20:36 05 Dezember 2019
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    Russlands Militärtechnik am 15. Februar 1994 in Wünsdorf (Archiv)

    Stabschef der Sowjettruppen in der DDR: „Ostdeutschland für ein Butterbrot bekommen“

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    Am 31. August 1994 fand in Berlin die offizielle Verabschiedung der Westgruppe der sowjetischen bzw. russischen Truppen statt. 25 Jahre später trafen sich wichtige Protagonisten des historischen Truppenabzugs und Politiker zu einer Konferenz. Noch immer gilt als Wunder, wie friedlich damals die Verlegung einer halben Million Soldaten gelungen ist.

    Am 9. September 1994 trat das Nachkommando der Westgruppe unter Leitung des Stabschefs Generaloberst Anton Terentjew vom Flugplatz Berlin-Schönefeld die Heimreise an. Damit war der Abzug der sowjetischen bzw. russischen Truppen aus Deutschland vollendet. Die Verlegung von circa 380.000 Militär- und 180.000 Familienangehörigen und Zivilbeschäftigten sowie der militärischen Ausrüstungen und Geräte sowie 680.000 Tonnen Munition innerhalb von knapp vier Jahren war eine historisch beispiellose militärisch-logistische Operation.

    Diese Operation wurde gleichzeitig ein einmaliges Feld zur Vertrauensbildung und Zusammenarbeit zwischen deutschen und russischen Partnern.

    „Dafür sind 27 Millionen Sowjetsoldaten gestorben?“

    25 Jahre danach haben sich am 10. September wichtige Protagonisten des Abzugs aus Russland und Deutschland in Berlin versammelt. Stargast der Konferenz ist ebenjener Generaloberst Anton Terentjew, heute Präsident des Veteranenverbands der ehemaligen Sowjettruppen in der DDR. Der damalige Stabschef der Westgruppe bezeichnet den Abzug 1994 als „einseitige Geste des guten Willens von Seiten der Sowjetunion.“

    Terentjew klingt verbittert, dass diese Geste vom Westen nicht entsprechend gewürdigt wurde und dass dies nicht zu Sicherheitsgarantien von Seiten der Nato gegenüber Russland geführt habe.

    „Die Nato ist bis an unsere Haustür herangerückt und empört sich noch, wenn wir nicht aufmachen!“, so Terentjew. Deutschland bekam keinen „neutralen Status“ außerhalb der Nato und „es wurden sogar noch Sanktionen gegen uns verhangen.“, empörte sich der Generaloberst. „Dafür sind 27 Millionen Sowjetsoldaten gestorben und dafür sind wir friedlich abgezogen?“, fragt er zornig.

    Optimistisch stimmt Terentjew, dass Deutschland so langsam wieder begreife, dass die Freundschaft zu Russland essentiell für die Sicherheit Europas sei. Er betonte auch, dass neben den Russen, die in der DDR gedient haben, auch deren Kinder und Enkel jetzt „Freunde des deutschen Volkes“ seien.

    General a.D. Gerhard Back und Generaloberst Anton Terentjew
    © Sputnik / Tilo Gräser
    General a.D. Gerhard Back und Generaloberst Anton Terentjew

    „Ostdeutschland für ein Butterbrot bekommen“

    Es wurde damals vereinbart, dass die Kosten für den weiteren Aufenthalt der Sowjettruppen von Ende 1990 bis zum endgültigen Abzug 1994 von der Bundesregierung getragen werden. Die Folgekosten in der Sowjetunion, beziehungsweise später Russland, – vor allem der Häuserbau für die halbe Million Rückkehrer – sollten zur Hälfte von deutscher und zur Hälfte von sowjetischer Seite getragen werden. Durch den Untergang der Sowjetunion Ende 1991 wurde das immer schwieriger, so dass auch hier die Bundesregierung mit Krediten den Löwenanteil trug.

