10:07 12 Dezember 2019
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    Der frühere Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (in d. M.) und Bundeskanzlerin Angela Merkel, 2007 (Archiv)

    Zum Tod des Ex-Bundeswirtschaftsministers Werner Müller: Er war eine Ausnahmeerscheinung

    © AP Photo / MARTIN MEISSNER
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    Der frühere Bundeswirtschaftsminister Werner Müller ist tot. Im Alter von 73 Jahren erlag er einem schweren Krebsleiden. Müller war Kabinettsmitglied in der ersten rot-grünen Bundesregierung von Kanzler Gerhard Schröder. In dieser Funktion war er einer der Architekten des Atomausstiegs der Bundesrepublik. Ein Nachruf.

    Immer wieder wird beklagt, dass zu wenig externer Sachverstand in den Rang eines Bundesministers gelangt. Dabei würde es dieser Republik helfen, wenn seine Geschicke ab und an nicht nur von Berufspolitikern mit mehr oder weniger enger Parteibindung gelenkt würden. Werner Müller ist ein Paradebeispiel dafür gewesen, das dieses Wehklagen einen wahren Kern haben könnte. Der Autor dieses Nachrufs hatte Gelegenheit, Werner Müller als Bundeswirtschaftsminister kennen- und schätzen zu lernen. Müller wirkte immer, als würde auch die Landung der Außerirdischen vor seiner Nase ihm nur ein Loriot-gleiches„Ach, was…“ entlocken können. Die innere Ruhe, die Müller ausstrahlte, unterschätzte allerdings niemand ungestraft als großväterliche Milde. Müller war kein Frühstücksdirektor.

    Fehleinschätzungen unterlag man meistens auch, wenn man Werner Müller nach seinem Redetempo und Tonfall beurteilte. Müllers normale Rhetorik war kein brillanter Wortwitz, der mit entsprechender Lautstärke und Geschwindigkeit unters Publikum gefeuert wurde. Das was Müller zu sagen hatte, strahlte durch die strenge Logik, die seinen Wortmeldungen innewohnte, die zugleich sparsam mit einem Schuss Ironie gewürzt wurden, was auch schon mal in Sarkasmus abgleiten konnte. Müller konnte auch ungemütlich werden. Sehr ungemütlich sogar. Beispielsweise, wenn man ihm auf die Nerven ging, weil man etwas für ihn Offensichtliches einfach nicht begreifen wollte und deshalb penetrant nachfragte. Dann blitzte sein zweites Gesicht auf, intellektueller Hochmut. Gottseidank waren diese Momente nicht die Regel.

    Müllers Parteilosigkeit verlieh ihm intellektuelle Unabhängigkeit als Politiker

    Müller verstellte sich nur selten und ausgesprochen ungern. Die Tatsache, dass Werner Müller Zeit seines Lebens sich keiner politischen Partei anschloss, verlieh ihm dafür eine Unabhängigkeit und Souveränität, um die ihn seine Kabinettskollegen mit ziemlicher Sicherheit beneideten. Vor allem, weil ihr gemeinsamer Chef, Bundeskanzler Gerhard Schröder, sich ihm gegenüber niemals jene Ruppigkeit erlaubt hätte, die er seinen anderen Kabinettsmitgliedern durchaus schon mal angedeihen ließ. Schröder schätzte und respektierte die Kompetenz und Unabhängigkeit von Werner Müller. Und er wusste besser als andere, dass selbst omnipotente Alphatiere wie er es sich gut überlegen sollten, einen unscheinbar und wie einen sanften Riesen wirkenden Hünen wie Werner Müller ohne Not herauszufordern.

