09:47 07 Dezember 2019
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    Danziger Landespolizisten und Grenzbeamte stellen den Abriss des polnischen Schlagbaums an der Grenze zur Freien Stadt Danzig nach. Bei Sopot, am 1. September 1939

    Warum es zum „Hitler-Stalin-Pakt“ und dem deutschen Überfall auf Polen kam – Tagung

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    Vor 80 Jahren hat das faschistische Deutschland den Zweiten Weltkrieg begonnen. Warum die Sowjetunion kurz vorher noch einen Nichtangriffsvertrag und sogar einen „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ mit den Dritten Reich abschloss, ist bis heute umstritten. Historiker haben in Berlin auf die Ursachen aufmerksam gemacht.

    Am 17. September 1939 marschierte die sowjetische Rote Armee in Ostpolen ein. Das geschah auf Grundlage des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages und seiner geheimen Zusatzprotokolle vom 23. August 1939. Die sowjetischen Truppen rückten bis zur Linie Narew-Weichsel-San vor. Sie brachten die Gebiete wieder unter ihre Kontrolle, die nach dem von Polen begonnenen Krieg 1919 bis 1921 an dieses gefallen waren. Mit dem deutsch-sowjetischen „Grenz- und Freundschaftsvertrag“ vom 28. September 1939 wurden die Grenzen neu gezogen und die Rote Armee zog sich hinter den Fluß Bug zurück.

    Soweit die geschichtlichen Fakten. Die Ereignisse dienen seitdem immer wieder für Vorwürfe und Behauptungen, die Sowjetunion unter Jossif W. Stalin habe mit dem faschistischen Deutschland unter Adolf Hitler gemeinsame Sache gemacht. So behauptete unlängst der aus der DDR stammende Redakteur des Magazins „Der Spiegel“, Christian Neef, in diesem: „Stalin hat Hitler den Weg geebnet, weil sich seine Interessen mit denen Hitlers trafen.“

    Fakten und Zusammenhänge

    Eine Konferenz der Linkspartei-nahen Berliner Stiftung „Helle Panke“ versuchte Anfang September, über Hintergründe und Zusammenhänge des damaligen Geschehens aufzuklären. „So werden Kriege gemacht“ war das Thema, das mehrere Historiker und rund 40 Interessierte zusammenführte.

    Historiker Dr. Stefan Bollinger
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Historiker Dr. Stefan Bollinger

    Der Historiker Stefan Bollinger verwies zu Beginn unter anderem darauf, dass historische Geschehnisse wie diese vor 80 Jahren auch in der aktuellen westlichen Frontstellung gegen Russland benutzt werden. Er bedauerte, dass tatsächliche Aufklärung darüber auf weniger Interesse stößt als eine ganze Reihe von fragwürdigen Deutungen und Vermutungen über die damaligen Ereignisse.

    Die Vorträge der Historiker auf der Tagung boten ausreichend Fakten und Zusammenhänge. Größtenteils waren es bekannte historische Tatsachen, die aber zum Teil in den letzten Jahrzehnten bewusst verdrängt wurden und werden. Martin Seckendorf, Historiker aus Berlin, betonte, dass die Vorgeschichte der Ereignisse wichtig sei, um diese zu verstehen.

    Interessen und Motive

    Er erinnerte an das Bestreben der herrschenden Kreise Deutschlands bereits in der „Weimarer Republik“, die Ergebnisse des verlorenen Ersten Weltkrieges und den „Versailler Vertrag“ zu revidieren. Polen sei dabei schon vor der Machtübergabe an Hitler als Hindernis für den Weg nach Osten gesehen worden, um dort „Lebensraum“ zu erobern.

    Historiker Dr. Martin Seckendorf
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Historiker Dr. Martin Seckendorf

    Die faschistische deutsche Führung habe dann nach 1933 als Zwischenschritt Verhandlungen mit Warschau geführt. Die dabei abgeschlossen bilateralen Verträge seien ein „Schlag gegen die kollektive Sicherheit“ im damaligen Europa gewesen, so Seckendorf. Die antisowjetische Position der polnischen Führung sei die Grundlage dafür gewesen, sich Berlin „bündnisartig“ anzunähern und dafür die Verbindungen nach Paris und London zu lockern.

    Polen habe sich nach dem Münchner Abkommen 1938 mit deutscher Billigung wirtschaftliche wertvoelle Gebiete der Tschechoslowakei angeeignet, erinnerte Seckendorf. Doch die deutsche Führung habe Polen weiter als Teil des künftigen „Lebensraumes im Osten“ sowie als Aufmarschgebiet gegen die Sowjetunion gesehen. Daran habe selbst der Vorschlag an Warschau Anfang 1939, dem Antik-Komintern-Pakt beizutreten, nichts geändert.

