06:51 06 Dezember 2019
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    Parade der polnischen Truppen kurz vor dem Kriegsbeginn

    Warschau glaubte zu sehr an westliche Verbündete und eigene Größe - Historiker

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    Der 17. September ist eines der Daten, an dem sich das historische Gedenken der Russen und Polen stark spaltet. Die Ereignisse an diesem Tag 1939 in Europa werden von den Historikern in Russland und Polen unterschiedlich eingeschätzt. Sputnik hat sich mit einem polnischen Historiker unterhalten.

    Aus Sicht der sowjetischen Geschichtsforschung begann damals ein Vorstoß der Roten Armee zur Befreiung der Westukraine und Westweißrusslands. Aus der Sicht Warschaus war es eine Invasion der Sowjets nach Polen.

    „Helle“ und „dunkle“ Seite des Krieges

    In der Geschichte der zwei Länder ist der Zweite Weltkrieg ein wichtiges Element der gemeinsamen Vergangenheit – denn die Sowjetunion und Polen kämpften gegen Nazideutschland auf einer Seite. Doch mit der Zeit gingen die Erinnerungen an den Krieg und seine Wahrnehmung zunehmend auseinander.

    Laut dem Historiker und  wissenschaftlichen Mitarbeiter des Russischen Instituts für strategische Studien, Oleg Nemenski, sehen Polen und Russland die gesamte Struktur des Krieges unterschiedlich.

    Während im russischen Gedenken der Krieg vor allem im Angriff Deutschlands und Kampf gegen Deutschland besteht, beginnt der Krieg für die Polen mit einer doppelten Aggression – vom Westen und vom Osten. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen am 17. September 1939 auf die östlichen Gebiete der Zweiten Polnischen Republik werden mit dem deutschen Angriff am 1. September zu einem Ereignis, das an eine neue Teilung des Landes zwischen den historischen Feinden Polens  erinnerte. Selbst Jahrzehnte des sowjetischen Einflusses konnten solche Wahrnehmung der damaligen Ereignisse nicht ändern.

    Für Polen gab es in dem Krieg zwei Seiten – eine helle, vertreten durch Polen und den Westen (vor allem die USA und Großbritannien), und eine dunkle (Deutschland und die Sowjetunion). Das Ergebnis des Krieges für die Polen – ein teilweiser Sieg einer Seite (als westliche Alliierten Deutschland bekämpften). Doch der Sieg wird eben als nur teilweise betrachtet – denn ein anderes Reich des Bösen – die Sowjetunion wurde nicht vernichtet – umgekehrt, wurde stärker, so der Historiker. Als Hauptargument für eine aggressive Position der Sowjetunion 1939 wird von polnischen Historikern das Molotow-Ribbentrop-Abkommen angeführt, genauer gesagt sein Geheimprotokoll, wo Deutschland versprach, in seiner Aggression gegen Polen nicht die vereinbarten Grenzen zu überqueren, sowie die Rechte der Sowjetunion auf diese Gebiete zugegeben werden. Der Vertrag ließ den sowjetischen Truppen auf polnische Gebiete eingehen. In den letzten Jahren wird gerade Stalin die Rolle des Hauptantriebs in dieser historischen Kollision zugeschrieben.

    Der Zweite Weltkrieg war unvermeidlich

    Ob die Sowjetunion eine Auswahl von Mitteln zur Verhinderung des Angriffs Deutschlands hatte? Der polnische Historiker, Chefredakteur des Portals Xportal.pl, Bartosz Bekier, ist der Ansicht, dass der Zweite Weltkrieg unvermeidlich war. „Er wäre sowieso begonnen, in einem jeweiligen Ort. Theoretisch verfügte Moskau über Instrumente, um diesen Konflikt zu verzögern“.

    1939 hatten die Sowjetunion und die Tschechoslowakei, denen gegenüber Deutschland damals Ansprüche hatte, Verbündetenbeziehungen. Hätte es die Möglichkeit gegeben, die Einheiten der Roten Armee nach Sudetenland zu verlegen, sowie in das Gebiet der Mährischen Pforte und Wiener Tals, hätte es vielleicht auch keine Münchner Konferenz gegeben, die Expansion des Dritten Reichs wäre zeitweilig gestoppt worden. Sowjetische Truppen konnten in die Tschechoslowakei nur via Polen gelangen. Prag und Moskau führten damals eine äußerst negative Politik gegenüber Polen. Warschau befürchtete seinerseits, dass die Sowjetunion nach dem Einmarsch ins Land dort für lange Zeit bleiben wird, so Bekier.

    Wie die Karte Europas aufgeteilt wurde

    Die Wissenschaftler versuchen oft, Parallele zwischen dem Molotow-Ribbentrop-Abkommen und dem Münchner Abkommen vom September 1938, das zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Italien geschlossen wurde, zu ziehen. Demnach sollte die Tschechoslowakei das Sudetenland an Deutschland übergeben. Polen nahm auf eigene Initiative an der Teilung der Tschechoslowakei teil, am 2. Oktober wurde das Teschener Gebiet eingenommen. Jeder politische Akteur verfolgte eigene politische Ziele.

