00:24 22 November 2019
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    Abbilundg von Russland auf einem alten Globus

    Russland: Im Visier des Westens seit über 100 Jahren – Willy Wimmer zur „Heartland“-Theorie

    CC0 / Michael Gaida / Pixabay
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    Ein Aufsatz des britischen Geografen Halford John Mackinder von 1904 dient bis heute führenden westlichen Mächten als Vorlage, wie Europa und Asien unter Kontrolle zu bringen sind. Willy Wimmer beleuchtet in seinem neuen Buch dieses Strategie-Konzept kritisch. Im exklusiven Sputnik-Interview benennt er aktuelle geopolitische Folgen für Russland.

    Das neue Buch von Willy Wimmer erscheint Anfang November im Westend Verlag unter dem Titel „Der Schlüssel zur Weltherrschaft: Die Heartland-Theorie mit einem Lagebericht von Willy Wimmer“. Es verbindet historisches Militär- und Strategiewissen mit aktuellen Krisenherden und Konfliktzonen dieser Erde. Denn bis heute spielt in London, Washington und der Nato-Allianz das britische „Heartland“-Strategiekonzept eine entscheidende Rolle.

    Menschen beim Denkmal des Warschauer Aufstandes gegen Nazi-Okkupation in Warschau (Archiv)
    © AFP 2019 / JANEK SKARZYNSKI
    1904 veröffentlichte der britische Geograf, Ökonom und Mitbegründer sowie späterer Direktor der „London School of Economics“, Halford John Mackinder, seinen geopolitischen Aufsatz „The Geographical Pivot of History“ (zu Deutsch: „Der geografische Dreh- und Angelpunkt der Geschichte“). Ein epochales Strategie-Papier, das bis heute als „Anleitung“ interpretiert werden kann, wie „Eurasien“ – also die Kontinente Europa und Asien – aus westlicher Sicht militärisch erobert und politisch beeinflusst werden können.

    Wimmer erläutert vor der Veröffentlichung seines Buches im Exklusiv-Interview, wie die „Heartland“-Theorie (und -Praxis) in den letzten 100 Jahren entscheidende Weichen in der Welt- und Geopolitik gestellt hat – und weiterhin immer noch stellt.

    Der britische Geograf Halford John Mackinder
    Der britische Geograf Halford John Mackinder

    Londons „No“: Vor „Heartland“ scheiterte die „Heilige Allianz“

    Die Vorgeschichte beginnt im frühen 19. Jahrhundert. Damals entschied sich „Großbritannien in der Frage nach Frieden oder Krieg eindeutig“, schreibt Autor Wimmer in seinem neuen Buch. London sprach sich damals „gegen das Votum der anderen am Wiener Kongress beteiligten europäischen Staaten und für seine Kriegsoption auf dem europäischen Kontinent“ aus.

    „Damit wurde der vom russischen Zaren Alexander I. und dem österreichischen Kanzler Metternich, der innenpolitisch eine harte Restauration betrieb, ausgehende Versuch, Europa durch den ständigen Ausgleich von Interessen der europäischen Großmächte in eine stabile Friedensordnung zu bringen, auf Dauer und mit katastrophalen Auswirkungen für Europa nachhaltig durch London torpediert: Die Briten verweigerten sich ausdrücklich diesen Bemühungen, fühlten sich an Abstimmungen nicht gebunden und behielten sich die Freiheit zur Kriegsführung, wann immer es ihnen passe, vor. In den Hauptstädten St. Petersburg und Wien war man der Ansicht, erneute Verheerungen durch einen Krieg in den Dimensionen der napoleonischen Kriege unter allen Umständen verhindern zu müssen.“ Der britischen Expansions- und Ausdehnungslust stand der russisch-österreichische Ansatz zur Schaffung kollektiver Sicherheit für Frieden in Europa gegenüber.“

    „Beide Konzepte ergeben sich aus den Einschätzungen nach den Napoleonischen Kriegen, die auf dem Wiener Kongress (in den Jahren 1814/1815, Anm. d. Red.) deutlich ausgebreitet worden sind“, ergänzte Wimmer im Interview. „Da gab es die russisch-österreichische Linie – das ging von Zar Alexander I. aus – nach der man sich solche Verwüstungen Europas über kriegerische Auseinandersetzung nicht noch einmal würde leisten können.“ Vor diesem Hintergrund sei damals im frühen 19. Jahrhundert der Gedanke der „Heiligen Allianz“ entstanden. In solch einem Bündnis hätten sich „die Großmächte Europas zusammensetzen können, um künftige Auseinandersetzungen kriegerischer Art zu verhindern.“

    Es sei in jener Zeit die aus heutiger Sicht sehr fortschrittliche Idee entstanden, dass die Staaten des europäischen Kontinents untereinander in einem kollektiven System die Sicherheitsprobleme in Europa gemeinsam angehen. Doch nach vorläufiger Zustimmung wandte sich damals Großbritannien von dem geplanten kollektiven europäischen Sicherheitssystem ab.