    Pläne und Hindernisse

    Das polnische Nein dazu führte laut dem Historiker zur verstärkten deutschen Aufrüstung und Kriegsvorbereitung für den Überfall auf das Land. Die Wehrmachtsführung unter Generalstabschef Franz Halder wollte „zermalmend über Polen“, so Seckendorf. Halder habe gleich in die Sowjetunion durchmarschieren wollen, „wenn die Russen nicht kuschen“.

    Der Historiker beschrieb die Versuche Moskaus, mit einem System der kollektiven Sicherheit die von Deutschland ausgehende Kriegsgefahr einzudämmen. Die im April 1939 begonnenen Gespräche zwischen Moskau, London und Paris dazu seien nicht nur von den Deutschen torpediert worden. Auch Warschau habe sich verweigert, indem es einem möglichen Durchmarsch sowjetischer Truppen strikt ablehnte.

    Und: „Die auf Initiative der Sowjetunion begonnenen Gespräche zwischen April und August 1939 scheiterten, weil London kein verbindliches Abkommen wollte.“ Die britische Regierung hätte sich ebenso geweigert, den baltischen Staaten eine verbindliche Beistandszusage im Fall eines deutschen Angriffs zu geben. Die deutsche Wehrmacht hätte sich nur abschrecken lassen, wenn sich die polnische Armee gemeinsam mit der sowjetischen Roten Armee an der Westgrenze Polens entgegengestellt hätte, meinte der Historiker.

    Ursachen und Gründe

    Infolge der gescheiterten Gespräche habe sich die Lage der Sowjetunion „extrem verschlechtert“, stellte er klar. In Moskau war bekannt, was in Hitlers Buch „Mein Kampf“ seit langem zu lesen war: Dort hatte er beschrieben, „in welcher Reihenfolge er die Kriege zu führen gedachte, an deren Ende das deutsche imperiale Großreich stehen solle: Zuerst müsste Deutschlands ‚Todfeind‘ Frankreich ausgeschaltet werden. Dann besäße man freie Hand gegen Osten, die Sowjetunion.“ Doch woran Historiker wie der verstorbene Kurt Pätzold erinnerten, wird heute meist weggelassen.

    Die isolierte Sowjetunion habe handeln müssen, erklärte Historiker Seckendorf. Sie habe sich deshalb in der Folge auf Verhandlungen mit dem faschistischen Deutschland eingelassen. Moskau habe „keine Alternative“ mehr gehabt und den Nichtangriffsvertrag mit Berlin unterzeichnet. In dem dazugehörigen geheimen Zusatzprotokoll über die Aufteilung Polens seien alle sowjetischen Sicherheitsinteressen berücksichtig worden.

    Seckendorf erinnerte daran, wie der ehemalige britische Premier Winston Churchill den deutsch-sowjetischen Vertrag von 1939 einschätzte. In seinem Buch über den Zweiten Weltkrieg hatte Churchill den Pakt als für die Sowjetunion „lebenswichtig“ bezeichnet, wenn auch „kaltblütig“ – „jedenfalls damals auch im höchsten Maße realistisch.“ Der berühmte Brite meinte: „Der aufziehende Sturm war im Begriff loszubrechen. Russland musste für seine Sicherheit sorgen.“

    Übereinstimmungen und Scheitern

    Ende der 1930er Jahre war Churchill noch nicht britischer Premier, trat aber schon vor Amtsübernahme am 10. Mai 1940 klar für den Krieg gegen das faschistische Deutschland unter Hitler ein. An die „partielle Übereinstimmung mit dem Hitlerfaschismus gegen die verhasste Sowjetunion“ innerhalb führender britischer Kreise erinnerte auf der Tagung der Historiker Rainer Zilkenat. Es habe nicht nur Sympathien für die faschistische deutsche Innenpolitik gegeben, sondern ebenso Hoffnung auf „Deutschland als Bollwerk gegen den Kommunismus in Europa“.

    Historiker Dr. Rainer Zilkenat
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Historiker Dr. Rainer Zilkenat

    Zilkenat analysierte die britische Appeasement-Politik. Er erinnerte an das deutsch-britische Flottenabkommen 1935, welches das Dritte Reich von den maritimen Rüstungsbeschränkungen des Versailler Vertrages entlastete. Doch diese Politik sei gescheitert, was mit dem Münchner Abkommen 1938 und dem deutschen Einmarsch in die Rest-Tschechoslowakei im März 1939 deutlich geworden sei.

