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16:38 20 September 2019
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    Münchner Konferenz, September 1938 (Archiv)

    „Westen versagte im Umgang mit Hitler“ – Hoher Preis für UdSSR: 27 Millionen Tote

    © AFP 2019 / STAFF
    Politik
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    Noch immer wird versucht, einen Teil der Schuld für den Zweiten Weltkrieg auf die Sowjetunion abzuschieben. Das kritisiert Sergej Kudriavtsev von der russischen Botschaft in der Schweiz in einem Zeitungskommentar. Er beschreibt die Gründe, warum die Sowjetunion 1939 Verträge mit Hitler-Deutschland abgeschlossen hat und wer dafür verantwortlich ist.

    „Tatsache ist: Weil der Westen im Umgang mit Hitler versagte, musste Stalin einen Pakt mit den Deutschen schließen. So verschaffte er sich Zeit, die Nazis zu schlagen. Der Preis war gewaltig.“ Das stellt Kudriavtsev in einem Beitrag in der Ausgabe der Schweizer Wochenzeitung „Die Weltwoche“ vom Mittwoch fest.

    Kudriavtsev ist zeitweiliger Geschäftsträger der Botschaft der Russischen Föderation in der Schweiz. Er beschäftigt sich in seinem Beitrag mit den aktuellen Meinungen über den Beginn des Zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren und den Ursachen für diese „größte Tragödie des 20. Jahrhunderts“.  „Ein Informationsfeldzug läuft auf Hochtouren“, stellt er fest. „Sein Ziel ist es, die historische Schuld für den Beginn dieses Konflikts auf die Sowjetunion abzuwälzen.“

    Dafür würden Ereignisse aus dem Kontext gerissen sowie mit Dokumenten belegte historische Fakten verdreht oder verschwiegen. Dazu gehöre der in der Nacht auf den 24. August 1939 in Moskau unterschriebene sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt. Kaum jemand erinnere daran, was die sowjetische Führung zu diesem Schritt bewogen hatte.

    Erster Weltkrieg als Nährboden

    Der Autor erinnert an die historischen Tatsachen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hätten Großbritannien, Frankreich und die USA als Sieger versucht, ihre Dominanz zu sichern, indem sie potenzielle Widersacher schwächten. Dazu sei Deutschland demilitarisiert, in seinen Rechten beschränkt und mit Reparationszahlungen belegt worden. Zudem seien das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn zerteilt worden.

    Russland war nach der Oktoberrevolution 1917 international isoliert, erinnert Kudriavtsev. Gleichzeitig seien aus den Trümmern des Russischen Reiches neue Staaten entstanden, in denen meist nationalistische Regime herrschten.

    „Der flächengrößte von diesen Staaten war Polen, an das Russland westliche Regionen Weissrusslands und der Ukraine abtreten musste. Die Zwangspolonisierung der lokalen Bevölkerung artete Ende der zwanziger Jahre in unverdeckten Staatsterror aus. Wie Großbritannien und Frankreich in Wirklichkeit gegenüber Polen gesinnt waren, zeigten die Verträge von Locarno (1925). Damals schon galt in Bezug auf Deutschlands Grenzen: Die westlichen sind unantastbar, an den östlichen haben die Deutschen freie Hand. Mit anderen Worten: Der wachsende deutsche Revanchismus wurde nicht unterdrückt, sondern in die ‚richtige‘, also östliche Richtung gelenkt.“

    Chamberlains Schande

    Der Autor verweist auf die Münchner Konferenz am 29. September 1938. Dabei unterzeichneten Nazideutschland, das faschistische Italien, Großbritannien und Frankreich einen Vertrag, in dessen Folge im März 1939 die Tschechoslowakei zwischen Deutschland, Polen und Ungarn zuerst aufgeteilt und später vollständig als unabhängiger Staat abgeschafft wurde.

    „Diese Handlungen, die Hitlers Drang gegen Osten offenbarten, wurden zum wahren Vorspiel des Zweiten Weltkriegs“ schreibt der russische Diplomat. „Damit war die Schaffung einer Anti-Hitler-Koalition unmöglich geworden. Bemerkenswert ist, wie Churchill das Geschehene in einer Rede im House of Commons zusammenfasste: Als es gegolten habe, zwischen Schande und Krieg zu wählen, habe sich Premierminister Chamberlain für die Schande entschieden – und werde trotzdem den Krieg bekommen. Die Geschichte gab ihm Recht.“

    Fakt bleibe, dass die UdSSR nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland auf eine Politik der gesamteuropäischen Kollektivsicherheit setzte. Die sowjetische Regierung habe die Initiative des französischen Außenministers Louis Barthou unterstützt, der alle mittel- und osteuropäische Staaten, einschließlich der Sowjetunion und Deutschlands, an einem „Pacte de l’Est“, einem „Ost-Vertrag“, beteiligen wollte. Hitler habe diesen Vorschlag aus Paris abgelehnt.

