07:07 19 November 2019
SNA Radio
    Eine Symbolszene des Hitlers Überfall auf Polen mit Kleinfiguren der Wehrmacht-Soldaten

    Polen: Politischer Zirkus um 80. Jahrestag des Kriegsbeginns

    © REUTERS / Zbigniew Choman
    Politik
    Zum Kurzlink
    284117
    Abonnieren

    Warschau begeht den 80. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges im Kreis hochrangiger Repräsentanten vieler Länder. Der russische Präsident Wladimir Putin wurde zu den Gedenkveranstaltungen aber nicht eingeladen. Was ist von dieser Entscheidung Polens zum traurigen Jubiläum zu halten?

    Am frühen Morgen des 1. September 1939 fielen die ersten deutschen Bomben auf die Stadt Wielun an der polnisch-deutschen Grenze. Nach ein paar Stunden lag diese Kleinstadt in Trümmern. Etwa 1200 Menschen kamen dabei ums Leben. Zum selben Zeitpunkt beschoss das deutsche Schlachtschiff „Schleswig-Holstein“ die Westerplatte. Auf dieser winzigen Halbinsel in der Ostsee unweit von Gdansk lag eine kleine Garnison der polnischen Streitkräfte. Der Überraschungseffekt, den die Deutschen bei ihrem ersten Angriff auf die Westerplatte anstrebten, funktionierte nicht: Die polnischen Soldaten kämpften selbstaufopfernd für ihr Land, hatten jedoch gegen den viel stärkeren Feind keine Chance…

    So begann der blutigste Krieg des gesamten 20. Jahrhunderts, dessen ersten Schlag Polen zu spüren bekam.

    Es sind 80 Jahre vergangen. Wielun und Gdansk empfangen heute Gäste, die zu den Veranstaltungen zum traurigen Jubiläum gekommen sind. Doch im Mittelpunkt stehen die Veranstaltungen in Warschau, zu denen mehr als 40 ausländische Delegationen eingeladen wurden, unter anderem hochrangige Politiker wie Präsidenten und Ministerpräsidenten. Es wird erwartet, dass auf dem Pilsudski-Platz die Präsidenten Polens und Deutschlands auftreten werden. Auch US-Präsident Donald Trump wurde eingeladen, aber er musste seine Polen-Reise wegen eines Orkans in Florida absagen. Der russische Staatschef Wladimir Putin wurde nicht nach Warschau gebeten.

    Der Leiter des polnischen Präsidialamtes, Krzysztof Szczerski, sagte dazu, dass die Einladungen zu den Feierlichkeiten in Warschau „unter Berücksichtigung der aktuellen Realität“ verschickt worden seien.

    „Der Präsident hat beschlossen, die Mitgliedsländer der EU, der Nato und der Ost-Partnerschaft einzuladen. Russland ist an keiner von diesen Organisationen beteiligt“, betonte er auf einer Pressekonferenz. 

    In Polen gibt es unterschiedliche Meinungen dazu. „Das ist politische Gleichgewichtskunst“, findet beispielsweise der Politologe Krzysztof Podgorski.

    Das Schicksal des Zweiten Weltkriegs wurde an der Ostfront entschieden

    „Der Zweite Weltkrieg war der Kampf der Anti-Hitler-Koalition, und zwar der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland, das faschistische Italien und das imperialistische Japan“, sagte Podgorski in einem Interview für Sputnik. „Dem ‚Großen Dreigespann‘ gehörte die Sowjetunion an, auf deren Schultern die größte Last des Kampfes gegen das nazistische Dritte Reich lag. Man sollte auch nicht vergessen, dass das Motto ‚Sieg!‘ Millionen Opfer bedeutete – Soldaten und Zivilisten aus den Ländern, die an diesem Krieg beteiligt waren. Und die Sowjetunion trug die größte Last im Kampf gegen die faschistischen Okkupanten. An der Ostfront wurde das Schicksal des Zweiten Weltkrieges entschieden. Fakten darf man nicht leugnen. Dieses Vorgehen der polnischen Behörden gegenüber Russland ist unfassbar und inakzeptabel. Aus historischer Sicht ist das nichts als Leugnung der historischen Wahrheit“, stellte der Experte fest.

