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01:40 21 August 2019
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    Bau der Pipeline Nord Stream 2

    Nord Stream 2: US-Informationsdienst Stratfor erwägt drei Entwicklungsszenarien

    © Sputnik / Ilja Pitalew
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    Das Ringen um Europas Energie – Alles Wichtige zu Nord Stream 2 (38)
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    Der Kampf um den Gasmarkt Europas hat sich allmählich zum wichtigsten Spannungselement zwischen den USA und Russland entwickelt. Vorläufiger Höhepunkt ist die Drohung Washingtons, drastische Wirtschaftssanktionen gegen alle Teilnehmer des Nord Stream 2-Projekts einzuführen. Der US-Think-Tank Stratfor präsentiert nun seine Einschätzung der Lage.

    Die US-Drohung, drastische Wirtschaftssanktionen gegen alle Teilnehmer des Pipeline-Projekts zu verhängen, sollte dabei nicht auf die leichte Schulter genommen werden, denn sie kam von den höchsten US-Stellen.

    Anfang Mai deutete erst US-Energieminister Rick Perry diese Schritte an; am 12. Juni sprach US-Präsident Donald Trump sogar persönlich ganz unverblümt davon.

    Allerdings haben die USA bislang ihre Drohung nicht wahrgemacht, und wie der US-amerikanische Informationsdienst Stratfor meint, werden sie dies auch kaum tun. Der Grund ist einfach – Washington will die ohnehin schlechten Beziehungen zu Deutschland nicht noch weiter verderben, denn Berlins Unterstützung für die USA ist bei vielen wichtigen internationalen Angelegenheiten wichtig, so die Einschätzung der Amerikaner.

    Dasselbe gelte für die westlichen Unternehmen, die Milliarden in Nord Stream 2 investierten und die Hälfte der Finanzierung des Projektes sichern. Das Weiße Haus werde daher wohl versuchen, den Bau der Pipeline „nur“ zu verzögern sowie die Suche der Europäer nach alternativen Gaslieferanten maximal zu intensivieren, wie etwa über die Gaspipeline des sogenannten Südlichen Gaskorridors.

    Berlin hält an Nord Stream 2 fest

    Dennoch werde Deutschland auf Nord Stream 2 nicht verzichten. Die Pipeline, mit der Deutschland jedes Jahr 55 Milliarden Kubikmeter russisches Gas bekommen wird, würde Berlin ermöglichen, auf Kohle und Atomenergie allmählich zu verzichten. Zudem werden dadurch die Gaslieferungen aus Russland abgesichert, die durch die schwierigen Beziehungen Moskaus zu den Nachbarn, vor allem der Ukraine, bedroht sind.

    Die Situation um Nord Stream 2 erinnert bereits an die Situation mit dem Erwerb der russischen S-400-Raketen durch die Türkei. Berlins Unterstützung für das Projekt löste bereits akute Unzufriedenheit nicht nur in Washington, sondern auch in Brüssel sowie in den osteuropäischen Ländern aus. Pragmatismus behielt jedoch die Oberhand gegenüber geopolitischen Ängsten – auch dank der beharrlichen Haltung Angela Merkels, so der US-Think Tank. Sie habe sich insofern gegen ihre Opponenten durchgesetzt, als das sie dazu aufrief, Wirtschaft und Politik nicht zu vermischen.

    Nun ist der Bau schon sehr weit vorangeschritten. Nach dem Plan soll das russische Gas über die neue Pipeline bereits Ende dieses Jahres nach Deutschland fließen. Natürlich ist noch eine Verschiebung möglich, die mit der Verzögerung der Ausstellung einer Genehmigung für die Verlegung der Rohre durch Dänemark in seiner ausschließlichen Zone verbunden ist. Das hängt wohl mit dem Druck der USA zusammen. Dennoch würde eine Verzögerung nicht lange dauern und die Inbetriebnahme der Pipeline, die um Dänemarks ausschließliche Wirtschaftszone verlegt werden muss, einige Wochen später erfolgen wird.

    Drei Szenarien möglich

    Stratfor-Analysten sehen drei mögliche Szenarien der weiteren Entwicklung. Laut dem ersten Szenario werden die USA bis zum Jahresende wie angekündigt harte Wirtschaftssanktionen in vollem Ausmaß verhängen. Diese Variante könnte den Bau selbst in dieser fortgeschrittenen Etappe stoppen. In einem solchen Fall würde sich die Konfrontation zwischen Moskau und dem Westen, in erster Linie natürlich Washington, verschärfen.

    Darüber hinaus würde der Baustopp aber auch die Beziehungen zwischen den USA und Deutschland verderben. Ein weiterer Nachteil dieses Szenarios ist, dass Berlin und Moskau ihrerseits eigene Sanktionen gegen die USA verhängen könnten.

    Laut einer zweiten Version verzichten die USA auf Sanktionen. Im Ergebnis wird der Bau fristgemäß abgeschlossen, und bereits Ende 2019 wird über Nord Stream 2 Gas nach Deutschland fließen. Ein so glattes Szenario erscheint aber ebenfalls wenig wahrscheinlich.

    Das dritte Szenario ist eine Kombination der ersten beiden. Demnach wird Washington beschränkte Sanktionen einführen, die den Bau zwar verzögern, jedoch nicht ganz stoppen würden. Angesichts der Tatsache, dass diese Variante den Amerikanern ermöglichen würde, die Beziehungen zu Deutschland aufrechtzuerhalten und Zugeständnisse von Russland zu fordern, erscheint sie als am wahrscheinlichsten.

    Im Sinne der „allgemeinen Sanktionspolitik“

    Zu dieser Schlussfolgerung bewegt auch die allgemeine Sanktionspolitik des Weißen Hauses gegenüber Moskau, so Stratfor. Die Amerikaner sprechen zwar viel über tatsächlich sehr harte Wirtschaftssanktionen gegen Russland, doch verhängen sie nicht. Man muss sich da an die Geschichte mit dem russischen Unternehmen Rusal erinnern, gegen das die US-Sanktionen im Dezember 2018 aufgehoben wurden, weil sie äußerst negativ die Situation auf dem globalen Aluminium-Markt beeinflussten.

    Es gibt sogar eine Theorie, der zufolge die USA nie vorhatten, Sanktionen gegen Nord Stream 2 zu verhängen; sie drohten lediglich mit ihrer Einführung, um ausländischen Investoren künftige russische Energieprojekte auszureden.

    Der Bau der Nord-Stream-2-Pipeline würde wohl weitergehen, obwohl die Pipeline zum Jahresende kaum in Betrieb genommen werde. In der verbliebenen Zeit bis zur Inbetriebnahme werden die USA doppelt so stark die europäischen Positionen Russlands im Energiebereich dadurch unter Druck setzen, indem für die Europäer nach alternativen Lieferanten gesucht wird und die eigenen Gaslieferungen nach Europa ausgebaut werden.

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    Das Ringen um Europas Energie – Alles Wichtige zu Nord Stream 2 (38)
    Tags:
    Bau, Nord Stream-2, Sanktionen, Europa, USA, Russland