03:57 06 Dezember 2019
SNA Radio
    Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im Gespräch mit Korrespondenten ausländischer Medien

    „AfD will das Gegenteil von 1989“ – Ex-Bundestagspräsident Thierse über Ost-Wahlkampf

    © Sputnik / Tilo Gräser
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    1228196
    Abonnieren

    Ehemalige DDR-Oppositionelle und -Bürgerbewegte haben empört auf Wahlkampfparolen und -plakate der AfD mit Slogans aus dem Herbst 1989 in der DDR reagiert. Der Sozialdemokrat Wolfgang Thierse wirft dieser Partei „Geschichtslügen“ vor. Er sieht zugleich das „autoritäre Erbe der DDR“ als eine der Ursachen für die ostdeutsche Zustimmung für die AfD.

    Die Ostdeutschen sollten mehr auf das stolz sein, was sie seit 1990 geleistet haben, und ihren „Rucksack voller Minderwertigkeitsgefühle“ endlich ablegen. Das empfahl ihnen am Donnerstag Wolfgang Thierse in Berlin. Er war 1989 Mitbegründer der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP), später Vizevorsitzender der SPD und unter anderem Präsident des Bundestages. Für ihn ist das „autoritäre Erbe“ der DDR mitverantwortlich, dass die „Alternative für Deutschland“ (AfD) vor den Landtagswahlen im Osten hohe Zustimmungswerte verzeichnet.

    Thierse sprach vor Korrespondenten ausländischer Medien zum Thema „Missbrauch der friedlichen Revolution 1989 im AfD-Wahlkampf“. Zuvor hatten ehemalige DDR-Oppositionelle öffentlich dagegen protestiert, dass die AfD versuche, „die DDR mit der jetzigen Bundesrepublik gleichzusetzen“. Deren Führung stelle sich „als Vollender einer angeblich unvollkommenen Revolution“ dar und rufe zum Aufstand auf. Damit werde eine „Geschichtslüge verbreitet“, so die Ex-Bürgerbewegten in ihrer Offenen Erklärung von Mitte August.

    „AfD missbraucht die Losungen von 1989/90“

    „Vollende die Wende“ lautet einer der Slogans auf AfD-Wahlplakaten, wie sie derzeit in Brandenburg, Sachsen und Thüringen zu sehen sind. Dagegen empört und wehrt sich der heute 75-jährige Thierse, der sich als „Mittäter der friedlichen Revolution und des deutschen Einigungsprozesses“ bezeichnete. Er gehört zu den Unterzeichnern der Offenen Erklärung der Ex-Oppositionellen aus der DDR.

    „Die AfD missbraucht die Losungen von 1989/90“, betonte er. „Wir wollten damals ins Offene. Wir wollten Grenzen überwinden. Wir wollten Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. Und die AfD will so ziemlich das Gegenteil. Sie will nicht offene Grenzen. Wenn sie sich auf die Losung beruft ‚Wir sind das Volk‘, dann meint sie nicht, was wir 1989 gemeint haben.“

    Damals sei es mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ um „Selbstermächtigung und Selbstermutigung“ gegangen. Das habe sich gegen „die da oben“ von der SED, gegen dere „diktatorische Macht“ gerichtet, erklärte der Sozialdemokrat den Korrespondenten. Bei der AfD bedeute der Ruf etwas ganz Anderes: „Wir sind das Volk – und nicht die Ausländer, nicht die zu uns Gekommenen, nicht die Fremden.“ Damit werde der „alte, wichtige Ruf“ völlig umgedreht, so Thierse.

    „Ostdeutschland gibt es nicht mehr“

    Er wünsche sich von seinen ostdeutschen Landsleuten, sich zu erinnern, „was wir 1989/90 wollten“, und dass „sie sich nicht selber betrügen lassen in ihrem Ärger, ihrer Kritik, Wut und Empörung“. Dafür gebe es immer Gründe, gestand er ein.

    „Es gibt Ostdeutschland nicht mehr und es gibt die Ostdeutschen nicht mehr“, sagte Thierse. Er begründete das mit dem „Fleckenteppich“ aus erfolgreichen und benachteiligten Regionen, die es im Osten der Bundesrepublik gebe. Und die auch in Westdeutschland zu finden seien. Der Sozialdemokrat verwies auf die Tatsache, dass nach 1990 vier Millionen Menschen aus dem Osten abgewandert, dafür aber immerhin zwei Millionen aus dem Westen gekommen seien. Diese „neues deutsche Mischung“ lasse ihn hoffen.

    Thierse stellte klar, dass den Umfragen zufolge rund 80 Prozent der Ostdeutschen die AfD nicht wählen wollen, was immer noch die Mehrheit sei. Zu den Ursachen für die Zustimmungswerte für die AfD zählt aus seiner Sicht, dass viele verunsichert seien angesichts der zahlreichen Veränderungen. Dabei gehe es nicht nur um die Folgen der deutschen Einheit, sondern auch die der Globalisierung, der Digitalisierung und anderer gesellschaftlicher Prozesse. Besonders die Mittelschicht, der es eigentlich derzeit gut gehe, sei verunsichert und reagiere mit Blick in die Zukunft verängstigt, so der Ex-Bundestagspräsident: „‘Gute Bürger‘ wählen AfD.“

    „Tiefe DDR-Erbschaft wirkt weiter“

    Aus seiner Sicht gehört zu den Ursachen nicht das vermeintliche Versagen der etablierten Parteien, sondern vor allem kulturelle und sozialpsychologische Faktoren. Ausdrücklich erwähnte er dabei ein autoritäres, obrigkeitsorientiertes Denken vieler in Ostdeutschland. Das ziehe sich zwar durch die deutsche Geschichte, habe sich aber besonders in der DDR gezeigt und gehalten, meinte Thierse.

