02:12 23 November 2019
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    Soldaten des Asow-Bataillons bei der Vereidigung in Kiew (Archivbild)

    Geheime Foltergefängnisse in der Ukraine: Wie Gefangene aus der “Bibliothek” entkamen – Teil 2

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    Politik
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    Sputnik präsentiert eine Serie von Berichten über ein Geheimgefängnis des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU und des „Asow“-Bataillons am Flughafen Mariupol. Zur Verfügung steht ein Dokument des ukrainischen Geheimdienstes SBU, das zeigt, dass das Gefängnis mindestens bis Ende 2018 betrieben wurde.

    Außerdem gab es einen regen „Gefangenen-Handel“ – 2000 bis 3000 Dollar kostete es, um Gefangene freizukaufen.

    Der Reno-Fall

    Neben den Aussagen des ehemaligen SBU-Obersts Wassili Prosorow (darüber lesen Sie in dem ersten Artikel zum Thema) gibt es auch andere Beweise der Existenz des geheimen Gefängnisses am Flughafen Mariupol sowie Beweise für Versuche des ukrainischen Geheimdienstes SBU, dies zu vertuschen. Zum Beispiel ein SBU-Dokument, das zufällig in die Hände der Behörden der Volksrepublik Donezk geriet. Demnach existierte das Gefängnis noch bis November 2018.

    Anfang dieses Jahres wurde Juri Auschew zu einer Art Whistleblower. Er war Mitarbeiter des Militärkommissariats von Mariupol und stellvertretender Leiter einer geheimen Einheit des Donezker Bezirks-Militärkommissariats der ukrainischen Streitkräfte. Aus Enttäuschung quittierte er seinen Dienst beim SBU und kehrte in seine Heimatstadt Donezk zurück.

    Im Militärkommissariat von Mariupol war er unter anderem für die innere Sicherheit zuständig, weshalb er auf Computern eine spezielle Software installierte, die alle Operationen registriert.

    Zunächst brauchte er diese Informationen berufsmäßig, doch als er beschloss, nach Donezk zurückzukehren, rechnete er damit, dass er mit diesem „Gepäck“ freundschaftlicher empfangen wird.

    Den Behörden der Volksrepublik Donezk stehen nun Tausende Dokumente über die Machenschaften des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes zur Verfügung.

    Auschew wurde im Militärkommissariat vom Offizier der militärischen Gegenaufklärung des SBU Oberstleutnant Sergej Stezenko betreut. Gegen alle Dienstvorschriften verstoßend, arbeitete er im Kommissariat ohne sich um Geheimhaltung zu kümmern.

    Dienstausweis vom Offizier der militärischen Gegenaufklärung des SBU Oberstleutnant Sergej Stezenko
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    Dienstausweis vom Offizier der militärischen Gegenaufklärung des SBU Oberstleutnant Sergej Stezenko

    In Auschews Hände gerieten Dokumente, die keine Verbindung mit dem Militärkommissariat haben, darunter ein Bericht über Kontakte mit „Agent Reno“ – ein ukrainischer Militär, der Stezenko über die Stimmung in der ukrainischen Armee berichtete.

    An Reno wandte sich Ljudmila Momot mit der Bitte, das Schicksal ihres Sohns Igor (geb. 1990) aufzuklären, der seit dem 3. Oktober 2018 als vermisst galt.

    Ljudmila erzählte Reno, dass sie eine Woche nach dem Verschwinden ihres Sohnes von einem Unbekannten angerufen worden sei, der gesagt habe, ihr Sohn befinde sich am Flughafen, doch er könne gegen 3000 Dollar freigelassen werden.

    Die Rentnerin besaß diese Summe nicht und bat Reno um Hilfe, weil er ein „hochrangiger Militär“ ist.

    Stezenko versprach, die Situation zu klären, und befahl: „Um die Informationsleaks über den Aufenthaltsort der Gefangenen in der Isolationsstelle in der angegebenen Einrichtung zu verhindern, sollte Reno L. Momot über die Nichtexistenz der Gefängnisse am Flughafen informieren“.

