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05:41 23 September 2019
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    Ölförderung im Schiefervorkommen Bakken in North Dakota (Archiv)

    „Kartell von Putins Gnaden?“: Experte über OPEC-Treffen und Russland

    © AFP 2019 / Andrew Burton/Getty Images
    Politik
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    Die „Organisation erdölexportierender Länder“ (Opec) trifft sich am Donnerstag in Abu Dhabi, um über Fördermengen und die strategische Ausrichtung des Öl-Preises zu entscheiden. Sputnik hat bei dem Rohstoff-Experten und Politologen Behrooz Abdolvand nachgefragt, vor welchem wirtschaftlichen Hintergrund das Treffen stattfindet.

    Abu Dhabi ist die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und aktuell Gastgeber eines Treffens der Opec-Staaten. Russland als das größte Erdöl-Förderland außerhalb des Öl-Kartells scheint der gefährlichste „Gegner“ für die Opec zu sein. Im Interview betonte der iranisch-stämmige Rohstoff-Analytiker, Energie-Experte und Politologe Behrooz Abdolvand das Konkurrenz-Verhältnis Russlands zur Opec und nannte aktuelle weltwirtschaftliche Herausforderungen.

    „Wir galoppieren aktuell in Richtung einer Weltwirtschaftskrise“, warnte der Energie-Analytiker und Managing Director der DESB GmbH in Potsdam gegenüber Sputnik. Dies sei vor allem bedingt durch den US-chinesischen Wirtschaftskonflikt „und deren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. So langsam wird sich diese Krise auch in Europa zeigen. Natürlich zeigt auch der Weltöl-Markt darauf eine Reaktion, weil durch die Rezession der Verbrauch von Erdöl leicht gesunken ist. Wenn diese Tendenz weitergeht, werden wir beim Öl Preisabstürze erleben.“

    Was kann Russland vom Opec-Treffen erwarten?

    Russland ist und war nie Mitglied der Opec, steht jedoch in einem ambivalenten Verhältnis zum Erdöl-Kartell. Einerseits genießt die russische Öl-Wirtschaft durch diesen Status eine gewisse Neutralität und Unabhängigkeit vom Kartell, andererseits kann Russland dadurch Vorteile über Opec-Entscheidungen für sich nutzen. Ob dadurch die Opec immer mehr zum „Kartell von Putins Gnaden“ wird, wie das „Handelsblatt“ im Juli spekulierte, ist eine andere Frage.

    „Opec-Konkurrent Russland wird mit Sicherheit am Meeting teilnehmen“, erklärte Abdolvand im Interview im Vorfeld des Treffens. „Wenn entschieden werden sollte, die Öl-Produktion zu reduzieren, wird man das von Seiten Russlands mit einem Ja abnicken. Aber real gesehen: Russland wird nie sein Produktionspotential opfern, um eigene Marktanteile der Opec zu opfern. Das ist eine Art Hassliebe zwischen Opec und Russland, was den Öl-Markt angeht.“

    Anfang September hatte Russlands Energie-Minister Alexander Novak laut der Nachrichtenagentur RIA Novosti angekündigt, dass die „Opec- und Nicht-Opec-Staaten die Marktsituation und getroffene Vereinbarungen auf der Sitzung des Überwachungsausschusses am 12. September diskutieren werden.“

    Russland teilte ebenso vor dem Opec-Treffen mit, dass die Förderung von Rohöl im vergangenen Monat auf 11,29 Mio. Barrel je Tag gestiegen sei. „Unter anderem war bei Rosneft ein Plus um fünf Prozent zu verzeichnen, während bei Gazprom Neft ein Rückgang um vier Prozent zu verzeichnen war“, meldeten Wirtschafsmedien zu Beginn des Monats. „Die Förderung lag damit leicht über dem Niveau, welches mit der OPEC vereinbart war.“ Energieminister Nowak sagte daraufhin, dass Russlands Öl-Politik weiterhin beabsichtige, die Vereinbarungen mit der OPEC einzuhalten.

    Hektik hinter den Kulissen vor Gipfel in Abu Dhabi

    Die Opec trifft sich vor dem Hintergrund schwieriger Entwicklungen in der Weltwirtschaft. Der Ausblick für Öl-Geschäfte bis Jahresende sei nicht sehr rosig, berichtete bereits im August das „Handelsblatt“. Dies gehe aus einer damals veröffentlichten Opec-Studie selbst hervor. Der Schieferöl-Boom in den USA habe das Machtgefüge am Ölmarkt grundlegend verschoben.

    Das auch von Energie-Experte Abdolvand genannte schwächere ökonomische Weltwirtschaftswachstum, der Handelskonflikt zwischen China und den USA und der langsamere Anstieg der Ölnachfrage seien Probleme, die das Treffen in Abu Dhabi belasten.

    „Doch hinter den Kulissen sind die Saudis wegen der anhaltenden Ölpreisschwäche längst aktiv geworden. Anfang August berichtete die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf einen Insider, dass (…) Saudi-Arabien bereit wäre, weitere Förderkürzungen mitzutragen. Saudi-Arabien, Russland und weitere Mitglieder der Opec-Allianz treffen sich Mitte September in Abu Dhabi, um über mögliche Strategien zu beraten.“

    Zudem erfolgte erst am achten September – also nur wenige Tage vor dem aktuellen Öl-Gipfel – eine Entlassung mit Paukenschlag-Charakter: So wurde der bisherige saudische Energieminister Chalid al-Falih durch Prinz Abdulasis bin Salman al-Saud ersetzt, der bereits seit den 1980er Jahren in gehobener Position im saudischen Energieministerium arbeitet.

