01:44 18 November 2019
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    Potsdamer Konferenz der Staatschefs von den drei Großmächten der Anti-Hitler-Koalition

    Ist eine neue Potsdamer Konferenz möglich? – Experten klären auf

    © Sputnik / Ewgenij Chaldej
    Politik
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    Erst nach einem Krieg, meinte der Generaldirektor des Zentrums für politische Information Alexej Muchin scherzhaft auf eine diesbezügliche Sputnik-Frage. Im Ernst gesagt, äußerte Politologe Alexej Martynow, würde er ein neues Potsdam beziehungsweise Jalta begrüßen – allerdings ohne globale Erschütterungen und Weltkriege.

    Bei einer Diskussionsrunde in der Nachrichtenagentur „Rossiya Segodnya“ ging es um die beunruhigenden Gegebenheiten der heutigen Welt und Russlands Rolle 74 Jahre nach der Potsdamer Konferenz der Staatschefs von den drei Großmächten der Anti-Hitler-Koalition, die am 17. Juli 1945 startete und die Weltordnung der Nachkriegszeit festlegte. Laut Alexej Muchin ist es übereilt, eine ähnliche Konferenz zu veranstalten, die Europa und die Welt von Kriegen und Erschütterungen erlösen soll, „da die jetzigen Verhältnisse für Russland noch ungünstig sind. Die Potsdamer Konferenz fand erst statt, nachdem klar geworden war, wer was wert ist. Jetzt hätte man Russlands Rechte stark geschmälert, wenn es vorschlagen würde, eine Art neues Weltmodell zu erarbeiten.“

    Gerade deshalb tritt jetzt die russische Staatsführung für die Aufrechterhaltung der UN-Institutionen ein, so der Politologe, „die zu den zentralen Errungenschaften der Potsdamer Konferenz zählen, im Gegensatz zu dem Faustrecht, das der Westen durchzusetzen sucht. Letzteres ist ein illegales politisches Werkzeug. Dagegen schafft die Uno die gleichen Bedingungen für unterschiedlichste Länder und verhindert ein Missverhältnis zugunsten der Länder mit stark ausgeprägter militärischer Macht“.

    Auch der Experte vom Russischen Institut für strategische Studien Wladimir Jewsejew ist der Meinung, dass in einer Zeit, in der die Welt schon aufgehört habe, unipolar zu sein, aber die multipolare Welt sich noch nicht etabliert habe, kein neues Potsdam stattfinden könne. Es sei einfach sinnlos. „Haben sich aber erst um 2025 bis 2030 neue Machtzentren gebildet, wird man darüber reden können.“

    Inzwischen besitzen die USA das Monopol im Finanzbereich, so der Experte. „Aber mit der Entstehung einer Alternative zu ihnen auf diesem Gebiet werden auch die Voraussetzungen für die Gestaltung einer multipolaren Welt geschaffen sein, sodass eine neue Potsdamer Konferenz infrage kommen kann. Allerdings wird die Zusammensetzung ihrer Teilnehmer anders aussehen. Es werden dort neue Akteure erscheinen, die 1945 noch nicht da waren. Denn die Welt ist bereits eine andere geworden. In dieser neuen Welt braucht man neue Akteure, die bei dieser Konferenz auch mitzureden haben. Dazu bedarf es natürlich keines Krieges, obwohl die Wahrscheinlichkeit regionaler Kriege in der Zwischenzeit fortbesteht.“

    Andrej Sidorow, Politologe von der Moskauer Lomonossow-Universität, verwies darauf, dass „wir jetzt die Welt der Nationalstaaten sehr schnell hinter uns lassen, an die wir uns während der fünf Jahrhunderte seit dem Westfälischen Frieden gewöhnt haben. Das kommende Weltsystem wird sich aus regionalen Blöcken zusammensetzen. Gemeint sind Großmächte mit dem jeweiligen Umfeld, in Europa sind es Deutschland und Frankreich (das Heilige Römische Reich der deutschen Nation). Wir sind bemüht, unsere eigene Zone abzustecken, so auch China. Die USA werden ihre Dominanz in der westlichen Halbkugel wiederherstellen wollen“.