    Generaloberst Anton Terentjew, regte sich trotzdem auf, dass die Bundesrepublik „Ostdeutschland für ein Butterbrot bekommen“ habe. Der damalige Stabschef und damit Hauptverantwortlicher der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte verwies auf ein Zitat Helmut Kohls, der einmal sagte, dass er bei den Verhandlungen mit Gorbatschow bereit gewesen wäre, bis zu 100 Milliarden D-Mark für die DDR zu zahlen. Gorbatschow hätte den Fehler gemacht, „sich schon mit 7,8 Milliarden zufrieden zu geben.“, so der russische Generaloberst.

    Tatsächlich hat die Bundesregierung insgesamt zwölf Milliarden D-Mark für den Truppenabzug bereitgestellt. Davon waren 7,8 Milliarden für den Wohnungsbau für Soldaten vorgesehen, drei Milliarden für den Unterhalt der sowjetischen Truppen von 1991 bis zum Abzug Ende 1994 und eine Milliarde für die Transportkosten.

    Zeitzeugen und Politiker

    Der Konferenz in Berlin gelang es, Zeitzeugen und Politiker von damals und heute zu einer spannenden Diskussion zusammenzubringen. Es wurden nicht nur die Leistungen von damals gewürdigt – Man fragte sich auch, welche Impulse von diesen Erfahrungen ausgehen können für die Entwicklung von Vertrauen, Zusammenarbeit und Dialog im Blick auf Frieden und Sicherheit in Europa. Organisiert wurde die Konferenz von der Stiftung „West-Östliche Begegnungen“.

    Deren ehemaliger Vorsitzender Helmut Domke war damals der deutsche Verantwortliche für den Truppenabzug in Brandenburg. Weitere Teilnehmer der Konferenz waren Politiker wie der Bundestagsabgeordnete Alexander Neu von der Linkspartei sowie Russland-Experten wie der langjährige Russlandbeauftragte der Bundesregierung, Gernot Erler. Außerdem natürlich Zeitzeugen von damals wie Helmut Kohls Sicherheitsberater Horst Teltschik oder eben Generaloberst Anton W. Terentjew, der damals quasi als letzter hochrangiger Sowjetmilitär das inzwischen längst wiedervereinte Deutschland verlies. Auch ehemalige Diplomaten und Top-Politiker, wie der letzte Außenminister der DDR, Markus Meckel, oder die ehemaligen deutschen Botschafter in Moskau, Ulrich Brandenburg oder Ernst-Jörg von Studnitz, waren erschienen.

    Zwei-plus-Vier-Vertrag beschließt Abzug der Sowjettruppen

    Im Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 wurden von den internationalen Siegermächten des Zweiten Weltkrieges, der Sowjetunion, den USA, Großbritannien und Frankreich gemeinsam mit den Vertretern der Bundesrepublik und der DDR die Rahmenbedingungen für die Deutsche Einheit festgelegt. Ein Punkt betraf den Abzug der sowjetischen Streitkräfte vom Territorium der DDR. Die genauen Details wurden einen Monat später im „Aufenthalts- und Abzugsvertrag” konkretisiert. Der endgültige Abzug wurde für den 31.12. 1994 festgelegt. Am Ende lief die größte Truppenverlegung der Militärgeschichte zu Friedenszeiten so gut, dass bereits Anfang September 1994 die letzten russischen Soldaten Deutschland verließen.

    Der größte Truppenabzug der Militärgeschichte

    Die Westgruppe war die größte Truppe, die jemals außerhalb der eigenen Grenzen in einem Land stationiert war. Über eine halbe Million Sowjetbürger – darunter fast 100.000 Kinder –  waren 1990 der sowjetischen Streitkräfte in der DDR angehörig. Sie lebten in knapp 35.000 Wohnungen, die von der DDR gebaut wurden und unentgeltlich genutzt werden durften. Es gab allein 181 Schulen nur für die sowjetischen Kinder in der DDR. Die militärischen Liegenschaften waren noch umfassender mit insgesamt mehr als 1000 Objekten, darunter über 200 Kasernen und 23 Flugplätze.