    Die Opec und Russlands Sonderrolle

    Energie-Experte Abdolvand wies im Interview auf die Sonderrolle Russlands hin:

    „Nach meiner Erfahrung, hatte Russland nie lange auf die Opec Rücksicht genommen“, sagte er. „Russland nimmt (mit Delegierten, Anm. d. Red.) am Opec-Meeting teil, um Entscheidungsprozesse zu beeinflussen. Aber gleichzeitig möchte man seine eigenen Marktanteile erhalten. Deswegen wird Russland intensiver im ostasiatischen Markt mit der Opec konkurrieren und auch in Europa versuchen, seine Marktanteile mit voller Kraft zu verteidigen. Trotzdem: Diplomatie ist auch immer gewissermaßen ein Teil der Marktwirtschaft.“

    Russland müsse auch diplomatisch mit der Opec umgehen können, um keine negativen Entscheidungen des Öl-Verbunds gegen sich heraufzubeschwören. Es gelte folgende Regel: Wenn die Weltwirtschaft generell weniger Öl brauche, betreffen Opec-Entscheidungen alle Öl-Staaten der Welt. Und so eben auch die russische Öl-Politik.

    Warum „Opec-Prinz“ einst „Samen“ für Russland pflanzte

    Mohammed Barkindo, der Opec-Generalsekretär, schilderte in seiner Rede zur Eröffnung des aktuellen Gipfels eine interessante Anekdote zu Russland:

    Im Jahr 2015, als der Ölmarkt tief in einem der schlimmsten Täler seiner Geschichte steckte, setzten sich Prinzen aus Opec-Staaten „leidenschaftlich für ein gemeinsames Vorgehen zwischen der Opec und der Russischen Föderation ein. Der Samen, den der Prinz gepflanzt hat, ist in das Abkommen von Algier vom 28. September 2016 eingeflossen, das er mitverfasst hat.“ Zudem lobte er Russlands Energie-Minister Novak ausdrücklich in seiner Rede für „Mut, Integrität und Professionalität.“

    Kampf der Öl-Giganten China und USA

    Erst Anfang September hatte China US-amerikanisches Rohöl mit Zöllen belegt. Damit traf der Handelskonflikt zwischen China und den USA auch den globalen Öl-Markt.

    Das habe wohl weniger Auswirkungen als erwartet, schätzte Abdolvand im Interview ein. „China hat normalerweise immer aus Russland Leicht-Öl eingekauft.“ Früher sei dieses auch häufig aus dem Iran gekommen. „Jetzt können die Chinesen aber wieder Öl-Leichtprodukte aus dem Iran kaufen und damit weniger aus den USA. Generell ist das im Welt-Ölmarkt eine leichte Verschiebung, aber ohne gravierende Wirkung.“ Chinas Quellen für Leichtöl werde sich ohnehin Richtung Naher Osten verschieben, so der Experte.

    Am Mittwoch und Donnerstag haben nach Medienberichten US-Präsident Donald Trump und die Führung Chinas in Peking gegenseitige Strafzölle auf verschiedene Produktgruppen als „Geste des guten Willens“ zeitlich erstmal bis auf Mitte Oktober verschoben. Auch wenn so aktuell wieder Lichtblicke beim US-chinesischen Wirtschaftskrieg zu erkennen sind, sollte das Verhältnis der beiden Wirtschaftsriesen weiterhin äußerst kritisch und angespannt bleiben.

    Russische Öl-Strategie

    Zwischen diesem Konflikt befindet sich – nicht nur geografisch gesehen – das Rohstoffland Russland. Moskaus Strategie beim Öl sei es traditionell, „den russischen Marktanteil zu bewahren“, betonte der Energie-Experte aus Potsdam.

    „Die russische Öl-Produktion wird auf dem Niveau zwischen 10,5 und 10,9 Millionen Barrel pro Tag bleiben“, blickte Abdolvand in die Zukunft. Dies werde Russland tun, „trotz aller Vereinbarungen, die man mit der Opec trifft. Russland betrachtet die Opec als einen Konkurrenten und wird langfristig seinen Marktanteil nicht wegen der Opec-Vereinbarungen einbüßen.“

    „Opec-Russland Energie-Dialog“

    Die „Organisation erdölexportierender Länder“ (Opec) wurde 1960 in Wien als internationale Organisation gegründet. Unter den Opec-Mitgliedsstaaten lassen sich die Top-10 der weltgrößten Öl-Förderer finden. Darunter die arabischen Erdöl-Mächte Saudi-Arabien, Kuwait und die Arabischen Emirate oder der Iran. Insgesamt stellt die Opec ungefähr 40 Prozent der weltweiten Erdölproduktion und verfügt über 75 Prozent der weltweiten Öl-Reserven.

    Trotz des Konkurrenz-Verhältnisses Russlands zur Opec gibt es auch vereinzelt Zusammenarbeit. So vereinbarten Moskau und der Öl-Verbund im Dezember 2017 gemeinsame Produktionsmengen bis Ende 2018. Zudem besteht der sogenannte „Opec-Russland Energie-Dialog“ zwischen beiden Öl-Weltmächten, der es ermöglicht, dass russische Delegierte an Opec-Treffen wie dem aktuellen teilnehmen können.

    Das Radio-Interview mit Dr. Behrooz Abdolvand zum Nachhören:

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    Tags:
    Gipfel, Öl, OPEC, China, USA, Russland