22:49 20 November 2019
SNA Radio
    Großbritanniens Premierminister Boris Johnson beim Treffen mit der Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin am 21. August 2019

    Englischer Humor hilft nicht immer – Boris Johnson scheitert in Berlin mit Charmeoffensive

    © REUTERS / FABRIZIO BENSCH
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    9857
    Abonnieren

    Der neue britische Premierminister Boris Johnson ist in Berlin zu seinem ersten Deutschland-Besuch eingetroffen, der zugleich sein erster Auslandsbesuch ist. Es geht vor allem um den Brexit. Johnson bemühte sich, die Atmosphäre aufzulockern, aber wirkte nicht sehr überzeugend.

    Boris Johnson ist dafür bekannt, um keinen Spruch verlegen zu sein. Er ist auch dafür bekannt, eine spezielle Note des britischen Humors zu haben, mit der er an den eigenwilligen Charme des britischen Prinzgemahls, Philipp, anknüpft. Doch im Gegensatz zum Herzog von Edinburgh, dessen sehr rauer Humor, der immer bedrohlich nah an Beleidigungen gewesen ist und von den meisten Briten verehrt wird, musste Johnson auch in Berlin erleben, dass seine Witzigkeit doch Grenzen hat.

    Er habe „so etwas Großartiges“ wohl „noch nie“ erlebt, schwärmte Johnson im Bundeskanzleramt, über den Empfang in Deutschland, nachdem er vor dem Bundeskanzleramt von der Hausherrin mit militärischen Ehren begrüßt worden war. Das Protokoll mit Abspielen der beiden Nationalhymnen ließ er – neben Angela Merkel sitzend – lächelnd über sich ergehen. Und auch beim Eintreten in den riesigen Amtssitz der deutschen Regierungschefin, den Johnson beim Abschreiten der Ehrenformation statt dieser mit respektablem Blick würdigte, ergab sich ein erster aufgeräumt scheinender kurzer Small Talk mit der Kanzlerin.

    Doch die Freundlichkeiten konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Sache nach wie vor verhärtete Positionen zwischen Berlin und London einer Aufweichung harren. Denn sie stellte klar, dass sie gar nicht daran denkt, wie von Johnson gefordert, den Vertrag mit der EU über die Modalitäten des Austritts des Vereinigten Königreiches aus der Union zum 31. Oktober 2019 neu zu verhandeln. Überhaupt zeigte Merkel in ihren Begrüßungsworten für Johnson vor der internationalen Presse mehr Neugier über die Positionen, die ihr frisch gebackener britischer Amtskollege beim kurz bevorstehenden G7-Gipfel im französischen Biarritz einnehmen werde. Aber immerhin würden die Gespräche „im Geiste der Freundschaft“ stattfinden.

    Auch Boris Johnson versuchte es zunächst mit Fassadenpflege, indem er, an die „liebe Angela“ gerichtet, unter anderem  meinte, es gäbe „so viele Bereiche, in denen wir zusammenarbeiten“. Es sei deshalb „völlig klar“ gewesen, dass er zuerst nach Berlin komme. „Wir stehen Schulter an Schulter, um unsere gemeinsame Sicherheit aufrechtzuerhalten.“ Und natürlich sei da „auch diese kleine Angelegenheit des Brexit. Wir haben das Schicksal, dass wir darüber sprechen müssen, und ich möchte deutlich machen, wir im Vereinigten Königreich wollen einen verhandelten Austritt. Und wir sind der Ansicht, dass wir das schaffen, wir schaffen das!“ Und obwohl Boris Johnson sich um sein fröhlichstes Joker-Grinsen bemühte und der Saal auch angemessen lachte, schien die Begeisterung über diese Anleihe beim Merkelschen Wortschatz an der Ursprungsquelle des berühmten Satzes wenig Heiterkeit auszulösen.

    Boris Johnson ist Politprofi genug, um das sofort zu bemerken, und schnell versuchte er, den Eindruck eines Bittstellers, der auf billige Gags angewiesen ist, zu verwischen, indem er umgehend noch einmal deutlich machte, aus seiner Sicht müsse der so genannte Backstop weg, dann ließe sich alles andere schnell lösen. Wie einen Köder warf er die Aussage ins Rund, dass sich sein Land und seine Regierung dem Schutz der Rechte der 3,2 Millionen EU-Bürger in Großbritannien verpflichtet fühlen.

    Die kurze Fragerunde der Journalisten machte schnell klar, dass Johnson den Backstop nicht will, aber keinen Plan hat, wie er diese Maximalforderung durchsetzen könnte, und dass Angela Merkel gar keine gesteigerte Neugier über diesbezügliche, bislang noch unbekannte Tricks und Kniffe von Johnson hat, weil für sie die Backstop-Lösung eine schlicht nicht verhandelbare Essenz des Austrittsabkommens ist, um ein Wiederaufflammen des Konfliktes zwischen Irland und Nordirland zu vermeiden. Außer einigermaßen wohlklingenden Allgemeinplätzen war da von beiden nichts Konkretes zu hören.

    Konkreter wurden die beiden nur in einer Frage. Sie wiesen beide den Vorschlag von US-Präsident Donald Trump zurück, die G7-Gruppe wieder durch Russland zu einer G8-Gruppe zu machen, weil, so der US-Staatschef, viele Dinge, die in der Gruppe verhandelt würden, Russland beträfen, weshalb er es für „angemessener“ halte, Russland wieder dabei zu haben. Wenn Medienberichte stimmen, dann hat er diesmal sogar die Unterstützung des französischen Präsidenten Emmanuel Macron, nachdem Frankreich 2018 einen ähnlichen Vorstoß Trumps noch im Namen der europäischen G7-Staaten ablehnte.

    Angela Merkel verwies in dieser Angelegenheit kühl auf die Junktims der deutschen Regierung, also Krim und Ost-Ukraine, machte aber eine Andeutung, wonach es Bewegungen im so genannten Minsk-Prozess gebe und möglicherweise endlich zwischen dem neuen ukrainischen Präsidenten und seinem russischen Amtskollegen der gordische Knoten in dieser leidigen Angelegenheit zerschlagen werden könnte, aber eben bislang aus ihrer Sicht sich die Gründe für Russlands Ausschluss aus der G8-Gruppe „nicht überlebt“ hätten.

    Boris Johnson wählte dagegen die Holzhammer-Methode und diffamierte Russland erneut, indem er die bis heute unbewiesene Behauptung aufstellte, Russland wäre verantwortlich für die Giftattacke von Salisbury, überdies würde Russland angeblich „Provokationen … an vielen Orten der Welt“ inszenieren. Auch über diesen Boris-Johnson-Zynismus konnte niemand lachen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Angela Merkel, Boris Johnson, Besuch, Großbritannien, Deutschland