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    Pressekonferenz in der Berliner SPD-Zentrale (Archivbild)

    SPD erneuern mit der alten Garde? Kandidat für den Parteivorsitz Hans Wallow – Exklusiv

    © AFP 2019 / TOBIAS SCHWARZ
    Politik
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    Ilona Pfeffer
    20242

    Auf der Suche nach einem neuen SPD-Vorsitzenden hat am Montag ein weiterer Kandidat seinen Hut in den Ring geworfen: Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hans Wallow (79) schickt sich an, die Sozialdemokraten aus der Krise herauszuführen. Sputnik hat mit Wallow gesprochen.

    Wer soll die SPD aus der Krise führen? Wer sie erneuern? Nach dem Rückzug von Andrea Nahles ist der immer unbeliebter gewordene Spitzenposten bei den Sozialdemokraten wieder zu haben. Bewerbungen können noch bis zum 1. September eingereicht werden, doch schon jetzt kursieren Namen der potentiellen Kandidaten. Darunter sind solche Personalien wie Familienministerin Franziska Giffey, Juso-Vorsitzender Kevin Kühnert, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil oder Generalsekretär Lars Klingbeil.

    Auch dem Wunsch der Mitglieder nach einer gemischten Doppelspitze wurde bereits mit zwei Bewerbungen entsprochen. Als erstes bot sich das Duo aus Europa-Staatsminister Michael Roth und der ehemaligen nordrhein-westfälischen Familienministerin Christina Kampmann an. Am Freitag folgte dann die Kandidatur von SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach und der Umweltpolitikerin Nina Scheer.

    Ob auf dem SPD-Parteitag Anfang Dezember tatsächlich ein Duo an die Spitze der Sozialdemokraten gewählt wird, muss sich erst noch zeigen. In der Zwischenzeit werfen andere Kandidaten ihren Hut in den Ring. Einer von ihnen ist der ehemalige Bundestagsabgeordnete Hans Wallow.

    Er wolle Verantwortung übernehmen und der Partei seine langjährige Erfahrung zur Verfügung stellen, so der 79-Jährige aus Bonn. Erfahrung – davon hat Wallow tatsächlich reichlich. Bereits 1966 trat er der SPD bei, arbeitete unter Persönlichkeiten wie Walter Scheel, Hans-Juergen Wischnewski und Erhard Eppler, später Willy Brandt und Helmut Schmidt. 1981 bis 1983 war Wallow zum ersten Mal Mitglied des Deutschen Bundestages und dann noch einmal von 1990 bis 1998. Doch SPD erneuern mit alten Kadern – wie soll das gehen?

    „Es geht mit der Innovationskraft der Jüngeren und mit der Erfahrung der Älteren“, weiß Wallow. „Deswegen will ich auch so etwas wie einen Senat einrichten, also einen Ältestenrat oder ein Oberhaus – wie immer man das auch nennt. Dort sollen die Erfahrenen, nicht mehr im Amt Befindlichen wie beispielsweise Gerhard Schröder oder andere ehemalige Ministerpräsidenten sich zusammensetzen und Empfehlungen aussprechen.“

    Dass es seiner Partei nicht gut geht, sieht der altgediente Sozialdemokrat selbst – er kennt die Umfragewerte. Wallow weiß auch von vielen Ortsvereinen zu berichten, die trotz des ehrenamtlichen Engagements Hunderttausender SPD-Mitglieder nach und nach verschwinden, gerade im ländlichen Raum. In seinem eigenen Wahlkreis, den später seine ehemalige Mitarbeiterin Andrea Nahles übernahm, seien heute nur noch 15 von einst 27 Ortsvereinen übrig geblieben.

    „Inhaltliche Probleme gibt es natürlich auch, und zwar eine ganze Menge. Diese liegen vor allem darin, dass die Positionen der SPD nicht sichtbar sind. Egon Bahr hat mal gesagt, selbst wenn man eine absolute Mehrheit hat – die ja im Augenblick utopisch ist – ist es Aufgabe der Partei, weiter zu denken, als die Regierung handeln kann. Er hat hinzugefügt: Ist die Regierung zufrieden mit der Partei, dann hat sie nicht weit genug gedacht. Was wir wieder auflegen müssen, ist ein Langzeitprogramm 2.0, in dem konkret beschrieben wird, was die SPD will.“

    In dem Langzeitprogramm müsse die Partei beispielsweise Aussagen zum „Raubtierkapitalismus“ treffen. Außerdem sei eine zusätzliche Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen notwendig.

    „Ein eigenes Profil gewinnt die SPD durch ein solches Langzeitprogramm 2.0, wie ich es vorgeschlagen hab, das alles beinhaltet – die aktuelle Situation, aber auch die Perspektiven für die Zukunft. Die Partei braucht eine inhaltliche Perspektive. Schon wenn sie anfängt, bestimmte politische Ziele zu diskutieren, ist das ein Gewinn. Wir haben alles beschlossen, was notwendig ist. Es ist aber auch notwendig, eine konsistente Politik und Lösungsvorstellungen zu beschreiben – mehr methodisch als inhaltlich.“

    „In der Kaffeebude“, an der er morgens immer vorbeigehe, unterhalte er sich mit den Menschen über das, was in der „Bild“-Zeitung stehe. Aus den Gesprächen mit diesen Menschen, darunter Fensterputzer, Friseurinnen, Köche, habe er verstanden, dass die jetzige SPD-Spitze sich auf ein solches Gespräch nicht eingelassen habe und die fleißige Arbeit in den Wahlkreisen unsichtbar und damit folgenlos bleibe.

    Schon einmal – 2001 – waren dem Sozialdemokraten Zweifel gekommen. Damals hatte Wallow den von zehn Zivilisten und 27 Schwerverletzte durch Nato-Angriffe auf das serbische Vavarin recherchiert und ist in der Konsequenz aus der SPD ausgetreten.

    „Ich habe sogar die WASG Nordrhein-Westfalen mitgegründet, aber dann habe ich nach einiger Zeit des Nachdenkens gesehen, dass ich vom Regen in die Traufe gekommen bin. Ich halte die SPD deshalb immer noch oder wieder seit langem für die Reformpartei.“

    Und wofür steht Kandidat Hans Wallow noch? In puncto Russland-Politik spricht er sich gegen eine Verlängerung der Sanktionen und für eine Fortsetzung der Gespräche aus:

    „Ich glaube, dass solche Sanktionen wirkungslos sind und mehr oder weniger symbolischen Charakter haben. Aber bewegen müssen sich Putin und die russische Regierung. Die Gespräche sind ja im Gange. Es gibt sowohl bei der CDU Ronald Pofalla, als auch unseren früheren Vorsitzenden Matthias Platzeck, die mit Russland reden, beispielsweise beim Petersburger Dialog. Das darf nicht abreißen.“

    Das komplette Interview mit Hans Wallow zum Nachhören:

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    Tags:
    Parteivorsitz, SPD