    Taxifahrer-Agent

    Aus dieser Hölle namens „Flughafen Mariupol“ konnten Gefangene freigekauft werden. Anscheinend handelte es sich dabei um „zufällige“ Gefangene. Ein Sankt-Georgs-Band (russisch transkribiert georgijewskaja lentotschka, ein wichtiges Zeichen der Erinnerung an den Sieg im Deutsch-Sowjetischen Krieg, Anm. d. Red.)  oder ein angeblich verdächtiges Fotos im Handy reichten aus, um ins Gefängnis gesteckt zu werden. Vertreter der Volksrepublik Donezk und Aufständische wurden gefoltert, gegen sie wurden Strafverfahren eingeleitet – da half selbst ein Lösegeld von 2000 bzw. 3000 Dollar nicht mehr.

    Der Afghanistan-Veteran Pawel Karakossow aus Mariupol arbeitete im Sommer 2014 als Taxifahrer und versorgte die Behörden der Volksrepublik Donezk mit Aufklärungsinformationen. Im Juli fuhr er zum Flughafen, um einen Gefangenen, der gegen Lösegeld freigelassen wurde, abzuholen.

    „In der Stadt kursierten bereits Gerüchte. Man sagte so etwas wie – ‘Das ist kein Gespräch fürs Telefon – Was, willst' du in den Flughafen?‘“, so Karakossow.

    Wenn jemand die Freilassung eines Gefangenen veranlassen wollte, musste Geld auf den Tisch gelegt werden. Die Preisverhandlungen führten Beamte der Stadtverwaltung von Mariupol,  das Lösegeld wurde noch vor der Reise übergeben. Der Afghanistan-Veteran Karakossow kennt mehrere solche Fälle.

    Pawel Karakossow
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    Pawel Karakossow

    Karakossow erinnert sich gut an einen solchen Tag: „Mit uns waren ein Verwandter und ein Mann, der verhandelte. Er machte einen Anruf, sagte, welches Auto durchgelassen werden darf. Der Gefangene wurde aus dem Flughafengebäude zum Auto gebracht. Er war etwa 35 bis 40 Jahre alt, mit sichtbaren Spuren von Schlägen. Soweit ich verstanden habe, befand er sich dort drei Tage. Er konnte nichts sagen, wollte aber auch nicht.“

    Ein anderer Klient, ebenso Taxifahrer ist deutlich auskunftsfreudiger. Er erzählte, wie er vor kurzem in die Region Saporoschje fuhr, um einen neuen Pass abzuholen. Auf dem Rückweg sei an einem Kontrollposten der Verdacht geäußert worden, der Pass sei gefälscht und gehöre einem russischen Diversanten. Der Rentner sei zum Flughafen gebracht und mehrere Tage lang verprügelt worden, wobei ein Geständnis gefordert worden sei. Als sich die Folterknechte vergewissert hätten, dass er nicht lüge, sei er freigelassen worden. „Es wurden 2000 Dollar abgeknüpft, die er mit hatte, doch der Mann war trotzdem glücklich – er wurde lebendig freigelassen!“, erinnert sich Karakossow. Kurze Zeit später wurde er selbst Gefangener im Flughafen.

    Karakossow wurde via Mobilfunk gefunden

    Im Unterschied zu seinen Kunden war Karakossow kein zufälliges Opfer der „Asow“-Kämpfer und SBU. Als aktiver Anhänger der Volksrepublik Donezk und einer der Organisatoren des Referendums vom 11. Mai war er schon lange im Visier der ukrainischen Sicherheitsdienste.

    Das geheime Gefängnis in Mariupol (Foto vom ehemaligen SBU-Offizier Wassili Prosorow)
    Das geheime Gefängnis in Mariupol (Foto vom ehemaligen SBU-Offizier Wassili Prosorow)

    Er wurde durch „Asow“-Kämpfer am 11. August in einer Werkstatt festgenommen, wo er sein Auto reparieren lassen wollte. Er denkt, dass er via Mobilfunknetz ausfindig gemacht wurde. Das stimmt auch mit den Berichten Prosorows überein, dass der SBU sehr viele Informationen durch das Abhören von Handy-Gesprächen bekam.

