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    Polnischer Teil des britschen Militärfriedhofs in Berlin am 80. Jahrestag des Ausbruches vom Zweiten Weltkrieg

    Wer wollte das deutsche Volk kleinkriegen? Historikerin weist auf Geschichtsverheimlichung hin

    © AP Photo / Markus Schreiber
    Politik
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    Zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges sprachen manche westlichen Spitzenpolitiker der Sowjetunion ihre Leistungen im Kampf gegen das NS-Regime ab. Laut der russischen Historikerin Dr. Elena Ponomarewa verheimlichen sie dabei gerne, wer zu Kriegszeiten – anders als die Sowjetunion – selbst die Zivilbevölkerung Deutschlands bedrohte.

    Das kroatische Volk habe angesichts der Gesamtbevölkerung den größten Beitrag zum antifaschistischen Kampf in Europa geleistet, sagte die kroatische Präsidentin bei den Feierlichkeiten in Polen anlässlich des 80. Jahrestages des Beginns des Zweiten Weltkrieges – mehr als eine halbe Million kroatischer Bürger hätten daran teilgenommen.

    Während die Polen das Land gegen den Nazi-Überfall verteidigt hätten, steuerte der britische Ministerpräsident Boris Johnson in einer Twitter-Videobotschaft hinzu, hätten die sowjetischen Streitkräfte sie im Osten angegriffen, infolgedessen sei Polen „zwischen dem Hammer des Faschismus und dem Amboss des Kommunismus“ gelandet.

    Bulgarien seinerseits stemmte sich gegen eine russische Ausstellung mit Fotos der Befreiung Osteuropas von der Wehrmacht und warf der russischen Botschaft eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes vor. Nach Einschätzung der bulgarischen Diplomaten war der Krieg der Sowjetunion gegen Nazi-Deutschland keine Befreiung Osteuropas. 

    Die Geschichtsprofessorin der Moskauer Staatlichen Hochschule für internationale Beziehungen (MGIMO), Dr. Elena Ponomarewa, verweist in einem Sputnik-Gespräch darauf, dass all diese Spitzenpolitiker dabei gerne weglassen, dass die Sowjetunion eben ein Objekt der NS-Aggression gewesen sei. Mehr noch: Sie würden verheimlichen, dass die Sowjetunion – anders als die Angelsachsen, die heute als „richtige Befreier“ gefeiert werden – nie das Ziel erwogen oder verfolgt hätte, neben dem NS-Regime auch das gesamte deutsche Volk zu bedrohen, also die Nazis nicht über einen Kamm mit den Deutschen geschert hätte. 

    Gegen die Nazis und nicht gegen die deutsche Bevölkerung

    Es lohnt sich laut Ponomarewa ebenfalls, die Haltung der sowjetischen Führung und beispielsweise der Briten gegenüber Deutschland und den Deutschen zu vergleichen. „Sie müssen sich darüber im klaren sein, daß dieser Krieg nicht gegen Hitler oder den Nationalsozialismus geht, sondern gegen die Kraft des deutschen Volkes, die man für immer zerschlagen will, gleichgültig, ob sie in den Händen Hitlers oder eines Jesuitenpaters liegt“, schrieb Winston Churchill unter anderem Ende der 1930er Jahre.  

    Joseph Stalin dagegen mahnte in seinem Befehl des Volksverteidigungskommissars der Sowjetunion im Februar 1942, die Rote Armee habe ein edles Ziel, nämlich die Befreiung der Heimat von dem Angreifer:

    „Es wäre lächerlich, Hitlers Clique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staat zu identifizieren. Die Erfahrung der Geschichte besagt, dass die Hitlers kommen und gehen und das deutsche Volk und der deutsche Staat bleiben.“ 

    Im Mai 1942 schrieb er, der Krieg habe dem deutschen Volk große Enttäuschung, Millionen von Menschenopfern, Hunger und Verarmung gebracht. Es sei dem deutschen Volk laut Stalin zunehmend klar geworden, dass der einzige Ausweg aus dieser Situation darin bestehe, Deutschland von der abenteuerlichen Hitler-Göring-Clique zu befreien. 

