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    Reizen, aufreiben, totrüsten: Kann Washingtons Russland-Strategie funktionieren?

    © Foto: Michigan National Guard/Spc. Brian Pearson
    Politik
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    Amerika provoziert, Russland muss reagieren und geht an den Reaktionskosten zugrunde – so lässt sich die Strategie, die eine regierungsnahe Denkfabrik aus den Vereinigten Staaten ausgearbeitet hat, auf den Punkt bringen. Doch ist das wirklich so einfach? Ein Analyst prüft, ob das Kalkül aufgehen kann.

    Den Gegner überlasten und überfordern – darum geht es im Kern der Strategie, die die RAND Corporation im April in einem Bericht vorgestellt hat. Die kalifornische Denkfabrik ist ein langjähriger Partner von US-Regierungsbehörden, unter anderem des Pentagons.

    Die Berichtsautoren wägen ab, welche Maßnahmen die US-Regierung ergreifen könnte, um Russland zu einer Kursänderung zu zwingen. Wie hoch wären dabei die Risiken, wie groß wäre der Nutzen für die USA?

    Die Strategie beschränkt sich nicht auf das Militär. Auch Wirtschaft und Kommunikation erfüllen ihre Funktion in diesem Masterplan. Doch hier werden nur die Manöver analysiert, die die USA im Militärbereich vornehmen könnten, um Russland zu reizen und letztendlich – so der Plan – zu zermürben.

    Maßnahmen im Luft- und Weltraum stehen bei den RAND-Experten an erster Stelle. Als besonders wirkungsvoll betrachten sie eine Verlegung von strategischen Bombern der US Air Force näher an die Hochwertziele auf russischem Gebiet. Den damit verbundenen Aufwand und die Risiken schätzen die RAND-Analysten als relativ gering ein – solange die amerikanischen Bomber außerhalb der Reichweite russischer Lenkwaffen stationiert seien.

    Tatsächlich verlegt Washington bereits Großbomber nach Europa. Die riesigen Maschinen fliegen regelmäßig entlang der russischen Grenze. Allein im vergangenen März hat die US-Luftwaffe sechs B-52H „Stratofortress“ auf einer Basis in Großbritannien stationiert.

    „Wenn die USA den INF-Vertrag endgültig beerdigen, werden amerikanische Waffensysteme und Stützpunkte in Europa zwangsläufig zu potenziellen Zielen für russische bodengestützte Raketen – egal, in welchem europäischen Land die Waffen und Basen sich befinden. Ich meine vor allem russische Hyperschallraketen“, erklärt Militäranalyst Alexej Leonkow.

    Das heißt, auch die nach Europa verlegten Bomber der US Air Force würden im Konfliktfall sofort, noch am Boden vernichtet werden. „Das gilt auch für das verstärkte Kontingent der Bodentruppen“, mahnt der Experte.

    Allerdings setzt die RAND Corporation in ihrer Strategie nicht nur auf derzeit verfügbare strategische Flugzeuge. Die Denkfabrik schlägt den Entscheidern in Washington vor, verstärkt in die Entwicklung neuer Tarnkappenbomber und autonomer Fluggeräte zu investieren. Das, so die US-Experten, würde Moskau garantiert dazu treiben, mehr Geld für den Bau vergleichbarer Waffen- und Abwehrsysteme auszugeben.

    Der amerikanische Think Tank hält es auch für zielführend, dass die USA aus der nuklearen Abrüstung aussteigen. So lautet einer der Vorschläge in der RAND-Strategie. Jedoch stufen die Analysten die Risiken für die USA selbst als zu hoch ein: Es könnte ein Wettrüsten provoziert werden, dass für die Vereinigten Staaten am Ende teurer würde als für Russland.

    „Das müssen sich die US-Strategen bitte vergegenwärtigen. Ihr Bericht führt zu diesem Schluss, was sie aber offensichtlich nicht erkennen: Russland gibt nach amerikanischem Maßstab wenig für Rüstung aus, aber die Effektivität ist höher“, so der Militärexperte Leonkow. Eine Überforderung sehe jedenfalls anders aus.

    Naheliegend wäre es, die mächtige US Navy dafür zu nutzen, Russland zu bedrängen und in die kostspielige Aufrüstung zu nötigen. Aber gerade darin sehen die RAND-Experten die geringsten Erfolgschancen: Es sei hochgradig unwahrscheinlich, dass Russland horrende Summen für den Ausbau seiner Flotte aufbringe, zum Nachteil anderer Gattungen seiner Streitkräfte.

    „Es gibt auf See einen Fern- und einen Nahbereich. Könnte sein, dass Russland anfängt, Schiffe für den Fernbereich, also für den Einsatz auf Ozeanen zu bauen. Aber bisher wird in Russland nur darüber diskutiert, ob das wirklich notwendig sei“, so Leonkow. Denn: „Der Nahbereich ist 200 Seemeilen breit und in Russland absolut geschützt. Das Schwarze Meer, die Ostsee – alles gedeckt.“

    Weitere Möglichkeiten, Russland zuzusetzen, sehen die RAND-Experten zu Lande: Truppenkontingente könnten aufgestockt, Manöver verstärkt werden. Nur: Die Wirkung dieser Maßnahmen wäre laut den Analysten allenfalls mäßig. Dafür würden die USA und ihre Verbündeten einen desaströsen Konflikt mit Russland riskieren.

    Andererseits betonen die Experten von RAND, dass Russland kein Interesse an einem Konflikt mit den USA und ihren Verbündeten hat. Wahrscheinlich würde Moskau es vorziehen, auf bestimmte US-Provokationen gar nicht zu reagieren.

    „Moskau hält sich an den Grundsatz der maßvollen Wehrfähigkeit. Russland entwickelt Waffensysteme, die es ermöglichen, das riesige Landesgebiet zuverlässig zu beschützen. Dieser Schutz ist so robust, dass niemand von einem Angriff gegen Russland profitieren kann“, erklärt Leonkow.

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    Tags:
    Strategie, Kampf, USA, Russland