    Angesichts der annähernden Bedrohung seitens Deutschlands rechnete Polen mit Garantien Großbritanniens und Frankreichs. Kurz vor 1939 gab es zögernde Verhandlungen zwischen Moskau, Paris und London. Vereinbarungen mit England und Frankreich wurden durch eine harte Politik der polnischen Behörden verhindert, die keine Möglichkeit zuließen, dass die Rote Armee, selbst im Bündnis mit England und Frankreich in Polen auftauchen könnte. Im Ergebnis entschloss sich Stalin zwischen zwei Varianten, die den Krieg verzögern und die Sowjetunion von einem großen Militärkonflikt absichern könnten, für den deutschen Vorschlag, der noch Anfang August nicht so eindeutig schien. Es gibt zwei weitere Verträge, an die man sich kaum erinnert – die Erklärung über die Nichtanwendung von Gewalt , die zwischen Polen und dem Dritten Reich 1934 unterzeichnet wurde und der Nichtangriffspakt, der zwei Jahre früher zwischen Polen und der Sowjetunion abgeschlossen wurden.

    Beide Dokumente seien damals kaum etwas wert gewesen, so Bekier.

    „Die Erklärung zwischen Polen und Deutschland enthielt im Unterschied vom Molotow-Ribbentrop-Pakt keine geheime Anlage über die Teilung der Einflusszonen in Europa. Allerdings machte Berlin solche Vorschläge für Warschau. So wurde Polen unter anderem die Ukraine und Litauen angeboten. Allerdings lehnte Polen sie ab, indem es sich nach der Politik des Gleichgewichts richtete, also einer gleichen Distanz bei den Beziehungen zu Deutschland und der Sowjetunion und indem man an die Kraft der westlichen Verbündeten glaubte. Das musste den Frieden um die Zweite Polnische Republik sichern. Doch in Realität führte das zur Kürzung der Distanz zwischen Moskau und Berlin und Aufteilung Polens zwischen den Nachbarn. Doch während Hitler offen über den Bruch des Vertrags über die Nichtanwendung der Gewalt im April 1939 verkündete, wobei der Militärpakt, der durch Polen mit Großbritannien gegen Deutschland abgeschlossen worden war, als Verletzung des Vertrags bezeichnet wurde, ereignete sich der Angriff der Sowjetunion auf Polen im Rahmen des gültigen Nichtangriffspaktes, dessen Punkte Moskau auch früher verletzte, indem ein geheimes Abkommen im Rahmen des Molotow-Ribbentrop-Paktes unterzeichnet wurde“, so der polnische Experte.

    Gab es die Chance, den Krieg zu verhindern?

    Auf die Frage, warum Polen sich nicht um die Schaffung eines effektiven politischen Bündnisses kümmerte, um den Krieg zu verzögern, sagte Bekier, dass der Hauptfaktor eine ungesunde Liebe der polnischen Eliten zum Westen war.

    „Vor dem Hintergrund selbst kaum bedeutender günstiger Geste seitens Großbritanniens und Frankreichs gingen alle möglichen politischen Alternativen in den Hintergrund. Die Partnerschaft mit London war für Polen ein ‚exotisches Bündnis‘, wie das der polnische Publizist und Schriftsteller Stanislaw Cat-Mackiewicz bezeichnete. Damals verfügte Großbritannien nicht über ausreichendes Militärpotential in der Ostsee - somit also Möglichkeiten für eine direkte Unterstützung, weil das entfernte Polen nur zur Schaffung eines Ringes um Deutschland nötig war. Inzwischen wurden die so genannten ‚britischen Garantien‘, die de facto der Todeskuss, eine Art Entgleisung eines Zuges in schneller Fahrt waren, in Warschau mit ungesundem Enthusiasmus wahrgenommen. Der Glaube an Verbündete stärkte auch die Zuversicht in eigener Macht und Größe. Die Polen glaubten tatsächlich daran, dass die polnische Armee in einigen Wochen Berlin ergreift. Dieses Fehlen eines rationellen pragmatischen Herangehens ist auch für die heutige polnische Elite kennzeichnend“, so Bekier.

    Die Curzon-Linie

    Oleg Nemenski betont ebenfalls, dass die Sowjetunion mit Deutschland die Grenzen seiner Aggression in diesem Land absprechen musste.

    „Es soll in Betracht gezogen werden, dass der Einmarsch der Roten Armee in die westlichen Gebiete Polens erst erfolgte, als Polen als Staat nicht mehr existierte und seine Regierung flüchtete. Eine Alternative für diese Handlungen war nur die Überlassung dieser Gebiete für die deutsche Besatzung. 2009, kurz vor dem 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs nannte der damalige russische Premier Wladimir Putin, der zu Feierlichkeiten in Westerplatte eingeladen wurde, in einem Brief an die Polen den Molotow-Ribbentrop-Pakt und die entsprechende Politik der Sowjetunion amoralisch, doch entschuldigte sich nicht dafür. Wäre es moralisch, diese Gebiete Deutschland zu schenken? Gerade um das zu verhindern, wurde von der Sowjetunion ein geheimes Protokoll zum Molotow-Ribbentrop-Pakt unterzeichnet“, so Nemenski.

    Zitat aus einer Botschaft Wladimir Putins an die Polen: „Ohne Zweifel kann der im August 1939 geschlossene Molotow-Ribbentrop-Pakt mit Grund verurteilt werden. Doch ein Jahr zuvor hatten Frankreich und England in München den bekannten Vertrag mit Hitler unterzeichnet, wobei alle Hoffnungen auf die Schaffung einer einheitlichen Front des Kampfes gegen Faschismus zerstört wurden.“

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    Tags:
    Zweiter Weltkrieg, Joachim von Ribbentrop, Wjatscheslaw Molotow, Josef Stalin, Adolf Hitler, Sowjetunion, UdSSR, Polen, Drittes Reich