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    Ukrainische Militärs nahe Mariupol im September 2014

    Folterknechte der Ostukraine: Geheime SBU-Gefängnisse gab es im ganzen Donbass – Teil 4

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    In der Donbass-Region gab und gibt es geheime Gefängnisse entlang der gesamten Trennungslinie mit den selbsternannten Volksrepubliken, was unter anderem auch in Berichten internationaler Organisationen erwähnt wird. Hier der vierte exklusive Bericht über geheime Gefängnisse des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) und des Bataillons „Asow“.

    Sehr geehrte Leser! Sputnik präsentiert hiermit den vierten Artikel einer Serie von Berichten über das Geheimgefängnis des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU und des „Asow“-Bataillons am Flughafen Mariupol. Hier können Sie den ersten, zweiten und den dritten Bericht lesen.

    RIA Novosti und Sputnik ist es gelungen, einen ehemaligen Beamten des ukrainischen Innenministeriums zu finden, der für die Koordinierung der Aktivitäten zur Festnahme von „Separatisten“ mit dem SBU zuständig gewesen war. Außerdem haben einige frühere Gefangene des Flughafens von Kramatorsk ihre Geschichten erzählt. Unter ihren Folterern erwähnten sie die Abgeordneten der Obersten Rada (ukrainisches Parlament), Wsewolod Stebljuk und Andrej Teteruk.

    Prostatitis als Rettung

    Mitte August 2014 wurden Gefechte zwischen dem Volksheer der Volksrepublik Donezk und der ukrainischen Armee unweit von Jenakijewo geführt – übrigens der Heimatstadt des Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch. Die Einwohner verließen allmählich die Gegend. Konstantin Afontschenko beschloss, nach Odessa zu ziehen. Dort wurde gerade seine Tochter in einem Krankenhaus behandelt, und auch seine Frau befand sich dort. Also sammelte er die nötige Geldsumme und fuhr los.

    Seine Reise fand allerdings gleich an der ersten Kontrollstelle ihr Ende. Jemand von den „Nazis“, wie man im Donezbecken Soldaten der Nationalgarde nennt, guckte sich das Telefonbuch seines Handys an – und fand sofort die Nummer eines gewissen Andrejs, eines russischen TV-Reporters, den Afontschenko im Mai auf einer Kundgebung kennen gelernt hatte.

    „Ja, ich war bei Kundgebungen dabei – aber wer war denn nicht dort? Das ganze Land wurde schon seit einem Jahr von Kundgebungen erschüttert. Ich war kein Separatist – ich weiß nicht einmal, was das ist“, behauptet er.  

    Die „Nazis“ haben ihn aber zusammengeschlagen und zum Flughafen des unweit liegenden Kramatorsk gebracht. Alle mehr oder weniger wertvollen Gegenstände wurden ihm weggenommen.

    „Man sagte mir: ‚Das Geld, die Wertgegenstände und der Computer gehören in den Fonds der Streitkräfte. Und was den Wagen angeht, sage deiner Frau, dass er an der Kontrollstelle verbrannt wurde‘. Dann warf man mich in den Kofferraum meines eigenen Autos, und wir fuhren los“, so Afontschenko weiter.

    In Kramatorsk begann man, ihn zu foltern. Zunächst kamen „Ärzte“ und gaben ihm eine Spritze, um „die Zunge zu lösen“. Später erkannte Konstantin auf Fotos die Personen, die ihn gequält hatten – die „Maidan“-Aktivisten Wsewolod Stebljuk und den künftigen Abgeordneten der Obersten Rada, Andrej Teteruk. Der „Arzt“ Stebljuk habe „wie ein Serienkiller aus einem Horrorfilm ausgesehen“, betonte Afontschenko.

    Dabei ist Wsewolod Stebljuk ausgebildeter Facharzt, Professor und Träger des Titels „Verdienter Arzt der Ukraine“ (seit 2008), Preisträger des Staatspreises der Ukraine auf dem Gebiet Wissenschaft und Technik (2018). Für seine Aktivitäten auf bzw. nach dem „Maidan“ bekam er den Spitznamen „Doktor Aibolit“ („Doktor Auweh“, sowjetisches Kinderbuch - Anm.d. Red.).

