16:32 04 Dezember 2020
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    Nach dem Europa-Besuch des US-Präsidenten Donald Trump hat der britische Botschafter in den USA Kim Darroch einen höhnischen Brief verfasst, der an die Öffentlichkeit gelangte. Sputnik hat sich mit John Dunn, Ehrenprofessor für politische Theorie an der Universität Cambridge, über mögliche Folgen für die bilateralen Beziehungen unterhalten.

    Zuvor hatte die britische Zeitung „Mail on Sunday“ aus einem geheimen Brief des Botschafters zitiert, in dem die Regierung des US-Präsidenten als „unfähig“ bezeichnet wird. Trump strahle Unsicherheit aus und agiere ungeschickt, schrieb angeblich der Botschafter.

    „Der Botschafter hat dem Vereinigten Königreich nicht gut gedient“, kommentierte Donald Trump diese Berichte am Sonntag vor Journalisten im Bundesstaat New Jersey. „Wir sind keine großen Fans dieses Mannes“, betonte er.

    Sputnik: Laut übereinstimmenden Berichten hat der britische Botschafter in den USA in seinen Briefen an die Downing Street, die an die Öffentlichkeit gelangt sind, den US-Präsidenten Donald Trump als „untauglich“, „unzuverlässig“ und „inkompetent“ bezeichnet. Welche Folgen für die „besonderen Beziehungen“ zwischen Großbritannien und den USA sind jetzt zu erwarten?

    John Dunn: Es wird nicht so viele Folgen geben: Möglicherweise sind solche Einschätzungen unter Diplomaten in Washington ziemlich verbreitet, wie offensichtlich auch im Weißen Haus.

    Was halten Sie vom Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Briefe – wenige Wochen nach Trumps Staatsbesuch in Großbritannien?

    Ich weiß nicht, wieso es zu diesem „Leak“ gekommen ist, aber aus den eben erwähnten Gründen könnten solche Einschätzungen, die in diesen Briefen zum Ausdruck gebracht wurden, im Grunde zu jedem Zeitpunkt der Präsidentschaft Trumps veröffentlicht werden.

    Wie untypisch ist es für britische diplomatische Telegramme, dass Informationen an die Öffentlichkeit geraten sind? Und welche Fragen könnten jetzt aufgeworfen werden?

    Der Wortlaut von britischen diplomatischen Telegrammen wird relativ selten bald nach der Absendung veröffentlicht, und ihre Veröffentlichung ist mit großen Risiken für jeden Mitarbeiter des Außenministeriums verbunden (es handelt sich immerhin mindestens um ein schweres Verbrechen).

    Aber wegen des aktuellen Chaos in der britischen Regierung wird die Wahrscheinlichkeit solcher Informationsverluste und der Umfang der Gründe, warum jemand solche Informationen veröffentlicht, offenbar immer größer.

    Sir Kim Darroch nannte in seinem jüngsten Memorandum die US-Politik gegenüber dem Iran „inkonsequent“ und „chaotisch“ und behauptete, dass Trumps Entscheidung, keine Gegenmaßnahmen nach dem Abschuss einer Aufklärungsdrohne zu ergreifen, sich auf seinen Kurs nach der Wiederwahl 2020 zurückführen ließe. Bedeutet das, dass es für Großbritannien nicht unbedingt nötig wäre, seinen nächsten Verbündeten im Falle eines bewaffneten Konflikts in der Golfregion zu unterstützen?

    Ich bin sicher, dass Darroch mit dieser Einschätzung der Trump-Politik in der Golfregion Recht hat. Eine der klaren und nachhaltigen Ansichten Trumps als Präsident ist, dass er keinen Krieg beginnen will, in dessen Rahmen US-Truppen weit weg losgeschickt werden müssten. Natürlich hat er Recht, wenn er glaubt, dass es unvernünftig wäre, auf den Iran loszugehen. Seine politische Aufmerksamkeit gilt aktuell dem Thema Wiederwahl. Ich hoffe, dass die britische Regierung alles Mögliche tun wird (jedenfalls ziemlich wenig), um Trump einen Krieg in der Golfregion (geschweige denn im Südchinesischen Meer) auszureden. Es ist schwer zu sagen, wie er handeln würde, wenn er den Krieg begonnen hätte. Selbst in ihrer jetzigen instabilen Lage begreift die britische Regierung, dass es politischer Selbstmord wäre, die britische Infanterie, die See- oder die Luftstreitkräfte zum Krieg in die Golfregion zu schicken. Aber falls die USA dort einen Krieg beginnen (besonders wenn sie dabei schnell große Verluste tragen würden), wäre es für die jetzige schwache konservative Regierung unklug, die USA selbst verbal zu unterstützen.

    Laut Darroch hat Trump die Gewohnheit, mit seinen Freunden außerhalb des Weißen Hauses politische Fragen zu besprechen. Der Botschafter schrieb, viele von solchen „Freunden“ wären von London „großgezogen“ und könnten genutzt werden, um mit dem Präsidenten zu manipulieren. Wie unabhängig ist Ihres Erachtens der Präsident bei der Beschlussfassung? Und könnten diese „Offenbarungen“ Folgen für seine Wahlkampagne 2020 haben?

    Ich denke, Darroch wollte einfach mit seiner diplomatischen Effizienz prahlen und hat diese Tatsache übertrieben dargestellt. Trump hat natürlich Freunde, mit denen er sich berät, aber nicht viele von ihnen (wenn überhaupt) sind Mitglieder seiner Administration; inwieweit stark sie seine Entscheidungen beeinflussen können, kann man nur raten. Aber zurück zur ersten Frage: Er ist ein sehr exzentrischer Mensch, der sich nur für eine sehr kurze Zeit auf etwas konzentrieren kann.

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    Tags:
    Botschafter, Großbritannien, USA, Donald Trump