    Der studierte Ökonom und Philosoph sowie promovierte Sprachwissenschaftler Wilhelm Werner Müller hatte eine relativ unspektakuläre Managerkarriere bei den Konzernen RWE und VEBA hinter sich und gerade eine Karriere als selbständiger Industrieberater begonnen, als ihn 1998 der Anruf von Gerhard Schröder erreichte. Dessen Wunschkandidat für den Posten des Wirtschaftsministers, Jost Stollmann, hatte überraschend das Handtuch geworfen, weil er sich eine Zusammenarbeit mit dem Finanzminister Oskar Lafontaine nicht vorstellen konnte. Werner Müller konnte. Denn Werner Müller mochte es, für Ziele anzutreten, die andere für unerreichbar hielten. Es forderte ihn heraus.

    Der Politiker Müller stand als ehemaliger Manager immer unter Generalverdacht

    Und er hatte das Rückgrat für Überzeugungen zu streiten und Pragmatismus vor Ideologie zu stellen. Das zeigte sich beispielsweise 2000 beim Atomausstieg, an dessen Zustandekommen er maßgeblichen Anteil hatte und für dessen konkrete Umsetzung er scharf angegriffen wurde. Von allen Seiten, weil er den einen zu forsch, den anderen zu lasch vorging. Vor allem seine vorministerielle Karriere bei der VEBA AG wurde immer wieder zum Kritik- und Angriffspunkt. Sei es die Übernahme der Ruhrgas AG durch den E.ON-Konzern, die Müller mit der so genannten Ministererlaubnis genehmigte, nachdem das Bundeskartellamt den Zusammenschluss 2002 eigentlich untersagt hatte. Die Ministergenehmigung trug die Unterschrift von Müllers Staatssekretär Alfred Tacke, weil sich der Minister für befangen erklärte. Denn E.ON war aus dem Zusammenschluss der VIAG mit Müllers altem Arbeitgeber VEBA entstanden.

    2005 kam heraus, dass Müller noch einen Grund hatte, sich für befangen zu erklären. Denn aufgrund seiner langen Tätigkeit für die VEBA waren Pensionsansprüche entstanden, die Müller vom Rechtsnachfolger E.ON bereits überwiesen bekam, als Müller schon Minister war. Rechtlich war das alles nicht angreifbar, aber es blieb ein Schatten auf dem Ansehen von Werner Müller.

    Müllers Lebensleistung war wahrscheinlich der Ruhrkohle-Umbau

    Seine wahrscheinlich bedeutendste Leistung als Manager ist der Umbau der Ruhrkohle AG zur RAG, was bis 2008 mit der Schaffung des Chemiekonzerns Evonik und der RAG-Stiftung einherging. Letztere ist die Eigentümerin von Evonik und RAG. Müllers Idee mit der RAG-Stiftung wird heute gemeinhin als der Schlüssel für eine weitgehend sozial verträgliche Beendigung des traditionellen Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet gesehen, wie die RAG-Stiftung in Reaktion auf Müllers Tod schrieb. Auch wenn Müller damals harte Kritik einstecken musste, weil er 2003 direkt aus seinem Ministeramt in den Chefsessel der Ruhrkohle AG wechselte.

    Kritik prasselte auch auf ihm nieder, als er 2005 von Rot-Grün zum Aufsichtsratschef der Bahn AG berufen wurde, obwohl die Bundestagswahl kurz bevor stand und sich die Union Hoffnungen – berechtigt, wie sich dann herausstellen sollte – auf einen Regierungswechsel machte. Dass er, der Parteilose, mal wieder zwischen die Mühlen der Parteien geraten war, störte ihn nicht wirklich.

    Müller forderte Pragmatismus in der Haltung gegenüber Russland

    Auch nicht, als er im April 2014 die gesamte Phalanx der transatlantischen Hohepriester erzürnte, als er es wagte, der zur Handelsblatt-Gruppe gehörenden „Wirtschaftswoche“ in einem Interview ungekünstelt zu erklären, wie unbesonnen und falsch er die seinerzeitige Haltung der Bundesregierung gegenüber Russland fand:

    Handelsblatt: Ein großes Thema in Deutschland ist die Position gegenüber dem Anschluss der Krim durch Russlands Präsident Wladimir Putin. Das eine Lager ist für eine harte Haltung und Wirtschaftssanktionen, das andere ist dagegen und fordert Verständnis für Putin. Wem rechnen Sie sich zu?