    Allerdings sind die beiden nach der jüngsten Parlamentswahl am 21. Juli außerhalb der Obersten Rada geblieben.

    „Er sah ja eher aus wie ein Sanitäter. Ich würde nicht sagen, dass er etwas mit der Medizin zu tun hätte. Er war in jeder Hinsicht ungepflegt – sein Äußeres generell, seine Kleidung. Auch als ich die Spritze sah, hatte ich Fragen. Das war eine Einwegspritze, aber sie war bestimmt schon früher benutzt worden. Es wurde mir übel, und er warnte sofort: ‚Sage uns die Wahrheit, sonst könntest du sterben. Ich gebe dir eine andere Spritze, und dann geht es dir besser.‘ Aber es war mir wirklich schlecht. Ich fragte: ‚ Soll ich euch vielleicht sagen, dass ich Kennedy getötet hätte – was wollt ihr?“, erinnert sich Afontschenko.

    Dann ließen sich die Henker eine andere Folter einfallen.

    Der Abgeordnete der Obersten Rada (ukrainisches Parlament) Andrej Teteruk
    © Sputnik / Stringer
    Der Abgeordnete der Obersten Rada (ukrainisches Parlament) Andrej Teteruk

    „Ich wurde aus dieser Grube hinausgeführt – und es war dunkel, ich konnte nichts sehen. Man zog mir übrigens den Sack aus, der meinen Kopf verhüllte. Und dann sagte er mir: Gleich wirst du eine Ministerin der Volksrepublik Donezk vergewaltigen. Ich sah plötzlich Alla Andrejewna… Sie saß total fertig da, überall lagen irgendwelche Pillen herum. Ich musste meine ganze Fantasie ‚einschalten‘, um die Leute zu überzeugen, dass das unmöglich war“, so Afontschenko. Er habe seinen Wärtern gesagt, dass er eine Vorsteherdrüsenentzündung hätte.

    „MEIN MANN HATTE ANGST VOR BOMBEN- UND ARTILLERIEANGRIFFEN“

    Afontschenkos Opfer, die es nicht geworden ist, Alla Beloussowa, hatte mit ihrem Mann Wladimir ebenfalls Jenakijewo verlassen und wurde von den „Nazis“ gefasst. „Mein Mann hatte Angst vor Bomben- und Artillerieangriffen – das alles deprimierte ihn sehr. Bei mir war es aber umgekehrt – wenn ich hörte, dass Bomben abgeworfen wurden oder dass draußen geschossen wurde, stieg bei mir sofort das Adrenalin. Ich bin ja eine Kampfgenossin“, sagte sie.

    Wladimir Beloussow
    © Sputnik /
    Wladimir Beloussow

    Beloussowa stand tatsächlich in Verbindung mit dem Volksheer der Volksrepublik Donezk – unter anderem beteiligte sie sich an der Lebensmittelversorgung des belagerten Slawjansk. Die Soldaten an der Kontrollstelle stellten das sofort fest, und später fanden sie bei Alla auch einen Ausweis, unterzeichnet von Igor Strelkow (Pseudonym von Igor Girkin, ehemaliger Anführer der Volkswehr im Donbass) – für ihren Kampfgeist bekam die Frau von Volksheerkämpfern sogar den Spitznamen „Marschall“ verpasst.

    Dieses Dokument wurde für die beiden aber zum Verhängnis: Alla und ihr Mann wurden brutal zusammengeschlagen und dann ebenfalls nach Kramatorsk gebracht. Später aber sollte der Ausweis ihr das Leben retten – viele Gefangene wurden auf Minenfelder geschickt, und wurden dann von ukrainischen Soldaten beschossen. Aber die „Marschall“ war viel zu wertvoll und sollte ausgetauscht werden.

