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17:53 17 Oktober 2019
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    Waffenmodelle der ausländischen Staaten, die in Garian entdeckt wurden (Archiv)

    Waffen für den Warlord: Warum ukrainische Flugzeuge in Libyen unter Beschuss gerieten

    © AFP 2019 /
    Politik
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    Der Bürgerkrieg in Libyen hat eine überraschende Wendung genommen. Während der Stellungsgefechte gegen Rebellengeneral Khalifa Haftar haben Militärkräfte der Regierung der nationalen Einheit zwei ukrainische Verkehrsflugzeuge vernichtet.

    Warum sie über Libyen flogen und welche Fracht sie an Bord hatten – das erfahren Sie in diesem Artikel.

    Ukraine zur Hilfe

    Nach dem Verlust der Kontrolle über die strategisch wichtige Stadt Garian Anfang Juli verschwand Haftar fast aus den Schlagzeilen. Derweil tauchten Mitteilungen auf, dass die Libysche Nationalarmee unter seiner Leitung sich auf eine Vergeltungsaktion vorbereitet und immer noch die Macht in Tripolis an sich reißen will. Doch eine neue Offensive auf die libysche Hauptstadt hat bislang nicht begonnen.

    Der Chef der legitimen Regierung der nationalen Einheit, Fayiz as-Sarradsch, festigte hingegen seine Positionen. Die von ihm kontrollierten Kräfte drängen weiterhin die Armee des Rebellengenerals aus den östlichen Regionen des Landes zurück. Die Uno, die Sarradsch unterstützt, rief vor einigen Tagen zum Stopp der Waffenlieferungen an beide Seiten des libyschen Konflikts auf.

    „Die in Garian entdeckten Waffenmodelle zeigen, dass der Konflikt von ausländischen Staaten genährt wird. Die Libyer bekämpfen sich selbst für die Interessen anderer Staaten“, sagte der UN-Sondergesandte für Libyen, Ghassan Salame.

    In dieses Bild passte eine Nachricht libyscher Journalisten. Ende der vergangenen Woche wurden während der Luftangriffe der Regierung der nationalen Einheit auf den Flughafen Al Jufra, der von Haftar-Einheiten kontrolliert wird, zwei ukrainische Verkehrsflugzeuge Il-76TD zerstört. Ein Pilot kam ums Leben. Ukrainischen Medien zufolge handelt es sich um den Vertragssoldaten aus Melitopol, Wladimir Buchalski, den ehemaligen stellvertretenden Kommandeur der 25. Brigade der Transportfliegerkräfte.

    Er diente lange in den Konfliktgebieten im Nahen Osten. 2012 nahm er an der Evakuierung der Ukrainer aus dem vom Bürgerkrieg erfassten Libyen teil. Vor einigen Jahren ging er in Rente, flog aber weiter. Er galt als einer der erfahrensten Militärflieger.

    Geheime Verfahren

    Die vom Luftangriff vernichteten Flugzeuge gehörten dem ukrainischen Verkehrsunternehmen Europe Air, waren jedoch auf den Inder Jaideep Mirchandani registriert und von den Vereinigten Arabischen Emiraten gepachtet worden.

    Wie es auf der Webseite von Europa Air heißt, befasst sich die Firma mit Transporten. Was die Il-76TD betrifft, sind auf der Webseite der Firma Flughäfen aufgelistet, wo diese Flugzeuge stationiert sind. Die meisten Flüge der beiden Transporter erfolgten von Stützpunkten in Kriwoj Rog und in Schardscha in den VAE.

    Die Flugrouten änderten sich ständig – Sudan, Algerien, Afghanistan, Pakistan, Kamerun. Libyen gibt es auf dieser Karte nicht. Doch nach Angaben des ukrainischen Nachrichtenportals strana.ua waren die beiden Il-76TD in Nordafrika, um Schmuggelwaffen aus VAE an Rebellengeneral Haftar zu liefern.

    Der letzte Abflugort war Abu Dhabi, Ziel – der libysche Flughafen Labrak. Doch im Himmel änderten die beiden Flugzeuge ihre Route und begaben sich nach Al Dschufra. Nach Angaben libyscher Journalisten wurden die Piloten beauftragt, den Rest der Fracht auf den von Haftar kontrollierten Stützpunkt zu bringen.

    Medien wurden darauf aufmerksam, dass ukrainische Flugbehörden gerade am Tag des Angriffs der Europe Air die Betriebsgenehmigung UK046 widerrufen haben. Doch andere Flugzeuge von Europe Air absolvierten weiter Flüge in den Nahen Osten. Kiew nahm bislang zur Situation nicht Stellung.

    Privater Scheich-Besuch in Kiew

    Nur wenige Tage vor dem Vorfall besuchte der Regierungschef der Vereinigten Arabischen Emirate, Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktoum, die Ukraine. Der Besuch galt als privat, weshalb die Details der Gespräche nicht offengelegt wurden. Doch in sozialen Netzwerken gab es viele Diskussionen dazu.

