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    Eine Frau steht am Ort des türkischen Luftschlags in der nordsyrischen Stadt Ras al-Ain am 9. Oktober 2019

    Syrische Kurden haben sich auf Amerikaner verlassen, das war sehr naiv – Orient-Experte

    © AFP 2019 / DELIL SOULEIMAN
    Politik
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    Erdogan startet erneut Offensive in Syrien (88)
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    Die kurdischen demokratischen Kräfte und die kurdische Miliz YPG haben sich darauf verlassen, dass die Amerikaner in der Region bleiben – das war sehr naiv und optimistisch. Sie hätten mit der syrischen Regierung und mit Russland verhandeln müssen, sagte Prof. Dr. Ferhad Ibrahim Seyder (FU Berlin) im Gespräch mit Sputnik.

    Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat den Beginn der Militäroperation in Nordsyrien bestätigt. „Unsere Streitkräfte haben zusammen mit der syrischen nationalen Armee im Norden Syriens die Operation ‚Quelle des Friedens‘ gegen die Terrororganisationen PKK/YPG und DEAS begonnen“, teilte er per Twitter mit.

    Der Experte erwartet, dass die Türken mindestens zwei-drei Städte einnehmen werden, um zu sehen, wie die Reaktion der Kurden sowie der Weltgemeinschaft sein werde. Die Kurden würden sich wehren, und es komme zu einem regelrechten Krieg, betonte er.

    „Übrigens sind hier nicht nur Kurden, es sind auch Assyrer, Armenier, Araber, Christen und viele andere Minderheiten, die in dieser Region leben. Sie werden diese Region verlassen, wenn die türkischen Einheiten kommen. Es ist für die Bevölkerung eine Katastrophe. Sie wollen nicht unter Erdogan leben, weil er die Islamisten mitbringt, die sich dort ansiedeln werden“, sagt Seyder. 

    Die EU habe Ankara zur Zurückhaltung gemahnt, doch die Haltung der Europäischen Union sei passiv, meint der Experte. Er wies darauf hin, dass die Europäer sich geweigert haben, die IS*-Kämpfer, die aus Europa nach Syrien gekommen seien, nach Hause zu holen. Die Aufforderung der USA an die EU-Länder, Truppen nach Syrien zu schicken, sei in den europäischen Hauptstädten nicht einmal diskutiert worden. Wenn die Europäer jetzt sagen werden, Erdogan solle nicht eingreifen, sei es nicht mehr glaubhaft.  

    Laut Seyder spielt Russland eine vitale Rolle in dieser Region, auch bei der Gestaltung der Zukunft Syriens. Er wies darauf hin, dass der Führer der irakischen Kurden, Massud Barsani, mit dem Außenminister Russlands Sergej Lawrow darüber gesprochen habe, dass Russland intervenieren möge, damit es nicht zur Eskalation komme. Der Krieg habe eigene Gesetze und eine eigene Logik, betonte der Experte. Die internationale Gemeinschaft werde reagieren – die syrische Regierung, Russland, der Iran, aber auch die Amerikaner, die Europäische Union, die UNO.

    Seyder analysiert die Ursachen der Eskalation. Der Abzug der US-amerikanischen Soldaten wurde in Nordsyrien kritisiert. Doch die Amerikaner haben nie einen Vertrag mit den Kurden abgeschlossen, sie haben nicht einmal gesagt, sie werden die Region nicht verlassen, betonte der Experte für den Vorderen Orient am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft gegenüber Sputnik.

    „Syrische Kurden sollten mit der syrischen Regierung verhandeln, damit sie sich diesem Prozess anschließt, denn die syrische Regierung ist für das ganze Territorium des Landes völkerrechtlich verantwortlich. Man hätte auch mit Russland verhandeln sollen, um eine solche Invasion zu verhindern, man hätte Kompromisse finden können. Das hat man nicht gemacht“, unterstrich Seyder.

    Ferhad Ibrahim Seyder, der auch Leiter der Mustafa Barzani-Arbeitsstelle für Kurdische Studien an der Universität Erfurt ist, wies darauf hin, dass die kurdischen demokratischen Kräfte und die kurdische Miliz YPG sich darauf verlassen haben, dass die Amerikaner dableiben, ihre Ordnung da etablieren – das sei sehr naiv und optimistisch gewesen: „Sie hätten viel vorsichtiger in ihren Kontakten mit den USA sein müssen. Insbesondere nach den Erklärungen von Trump, dass er die Region verlassen werde. Es hätte eine Warnung für die Kurden sein müssen. Sie hätten eine andere Strategie entwickelt, um die Eskalation zu verhindern. Und jetzt ist es zu spät“, bedauert der Orientalist.

    Laut ihm war der syrische Nationalrat immer kompromissbereit und suchte diplomatische Wege, um den Konflikt zu lösen. Die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) haben sich dagegen in den letzten zwei Jahren völlig auf die Amerikaner verlassen. Doch die USA verfolgen in der Region eigene Interessen, die den Abzug aus dieser Region diktieren, weil die Amerikaner nicht nach einem Konflikt mit der Türkei streben. Die USA seien 7.000 Kilometer von der Region entfernt und haben kein Interesse, in dieser Region einen Krieg zu führen.

    * - Terrororganisation, in Russland verboten

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    Themen:
    Erdogan startet erneut Offensive in Syrien (88)
    Tags:
    Russland, Türkei, Nordsyrien, Syrien, USA, Recep Tayyip Erdogan, Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), PKK, Kurdenpartei PKK, Arbeiterpartei PKK, kurdische Selbstverteidigungskräfte YPG, YPG