    „Dann wurde mein Mann hergebracht, und sie begannen quasi, ihn vor meinen Augen zu töten. Ich sagte ihnen: ‚Lasst ihn los!‘ Denn ich bin ja so, ich werde in jeder Situation überleben, aber er ist schwach: Erstens ist er älter als ich und zweitens psychologisch schwächer“, so Beloussowa.

    In Sowjetzeiten war Wladimir Beloussow Militärpilot, Major der sowjetischen Streitkräfte. Nach dem Zerfall der UdSSR setzte er seinen Wehrdienst in der Ukraine fort. Und sein Sohn ist immer noch Militär der ukrainischen Streitkräfte. Zum Glück sah er nicht, wie sein Vater gequält wurde.

    „In Kramatorsk gab es einen Militärstützpunkt, und dort wurden Soldaten für Kriegshandlungen trainiert. Da muss man wirklich jederzeit bereit sein, jemanden zu töten. Und das bedeutet, dass sie lebende Zielscheiben brauchen“, erzählte Afontschenko weiter. „Das ist absolut zynisch: Ein Wärter betritt eine Zelle und sagt: ‚Wir brauchen eine lebendige Zielscheibe. Gibt es Freiwillige?‘“

    Es war ein typischer „Scherz“: einen Gefangenen auf ein Minenfeld zu schicken. Man wollte zunächst auch Alla Beloussowa losschicken, hat es sich aber im letzten Moment anders überlegt – so eine „wichtige“ Gefangene könnte man immerhin gegen einen oder sogar zwei ukrainische Offiziere austauschen.

    Weder gegen Afontschenko noch gegen Alla Beloussowa und ihren Mann wurden Strafverfahren eingeleitet – sie wurden einen ganzen Monat illegal in Haft gehalten. Mitte September wurden sie gegen ukrainische Militärs ausgetauscht, die vom Donezker Volksheer gefangen worden waren.

    Nach seiner Freilassung erfuhr Afontschenko, dass er auf seiner Bankkarte kein Geld mehr hatte. Später fand er heraus, dass einer der Wärter damit Benzin und Kaffee gekauft hatte. „Das Schlimmste ist, dass das eine Kreditkarte war. Ich musste dann noch lange die Zinsen begleichen“, sagte Konstantin verärgert.

    SBU STELLTE AUFGABEN AN POLIZEI UND FREIWILLIGENBATAILLONE

    RIA Novosti hat auch eine Person gefunden, die mit dem Verfahren zur Suche nach Verbündeten der Volksrepublik Donezk unter einfachen Einwohnern des Donezbeckens vertraut ist. Wladimir Wassilenko (Name wurde auf seine Bitte geändert) war 2014 Untersuchungsrichter der Kreisabteilung des ukrainischen Innenministeriums in Marjinka (Gebiet Donezk) und arbeitete dabei mit SBU-Vertretern zusammen.

    Damals flüchteten viele SBU-Beamte, die im Donezbecken lebten – oder wechselten zum Volksheer (in diesem Kontext ist beispielsweise der Kommandeur der Donezker „Alpha“-Abteilung, Alexander Chodakowski, einer der Anführer der Volksrepublik Donezk, erwähnenswert). Sie mussten durch Beamte aus anderen Regionen ersetzt werden.

    „Anfang September 2014 wurde an die Spitze der SBU-Kreisabteilung in Wolnowacha der Oberstleutnant Igor Mikitjuk aus dem Gebiet Wolyn gestellt, und sein Stellvertreter wurde Oberstleutnant Wassili Tschintschik aus Tschernowzy“, erzählte Wassilenko RIA Novosti.

    Als Polizist hatte er den Zugang zu Informationen, die die Ordnungskräfte erhielten, und wusste, dass in den Kreisen Wolnowacha, Marjinka, Welikaja Nowosjolka und Wolodarskoje immer mehr Menschen vermisst wurden. Wassilenko ist nach seinen Worten überzeugt, dass diese Menschen in der SBU-Kreisabteilung in Wolnowacha gelandet sein könnten.

    „Diese Menschen hatten sich am 11. Mai 2014 am Referendum beteiligt“, so der ukrainische Ex-Polizist.

