20:29 14 Dezember 2019
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    Der neue deutsche Botschafter in Moskau Géza Andreas von Geyr

    Der neue deutsche Botschafter in Moskau von Geyr: Vor mir stehen interessante Aufgaben

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    Die erste Pressekonferenz des neuen deutschen Botschafters in Russland, Géza Andreas von Geyr, galt dem Kulturaustausch. Er beteiligte sich an der Ausschreibung der Übersetzerpreise, die von dem Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck Russia und dem Goethe-Institut Moskau initiiert wurden.

    Der deutsche Botschafter, der erst vor wenigen Wochen nach Moskau gekommen ist, hob die Rolle der Übersetzer hervor, als auch insgesamt den Kulturaustausch zwischen unseren Ländern. „Ich freue mich sehr, hier zu sein. Es ist eine interessante Aufgabe, die vor mir steht. Umso mehr freue ich mich, unsere bilateralen Kulturbeziehungen erleben und mitgestalten zu können. Das ist eine der ersten Aufgaben, die ich in diesem Land habe.“

    Von Geyr sei tief überzeugt, dass „wir Übersetzungstätigkeit, Sinn, Zweck, Ziel guter qualitativer Übersetzung zu wenig wertschätzen. Ich bin immer einer klaren und präzisen Übersetzung dankbar, die zwei Sachen schafft: zum einen die Präzision der Aussage, zum anderen aber auch den Charakter dessen mittransportiert, was ich sagen möchte. Denn es geht auch darum, dass qualitativ gute Übersetzung gerade im literarischen Bereich uns spüren lässt, was der Autor sagen möchte. Und das berührt den Leser. Gute Übersetzer sind wertvolle Kulturbotschafter.“

    Der Botschafter von Geyr hat schon einige Veranstaltungen des deutsch-russischen Jahres der Hochschul- und Wissenschaftskooperation erlebt und gab die Zahlen bekannt, die ihre Breite veranschaulichen. „Allein im Hochschulbereich haben wir fast 1.000 Partnerschaften und viele Kooperationsvorhaben. Das spricht schon für sich.

    Der Sonderbeauftragte des Präsidenten Russlands für internationale kulturelle Zusammenarbeit, Michail Schwydkoi, bemerkte, dass gerade jetzt in Deutschland Russlandtage stattfänden, und die deutsche Seite sich auf das Deutschlandjahr in Russland vorbereite. Bis Dezember dauere das Deutschlandjahr in den USA und im nächsten Jahr soll es nach Russland kommen. „Dies ist ein deutliches Zeichen für die Ausgewogenheit des deutschen politischen Kurses“, so Schwydkoi. „Ferner bereiten wir uns gemeinsam darauf vor, durch eine Reihe von Veranstaltungen 75 Jahre seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bzw. seit dem Sieg über den Nazismus zu begehen. Auch das ist ein sehr wichtiges Ereignis.“

    Der Sonderbeauftragte des Präsidenten Russlands für internationale kulturelle Zusammenarbeit Michail Schwydkoi
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Der Sonderbeauftragte des Präsidenten Russlands für internationale kulturelle Zusammenarbeit Michail Schwydkoi

    Er stellte auch fest, dass die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland inzwischen eintausend Jahre zählen würden. „Kommt man in eine der russischen Hansestädte, etwa nach Weliki Nowgorod oder Pskow, kann man sich davon vergewissern, indem man materielle Spuren der Präsenz deutscher Handwerker in diesen Städten sieht. Meister aus Russland haben ihrerseits in anderen Hanseregionen Europas gearbeitet. Deswegen ist das Bedürfnis nach Übersetzungen vor sehr langer Zeit entstanden. In den vorhergehenden Jahrhunderten haben die besten Schriftsteller Russlands ihr Talent und ihren Fleiß der Übersetzung deutscher Literaturwerke gewidmet.“

    Schwydkoi gab zu bedenken, dass viele Probleme des 19. Jahrhunderts, insbesondere in der russischen Philosophie, von einer ungenauen Übersetzung Hegels herrühren. Auch der bekannte russische Publizist und Literaturkritiker Belinski hat aus diesem Grunde viele Fehler gemacht. „Er glaubte Hegel zu zitieren, während er in Wirklichkeit seine eigene Auffassung einiger Grundbegriffe entwickelte.“

    Der Kulturpolitiker fügte hinzu: „Auch im 20. Jahrhundert wurde unterschiedlich übersetzt. So ist die geniale Übersetzung des ‚Faust‘ von Boris Pasternak gegenüber dem Originalwerk ungenau. Dem ist nun eben so. Dafür ist diese Übersetzung sehr genau, was Goethes Weltanschauung im Allgemeinen betrifft.“ Schwydkoi erinnerte sich auch an die, wie er sich ausdrückte, „übersetzerische Heldentat von Solomon Apt, der uns um einige herausragende Übersetzungen ausgesprochen komplizierter Werke von Thomas Mann bereichert hat, einschließlich der Tetralogie ,Joseph und seine Brüder‘“.

