01:39 11 Dezember 2019
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    Synagoge in Halle, wo während des Amoklaufs am 9. Oktober 2019 zwei Menschen getötet wurden

    Von „Alarmzeichen“ bis „halt die Fresse“ - Reaktionen auf Angriff in Halle

    © REUTERS / FABRIZIO BENSCH
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    Synagogenanschlag in Halle (30)
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    Nach den tödlichen Schüssen in Halle hat es zahlreiche Reaktionen aus Politik und Gesellschaft gegeben. Auch wenn die Kommentare dabei sehr unterschiedlich waren, so lautete der gemeinsame Tenor: Bestürzung und Entsetzen. Auch gibt es Vorwürfe in ganz unterschiedliche Richtungen. Hier eine Zusammenfassung.

    Die Reaktionen sind zahlreich: Ob im Fernsehen, im Internet oder vor Ort, die tödlichen Schüsse in Halle haben Spuren hinterlassen. Am Mittwoch versuchte ein schwerbewaffneter Mann, in eine Synagoge in Halle einzudringen. Dieser Versuch scheiterte, woraufhin der offenbar rechtsextreme Täter das Feuer auf eine Passantin öffnete. Er begab sich dann zu einem Döner-Imbiss, in dessen Nähe er eine weitere Person erschoss und mindestens zwei Menschen verletzte. Er flüchtete mit einem Taxi und wurde anschließend von der Polizei festgenommen.

    Anteilnahme äußerte unter anderem die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer. Ein solcher Angriff am höchsten jüdischen Feiertag sei ein Alarmzeichen, das niemanden in Deutschland unberührt lassen könne. Diese Formulierung stieß in sozialen Netzwerken jedoch auf Unverständnis. Viele User beschwerten sich darüber, dass das Attentat weit über ein „Alarmzeichen“ hinausginge.

    ​Ebenso Kritik löste eine Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aus. Er erklärte, was in Halle passierte, sei bislang in Deutschland unvorstellbar erschienen. Angesichts zahlreicher Angriffe auf jüdische Mitmenschen hierzulande sprechen viele Kommentatoren von Hohn und Falschwahrnehmung.

    ​Der Chefredakteur der „Bild“-Zeitung veröffentlichte am Donnerstag einen Kommentar zu dem Angriff in Halle. Darin erklärte er, dass der Attentäter von der Gesellschaft ermutigt worden sei, der Tag des Anschlags sei eine Schande für unser Land. Die Empörung sei gespielt und unglaubwürdig, glauben zahlreiche Leser. Zumal die „Bild“ den Hass gegen andere Religionen immer wieder selbst schüre, wie sie schreiben.

    ​Für große Aufmerksamkeit sorgte auch das gestrige Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft gegen Argentinien. Vor Anpfiff wurde eine Schweigeminute für die Opfer von Halle im Stadion eingelegt. Plötzlich stimmte ein einzelner Zuschauer, in der Stille gut hörbar, die deutsche Nationalhymne an. Doch sein Gesang dauerte nur Sekunden, ein anderer Fan im Publikum schreit laut „Halt die Fresse!“. Es ertönt Applaus.

    ​Innerhalb der Bundespolitik werden immer mehr Forderungen nach einer Reaktion der Bundesregierung laut. Seitens der Linkspartei gibt es den Vorwurf, Regierung und Verfassungsschutz würden Attentate linker und rechter Gewalttäter unterschiedlich behandeln. So twitterte der Bundestagsabgeordnete Fabio de Masi, der auch in der Sammlungsbewegung „Aufstehen“ aktiv ist, alle Demokraten müssten auf die Straße gehen. Im Bundestag säßen mit der AfD „Brandstifter im Anzug“. Sein Fraktionskollege Jan Korte fordert ebenfalls ein klares Zeichen gegen Rechts.

    ​Im Kreuzfeuer der Kritik stehen auch die deutschen Medien im Allgemeinen. Es wird ihnen angekreidet, dass sie durch ihre Veröffentlichung des kompletten Namens des Täters, durch das Abdrucken seines Fotos und durch die wortwörtliche Wiedergabe seiner Forderungen, Trittbrettfahrer zu ähnlichen Taten animieren würden. Denn Attentäter wollen durch ihre Taten Aufmerksamkeit und Berühmtheit erlangen, die ihnen Medien so verschaffen würden.

    ​Für Kopfschütteln sorge außerdem ein Interview mit dem Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei am Donnerstagmorgen. Oliver Malchow verwies gegenüber dem ZDF auf die dünne Personaldecke bei den Einsatzkräften. Neben der Terrorbekämpfung könne man sich nicht gleichzeitig mit viel Personal um Rechtsextremisten kümmern. Vor allem, dass Malchow zwischen Terrorismus und  gewalttätigem Rechtsextremismus einen Unterschied machte, viel auf Twitter unangenehm auf.

    ​Und nicht zuletzt wird Twitter selbst zur Zielscheibe der Kritik – oder vielmehr Selbstkritik. Denn das Medium ist bekannt dafür, dass kurz nach einem Anschlag oder sogar noch während der Tat selbst, Informationen darüber für jeden zugänglich sind. So zeitnah und schnell kann kein journalistisches Medium arbeiten. Doch zugleich häufen sich auf Twitter einhergehend auch immer Mutmaßungen, Spekulationen oder auch Falschmeldungen. Das kann sehr schnell in Stimmungsmache umschlagen.

    ​Die aktuellen Fakten: Die Bundesanwaltschaft will noch am Donnerstag beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs einen Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle stellen. Das teilte die Behörde mit. Der Beschuldigte Stephan B. war am Mittwoch vorläufig festgenommen worden. Die Bundesanwaltschaft sieht die Tat rechtsextremistisch und antisemitisch motiviert - das Bekennervideo bestätige dies. Letztlich habe der Mann seinen Anschlagsplan, der sich gegen die Besucher der Synagoge richtet, nicht umsetzen können.

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    linke Sammlungsbewegung "Aufstehen", Synagoge, CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, Bild-Zeitung, Julian Reichelt, Sachsen-Anhalt, Halle