    Am 31. Juli 2014 wurde der Leiter der Polizeiabteilung des Kreises Dokutschajewsk getötet. Der Mord wurde Volksheerkämpfern vorgeworfen. Auf der Suche nach Diversanten fassten SBU-Beamte „mehrere Einwohner von Jassinowataja, von denen zwei später im Haus der Polizeiabteilung der Station  Kurachowo totgeschlagen wurden, das von SBU-Beamten besetzt war“, behauptet Wassilenko.

    Nach seinen Worten hatten SBU-Vertreter die Polizisten beauftragt, praktisch jedes Haus in der Stadt bzw. im Landkreis zu durchsuchen, um Personen zu finden, die sich am Referendum am 11. Mai und am Volksheer beteiligt hatten.

    Darüber hinaus gab es die Aufgabe, Taxifahrer und Landwirte aus Donezk zu suchen, die zur ukrainischen Seite fahren, zum Beispiel um ihre Ernte zu verkaufen und „angesichts ihrer politischen pro-ukrainischen Position bzw. aus gemeinnützigem Interesse bereit sind, in der Volksrepublik Donezk Informationen zu sammeln“. Bei den Landwirten wurde neben Informationen auch einfach Geld gefordert, „weil sie Terroristen finanzieren“.

    „Auf Anweisung der Mitarbeiter einer operativen Gruppe des SBU wurden die Taxifahrer zunächst in die Freiwilligen-Bataillone und danach der operativen Gruppe des SBU übergeben“, so Wassilenko. Die Freiwilligen-Bataillone mussten die Festgenommenen „bearbeiten“, um sie redseliger zu machen.

    So haben zwei Patrouillen-Männer des Bataillon Kiew-2 und der Abschnittsbevollmächtigte der Marjinski-Abteilung, Sarchan Gusseinow, im März 2015 in einer staatlichen Fahrzeuginspektion einen behinderten Taxifahrer massiv verprügelt. „Er wurde gedrängt zu erzählen, welche Vertreter der Volksrepublik Donezk er in der Stadt Donezk und in der Volksrepublik Donezk beförderte. Es wurde angedroht, ihn dem SBU zu übergeben, wo man ‚aus ihm alles herauspressen wird‘. Diese Praxis war systematisch dank den Anweisungen, die vom SBU erhalten wurden“, so Wassilenko.

    „Hammer der Wahrheit“ und „Wässerchen trinken“

    Ein weiteres geheimes Gefängnis gibt es bis heute in der Stadt Pokrowsk (ehemals Krasnoarmejsk) im Gebäude des Verkehrsunternehmens 11-411 in der Dneprowskaja-Straße 7. Darüber erzählte der ehemalige Gefangene dieses Gefängnisses, Sergej Babitsch. Er arbeitete früher im Bergwerk „Krasnoarmejskaja West“, jeden Werktag fuhr er im Dienstbus an dem Verkehrsunternehmen vorbei und wusste nicht, dass er dort schreckliche sechs Tage verbringen wird.

    „Das Gebäude ist groß, es steht allein. Es gibt da viele Keller, niemand hört etwas“, erklärt er, warum die Sicherheitsdienste diesen Ort auswählten.

    Sergej Babitsch wurde mit einem Freund am 25. März 2015 im Blockposten bei Krasnoarmejsk festgenommen – beiden wurde vorgehalten, einer Gruppe von Diversanten anzugehören,  die einen ukrainischen Militär töten sollte. Eine Pressemitteilung dazu wurde sogar auf der offiziellen SBU-Webseite veröffentlicht. Auch der Berater des SBU-Chefs, Markijan Lubkiwski, prahlte auf Facebook (Posting ebenfalls vom 25. März) mit der Festnahme dieser grausamen Diversanten – allerdings wurde das Protokoll der Festnahme erst am 31. Märt erstellt. Sechs Tage und Nächte verbrachte er „im Keller“ – ohne jegliche Erstellung der Dokumente.