    So betonten Kommentatoren, dass die Ukraine traditionell nicht nur die VAE, sondern auch die meisten Länder des Nahen Ostens und Afrikas als Vertriebsmarkt für Getreide und Ölprodukte betrachtet. Auch die Lieferungen von Rüstungen, darunter Luftfahrt-Erzeugnisse, sind ebenfalls von großem Interesse. So wurde im Februar in den Vereinigten Arabischen Emiraten der Schützenpanzerwagen Al-Wahash (mit dem Kampfmodul „Sturm”) aus ukrainisch-arabischer Produktion vorgestellt.

    Abu Dhabi zeigte immer Interesse an der Wiederaufnahme der Produktion der Flugzeuge An-124 und An-225 sowie einer gemeinsamen Produktion von Drohnen. Medien berichteten, dass Kiew an Dubai Raketenabwehranlagen Stugna-P und Panzerabwehrkomplexe Korsar lieferte.

    Nach der Einführung der Sanktionen durch Moskau gewann der Nahe Osten noch mehr an Bedeutung für Kiew. Via Partner im Persischen Golf kauft die Ukraine Bestandteile für Militärtechnik, die früher aus Russland exportiert worden waren.

    Politologen schließen nicht aus, dass die Beförderung von Waffen aus VAE durch die Ukrainer an Drittländer ebenfalls bei Verhandlungen mit dem Scheich besprochen wurde.

    Schweigen ist Gold

    Allerdings erwarten Experten keine ernsthaften Folgen für Kiew wegen des Vorfalls. Denn die Waffen wurden von einer Privatfirma geliefert.

    „Die Behörden der Ukraine wussten sicher von dieser Schmuggelaktion, doch drückten sie ein Auge zu. Für Waffenlieferungen wird gut und schnell gezahlt, wobei die Transportunternehmen formell für die Frachten an Bord nicht haften“, so der Militärexperte Wadim Kosjulin.

    Ihm zufolge ist es für die nahöstlichen Länder vorteilhaft, nach „grauen Schemas“ mit der Ukraine und anderen Gus-Ländern zu kooperieren, weil sie im Unterschied zum Westen keine unnötigen Fragen stellt.

    „Kiew begriff die Risiken und die Zweifelhaftigkeit der Waffenlieferungen nach Libyen. Doch die Flugroute wird nicht immer aufgezeichnet. Die Piloten konnten den Transponder abschalten. Westliche Länder greifen auch zu solchen illegalen Lieferungen an verschiedene Länder, doch ihre Preise sind wesentlich höher als bei den Gus-Staaten“, so Kosjulin.

    Laut dem Leiter des Zentrums für islamische Studien des Instituts für Innovative Entwicklung, Kirill Semjonow, sind Waffenlieferungen über die Ukraine für die VAE vorteilhaft, weil den Partnern keine Details erklärt werden müssen.

    Libyen steht unter Sanktionen, und solche Deals können Unannehmbarkeiten bringen. Alle wissen, dass die VAE neben Ägypten und Saudi-Arabien Rebellengeneral Haftar mit Waffen versorgt. Sie bemühen sich allerdings, das nicht offenzulegen. Die Türkei unterstützt hingegen die Regierung der nationalen Einheit und bewaffnet Sarradsch“, so der Experte.

    Die Türkei arbeitet auch mit Gus-Ländern zusammen. Aus denselben Gründen – im postsowjetischen Raum stellt man keine Fragen.

    „So stach im Mai aus dem türkischen Hafen Samsun ein Schiff unter moldauischer Flagge mit Militärtechnik für Libyen in See. Das Schiff ist in Moldawien registriert, wird aber von einer Werft in der Türkei verwaltet“, so Semjonow.

    „Den ukrainischen Behörden droht nur ein Imageschaden. Sie werden sich darauf berufen, dass sie nicht wussten, womit sich die Privatfirma Europe Air befasst. Auf diese Weise wird alles geregelt“, so der Experte.

    Doch die Waffenlieferungen verlängern den ohnehin seit fast fünf Jahren andauernden Konflikt zwischen dem Westen und Osten Libyens.

    „Trotz der Misserfolge Haftars helfen die VAE, Ägypten und Saudi-Arabien ihm weiter. Diese Länder befürchten, dass der General die Kontrolle über die östlichen Regionen Libyens nicht beibehalten wird, wo das Öl konzentriert ist. Wenn sie Haftar nicht mehr unterstützen werden, bedeutet das, gegenüber den ideologischen Gegnern klein beizugeben – der Türkei und Katar, die Sarradsch unterstützen“, so der Experte. Die latente Konfrontation in Libyen würde somit nicht bald enden, schlussfolgert der Experte.

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    Tags:
    Abschuss, Flugzeuge, Waffenlieferungen, Ukraine, Libyen