    Somit sei die „Heilige Allianz“ Europas nie wirklich zustande gekommen. Wimmer betonte: Ein schon im 19. Jahrhundert errichtetes kollektives System für Sicherheit mit den europäischen Großmächten hätte auch spätere Kriege in Europa – wie die beiden Weltkriege – verhindern können.

    „Ungeschmälerte globale Dominanz Britanniens“

    „Als Konsequenz der Entwicklung des Wiener Kongresses, hatte das Vereinigte Königreich anschließend über 100 Jahre eine ungeschmälerte, globale Dominanz ausgeübt“, so der erfahrene Jurist und CDU-Politiker aus dem Rheinland, der unter anderem viele Jahre als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium tätig war.

    London wollte damals laut Wimmer seinen „militärischen Handlungsspielraum auf dem europäischen Kontinent“ nicht einschränken lassen. Die von Russland und Österreich beworbene  Idee einer kollektiven Sicherheit für Europa sei für das Britische Empire nie eine ernsthafte Option gewesen. Allerdings mit ernsthaften Folgen für die jetzige Epoche. „Wir sehen bis heute Konzepte dieser Art die Politik bestimmen. Es ist wichtig zu wissen, wie die Gedanken (der herrschenden Militärmächte, Anm. d. Red.) auf diesem Gebiet sind.“ Sein neues Buch sei auch deshalb lesenswert, weil es diese alten Strategie-Überlegungen auf die heutige Weltpolitik übertrage. Ein Buch, das Geschichte und Gegenwart gleichermaßen im Blick hat und verbindet. Er könne vor dem Hintergrund heutiger geopolitischer Entwicklungen die Verantwortlichen im Westend Verlag für die stets aktuelle thematische Auswahl „nur loben“. Das aktuelle Buch komme zum exakt richtigen Zeitpunkt.

    Gültig bis heute: Britisches Konzept zur „Eroberung Eurasiens“

    Was das „Heartland“-Konzept bis heute so aktuell mache: „Die Überlegungen, die Mackinder artikuliert und formuliert hat, werden bis heute an den Militärschulen gelehrt.“ Das „Herzland“ stellt in dem Konzept die „Weltinsel“ aus den drei Kontinenten Europa, Asien und Afrika dar. Das dazugehörige Motto: Wer die „Weltinsel“ beherrscht, der beherrscht praktisch die gesamte Welt.

    Geograf Mackinder beschrieb in seinem Aufsatz beispielsweise auch den Verlauf kontinentaler und arktischer Wasserläufe, darunter auch Flüsse in Sibirien. Dieses Wissen kann natürlich auch militärisch genutzt werden.

    Der Aufsatz erläuterte seinerzeit laut Wimmer „die geografische Situation auf dem euro-asiatischen Kontinent, die heute eine politische ist. Das macht die Lage so dramatisch. Was den Mackinder-Aufsatz aus meiner Sicht so auszeichnet, ist der Umstand, dass diese globale Dominanz Londons in der Zeit der Jahrhundertwende (um 1900, Anm. d. Red.) hinterfragt wurde. Hinterfragt von Staaten, die außerhalb der maritimen Einflusssphäre des Vereinigten Königreichs auf dem europäischen Kontinent drohten – aus britischer Sicht – sich auszubreiten.“ Es seien damals in England „ministerielle Arbeitsgruppen“ und Debatten entstanden, wie das britische Imperium mit seinen kolonialen Besitzungen, Einflusssphären und den dazugehörigen weltpolitischen Herausforderungen umgehen sollte.

    Vor diesem Hintergrund verfasste Mackinder seinen weltberühmten Strategie-Aufsatz. Die Schrift habe London damals „darauf aufmerksam gemacht: Es gibt keine weißen Flecken mehr auf dem Globus.“ Sein Ziel mit der Schrift sei es gewesen, den britischen Welteinfluss weiterhin zu wahren und aufrechtzuerhalten. „Das ist die Message von Mackinder. Da muss man sich natürlich heute fragen: Was ist daraus geworden? Ich habe in meinem Buch das für real unterstellt, was Mackinder formuliert hat und mit der heutigen Situation der Weltpolitik einen Abgleich vorgenommen. Denn die heutige Situation ist wieder von Umsturz bestimmt und davon, dass sich auf dem euro-asiatischen Kontinent gravierende Entwicklungen abzeichnen.“ Die Frage sei, ob „Großbritannien möglicherweise die neue Schwäche der USA ausnutzt, um in diese alte Rolle zu fallen.“ Das Buch werfe auch ein kritisches Licht auf aktuelle britische Strategieüberlegungen.

    © Foto : Westend Verlag / Halford J. Mackinder in: Geographical Journal 23, no. 4 (April 1904)

    Theresa May, die Vorgängerin von Boris Johnson, habe in ihrer Amtszeit als britische Premierministerin mehrfach betont, Großbritannien solle wieder seine alte weltpolitische Rolle einnehmen, die London „wegen der US-Vormacht in den 1960er und 70er Jahren östlich von Suez“ verloren hatte.