    Mitteilung des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU über die Festnahme von Sergej Babitsch
    © Sputnik /
    Mitteilung des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU über die Festnahme von Sergej Babitsch

    „Das war keine Festnahme, sondern eine Entführung. Ich wurde im Keller des Verkehrsunternehmens 11-411 gefoltert. Ich wurde mit einem Holzhammer geschlagen. Sie nannten ihn „Hammer der Wahrheit“. Es wurde ein Elektroschockgerät eingesetzt, eine Tüte auf den Kopf zum Ersticken gezogen“, so Babitsch. Er vermutet, dass er von SBU-Mitarbeitern gefoltert wurde (sie stellten sich nicht vor und zeigten keine Ausweise).

    „Sie waren stramm, gut trainiert, trugen Masken. Sie machten alles professionell“, beschreibt Babitsch seine Quäler.

    Erst am späten Abend des 31. März wurde er in die Verwaltungsabteilung des SBU Mariupols gebracht, um die Festnahme offiziell zu machen. Die Ärzte der Untersuchungshaft Mariupols gaben im medizinischen Gutachten vom 3. April zahlreiche Hämatome am Körper Babitschs an. „Sie haben sich abgesichert – wenn ich in der U-Haft innerhalb eines bzw. zwei oder drei Tage sterbe, dann wird der SBU und nicht die U-Haft dafür verantwortlich sein“, erklärt Babitsch.

    Doch damit war sein Unglück nicht zu Ende. Er fühlte keine Schuld und gestand sie nicht, schrieb ständig Beschwerden an verschiedene Instanzen, womit er die „Ermittlungen“ massiv störte. Deswegen wurde er mehrere Male als Vorbeugungsmaßnahme in den berüchtigten Flughafen gebracht. Die offiziellen Räume des SBU eigneten sich nicht dafür. „Im SBU gab es bereits viele Beschwerden“, so Babitsch. Deswegen gab es für die „Arbeit“ mit Festgenommenen beim SBU ein spezielles „Bereitschaftsteam“.

    Sergej Babitsch
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    Sergej Babitsch

    „Das sind ihre Erziehungsziele… Abschreckung für die Zukunft, damit man in Gerichten nicht Widerstand leistet. Viele wurden dorthin gebracht, nicht nur ich“, erzählt er. Über den Flughafen wussten zum damaligen Zeitpunkt die Festgenommenen schon Bescheid. „Man wurde dorthin gebracht, um ‚Wässerchen zu trinken‘ – es wurde ein Lappen aufs Gesicht gelegt und mit Wasser begossen, so lange bis die Person beginnt, sich zu verschlucken und in Ohnmacht fällt. Auch ich habe durch einen Lappen Wasser geschluckt“, erzählt der ehemalige Gefangene.

    Nach der offiziellen Festnahme wurde er aus der U-Haft zu angeblichen Untersuchungshandlungen der Ermittler abgeholt.

    „Am Montag und Dienstag gab es Exekutionen, und drei Tage, damit sich alles beruhigt. Ich wurde in einer U-Haftzelle in Mariupol gehalten. Man forderte von mir die Zusage, dass ich in der Zukunft keinen Widerstand vor Gericht leiste, nicht klug daherrede, nicht nach Materialien des Verfahrens frage“, so Babitsch.

    Die Menschenrechtsbeauftragte der Volksrepublik Donezk, Darja Morosowa
    Die Menschenrechtsbeauftragte der Volksrepublik Donezk, Darja Morosowa

    Vor Gericht kam das Verfahren 2017. Babitsch wurde nach zwei Artikeln angeklagt – Teil 1 des Artikels 258-3 („Schaffung einer Terrorgruppe bzw. Terrororganisation“) und Teil 1 des Artikels 263 („Illegaler Umgang mit Waffen, Munition und Sprengstoffen“) des Kriminalgesetzbuchs der Ukraine. Im Rahmen eines Austausches wurde er im Dezember 2017 nach Donezk übergeben. Doch trotz aller Vereinbarungen wurde das Verfahren nicht geschlossen, er wurde vom Vorwurf nicht freigesprochen – die SBU-Mitarbeiter nahmen ihn einfach gleich vom Gerichtssaal zum Gefangenenaustausch mit, das Gericht schrieb ihn gleich zur Fahndung aus.