    Westliche und polnische Irrwege

    „Die Ironie des Schicksals wollte es, dass Hitler dabei eifrig von Polen unterstützt wurde“, betont Kudriavtsev. Der blinde Antisowjetismus der polnischen Regierung habe das Land gar auf die Seite Hitlers geführt. Berlin habe das gefördert und Polen 1938 einen Teil der Tschechoslowakei übergeben. Gleichzeitig sei Warschau später die sowjetische Ukraine und der Zugang zum Schwarzen Meer versprochen worden. Das lasse sich in den Gesprächsprotokollen der Außenminister Deutschlands und Polens, Joachim von Ribbentrop und Józef Beck, vom Januar 1939 in Warschau nachlesen.

    „An der Schwelle zum Krieg, am 17. April 1939, kam es in Moskau zu Verhandlungen mit Frankreich und Großbritannien, mit dem Ziel, doch noch eine Anti-Hitler-Koalition in die Wege zu leiten. Diese scheiterten, weil London keine Anstalten machte, sich mit Moskau zu verständigen. Die Briten sahen in Hitler damals lediglich einen widerspenstigen Alliierten, dem es mit einem hypothetischen Bündnis mit den Russen Angst einzujagen galt.“

    Erst als Moskau erkennen musste, dass die Gespräche mit London und Paris aussichtslos waren, habe es direkte Verhandlungen mit Berlin aufgenommen, so der Autor. Daraufhin sei am 23. August der deutsche Außenminister von Ribbentrop in Moskau eingetroffen. „Die deutschen Diplomaten machten beispiellose Konzessionen an die sowjetischen Vertreter um Außenminister Molotow, um die sowjetische Neutralität bei der polnischen Kampagne zu sichern.“

    Kurze Friedenspause für Sowjetunion

    Kudriavtsev stellt klar: „Diese taktische Einigung mit Berlin gewährte der Sowjetunion anderthalb Jahre Frieden und ermöglichte es ihr, die Grenze zu Deutschland weiter in Richtung Westen zu verschieben. Die wichtigste Aufgabe zu der Zeit war die Gewährleistung der nationalen Sicherheit. Keiner glaubte wirklich an einen dauerhaften Frieden.“

    Der Autor bezeichnet es als „bemerkenswert“, dass der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt in Warschau keine großen Wellen schlug. Dagegen sei er in Tokio heftig verurteilt worden. „Eben dieser Schritt hielt Japan aber von einem Angriff auf die Sowjetunion 1941 ab.“

    „Nur eine Woche nachdem der Molotow-Ribbentrop-Pakt besiegelt worden war, brach am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg aus. Dies war die größte Niederlage Großbritanniens und Frankreichs. Vom Wunsch geleitet, sich selber zu schützen und Deutschland zum Überfall auf die Sowjetunion anzuspornen, fielen sie ihrer eigenen Intrigen zum Opfer.“

    Erinnerung an Opfer bis heute

    Der Diplomat erinnert an die Folgen für die Sowjetunion: „Auf ihrem Territorium wurden die größten Schlachten des Krieges ausgetragen, die auch dessen Ausgang bestimmten.“ Die Rote Armee habe dank Tapferkeit und Selbstlosigkeit ihrer Soldaten mit dem Sturmangriff auf Berlin den Krieg siegreich beendet, betont er. Und fügt hinzu: „Dabei haben wir beim Sieg niemals zwischen ‚unserem‘ und ‚fremdem‘ unterschieden. Der Beitrag der Alliierten – all jener, die Schulter an Schulter gegen den Nazismus für Wahrheit und Gerechtigkeit gekämpft hatten – wurde stets hochgeschätzt.“

    Für den Sieg über den Faschismus habe die Sowjetunion „einen ungeheuren Preis“ gezahlt, macht der Autor klar. „Die Zahl der Opfer war kolossal – 27 Millionen Tote waren zu beklagen.“ In Russland gebe es keine einzige Familie, die nicht davon betroffen sei. Gerade deshalb sei die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an den „Großen Vaterländischem Krieg“, in seiner Heimat „nach wie vor so präsent“, schreibt der russische Diplomat in der „Weltwoche“.

    tg

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    Tags:
    Polen, Tote, Angriff, Zweiter Weltkrieg, Westen, UdSSR, Nazi-Deutschland