07:10 06 Dezember 2019
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    Sitzung des sächsischen Landtages (Archivbild)

    „Botometer“ stellt fest: In deutschen Landtagen stellen Bots bis zu 40 Prozent der Abgeordneten

    © AFP 2019 / dpa / Jan Woitas
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    Unterhalte ich mich mit einem echten Menschen oder einem automatisierten Social Bot? Darf ich dieser Information trauen oder soll ich hinterhältig manipuliert werden? Im digitalen Raum ist es nicht immer einfach, Antworten auf diese Fragen zu finden. Ein Versuch zeigt: Auch Analyse-Tools bieten keine verlässlichen Auswertungen.

    Immer wieder geistern sie durch die Medien, insbesondere wenn Wahlen anstehen, vorzugsweise in der westlichen Welt: Warnungen vor Einflussnahme und Manipulation durch Fake News, Trollfabriken oder sogenannte Social Bots. Gern werden diese Unkenrufe mit einem mal mehr, mal weniger dezenten Seitenblick auf Russland garniert, von wo aus angeblich die Wahlentscheidungen der Bürger in den USA oder in Deutschland mittels dieser üblen Tricks beeinflusst werden. Dabei sagen namhafte Experten auch hierzulande: Social Bots haben, wenn überhaupt, nur einen sehr geringen Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung, etwa durch das Verstärken bestimmter Themen durch automatisiertes Teilen, wodurch ein Hashtag beispielsweise in den Twitter-Trends auftauchen kann. Was außerdem gegen eine gesetzliche Regulierung spreche: Mit den heute zur Verfügung stehenden Analyse-Tools kann man nicht zuverlässig zwischen Accounts echter Personen und automatisierten Bots unterscheiden.

    Datenforscher Michael Kreil hat das nun exemplarisch in einem Versuch mit dem Analyse-Tool „Botometer“ der Indiana University Bloomington gezeigt.

    „Die Methoden der Bot-Forschungen sind nie systematisch überprüft worden, sonst wäre aufgefallen, dass sie sehr viele Fehler produzieren. Als kleinen Scherz habe ich deshalb mit dem Botometer geprüft, wie viele deutsche Landtagsabgeordnete auf Twitter angeblich Bots sind”, so Kreil.

    Die Ergebnisse der Untersuchung sind alarmierend: Glaubt man dem „Botometer“, so besteht der saarländische Landtag zu 40 Prozent aus Bots, Bremens Landtag zu 37 Prozent und in Baden-Württemberg werden die Abgeordneten zu 33,9 Prozent durch Social Bots ersetzt. Laut „Botometer“ ist die Zahl der „unechten“ Abgeordneten in allen Landtagen zweistellig, einzige Ausnahme ist Berlin mit immerhin noch 8,8 Prozent Bots.

    Politikberater Martin Fuchs resümiert:

    „Dieses kleine Experiment zeigt eindrucksvoll, wie schlecht die Analysefähigkeiten beim Thema Social Bots sind und wie wenig man darauf aufbauend irgendeinen Einfluss auf Meinungsbildung ableiten kann.“

    Entgegen allen Befürchtungen sind beim Bundestagswahlkampf 2017 keine oder kaum Einmischungen durch automatisierte Desinformation festgestellt worden. Die Politik will das Thema aber offenbar trotzdem nicht ruhen lassen. So hatte angesichts des nahenden Superwahljahres 2019 Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus im Dezember 2018 gefordert, per Gesetz gegen Manipulation durch Social Bots vorzugehen, die sich zu einer „Gefahr für die Demokratie“ entwickeln würden. Der CDU-Politiker bezog sich auf eine Studie der CDU-nahen Firma Botswatch, die von Experten jedoch scharf kritisiert wurde, weil sie ihre Untersuchungsmethodik nicht offenlegte.

    Neben Hürden bei der automatisierten Erkennung von Bots, stellt sich auch die Frage, ob mit Strafmaßnahmen nicht die Falschen vom politischen Diskurs ausgeschlossen oder gebrandmarkt werden. Markus Reuter von netzpolitik.org kommt zu dem Schluss: „Eine Regulierung gegen Bots scheint beim bisherigen Stand der Wissenschaft viel zu gefährlich: Sie könnte schnell auch nützliche und sozial wünschenswerte Anwendungen stören, die Meinungsfreiheit beschränken und Innovationen behindern.“

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    Tags:
    CDU, Deutschland, Social Bots, Landtag