    Pawel Karakossow bestätigt die Erzählungen Prosorows.

    Karakossow verbrachte sieben Tage im Gefängnis am Flughafen – in den Kühlkammern, die Prosorow erwähnt hatte.

    „Ich wurde in den Flughafen gebracht, vor den Eingang geworfen, es wurde geschrien – ‚das ist ein Separatist‘. 15 Menschen begannen, mich zu verprügeln. Danach wurde ich in den Keller, in den Kühlraum geworfen – etwa 3x5 Meter groß, ohne Luftzufuhr, hermetisch verriegelt. Gott sei Dank funktionierte die Kühlkammer nicht, es gab dort keine Kälte. Sie war mit Aluminiumplatten versehen. Da befand sich noch ein Gefangener, stark verprügelt. Er konnte nicht sprechen, das Gesicht war wegen der Schläge stark geschwollen, Augen wie Schlitze“, erzählt Karakossow.

    Danach erfuhr er die ganze Bandbreite der Foltermaßnahmen seitens der Sicherheitsdienste.

    „Es war wie die amerikanische Praxis in Guantanamo. Der Mensch wurde mit dem Gesicht nach oben auf den Boden gelegt, ein Lappen aufs Gesicht, es wurde mit Wasser begossen. Das Gefühl ist, als ob man dich ertränkt. Ich hatte während der Foltern einen kleinen Gehirnschlag… Als ob  Millionen Nägel in den Kopf gesteckt wurden“.

    Eine weitere Foltermaßnahme – „Schere“. Zwei parallele Schienen, die Hände wurden auf eine Schiene gelegt und mit einer anderen von oben gedrückt, so wurden die Finger zerquetscht.

    „Oder eine Nadel unter die Fußnägel. Man hatte das Gefühl, als ob die Adern durch den ganzen Körper herausgezogen werden. Ja, ich habe das erlebt. Trennschleifer an den Beinen – übliche Praxis“. Er zeigt eine Narbe auf dem Bein – das Bein wurde nicht abgeschnitten, er wurde nur eingeschüchtert.

    Die „Asow“-Kämpfer verlangten von Karakossow die Namen und Kontakte anderer Einwohner von Mariupol, die mit der Organisation des Volksentscheids und mit der Volksrepublik Donezk generell verbunden waren. Alle Angaben, die aus Gefangenen buchstäblich „herausgeprügelt“ wurden, wurden an den SBU weitergeleitet, für den das „Asow“-Bataillon im Grunde die ganze schmutzige Arbeit leistete.

    „Der SBU agierte immerhin im Rechtsfeld. Aber dem Bataillon ‚Asow‘ wurde erlaubt, alles zu tun, was seine Mitglieder nur wollten. Der SBU konnte jederzeit sagen: ‚Das sind nicht wir. Das sind die ‚Asow‘-Kämpfer, die uns gar nicht unterstellt sind“, sinnierte Karakossow.

    Auch nach seiner Auffassung wurden am Flughafen viele Gefangene beerdigt, die die Foltern nicht überlebt hatten. Leichen seien in den Straßen von Mariupol aufgefunden worden, und es galt, dass sie „nicht identifiziert werden konnten“. „Sie wurden beispielsweise einfach unterwegs aus Fahrzeugen herausgeworfen. Sehr viele Menschen verschwanden in der Stadt. Dort roch es quasi nach Tod. Das war ja der Leichengestank. Ich glaube, dass man unweit vom Flughafen Massengräber findet, wenn man danach sucht“, so Karakossow.

    Er wurde etwa eine Woche lang gefoltert und endlich dem SBU überlassen. Dann wurde ein entsprechendes Festnahmeprotokoll ausgefertigt, und er selbst wurde in ein Untersuchungsgefängnis in Kamensk (Vorort von Mariupol) überführt. Sein Zustand war so schlimm, dass man ihn zunächst nicht übernehmen wollte – aus Angst, dass er sterben würde.

    „Der Arzt fragte mich: ‚Was fehlt Ihnen?‘ Ich machte einfach mein Hemd auf“, erinnerte sich Karakossow. Im Dezember 2014 wurde er aber ausgetauscht.