    Warum „Heartland“ immer noch aktuell ist: Hongkong, Irak, Afghanistan…

    „Wir sehen, dass die Vereinigten Staaten in einer Nachfolge zum britischen Empire und in einer Adaption der Mackinder-Überlegungen stehen“, analysierte Wimmer. Er nannte nur zwei der unzähligen US-geführten Kriege der letzten Jahre als Beispiele für „Heartland“-Strategieansätze in Washington: Der letzte Irak-Krieg (2003) und der immer noch andauernde Konflikt in Afghanistan. Dieser wurde offiziell als Folge der „9/11“-Terroranschläge nach dem 11. September 2001 losgetreten, aber Insider vermuten, dass die Kriegsplanungen der USA gegen das Land am Hindukusch bereits schon davor existiert haben müssen.

    „Die USA würden bis heute versuchen, „die zentralen Staaten auf dem euro-asiatischen Kontinent einzukreisen. Wir sehen hunderte von US-amerikanischen Stützpunkten rund um die Russische Föderation und natürlich auch um China und Indien. Von daher ist es offenkundig und sehr deutlich zu sehen, dass die Vereinigten Staaten versuchen, auf dem eurasischen Kontinent den Fuß in die Türe zu bekommen. Das sieht man am besten im Zusammenhang mit Kaschmir.“ Die USA bleiben laut Wimmer weiterhin mit Truppen in Afghanistan stationiert, auch weil Washington bisher der geostrategische Zugriff auf das benachbarte Kaschmir-Gebiet – das von Indien und Pakistan gleichermaßen beansprucht wird – nicht gelungen ist. In dieser Weltregion und „vor diesem Hintergrund sind die USA auch am ‚weichen Unterleib‘ der Russischen Föderation, Indiens und Chinas interessiert.“

    Strategie-Kehrtwende der USA unter Trump?

    Wimmer habe schon seit der Wahl Trumps vielfach darauf aufmerksam gemacht, dass dessen US-Präsidentschaft auch „deshalb zustande gekommen ist, weil Trump ausdrücklich erklärt hat, dass es mit dem endlosen Zug von Zinksärgen (gefallener US-Soldaten, Anm. d. Red.) in die Vereinigten Staaten aus Kriegen in der ganzen Welt Schluss sein sollte.“ Dies sei die aktuelle Herausforderung und politische Auseinandersetzung in Washington. Auch beim jüngsten US-britischen Staatsbesuch, als Trump in London bei Boris Johnson weilte, habe sich eine „gewisse Unzufriedenheit“ auf Seiten Großbritanniens über den neuen Kurs der Trump-Administration gezeigt.

    Auch das mittlerweile als Fälschung entlarvte „Steele-Dossier“, das die Luftnummer „Russia-Gate“ überhaupt erst ins Rollen brachte, sei aus dem Umfeld britischer Geheimdienstkreise gekommen. Es seien aktuell „im Kernbereich der transatlantischen Sonderbeziehungen“ große Verwerfungen und unterschiedliche Meinungen zu beobachten. Auch der von Wimmer „mit großem Bedauern“ wahrgenommene Brexit würde die Situation verschärfen.

    Für Autor Wimmer ergeben sich daraus abschließend mehrere wechselseitige und entscheidende Fragen:

    „Wer hat global die Kriegsführungs-Option? Was machen die Vereinigten Staaten mit und unter einem Präsidenten Trump, der den Krieg nicht so will?“ Zumindest nicht in der Form, wie der „Militärisch-Industrielle Komplex“ es bislang eigentlich gewohnt war. Und: „Was machen die Briten, um in die US-amerikanischen Fußstapfen zu steigen? Das sind die Herausforderungen, mit denen wir es hier zu tun haben. Wenn wir heute in Hongkong sehen, dass Demonstranten die britische Flagge im Hongkonger Parlament hissen, dann sagt das doch alles.“

    Aber er betonte: All diese Informationen würden auf eine deutsche Gesellschaft treffen, „die von all dem am liebsten keine Ahnung hat und haben will.“ Ein Grund mehr, ein Blick in das neue Buch zu werfen. Denn schließlich könne Deutschland Grundlagen legen „für eine gedeihliche und gut nachbarschaftliche Politik im euro-asiatischen Kontinent und zur Russischen Föderation. Natürlich auch zu Indien und zu China.“ 

    Halford John Mackinder, Willy Wimmer: „Der Schlüssel zur Weltherrschaft. Die Heartland-Theorie mit einem Lagebericht von Willy Wimmer“, 80 Seiten, Westend Verlag. Erscheint am: 4. November 2019. Das Buch kann bereits jetzt beim Verlag vorbestellt werden.

    Das Radio-Interview mit Willy Wimmer zum Nachhören:

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    Tags:
    Großbritannien, London, USA, Westen, CDU, Willy Wimmer, Russland, NATO