    „Genosse Ehrenburg simplifiziert“

    Auch die sowjetische Presse setzte auf einen konstruktiven Umgang mit den Deutschen. So konterte die leitende sowjetische Zeitung „Prawda“ im April 1945 den Artikel des russischen Journalisten Ilja Ehrenburg in der Zeitung „Roter Stern“. 

    „Genosse Ehrenburg versichert den Lesern, dass alle Deutschen gleich und gleichermaßen für die Verbrechen der Nazis verantwortlich sind. In dem Artikel „Genug!“ meint er, dass es kein Deutschland gibt, sondern eine riesige Bande, die wegläuft, wenn es um die Verantwortung geht.“  

    Jetzt sei jeder überzeugt, schreibt die „Prawda“ weiter, dass verschiedene Deutsche unterschiedlich kämpfen und sich unterschiedlich verhalten – dies zeige sich besonders deutlich in der Erfahrung der letzten Monate. Einige deutsche Offiziere würden für das „kannibalische“ System weiter kämpfen, während andere Bomben auf Hitler und seine Clique werfen oder die Deutschen davon zu überzeugen versuchen, die Waffen niederzulegen. „Genosse Ehrenburg spiegelt in diesem Fall nicht die öffentliche Meinung der Sowjets wider. Die Rote Armee, die ihre große Befreiungsmission erfüllt, kämpft für die Liquidierung der Naziarmee, des Hitlerstaates und der Hitlerregierung, hat sich aber nie zum Ziel gesetzt, das deutsche Volk auszurotten.“ Einige russische Historiker gehen davon aus, dass dieser Artikel vielen Deutschen letztendlich das Leben gerettet hat. 

    USA: Für WEN?

    Anders als die westlichen Alliierten hatte die Rote Armee auch keine zusätzliche halbe Million Zivilisten durch Luftschläge getötet. Nie hatte es in der Sowjetunion einen Plan wie den Morgenthau-Plan der USA gegeben. Dessen Ziel war es laut Ponomarewa, den Deutschen einen maximalen psychologischen und demografischen Schaden zuzufügen. Mit dem Plan wollte der US-amerikanische Finanzminister Henry Morgenthau bis zu einem Skandal in der Presse im September 1944 Deutschland in einen Agrarstaat verwandeln. Der Plan, der danach jedoch nicht zum Staatsprogramm wurde, hätte laut der Kritik des Ex-US-Präsidenten Herbert Clark Hoover nur dann erfüllt werden können, wenn 25 Millionen Deutsche ermordet oder deportiert worden wären. Auf jegliche Ideen mit dem Agrarstaat hatte man mit dem Beginn des Kalten Krieges 1947 verzichtet und dagegen auf den Marshall-Plan gesetzt.

    Die ganze Logik des rationalen Imperialismus hätte die Amerikaner letztendlich dazu gebracht, das wirtschaftliche Potenzial Westdeutschlands zu nutzen und dessen großen Markt zu erobern, schreiben die Historiker weiter. Unter den Umständen des absehbaren Wettbewerbs zwischen den USA und der Sowjetunion wäre es nicht rational gewesen, einen anderen Weg zu wählen, unabhängig davon, welche germanophoben und chauvinistischen Gefühle die einzelnen Spitzenpolitiker der USA bewegt hätten. Auf den deutschen Markt hatten große US-Unternehmen wie etwa der Autokonzern Ford oder der Ölgigant Standard Oil of New Jersey (heute ExxonMobil) übrigens eben in Hitlers Krieg gesetzt, indem sie Flugmotoren, Autos und Treibstoff an sein Deutschland verkauften.

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    Tags:
    Drittes Reich, Großbritannien, Bulgarien, Josef Stalin, Boris Johnson, UdSSR, Sowjetunion, Zweiter Weltkrieg