01:56 22 November 2019
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    Von links: Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini, und der italienische Außenminister Graf Galeazzo Ciano bei Unterzeichnung des Münchner Abkommens 1938

    Heute die Schande, morgen der Krieg? – Dies sagten Spitzenpolitiker zum Münchner Abkommen 1938

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    Vor 81 Jahren war die Wehrmacht ins tschechoslowakische Sudetenland einmarschiert - als Folge des am Vorabend unterzeichneten Münchner Abkommens. Will man in der EU heute der Gründe des Zweiten Weltkrieges gedenken, wird dessen Erwähnung wie in der umstrittenen Resolution des EU-Parlaments lieber gestrichen - anders als der Hitler-Stalin-Pakt.

    Als der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten, Maxim Litwinow, am 21. September 1938 beim Gipfeltreffen der League of Nations, also des Völkerbundes, in Genf aufgetreten war, mahnte er zum kollektiven Handeln der beteiligten Länder gegen den aufsteigenden Aggressor in Zentraleuropa gemäß dem Artikel 16 des Statuts der Organisation, damit „der Angreifer nicht in Versuchung gerät und der Frieden auf friedliche Weise aufrechterhalten wird“. So würden die beteiligten Länder dazu verpflichtet, alle Handels- oder Finanzbeziehungen mit Deutschland unverzüglich einzustellen. Litwinow warnte vor dem gegenteiligen Konzept, einen Aggressor lieber zu bestechen und ihn zu überzeugen, dass gegen ihn keine gemeinsamen Blocks gerichtet sein würden, bei diesem sogar „Befehle und Ultimaten“ abzuholen, indem dabei die Lebensinteressen anderer Länder geopfert werden, ohne dass der Aggressor mit Kräften des Völkerbundes gezügelt wird.  

    Eine solche Politik war laut Litwinow bisher leider ausgeübt worden und drohte, den vierten großen Krieg auszulösen - trotz der schriftlichen Angebote der Sowjetunion an Frankreich und die Tschechoslowakei. Zwei Jahre zuvor war es der damalige Außenminister Großbritanniens Edward Wood, der die mit der Militarisierung des Rheingebietes spätestens seit 1936 geführte Appeasement-Politik des Premierministers Stanley Baldwin gegenüber Deutschland fortsetzte und Hitler den „Anschluss“ Österreichs zugesagt hatte. So hatte Hitler-Deutschland in wenigen Stunden etwa sieben Millionen Menschen und Ressourcen für den angesagten „Drang nach Osten“ gratis bekommen. In dem neuen britischen Premierminister Neville Chamberlain sowie in seinem französischen Kollegen Édouard Daladier fand Baldwin eine treue Nachfolge. 

    Am 30. September 1938 war es schon Chamberlain, der an der Seite Großbritanniens, des eigentlichen Verbündeten der Tschechoslowakei, mit Hitler und dem italienischen faschistischen Ministerpräsidenten Benito Mussolini die äußerst umstrittene Frage „zum Schutz der Sudetendeutschen“, nämlich die Übernahme der sudetendeutschen Gebiete in das Deutsche Reich, beschlossen hatte. Die Sowjetunion als Mitglied der gültigen französisch-britisch-tschechoslowakischen Verträge hatte man allerdings nicht eingeladen. Am 1. Oktober marschierte die Wehrmacht ins Sudetenland ein, das in Osteuropa für seine gut entwickelte Militärindustrie bekannt war. Frankreich als nächster eigentlicher Sicherheitsgarant der Tschechoslowakei schloss sich dem Abkommen am 5. Dezember an.  Bis zum 15. März 1939 besetzte das Hitler-Reich die „Rest-Tschechei“ und verwandelte sie in das Protektorat von Böhmen und Mähren. Polen ließ nicht auf sich warten und eroberte die Region Cieszyn. Die Transkarpatien-Ukraine wurde von Ungarn übernommen.

    Nach seiner Rückkehr aus München soll Neville Chamberlain am Abend des 30. September 1938 vom ersten Stock seines Dienstsitzes in London gesagt haben, er habe „Peace for our time“, den Frieden für unsere Zeit, gebracht. Doch viele anderen Politiker wussten aus dem Geschehenen ein anderes Fazit zu ziehen. 

    So schrieb der damalige französische Botschafter in der Sowjetunion, Robert Coulondre, am 4. Oktober 1938, dass das Münchner Abkommen „die Sowjetunion besonders bedroht“. Deutschland habe nach der Neutralisierung der Tschechoslowakei den Weg nach Südosten geebnet bekommen. Der stellvertretende Außenminister Alexander Cadogan wies seinerzeit auf die antisowjetische Einstellung von Chamberlain hin. Dieser soll mal gesagt haben, dass er „lieber zurücktreten als ein Bündnis mit den Sowjets unterzeichnen würde“. Damit Großbritannien lebe, müsse der „Bolschewismus sterben“, so Chamberlain. Dem damals Noch-Nicht-Premierminister Großbritanniens, Winston Churchill, wird dabei oft die Phrase zugeschrieben, „Man habe eine Wahl zwischen einem Krieg und einer Schande gehabt. Da man die Schande genommen habe, kriege man nun den Krieg.“ In der Tat soll er in den Briefen im September 1938 geschrieben haben:

    „Wir scheinen der düsteren Wahl zwischen Krieg und Schande sehr nahe zu sein. Mein Gefühl ist, dass wir uns jetzt für Schande entscheiden und wenig später den Krieg bekommen ...“

    Dass Großbritannien und Frankreich den sowjetischen Vorschlägen kein Gehör geschenkt hatten, bemängelte er später in seinen Memoiren. Es sei wirklich erstaunlich, schrieb Churchill, dass diese öffentliche und eindeutige Ansage einer der am meisten interessierten Mächte die Verhandlungen von Chamberlain oder das Verhalten Frankreichs in dieser Krise nicht beeinflusst habe. Die sowjetischen Vorschläge seien praktisch ignoriert worden, so der Politiker. Man habe sie gleichgültig entgegengenommen, wenn nicht verachtungsvoll <...>. Die Ereignisse seien so verlaufen, als habe es kein Sowjetrussland gegeben. „Anschließend haben wir dafür teuer bezahlen müssen.“

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    Tags:
    Josef Stalin, Neville Chamberlain, Drittes Reich, Münchner Abkommen, Benito Mussolini, Adolf Hitler