    Der Schlüssel zu den Feierlichkeiten ist nicht die Trennungslinie von 1939, sondern die von heute – von 2019

    Auch der Politologe und Publizist Adam Wielomski findet die Begründung des Präsidialamtschefs Szczerski, die ausländischen Gäste seien zu den Jubiläumsveranstaltungen unter Berücksichtigung der heutigen Situation in der Welt eingeladen worden, „politisch untauglich“.

    „Aus meiner Sicht kann es zwei Vorgehensweisen in Bezug auf das Format der Feierlichkeiten geben: Entweder lädt der polnische Staat diejenigen zur Zeremonie ein, die 1939 Verbündete Polens waren, und gibt ihnen die Möglichkeit, eine Rede zu halten. Dann wären die Auftritte des Präsidenten Frankreichs, des Ministerpräsidenten Großbritanniens und möglicherweise des US-Präsidenten am meisten angebracht (obwohl die USA zu diesem Zeitpunkt noch keine Verbündeten waren und sich am Krieg nicht beteiligten). Oder man könnte die Nachbarn einladen, die an Kontakten mit Polen interessiert sind. Dann hätte man auch die russische Delegation einladen sollen, wie auch die anderen Länder, die am Krieg beteiligt waren, ob auf der Seite der Alliierten oder als Gegner. Und dann wäre die Einladung Deutschlands gerechtfertigt. Aber eine Situation, dass zu den Veranstaltungen zum Jahrestag eines Ereignisses aus dem Jahr 1939 Länder eingeladen werden, die 2019 Verbündete sind, halte ich für unverständlich. Und am Ende des Tages wird eine historische Frage von aktuellen Streitigkeiten und politischen Diskussionen in den Hintergrund gedrängt. Ich habe meine Zweifel, ob es richtig ist, dieses historische Jubiläum mit der Politik von heutzutage zu vermischen“, so Adam Wielomski.

    Zugleich verwies er auf einen umstrittenen Moment bei der Deutung der damaligen Ereignisse, denn aus der Sicht der polnischen Seite sah die historische Situation im Vorfeld des Kriegs etwas anders aus.

    „Die Polen wissen noch, dass der Krieg am 1. September 1939 mit einem Angriff des Dritten Reiches begann. Sie wissen auch, dass in der ersten Phase dieses Krieges, bis Juni 1941, die Sowjetunion eine Vereinbarung mit dem Dritten Reich hatte – ich meine den Hitler-Stalin-Pakt. Ihm zufolge eroberte die Sowjetunion am 17. September 1939 die östlichen Gebiete Polens. Deshalb ist man in Polen nicht der Auffassung, dass Präsident Putin eindeutig im Namen Russlands als Mitglied der Anti-Hitler-Koalition auftreten könnte. Aber wenn ein Vertreter Deutschlands am 1. September in Warschau mit einer Rede auftreten darf, gibt es meines Erachtens keinen Grund, der russischen Delegation die Einladung zu verweigern. Allerdings verstehe ich, dass die polnische Seite aktuell nicht die Trennungslinie von 1939 berücksichtigt, sondern die von 2019. Doch wenn es sich um ein historisches Datum handelt, finde ich eine solche Vorgehensweise nicht gerade nachvollziehbar.“

    Könnten die Polen ihre Meinung über den Zweiten Weltkrieg ändern?

    Die polnische Politikerin und frühere EU-Abgeordnete Joanna Senyszyn ist derselben Meinung. Ihr zufolge sollte man die Ereignisse am Anfang des Zweiten Weltkrieges nicht aus der Sicht der aktuellen Situation betrachten. Auch sie habe Fragen bezüglich der Einladung der Gäste nach Warschau, gab Senyszyn gegenüber Sputnik zu.