    Bürgerbeauftragte Morosowa: „Wir wissen von mehreren Gefängnissen“

    „Wir wissen von mehreren solchen Gefängnissen. 2014 bekamen wir Alarmsignale, dass es an einem Ort ein geheimes Gefängnis gibt, an einem anderen auch… Diese Problematik kennen wir seit langem“, erzählt die Menschenrechtsbeauftragte der Volksrepublik Donezk, Darja Morosowa.

    „Charkow, Starobelsk, Bachmut“ – zählt sie die Städte auf, wo sich solche Gefängnisse befinden können, und fügte hinzu: „Ich habe auch über einige in der Westukraine gehört“.

    Nach ihren Angaben werden diese Gefängnisse vom SBU kontrolliert, die sie zum gewaltsamen Druck gegen Verdächtigte nutzt.

    „2014-2015 konnte ich noch glauben, dass es dort die Eigenmacht der Bataillone war. Doch jetzt habe ich alle Gründe anzunehmen, dass diese illegalen Orte vollständig vom SBU kontrolliert werden… Sie wissen sehr gut, wo diese Orte sind“, sagt Morosowa.

    Es bleibt nur zu ahnen, wie viele Menschen dort festgehalten werden.

    „Wir suchen nach 249 Menschen, über die wir eine genaue Bestätigung hatten, dass sie in der Ukraine festgenommen wurden“, so Morosowa. Die ukrainische Seite bestätigt offiziell nur 101 Menschen.

    UN-Mission: „Das war eine gewöhnliche Praxis“

    In den Berichten der UN-Beobachtermission für Menschenrechte in der Ukraine wird auch der illegale Freiheitsentzug, darunter durch den Inlandsgeheimdienst SBU Charkows, erwähnt.

    „Wir stellten die Namen von 184 Personen fest, die nach unserer Meinung im Charkower SBU 2014-2016 illegal festgenommen wurden. 34 Namen davon stammen aus den Befragungen der Betroffenen, 95 – aus Befragungen der Augenzeugen (Menschen, die behaupteten, dass sie einen anderen Festgenommenen in der Einrichtung sahen) genommen, 55 wurden aus offenen Quellen hinzugefügt (veröffentlichte Listen, Videos, Erklärungen). Diese Liste wird weiter ergänzt“, sagte die Missionschefin Fiona Frazer.

    Ihr zufolge war die Praxis des willkürlichen Freiheitsentzugs bzw. Festhaltens ohne Verbindung mit der Außenwelt auf dem von der Regierung kontrollierten Territorium üblich in den Jahren 2014, 2015 und 2016, während 2017 und 2018 nur einige Fälle fixiert wurden.

    Besuch der UN-Mission in Lugansk (Archivbild)
    © Sputnik / Olesya Potapowa
    Besuch der UN-Mission in Lugansk (Archivbild)

    Das Gefängnis im SBU Charkows geriet in den Fokus der internationalen Organisationen, darunter Amnesty International.

    „Das ist unsere Studie 2016. Wir haben damals eine Studie ‚Dich gibt es nicht‘ veröffentlicht, wo wir erzählten, dass es solche Orte des Festhaltens ohne Verbindung mit der Außenwelt gibt. Einer davon war in Charkow, wir fixierten auch bestimmte Orte in Mariupol und anderen Städten, doch der wichtigste war die Charkower SBU-Verwaltung, wo Menschen sagten, dass sie dort seit mehr als einem Jahr festgehalten wurden. Derzeit laufen einige  Gerichtsprozesse“, sagte die Vertreterin der Organisation in der Ukraine, Marija Gurjewa. Ihr zufolge wird die Organisation auch die neuen Angaben untersuchen, die von RIA Novosti und Sputnik veröffentlicht wurden.

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    Menschenrechtsverletzungen, Gefängnisse, Geheimgefängnisse, Folter, Ukraine, Geheimdienst, Donbass, Mariupol