    Doch selbst dann habe London gemeinsam mit der französischen Regierung den Vorschlag, die Sowjetunion in ein Vertragssystem gegen das faschistische Deutschland einzubeziehen, als „nicht opportun“ angesehen, so Zilkenat. Deshalb sei Moskau auch nur ein „Konsultativpakt“ vorgeschlagen worden, der bei einer erneuten deutschen Aggression nur Kontakte zwischen den Regierungen vorgesehen habe. „Die fehlende Ernsthaftigkeit dieses Vorschlages lag auf der Hand.“

    Ängste und Erkenntnisse

    Die sowjetische Führung habe nicht aufgegeben und weitere Vorschläge gemacht, darunter für einen Beistandspakt und einen Militärvertrag mit Großbritannien und Frankreich. Doch das sei der Reihe nach abgelehnt und die Gespräche mit Moskau in die Länge gezogen worden. Das Ende sei bekannt, einschließlich des „komischen Krieges“: Die Briten und Franzosen hatten zwar am 3. September 1939 den Deutschen den Krieg erklärt, aber taten nichts.

    „Die polnische Führung hatte mehr Angst vor einer sowjetischen Einflussnahme als vor den Deutschen, sie fürchtete um ihre Fabriken und Güter, die bei einer möglichen sozialen Umwälzung ihnen abhandenkommen könnten.“ Daran erinnerte der Historiker Stefan Bollinger. „Die Schaukelpolitik des letzten Jahrzehnts hatte Polen in eine Sackgasse geführt, und seine westlichen Alliierten wussten erst recht nicht, was sie wollten: tatsächlich einen Krieg mit aller Konsequenz gegen Deutschland oder doch abwarten, dass sich das Gewitter gegen den sowjetkommunistischen Feind entlädt.“

    Bollinger sprach über „Teufelspakte“ wie das „Münchner Diktat“ und den „Molotow-Ribbentrop“-Pakt sowie über „Wege wie Irrwege der Kriegsverhinderung“. „Aus heutiger Sicht ist der Sinneswandel in Moskau im August 1939 nicht so überraschend wie er es für die Zeitgenossen war“, stellte er fest. „Nach München, erst recht nach der Besetzung Prags im März 1939, der Preisgabe der ČSR, aber auch des republikanischen Spaniens war für Stalin und seine Mitstreiter offensichtlich: Auf den Westen ist kein Verlass. Der wird die faschistische Aggression nicht aufhalten und wollte es auch nicht.“

    Entscheidungen und Folgen

    Allerdings bezeichnete der Historiker die geheimen deutsche-sowjetischen Zusatzprotokolle als „problematisch, politisch wie moralisch, völkerrechtlich sowieso“. „Makabre Entscheidungen über die Köpfe der betroffenen Völker hinweg, waren aber damals – siehe Prags Schicksal – Usus im Handeln der Großmächte. Sozialistische Politik hätte anders aussehen müssen.“

    Bollinger erinnerte auch an andere Folgen, weil Moskau es mit dem mit Berlin abgeschlossenen „Grenz- und Freundschaftsvertrag“  „recht ernst meinte“. Das hätten jüdische und kommunistische Emigranten am eigenen Leib zu spüren bekommen, als sie der deutschen Gestapo überstellt wurden. „Desorientierung und Desillusionierung nicht nur vieler Kommunisten war die Folge dieser Vertragspolitik.“

    Vergangenheit und Gegenwart

    Auf die heutigen Debatten in Polen über die Vergangenheit ging Bollinger kurz ein, der von „schwierigem Erinnern“ sprach. Das und der „lange Schatten des Hitler-Stalin-Paktes“ waren Thema des Vortrages der Historikerin Daniela Fuchs, Expertin für polnische Geschichte. Sie beschrieb die Folgen des deutsch-sowjetischen Vertrages, bis hin zum sowjetischen Massaker an polnischen Offizieren in Katyn.

    Historikerin Dr. Daniela Fuchs
    © Sputnik / Tilo Gräser
    Historikerin Dr. Daniela Fuchs

    Fuchs erinnerte an das Schweigen und die Lügen der sozialistischen polnischen Führung sowie Moskaus nach 1945 über die Vergangenheit. Zugleich machte sie darauf aufmerksam, wie die derzeitige Führung in Warschau der Partei PiS und mit Jaroslaw Kaczynski im Hintergrund die Geschichte erneut umschreibt. Mit der Vergangenheit werde in Polen Wahlkampf betrieben, so die mit dem Land seit ihrem Studium dort eng verbundene Historikerin.

    Mit den deutschen Wirtschaftsinteressen bei der Okkupation Polens ab dem 1. September 1939 beschäftigte sich auf der Tagung der Historiker Felix Matheis aus Hamburg. An Beispielen von Unternehmen aus der Hansestadt zeigte er, wer an dem Krieg verdiente und das besetzte Land ausbeutete. Die Stiftung „Helle Panke“ wird die Konferenzbeiträge in ihrer Broschüren-Reihe „Pankower Vorträge“ veröffentlichen.

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