    Dabei werden gerade die Regionalmächte den Aufbau der neuen Weltordnung prägen, meint der Experte weiter. „Als Auslöser dieses Aufbaus kann eine globale Wirtschaftskrise fungieren, die zurzeit für die Jahre 2021–24 vorausgesagt wird. Zu Jalta und Potsdam ist es ja lange nach der Konferenz von Bretton-Woods gekommen. Zunächst wurde die wirtschaftliche Grundlage für diese Nachkriegszeitordnung geschaffen. Darauf wurden dann die politischen Institute aufgelagert. Es ist durchaus möglich, dass wir dies wiederholen.“

    Wladimir Jewsejew wies darauf hin, dass Russland in Syrien ein neues Modell für die Beilegung bewaffneter Konflikte vorgeschlagen hat. „Es hat demonstriert, wie man in einer Koalition mit sehr schwierigen Partnern zusammenarbeiten und gewisse Erfolge erzielen kann. Im Hinblick darauf wird die Türkei von dem verstärkten Sanktionsdruck, dem sie gegenwärtig von der EU wie von den USA ausgesetzt ist, gezwungen, ihre Zusammenarbeit mit Russland zu vertiefen. Das fördert wiederum die Entstehung eines neuen Kräfteverhältnisses im Nahen und Mittleren Osten.“

    Dieser Mechanismus lässt sich an verschiedenen Orten einsetzen, ist sich der Experte sicher, etwa in Afghanistan unter Berücksichtigung seiner Besonderheiten. „Russland handelt im Bündnis mit verschiedenen Kräften, während der Westen sich dazu unfähig gezeigt hat, weil er immer und überall dominieren will. Russland bietet an, was der Westen im Rahmen seiner herkömmlichen Klischees nicht kann, wenngleich Russland heute das einstige Potenzial der Sowjetunion fehlt.“

    Des Weiteren hob Andrej Sidorow hervor, dass die neue Weltordnung nach Potsdam, kaum gestaltet, gleich auseinanderzubrechen begann. „Es kam zum Kalten Krieg, die ehemaligen Alliierten bekämpften einander. US-Präsident Truman passte damals die Weltordnung für sich an, indem er Amerikas Vorsprung bei der Entwicklung von Kernwaffen ausnutzte. Trotzdem gelang es der Sowjetunion, in einem harten Kampf ihre eigenen Interessen zu schützen, und ihre Diplomatie gab den militärischen Sieg im Zweiten Weltkrieg nicht preis.“

    Inzwischen beginne sich in der Welt wieder eine neue Ordnung herauszubilden, führt der Experte aus. „Diejenige, die nach der Potsdamer Konferenz entstanden war, ist in den frühen 90er Jahren zusammengebrochen, wobei sich eine unipolare Welt entwickelte, die sogenannte Pax Americana, in der die USA die dominierende Macht darstellen, die ihre eigenen Regeln zu diktieren sucht.“

    Mit dem Zerfall der UdSSR im Jahre 1991 ist laut Alexej Martynow auch die Schlussakte von Helsinki über die Unverletzlichkeit der Grenzen in Europa gescheitert. „Sie legte nämlich die Grenzen der UdSSR fest. Hatten davor die sozialistischen Länder die Pufferzone zwischen dem Westen und der Sowjetunion dargestellt, waren es nunmehr die ehemaligen sowjetischen Teilrepubliken, also der postsowjetische Raum. Auf diese Weise haben die Vereinigten Staaten diese Pufferzone weiter bis hin zu Moskau verschoben. In diesem Raum werden nun auch Nato-Militärstützpunkte eingerichtet.“

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    Tags:
    Westen, Russland, Weltordnung