    All diese Objekte galt es zurückzuführen. Dafür mussten zuvor 2,6 Millionen Tonnen militärisches Material, darunter allein 677.000 Tonnen Munition entweder verschrottet oder in die Sowjetunion zurückgeführt werden. Es wurde der größte Truppenabzug der Militärgeschichte. Und auch das Tempo war rekordverdächtig. Die USA, die nach der Wiedervereinigung ebenfalls einen Teil ihrer Truppen aus Berlin und Westdeutschland abzogen, benötigten für die Rückführung von etwa 50.000 Soldaten acht Jahre, die Franzosen für 30.000 Armeeangehörige fünf Jahre, die Russen zogen etwa eine halbe Millionen Menschen in drei Jahren und acht Monaten ab.

    Sowjetsoldaten mit Messern im Mund

    General a.D. Gerhard Back war damals stellvertretender Leiter des Deutschen Verbindungskommandos und als solcher von Seiten der Bundeswehr für den Abzug zuständig. Back würdigte auf der Konferenz in Berlin auch die Leistung von Angehörigen der NVA, der Armee der DDR, die „viel mehr Erfahrung hatten im Umgang mit den Sowjetsoldaten“ und damit eine unersetzliche Hilfe waren bei der Organisation des Abzugs. Back beeindruckte auch, dass der Abzugsvertrag und der Zeitplan von russischer Seite exakt eingehalten wurden. Das führte über die vier Jahre „zu einem Vertrauensverhältnis und tiefem Respekt“ zwischen der deutschen und der russischen Seite. Es ging darum, dass die Russen „mit erhobenem Haupt“ das Land verlassen können. Auch Ex-General Back bedauert, dass es heute wieder Misstrauen zwischen dem Westen und Russland gibt.

    Bernhard Mroß, der damals Dolmetscher im Deutschen Verbindungskommando der Bundeswehr zu den sowjetischen Truppen war, verwies darauf, dass man damals in „fertigen Schablonen“ dachte. Man glaubte, dass die Sowjetsoldaten „mit Messern im Mund rumliefen.“ So war die Öffnung der russischen Kasernen auch für die Westseite bewegend und der Prozess des Abzugs eine „Zeit der Annäherung bis hin zur Freundschaft“. Mroß verwies auch auf die umfangreichen Spenden aus der Bevölkerung als auch der Industrie, die den Soldaten helfen sollten, wieder in der Heimat Fuß zu fassen. So gab es gemeinsame deutsch-russische Konzerte, um Spenden zu sammeln, „Auch dies brachte Russen und Deutsche näher“, so Mroß.

    Positive Erinnerungen an die „Besatzungsarmee“

    Wie war das Leben der Sowjetsoldaten in der DDR? Es war weitestgehend eine Parallelwelt. Dennoch gab es immer wieder Kontakte zwischen DDR-Bürgern und den sowjetischen Gästen. Als Besatzer haben wohl nur die wenigsten Menschen die Soldaten empfunden, Eher taten sie ihnen leid. Das Regime in den Kasernen war hart. Trotzdem kam man sich näher beim Einkauf im „Russen-Magazin”, den Kasernen-Verkaufsläden, die oft Dinge im Angebot hatten, die es sonst im freien DDR-Handel eher selten gab. Es wurde auch heimlich Tauschhandel mit den Soldaten betrieben. Die Erwachsenen tauschten vor allem Benzin gegen Lebensmittel oder Konsumgüter und die Kinder waren scharf auf sowjetische Abzeichen.

    Sergej Netschajew, Botschafter der Russischen Föderation in Deutschland, meinte auf der Konferenz in Berlin, dass die freundschaftlichen Kontakte zu den sowjetischen Soldaten in der DDR auch einen Grund dafür seien, dass es heute noch in Ostdeutschland eine eher positive Einstellung zu Russland gibt. Der Botschafter würdigte auch den bis heute guten Umgang Deutschlands mit sowjetischen Denkmälern. Das sei aktuell „nicht in allen Ländern so“.