    Müller: Eindeutig dem zweiten Lager. Das Verstehen der jeweils anderen Seite ist die Grundvoraussetzung für einen Dialog. Ich bin davon überzeugt, dass die EU eine andere Politik gegenüber der Ukraine gemacht hätte, wenn sich die Verantwortlichen vorher überlegt hätten, was dies für Russland bedeutete.

    Handelsblatt: Was werfen Sie der EU konkret vor?

    Müller: Als normaler Bürger sage ich: Da hat ein Staat einen Großteil seiner Flotte auf der Krim stationiert und sieht Gespräche über einen EU-Beitritt der Ukraine. Und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erfolgte nach einem EU-Beitritt zumeist auch der Beitritt zur Nato. Dann bestand aus Sicht des Inhabers dieser Flotte ein gewisser Handlungsbedarf.“

    (Aus: „Werner Müller – <Ich halte nichts von Handelskriegen>“, Wirtschaftswoche, 24. April 2014)

    Mensch Müller: ausgeglichen, loyal, trockener Humor

    Die Empörung und Verachtung, die Müller aus dem Lager der Transatlantiker entgegenschlug, steckte er gelassen weg. Müller ertrug dümmliche Propaganda mit scheinbar stoischer Gelassenheit und einer immer gleichbleibenden Prise sarkastischem Humor. Das betraf auch ihn selbst. Als die Krebserkrankung ihn bereits unübersehbar gezeichnet hatte, bedankte er sich 2018 für die Auszeichnung mit dem Landesverdienstorden von Nordrhein-Westfalen mit den Worten: „Ich hoffe, dass ich ihn einige Zeit tragen kann. Auf der anderen Seite weiß ich aber auch, dass ich den Platz in absehbarer Zeit wieder freimachen kann für andere Ordensträger. Das ist leider so. Ich bin etwas heftiger erkrankt.”

    Das war understatement ganz im Stil von Werner Müller. Seine „heftige Erkrankung“ führte nun zum Tod. Sein Freund und Weggefährte, der Ex-Kanzler Gerhard Schröder, zollte ihm Respekt, indem er Müller in einer Erklärung lobte, er konnte „Menschen überzeugen und aus Kontrahenten Partner machen." Und sein ehemaliger bündnisgrüner Kabinettskollege Jürgen Trittin teilte über Twitter mit: „Mein Freund Werner Müller ist heute gestorben. Er hat viel für diese Gesellschaft getan.“ Vor allem hat Müller viel für Trittin getan, was ebenfalls ein kleines Schlaglicht auf seinen Charakter wirft.

    Denn obwohl der Grüne im Zusammenhang mit dem Atomausstieg eine echte Nervensäge für ihn darstellte, war Müller der einzige, der Trittin zur Seite sprang, als der wegen einer mehr als flapsigen Bemerkung gegenüber dem seinerzeitigen CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer von der wutentbrannten Union zum Abschuss freigegeben worden war. Trittin hatte den kahlköpfigen Meyer beschimpft, dieser habe „die Mentalität eines Skinheads und nicht nur das Aussehen“. Nicht einmal die grünen Parteifreunde Trittins konnten darüber lachen. Aber für den zum Sarkasmus neigenden Humor von Werner Müller war das ein „Treffer, versenkt!“, weshalb Müller sich als einziger vehement bei Kanzler Schröder für seinen grünen Kabinettskollegen in die Bresche warf.

    Wie so oft in seinem Leben, ohne großes Aufheben, aber dennoch äußerst effektvoll.

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    Tod, Werner Müller, Deutschland