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    Eröffnung der Grenze zwischen der DDR und BRD (Archiv)

    Club Of Rome zu Ost-Integration nach der Wende: „Das ist im Westen nicht hinreichend geschehen“

    © AP Photo / Udo Weitz
    Politik
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    Der Mauerfall vor 30 Jahren ist ein großes Glück für Deutschland gewesen, aber es sind von Anfang an einige Fehler gemacht worden. Die Wiedervereinigung fand politisch statt, aber wirtschaftlich eben zu wenig. Diese Meinung äußerte Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Ehrenpräsident des Club of Rome, gegenüber Sputnik.

    Für Deutschland sei es zunächst ein wunderschönes nationales Ereignis gewesen, es habe die deutsche Identität irgendwie neu formuliert. Es hätte außerdem das Land fester in die Europäische Union eingebunden, unterstrich der Wissenschaftler. „Wir waren auch sehr glücklich darüber, dass kurz danach fast alle anderen osteuropäischen Länder in die EU eingetreten sind, so dass man nicht mehr von einer deutschen Einigung, sondern einer europäischen Einigung sprechen konnte.“

    Allerdings sei in Bezug auf die Entwicklung Osteuropas nicht alles richtig gemacht worden, meint von Weizsäcker.

    „Es war die Zeit, als ein neoliberaler Zeitgeist unter der Devise des österreichischen Ökonomen, des Autors der Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung des Kapitalismus, Joseph Schumpeter, ‚schöpferische Zerstörung‘ praktiziert hat, wie man das damals nannte. Das heißt, dass sehr viel von der Infrastruktur in Osteuropa, übrigens auch in der Sowjetunion, zerstört worden ist. Und das ist ein Grund dafür, dass wir heute die Visegrád-Kombination haben, die es für die EU sehr schwierig macht, sich vernünftig zu verhalten“, sagt der Professor, der zu den Pionieren des nachhaltigen Wirtschaftens zählt.

    Laut Weizsäcker war die Begeisterung in der früheren DDR von Anfang an sehr groß, aber nachdem die Industrie in Ostdeutschland kollabiert war, gab es eine riesige Wanderung von vielen Millionen aus den nun „neuen Bundesländern“ nach Westen, zum Teil auch außerhalb Deutschlands. Die zu schnelle Einbeziehung der ostdeutschen Währung in die D-Mark habe dazu geführt, dass die ostdeutsche Industrie alle ihre Kunden in Osteuropa verloren habe. Dadurch sei eine riesige Arbeitslosigkeit in auf dem Gebietentstanden.

    „In Ostdeutschland sind hauptsächlich Leute geblieben, die zur sozial schwächeren Bevölkerung gehört haben, und das ist heute das Wählerpotenzial für die AfD-Partei. Man hat den nationalen Kräften zu viel Raum gelassen, insbesondere von 2015 an, als die Zahl von Flüchtlingen sprunghaft angestiegen ist. Das hat ja auch für Osteuropa ein ganz großes Problem gemacht, während in Westeuropa, wo wir einen permanenten Wechsel von Sprachen und Immigranten gehabt haben, das kein großes Problem war“, so von Weizsäcker.

    Die Wiedervereinigung habe sich gesetzlich, also juristisch und politisch, eindeutig stattgefunden, betont er. Aber wirtschaftlich eben zu wenig, weil man den Übergang aus der teilweise exzellenten DDR-Industrie in die neue westliche Industrie zu kurzfristig stattfinden lassen habe. „Dadurch haben wir auch heute zwei verschiedene Staatszonen: Westdeutschland und Ostdeutschland, und das ist ein Trauerspiel.“

    Die Veränderung der deutsch-russischen Beziehungen in den vergangenen 30 Jahren von Euphorie zu gegenseitigen Sanktionen erklärte der namhafte Experte dadurch, dass die Nato eine Erweiterung nach Osten vorgenommen habe, was für Russland „verständlicherweise bedenklich und bedrohlich“ geworden sei. In Russland habe eine große Skepsis gegenüber der westlichen Demokratie, den westlichen Gewohnheiten und vor allem den westlichen Militärs entstanden, merkte er an.

    „Westliche Journalisten schieben das alles auf die Person Putin. Das halte ich für ungerecht. Der Westen hätte selber korrigieren müssen und klar machen, dass er keinerlei Absichten hat, Russland zu gefährden. Leider ist das im Westen einschließlich Deutschland nicht hinreichend geschehen. Ich trete sehr eindeutig dafür ein, dass man zwischen Deutschland bzw. der EU und Russland wieder freundschaftliche, friedensbetonte Beziehungen aufbaut“.

    Professor Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, studierter Physiker und Professor der Biologie, der sich für eine nachhaltige Wirtschaft einsetzt, ist seit 2018 Ehrenpräsident des Club of Rome, eines Vereins von Experten unterschiedlicher Fachrichtungen aus etwa 30 Ländern. Im seinem Bericht „Wir sind dran“ fordert von Weizsäcker eine neue Denkweise für die nachhaltige Entwicklung der Welt.

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    Tags:
    30 Jahre Mauerfall, Mauerfall-Jahrestag, Folgen, Wiedervereinigung, DDR