    Der ehemalige deutsche Botschafter in Moskau, Ulrich Brandenburg, war 1990/91 beim Auswärtigen Amt der Bundesregierung für den Abzug der Truppen zuständig. Auch er meldete sich auf der Konferenz zu Wort und berichte von seinen Besuchen in den Kasernen und seine Reise durch das „andere Deutschland“. Brandenburg fand es auch erstaunlich, dass die Haltung der Ostdeutschen zu den sowjetischen Soldaten „durchweg positiv“ war, obwohl dies ja „de facto eine Besatzungsarmee war“.

    Der russischen Botschafter Sergej Netschajew
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Der russische Botschafter Sergej Netschajew

    Teltschik tief bewegt von den sowjetischen Soldaten

    Horst Teltschik, als außenpolitischer Sicherheitsberater unmittelbar an den Verhandlungen mit Moskau auf dem Weg zur Deutschen Einheit beteiligt, erinnerte sich an die Zeilen aus einem Lied, das damals Sowjetsoldaten bei der Abschiedsveranstaltung auf dem Gendarmenmarkt in Berlin sangen: „Wir sind als Feinde gekommen und wir gehen als Freunde.“

    Teltschik erzählte von dem Besuch Helmut Kohls auf der Datscha von Michail Gorbatschow im Kaukasus im Juli 1990. Die sowjetische Seite hatte gerade erst das endgültige Einverständnis zur Deutschen Einheit gegeben. Als sie dort beim Spaziergang zufällig auf sowjetische Militärs trafen, die in der DDR gedient hatten, sagten diese: Deutsche und Russen müssen Freunde bleiben. „Das hat mich tief bewegt“, sagte Teltschik sichtlich gerührt.

    Während es früher wohl keine Familie in der Sowjetunion gab, in der nicht jemand im Zweiten Weltkrieg gefallen war, so gab es 1990 wohl kaum eine sowjetische Familie, in der nicht jemand schon einmal in der DDR gedient hatte. Insgesamt waren zwischen 1945 und 1994 rund 8,5 Millionen sowjetische Soldaten in der DDR stationiert gewesen. So trifft man auch heute noch Menschen, die in der DDR gedient haben und findet schnell ein Gesprächsthema bei Besuchen in Moskau, Vilnius oder Kiew. Die meisten der Soldaten waren Russen. Aber es haben – typisch für den Vielvölkerstaat Russland – auch Ukrainer, Balten, Weißrussen oder Menschen aus den zentralasiatischen Sowjetrepubliken in der DDR gedient, was in der ostdeutschen Provinz schon recht exotisch wirkte. Es galt in der Sowjetarmee als Auszeichnung, in die DDR zu dürfen. Das Lebensniveau war hier höher als in der Sowjetunion.

    Horst Teltschik, ehemaliger Sicherheitsberater von Helmut Kohl
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Horst Teltschik, ehemaliger Sicherheitsberater von Helmut Kohl

    „Nicht mehr viel übrig“ vom Vertrauen

    Teltschik unterstrich, dass der Abzug der Truppen friedlich abgelaufen ist. „Dies kann man gar nicht genug würdigen“, betonte der ehemalige Diplomat.

    „Entscheidend war, dass wir und auch die Amerikaner Triumphgesten als Gewinner des Kalten Krieges vermieden haben. Wir haben Gorbatschow stets das Gefühl vermittelt, auf Augenhöhe zu sein. Gerade im Umgang mit Russen gehe es nicht nur um Fakten, sondern auch um das Empfinden“, so Teltschik.
    „Es war entscheidend, dass der Sowjetunion damals klare sicherheitspolitische Garantien gegeben wurden.
    Davon ist heute nicht mehr viel übrig.“ kritisiert der Politologe.

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    Tags:
    Truppenabzug, UdSSR, Deutschland, DDR