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    Syrische Regierungstruppen in Chan Scheichun am 22. August 2019

    Der Kessel von Idlib: Wie geht es weiter nach Rückeroberung Chan Scheichuns durch Assad-Armee?

    © Sputnik / Mohamad Maruf
    Politik
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    Die syrischen Regierungstruppen haben unter Mitwirkung der russischen Luftstreitkräfte die Stadt Chan Scheichun eingenommen, wo bisher die größte Hochburg der Islamisten im Süden der Provinz Idlib gelegen hatte.

    Zuvor hatten Assads Truppen auch die Autobahn Damaskus-Aleppo unter ihre Kontrolle genommen und dadurch den Nachschub der Extremisten unterbunden.

    Was eigentlich geschehen ist und wie sich die Situation weiter entwickeln könnte, schreibt Sputnik in diesem Beitrag.

    Gebrochene Waffenruhe

    In der Provinz Idlib war am 2. August ein Waffenstillstand ausgerufen worden. Allerdings ignorierten die Kämpfer aus der Koalition Hayat Tahrir asch-Scham die Waffenruhe. Schon am 4. August registrierten die russischen Militärs 20 Artillerieangriffe gegen diverse Orte in der Deeskalationszone „Idlib“. Die syrische Regierungsarmee reagierte darauf am 5. August mit der Wiederaufnahme ihrer Offensive gegen die Terroristen.

    Am 7. August nahmen die Assad-Kräfte die Stadt Arbain im Nordwesten der an Idlib grenzenden Provinz Hama wieder unter ihre Kontrolle. Dabei wurden unter anderem etwa 45 Terroristen vernichtet.  Der Leiter des russischen Versöhnungszentrums in Syrien, Generalmajor Alexej Bakin, verwies auf eine intensive Zuspitzung der Situation in der Deeskalationszone „Idlib“ und informierte über 42 Artillerieangriffe der Kämpfer binnen eines Tages. Einen Tag später sollen zwei syrische Soldaten getötet und weitere 13 verletzt worden sein.

    Am 9. August begannen die Terroristen eine Gegenoffensive in Idlib und griffen die Stellungen der Regierungstruppen bei Abu-Dali mit Mehrfachraketensystemen an. Dabei wurden elf syrische Soldaten getötet und mehr als 20 verletzt.  Am 10. August befreite die Assad-Armee mehrere Dörfer an der Grenze der Provinzen Hama und Idlib von den al-Nusra-Terroristen. Zudem kesselten sie al-Hubait ein, das eine strategisch wichtige Bedeutung im Süden von Idlib hat.

    General Bakin informierte, dass die Kämpfer ihre Kräfte im Süden der Deeskalationszone „Idlib“ aufstocken. Unter anderem sollen dorthin etwa 470 Kämpfer samt Militärtechnik verlegt worden sein.

    Die Zeitung „al-Watan“ berichtete am 11. August, dass die Assad-Truppen al-Hubait befreit hätte, wobei die al-Nusra-Kämpfer beträchtliche Verluste tragen mussten. Die am Leben gebliebenen Terroristen hätten sich nach Chan Scheichun zurückgezogen. Binnen von zwei Tagen seien 23 syrische Militärs ums Leben gekommen.

    Der türkische Faktor

    Die Assad-Kräfte rückten also weiter in Richtung Chan Scheichun vor. Am 14. August besetzten sie mehrere Orte im Süden der Provinz Idlib, östlich von al-Hubait. An diesem Tag gelang es den Terroristen, in Idlib einen Jagdbomber der Regierungstruppen abzuschießen. Der Pilot konnte sich per Schleudersitz retten, wurde allerdings gefangengenommen.

    Am 16. August wurden weitere vier Dörfer im Süden der Provinz von al-Nusra-Kämpfern befreit.

    Bald wurde die Einkesselung von Chan Scheichun beendet. Am 19. August überquerte eine Kolonne der türkischen Panzertechnik die syrische Staatsgrenze und rückte in Richtung der belagerten Stadt vor – möglicherweise um den von Ankara kontrollierten Gruppierungen zu helfen. Den türkischen Konvoi griff die syrische Luftwaffe an – und hat ihn gestoppt.

    „Die Türkei hat eigene Interessen im Syrien-Konflikt, insbesondere in Idlib“, sagte Boris Dolgow vom russischen Zentrum für arabische und islamische Studien beim Institut für Orientalistik gegenüber RIA Novosti. „Die Türkei erfüllt immer noch nicht alle Bestimmungen des in Sotschi getroffenen Memorandums. In Idlib handeln die Türken nach wie vor im Sinne ihrer eigenen Interessen. Und ihren Interessen entspricht die Aufrechterhaltung von bewaffneten islamistischen Gruppierungen, die Ankara für ‚moderat‘ hält, und die mit seiner Unterstützung rechnen“, so der Experte.

    Die Erfolge der Assad-Truppen haben eine nervöse Reaktion in Übersee ausgelöst. Die Sprecherin des US-Außenministeriums, Morgan Ortagus, erklärte am Dienstag, dass Assad und seine Verbündeten die Waffenruhe in Idlib einhalten sollten. „Der heutige inakzeptable Luftschlag gegen einen türkischen Konvoi erfolgte nach den andauernden grausamen Überfällen auf Zivilisten, humanitäre Mitarbeiter und die Infrastruktur. Wir verurteilen diese Gewalt – sie muss eingestellt werden“, betonte sie.

    Rückt der Sieg immer näher?

    Nach der Rückeroberung Chan Scheichuns werden die Positionen der syrischen Regierungstruppen im Süden von Idlib wesentlich stärker. Dadurch könnten sie die Kämpfer in den benachbarten Orten Latamna, Murek und Kafr Zeita einkesseln und Voraussetzungen für den weiteren Vormarsch in die Tiefe der letzten Provinz schaffen, die immer noch von Terroristen kontrolliert wird.

    „Syrien baut hoffnungsvoll seine Zukunft auf, aber die terroristischen Organisationen, die in vielen Ländern verboten sind, bestehen dort nicht nur, sondern leisten den Regierungstruppen Widerstand“, sagte Alexej Koschkin von der Russischen Wirtschaftsuniversität „Georgi Plechanow“ gegenüber Sputnik. „Die Regierungsarmee säubert ziemlich erfolgreich das Territorium. Bis dato blockieren sie viele Gruppierungen, indem sie ihren Munitionsnachschub unterbinden, so dass diese keine Existenzmittel haben. Meines Erachtens ist das ein Vorzeichen der künftigen Stunde des Sieges, wenn die Regierungskräfte das ganze Territorium Syriens von Terroristen befreien können.“

    Es ist erwähnenswert, dass in Idlib auf der Seite der Terroristen ziemlich viele Kämpfer aus den früheren Sowjetrepubliken und einigen Regionen Russlands kämpfen. Für Moskau ist es eine wichtige Aufgabe, ihre mögliche Heimkehr aus Syrien zu verhindern.

    Der russische Präsident Wladimir Putin warnte bei seinem jüngsten Treffen mit dem französischen Amtskollegen Emmanuel Macron, dass mit der Verbreitung dieser Kämpfer über verschiedene Regionen der Welt große Gefahren verbunden seien.

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    Tags:
    Dschebhat an-Nusra, Idlib, Türkei, Bashar al-Assad, Syrien, Chan Scheichun