    „Es ist sehr traurig, dass bei solch wichtigen Anlässen solche Missverständnisse entstehen. Aber so ist nun einmal die historische Politik der Regierungspartei ‚Recht und Gerechtigkeit‘ und des Instituts des Nationalen Gedenkens, wegen der neue ‚Weiße Flecken‘ in der Geschichte entstehen. Die Geschichte wird umgeschrieben und ganz neu interpretiert, um die Ansicht der Polen zum Zweiten Weltkrieg mit der Zeit völlig zu verändern“, so Joanna Senyszyn.

    Dabei steht für sie die Wichtigkeit einer zuverlässigen internationalen Kooperation heutzutage außer Frage. „Natürlich müssen wir heute mit allen europäischen Ländern eng zusammenwirken, und zwar nicht nur in der EU und der Nato. Meines Erachtens sollten zu den Veranstaltungen alle Kriegsteilnehmer eingeladen werden. Da sind jegliche Missverständnisse unangebracht.“

    Nach ihrer Auffassung sollte man lieber „den Jahrestag des Sieges gegen den Faschismus und nicht den Beginn des Zweiten Weltkrieges feiern, der für Polen zu einer schrecklichen Tragödie wurde“.

    Gegen Fälschung der Geschichte

    Der Kreml äußerte seine Position zur verweigerten Einladung für Präsident Putin nach Warschau.

    „Jegliche Gedenkveranstaltungen, die dem Großen Vaterländischen Krieg bzw. dem Zweiten Weltkrieg gewidmet sind, können ohne unser Land nicht vollwertig sein, denn die Rolle unseres Landes im Zweiten Weltkrieg lässt sich kaum überschätzen“, sagte Putins Sprecher Dmitri Peskow. (Als Großer Vaterländischer Krieg gelten in Russland die letzten vier Jahre des Zweiten Weltkrieges, als die Rote Armee gegen die Wehrmacht auf dem Territorium der Sowjetunion kämpfte und später die von Deutschland okkupierten europäischen Länder befreite – Anm. d. Red.)

    Darauf reagierte Szczerski in einem Interview für die Nachrichtenagentur PAP mit der Versicherung, dass „niemand die Beteiligung der Sowjetunion an der Niederringung von Hitler-Deutschland im Jahr 1945 infrage stellt. In diesem Sinne wären die Feierlichkeiten zum Ende des Krieges ohne Russland tatsächlich nicht vollwertig, aber der historische Kontext des Jahres 1939 hat einen völlig anderen Charakter.“

    Ganz anders sieht diese Situation der weißrussische Präsident Alexander Lukaschenko, der eine Einladung zu den Veranstaltungen in Warschau bekommen, aber abgelehnt hat. Der Publizist Podgurski findet Lukaschenkos Schritt klar und deutlich: „Mit seiner Abwesenheit und der Begründung seiner Abwesenheit zeigt er, dass er gegen die Fälschung der Geschichte ist.“

    Der Pressesprecher des weißrussischen Außenministeriums, Anatoli Glas, verwies in diesem Kontext darauf, dass alle Völker der Sowjetunion den entscheidenden Beitrag zum Sieg gegen den Nazismus geleistet hatten, „und es wäre mindestens historisch falsch, den Beitrag verschiedener Sowjetrepubliken zum gemeinsamen Sieg anders zu deuten und zu differenzieren“.

    Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 und dauerte bis zum 2. September 1945. Daran nahmen insgesamt 57 Länder teil. Ihre gesamten Verluste im Krieg belaufen sich laut verschiedenen Quellen auf 50 bis 80 Millionen Menschen (Militärs und Zivilisten). Die meisten Verluste entfielen auf die Sowjetunion: Laut offiziellen statistischen Angaben betrugen sie 26,6 Millionen Menschen. 600.000 sowjetische Soldaten fielen auf dem Territorium Polens.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Warschau, Zweiter Weltkrieg, Drittes Reich, Deutschland, Wladimir Putin, Russland, Polen