    Menschenrechtlerin: „Das Gefängnis und Massengräber könnte es immer noch geben“

    Die Menschenrechtsbeauftragte in der Volksrepublik Donezk, Darja Morosowa, die sich mit dem Gefangenenaustausch befasst, vermutet ebenfalls, dass das Gefängnis am Flughafen von Mariupol immer noch funktionieren könnte.

    „Selbst von Menschen, die 2018 und 2019 gefasst wurden, bekommen wir Informationen (über den Flughafen). In Mariupol wurden Menschen grausam gefoltert – zusammengeschlagen, erstickt. Die schrecklichsten Methoden zum psychischen Druck und zur rein physischen Unterdrückung wurden gerade in Mariupol angewendet“, sagte Morosowa gegenüber RIA Novosti.

    Die Menschenrechtsbeauftragte in der Volksrepublik Donezk, Darja Morosowa
    Die Menschenrechtsbeauftragte in der Volksrepublik Donezk, Darja Morosowa

    Nach ihren Worten könnten sich dort durchaus geheime Massengräber befinden.

    „Ich will zwar die Farben nicht allzu dick auftragen, aber da ich mich mit diesem Thema seit 2014 beschäftige, weiß ich, wie viele Videos es auf YouTube gab, auf denen Festnahmen von Menschen zu sehen waren, die auch im ukrainischen Fernsehen gezeigt wurden. Und wo sich all diese Menschen befinden, ist unbekannt“, so die Menschenrechtlerin. „Viele von ihnen können wir schon seit fünf Jahren nicht finden. Es gibt also allen Grund, zu vermuten, dass sie eben an solche Orte gebracht wurden.“

    Morosowa zufolge werden in der Volksrepublik Donezk 249 Personen vermisst, zu denen es „genaue Informationen“ gebe, „dass sie auf dem Territorium der Ukraine festgenommen wurden“. Von der ukrainischen Seite seien nur Informationen zu 101 von diesen Menschen erhalten worden. Das Schicksal aller anderen sei unbekannt.

     Das geheime Gefängnis in Mariupol (Foto vom ehemaligen SBU-Offizier Wassili Prosorow)
    Das geheime Gefängnis in Mariupol (Foto vom ehemaligen SBU-Offizier Wassili Prosorow)

    „Ich kann also nicht ausschließen, dass sich in der Umgebung solcher Orte immer neue Massengräber finden werden“, unterstrich Morosowa.

    Nicht nur am Flughafen

    „Ich bin sicher, dass es nicht nur einen solchen Ort gab bzw. gibt. Wir werden bald bestimmt von anderen solchen Orten in Mariupol erfahren“, so die Menschenrechtlerin weiter. „Im vorigen Jahr wurde beispielsweise eine junge Frau gefasst, die vom SBU nach Berdjansk überführt wurde. Einen Monat lang wussten wir nicht, wo sie sich befand. Und dann stellte sich heraus, dass dort ein illegales SBU-Gefängnis lag. Einen Monat lang wurde sie zusammengeschlagen und gefoltert. Das war eine junge Frau. Alles, was ihr gegenüber angewandt werden konnte, wurde angewandt. Man ließ sie unter anderem hungern.“ 

    An der Küste des Asowschen Meeres gebe es viele verlassene Touristenlager, betonte Morosowa. „Dort hatten alle – ‚Asow‘, ‚Aidar‘, ‚Tornado‘, ‚Donbass‘ – ihre Stützpunkte. Und jedes von diesen Bataillonen hatte sein eigenes Gefängnis, wo Menschen gefoltert wurden.“

    Nach dem Auftritt von Wassili Prosorow wandte sich die Menschenrechtsbeauftragte der Volksrepublik Donezk an die OSZE und die UN-Beobachtermission für Menschenrechte mit der Bitte, die von Prosorow geschilderten Informationen zu überprüfen. Zugleich rief sie auch die Ex-Häftlinge auf, sich an internationale Organisationen zu wenden, damit ihre Aussagen registriert werden.

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    Tags:
    Menschenrechtsverletzungen, Donbass, Mariupol, Gefängnis, Ukraine