht geschafft, mich an diese Verhältnisse entsprechend anzupassen. Also, ich bin immer der Schuldige.“ Eine solche Ideologie erzeuge „in massiver Weise Ängste vor einem Leistungsversagen“.

    Bei dieser Angst handele es sich um eine der Binnenängste, da für eine Auseinandersetzung ein reales Gegenüber fehle. Dadurch gerate das betroffene Individuum in eine Schleife: Es werde handlungsunfähig und depressiv, was wieder seine Leistungsfähigkeit einschränke. Das sei als Herrschaftstechnik gewollt, betonte Mausfeld.

    Strategie der Spannung

    Eines der Instrumente der neoliberalen Ideologie ist die Finanzpolitik. Selbst diese wird in die Mechanismen von Macht und Angst einbezogen. Das zeigt ein Strategiepapier des Bundesfinanzministeriums unter Theo Waigel (CSU) aus dem Jahr 1996: Unter dem Titel „Finanzpolitik 2000“ wurden Sozialabbau und Sparpolitik gepredigt, um „mehr Freiraum für die private Wirtschaft“ zu schaffen. Darin ist auch zu lesen, dass Sparmaßnahmen „politisch noch am leichtesten in einer Phase der wirtschaftlichen Bedrohung durchzusetzen“ seien.

    Was da für das Feld der Finanzpolitik beschrieben wurde, erinnert an die „Strategie der Spannung“. Mit dieser wurde besonders in Italien in den 1970er und 1980er Jahren ein Klima der Verunsicherung und Angst geschaffen – mit Hilfe von gesteuerten, vermeintlich von Linksextremisten verübten Terroranschlägen. Damit wurde die politische Entwicklung des Nato-Mitgliedes beeinflusst und ein befürchteter Links-Ruck verhindert.

    Aus Sicht von Mausfeld handelt es sich dabei nicht einfach nur um geschichtliche Ereignisse:  „Das ist auch Gegenwart, denn natürlich werden die Zentren der Macht auf bewährte Herrschaftstechniken in keiner Wiese verzichten. Die ‚Strategie der Spannung‘ war und ist aus ihrer Sicht höchst erfolgreich.“

    Verändert habe sich, dass mit Hilfe von Tausenden von Denkfabriken, den Thinktanks, und der Sozialwissenschaften die Methoden der Angsterzeugung gewissermaßen unsichtbar gemacht werden. Die Öffentlichkeit solle die „Strategie der Spannung“ nicht erkennen können, um Empörung und Widerstand zu vermeiden. Strukturell seien die Methoden gleich geblieben, „aber nicht mehr in dieser kruden Form, wie man das damals gemacht hat“.

    Professor Rainer Mausfeld
    © Foto : Privat
    Professor Rainer Mausfeld

    Rainer Mausfeld ist Professor an der Universität Kiel und hatte bis zu seiner Emeritierung den Lehrstuhl für Wahrnehmung- und Kognitionsforschung inne. In seinen gesellschaftspolitischen Beiträgen beschäftigt er sich mit der neoliberalen Ideologie, der Umwandlung der Demokratie in einen autoritären Sicherheitsstaat und psychologischen Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements. Mit seinen Vorträgen (u.a. "Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert?" und "Die Angst der Machteliten vor dem Volk") erreicht er Hunderttausende von Zuhörern.

    In Teil 2 über das Gespräch mit Prof. Rainer Mausfeld geht es darum, wie Armut und soziale Unsicherheit gezielt hervorgerufen werden, um Angst zu erzeugen.

    Literaturtipp:

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Neoliberalismus, Rainer Mausfeld