    Also habe Russland eine große Tradition von Übersetzungen aus dem Deutschen, aus der die Übersetzer nach wie vor schöpfen können, so Schwydkoi weiter. „So ist der Übersetzerpreis von Merck uns sehr wichtig, da wir hinter der Entwicklung der deutschen Gesellschaft zurückbleiben. Wir verfolgen vielfach nur das politische Geschehen. Es gibt aber gewisse tiefe Vorgänge, die gerade von der Literatur widerspiegelt werden. So hilft uns Merck, das zu erfahren, was dem heutigen Deutschland am Herzen liegt.“

    Der Präsident und Generaldirektor von Merk Russia, Jürgen König, unterstrich im Sputnik-Gespräch: „Wir sind immer der Meinung gewesen, dass Wissenschaft und Kultur verbindet. Und zwar ist die Neugier für uns als wissenschaftliches und Technologieunternehmen immer wichtig gewesen. Und gerade Kultur und Wissenschaft wecken die Inspirationen auf Neugier und Innovation, die wir brauchen.“

    Präsident und Generaldirektor von Merk Russia Jürgen König
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Präsident und Generaldirektor von Merk Russia Jürgen König

    Trotz der Sanktionen fühlt sich Merck in Russland wohl

    König regt an: „Wir sind jetzt schon in Russland 121 Jahre. Insofern schreckt uns nichts ab. Wir passen uns an, sind innovativ und kreativ. Natürlich haben wir immer unsere persönliche Meinung, die wir nicht immer äußern. Dafür haben wir die Kammern, die für ihre Mitglieder zuständig sind. Wir glauben an die langfristige Verbindung zwischen Merck und Russland. Karl Heinrich Merck hat noch 1786 an einer Expedition nach Ostsibirien und Alaska teilgenommen. Das sagt schon sehr viel aus. Wir sind hier nicht kurzfristig.“

    Andrea von Knoop stand an der Wiege gerade einer solchen Kammer, die jetzt die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer heißt und deren Ehrenpräsidentin sie ist. Sie würdigte das Engagement der Firma Merck, weit über rein geschäftliche Interessen zu handeln: „Bekanntlich weisen die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen eine mehr als 800-jährige Kontinuität auf. Sie waren stets durch eine besondere Affinität zwischen Deutschen und Russen geprägt, die neben den wirtschaftlichen auch andere Bereiche, darunter auch die kulturellen, miteinbezieht.“

    Andrea von Knoop, Ehrenpräsidentin der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer
    © Sputnik / Nikolaj Jolkin
    Andrea von Knoop, Ehrenpräsidentin der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer

    Die Lobbyistin der deutschen Wirtschaft in Russland wird Übersetzungen der wissenschaftlichen Fachliteratur auswerten: „Leider erscheint sie seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer häufiger auf Englisch. Dadurch hat es immer mehr die Rolle der wissenschaftlichen Lingua franca eingenommen, die im 19. Jahrhundert vorwiegend das Deutsche innehatte. Deshalb erlangen immer mehr wissenschaftliche Werke aus dem angelsächsischen Raum einen Bekanntheitsgrad, der den in deutschsprachigen Ländern verborgenen Schätzen den Rang abläuft. Und dies trifft in Russland zu.“

    Dieser Nominierung komme deshalb besondere Bedeutung zu, ist sich Frau von Knoop sicher. Ihr Ziel sei es, den Wissenschaftsaustausch als wichtiges Element der Verständigung zwischen unseren Ländern zu bereichern, indem man wichtige wissenschaftliche Werke in deutscher Sprache einschlägigen und einfach interessierten russischen Kreisen zugänglich mache und dadurch dem bilateralen Dialog auf diesem Gebiet neue Impulse verleihe.

    Sophia Kamsolowa, Chefredakteurin der Zeitschrift „Medizinischer Opponent“, die aus einer Professorenfamilie stammt, in der alle Deutsch sprechen, will ihre Liebe zu Deutschland und zur deutschen Sprache nicht nur ihren Kindern beibringen. Sie möchte, dass ganz Russland ein Gefühl für die Deutschen bekommt, die Deutschen auch versteht und lieben kann.

    Sie zitierte Goethes Spruch „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen“ und fuhr fort: „Unsere Völker sind einander sehr nah, und es wäre schade, wenn sie wenig voneinander wüssten. Als vor 30 Jahren die Berliner Mauer fiel und die Grenze offen war, begannen wir, uns als Freunde zu begrüßen. Ich möchte, dass der kulturelle Austausch, der damals begann, nie zu Ende geht.“

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    Géza Andreas von Geyr, Verhältnisse, Merck-Übersetzerpreis, Merck, Russland, Deutschland