20:51 14 November 2019
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    Der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter

    Der US-Präsident, der die Mudschaheddin miterschuf – Jimmy Carter feiert 95. Geburtstag

    © AP Photo / John Amis
    Politik
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    Am 1. Oktober feiert der ehemalige US-Präsident und Friedensnobelpreisträger Jimmy Carter seinen 95. Geburtstag. Als Präsident unbeliebt und mäßig erfolgreich, verlor er das Amt 1980 nach nur einer Amtszeit an Ronald Reagan. Seither genießt Carter für sein Engagement für die Menschenrechte einen glänzenden Ruf. Zu Recht?

    Die Menschenrechte hatte Jimmy Carter schon bei Amtsantritt ganz oben auf seiner Agenda gehabt, wie er in seiner außenpolitischen Grundsatzrede an der Notre-Dame-Universität am 22. Mai 1977 ausführte. Zu erfolgreichen Beilegungen von Konflikten innerhalb seiner Amtszeit werden das Camp-David-Abkommen (1978) und die Unterzeichnung des israelisch-ägyptischen Friedensvertrages (1979) gezählt. Auch dass er die Kontrolle über den Panama-Kanal an Panama zurückgab und diplomatische Beziehungen zu China aufnahm, steht auf der Haben-Seite des US-Demokraten.

    Auf der Webseite des zur Universität von Virginia gehörenden Miller Centers, das sich nach eigenen Angaben mit der präsidialen und politischen Geschichte der USA beschäftigt und einen unparteiischen Blick darauf ermöglicht, ist zu lesen, Carter sei kein Befürworter militärischer Interventionen gewesen und habe auf Annäherung mit der Sowjetunion gehofft:

    „Carter glaubte, dass Amerika seine Macht sparsam ausüben und militärische Interventionen nach Möglichkeit vermeiden sollte. Er hoffte, dass die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion sich weiter verbessern würden und dass die beiden Nationen Abkommen zur Wirtschafts- und Waffenkontrolle schließen könnten, die zur Entspannung des Kalten Krieges führen würden.“

    Mit Kenntnis der Fakten, die zum sowjetischen Einmarsch in Afghanistan führten, ist das wenig glaubhaft.  Denn wie wir heute wissen, hatte Carter bereits am 3. Juli 1979 den Startschuss für die „Operation Cyclone“ mit der Unterzeichnung einer entsprechenden Direktive gegeben – ein halbes Jahr vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen. Im Rahmen der Operation, die den Sturz der pro-sowjetischen afghanischen Regierung zum Ziel hatte,  finanzierte, bewaffnete und bildete der US-Geheimdienst CIA in Zusammenarbeit mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI islamistische afghanische Widerstandskämpfer aus. „Wie Jimmy Carter und ich die Mudschaheddin ins Leben riefen“, erinnerte sich in diesem Zusammenhang Carters damalige Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski. Auch Osama Bin Laden war unter den Freiwilligen, die von der CIA damals unterstützt wurden. Die „Operation Cyclone“, die zwischen zwei und sechs Milliarden US-Dollar verschlungen haben soll, stärkte den Islamismus in Afghanistan und bereitete den Weg für Al-Qaida und die radikalislamischen Taliban.

    Mudschaheddin auf einem zerstörten sowjetischen Panzerwagen, Februar 1980
    © AP Photo /
    Mudschaheddin auf einem zerstörten sowjetischen Panzerwagen, Februar 1980

    Dass die USA mit ihrer Unterstützung für die afghanischen Gotteskrieger die Sowjetunion dazu provozieren könnten, in Afghanistan einzumarschieren, war der amerikanischen Führung bewusst und wurde billigend in Kauf genommen, wie aus einem Interview mit Brzezinski aus dem Jahr 1998 deutlich hervorgeht. Dass damit der Grundstein für einen langen Krieg mit vielen unnötigen Opfern gelegt wurde, bereute der 2017 verstorbene US-Geostratege nicht, im Gegenteil:

    “Was soll ich denn bereuen? Diese Geheimoperation war eine hervorragende Idee! Sie bewirkte, dass die Russen in die afghanische Falle gingen, und Sie wollen, dass ich das bereue? An dem Tag, als die Sowjets offiziell die Grenze überquerten, schrieb ich an Präsident Carter:  Jetzt haben wir die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnam-Krieg zu geben. Tatsächlich musste Moskau dann zehn Jahre lang einen Krieg fortführen, den die Regierung nicht rechtfertigen konnte, einen Konflikt, der zur Demoralisierung und schließlich zum Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums führte.“

    Auch dass der Islamismus mit aktiver Unterstützung der USA dermaßen erstarken konnte, kümmerte Brzezinski offenbar wenig, wie aus diesem Zitat hervorgeht:

    „Was ist für die Weltgeschichte wichtiger? Die Taliban oder der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums? Ein paar aufgescheuchte Moslems oder die Befreiung Mitteleuropas und das Ende des Kalten Krieges?“

    Den Kalten Krieg hatte Jimmy Carter nicht beenden können, so viel steht fest. Nach seiner mäßig erfolgreichen Präsidentschaft schien sein Stern trotzdem aufzugehen. Er gründete das Carter Center für Menschenrechte, vermittelte in verschiedenen internationalen Konflikten, traf sich unter anderem mit Fidel Castro (2002) und wurde im selben Jahr für seine Bemühungen um Frieden und die Einhaltung der Menschenrechte mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

    Carters Karriere nach der Präsidentschaft scheint seine Rolle im Afghanistan-Krieg und bei der „Erschaffung“ der Taliban im Kollektivgedächtnis beinahe ausgelöscht zu haben, dabei ist es seit dem 11. September 2001 gerade der islamistische Terrorismus, der für die USA zur größten Bedrohung geworden ist.

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    Tags:
    Taliban, CIA, Zbigniew Brzeziński, Ronald Reagan, UdSSR, Sowjetunion, Osama Bin Laden, Afghanistan, USA, Jimmy Carter