    Er widersprach damit ausdrücklich den Aussagen des ostdeutschen Soziologen Wolfgang Engler. Der hatte sich kürzlich in einer Analyse, abgedruckt im August-Heft der Zeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ , mit dem Thema beschäftigt. Für ihn lässt es sich nicht mit den Nachwirkungen der DDR erklären, dass Ostdeutsche verhältnismäßig stärker als die Westdeutschen „in neurechtem Fahrwasser“ segeln und nicht wenige von ihnen „sich im rechtsradikalen Sumpf tummeln.“ Engler sieht die Ursachen dafür eher in den Enttäuschungen und Verwerfungen seit 1990.

    Thierse sagte auf die Frage nach seiner Meinung dazu: „Ich widerspreche ihm fundamental. Engler hat nicht Recht!“ Der Soziologe verdränge, dass der marode Zustand der DDR mitverantwortlich war für die Art und Weise der deutschen Einheit mit ihren dramatischen Veränderungen und sozialen Folgen. „Wenn man behauptet, das habe nichts mit der DDR zu tun, dann betreibt man schlicht Geschichtslüge“, warf der Sozialdemokrat Engler und anderen vor.

    „Erblast der DDR war zu bewältigen“

    Das „autoritäre, vormundschaftliche Erbe der DDR“ wirke weiter. Das habe auch der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl „von oben, gewissermaßen parteipolitisch genial“, bedient. Damals habe es die „autoritäre Erwartung“ gegeben, „die da oben aus dem Westen werden es richten“. Für Thierse wirkt diese Orientierung auf den Staat, der alles richten solle, als „tiefe DDR-Erbschaft“ bis heute nach. Das zählt für ihn zu den Motiven für jene, die der AfD zustimmen, und die diese Partei ausnutze.

    „In den 1990er Jahren hatten wir die Erblast DDR zu bewältigen.“ Das sei mit Lasten, Schmerzen und Verbitterung verbunden gewesen. Er erinnerte an seine Worte in der DDR-Volkskammer am 13. September 1990, als der Einigungsvertrag mit der BRD beschlossen wurde: „Die DDR tritt nicht dem Paradies bei, aber auch nicht der Hölle.“ Doch das habe die Mehrheit der Ostdeutschen nicht hören wollen. Umso größer sei die Enttäuschung dann gewesen.

    Für Kritiker sind der Ruf „Wir sind ein Volk“ nach der Grenzöffnung am 9. November 1989 ebenso wie die spätere „Allianz für Deutschland“ – die auch AfD abgekürzt werden kann – bei der DDR-Wahl im März 1990 Zeichen dafür, dass es schon damals eine nationalistischen Grundströmung in Ostdeutschland gab. Thierse sieht das anders und hält das nicht für vergleichbar mit der heutigen AfD, wie er auf Sputnik-Nachfrage sagte.

    „Wir sind zu wenig stolz“

    Er erklärte dazu: „‚Wir sind das Volk‘ war gegen die SED-Herrschaft gerichtet, eine Losung der Selbstermächtigung und Selbstermunterung. Im Laufe des November wurde ‚Wir sind ein Volk‘ die wichtigste Losung, nach dem Durchbruch durch die Mauer am 9. November.“ Das sei eine Reaktion darauf gewesen, dass seitdem Millionen DDR-Bürger sahen, was im Westen an Freiheit und Wohlstand möglich war, an dem sie teilhaben wollten. Deshalb sei die Losung so verändert worden. „Das hatte noch nicht nationalistische Züge, sondern war der Hilferuf: Das wollen wir auch alles haben!“

    Eine ukrainische Journalistin wollte wissen, warum es in Ostdeutschland relativ viel Sympathie für Russland gebe. Thierse beantwortete das unter anderem mit der Dankbarkeit für Michail Gorbatschow. Dieser habe die deutsche Einheit möglich gemacht. Und trotz der verordneten deutsch-sowjetischen Freundschaft und der Sicht auf die Sowjetunion als Besatzungsmacht habe es in der DDR-Bevölkerung eine „ganz starke emotionale Beziehung zum russischen Volk“ gegeben. „Weil wir doch gewusst haben, wie sehr das russische Volk unter den Deutschen, unter der Nazi-Herrschaft gelitten hat, und dass es die größten Opfer des Nazi-Krieges gebracht hat“, erklärte er das scheinbar verwunderliche Phänomen.

    Thierse beklagte: „Wir sind zu wenig stolz.“ Viele Ostdeutsche würden immer noch zu wenig Selbstbewusstsein und Stolz über das seit 1990 Geleistete und Bewältigte zeigen. Sie müssten ihr „Gepäck der Minderwertigkeitskomplexe“ endlich ablegen und sollten „nicht wie früher immer nur nach Westen blicken, sondern auch nach Osten. Das ist die andere Vergleichgsgröße.“

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren

    Zum Thema:

    Qualität anders als in EU: Deutsche und andere Marken sorgen für Verbraucherskandal in Russland
    Polens Präsident Duda will in Russland plötzlich keinen Nato-Feind mehr sehen – Moskau kommentiert
    „Sie bauen einfach weiter“: Rohrverlegung bei Nord Stream 2 wieder aufgenommen – OMV
    Tags:
    Ostdeutschland, AfD, Wahlkampf, Wiedervereinigung, Mauerfall, DDR