19:58 22 November 2019
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    SDF-Soldaten in Syrien (Archiv)

    Vom Westen gebraucht und nun allein gelassen: Kurden in Syrien zwischen allen Stühlen

    © AP Photo / Maya Alleruzzo
    Politik
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    Der Westen zieht seine Truppen aus Nordsyrien zurück, während die türkische Armee deren kurdische Verbündete angreift. Die syrischen Kurden brauchen nun Hilfe durch die syrische Armee und von Russland. Das Spiel der Interessen im Norden Syriens wird neu gemischt. Eine Analyse

    Die Präsidenten der USA und der Türkei meinen es ernst. US-Präsident Donald Trump hat den Abzug aller US-Truppen aus Syrien angeordnet, Frankreich zieht nach. Nach dem Motto „Nach mir die Sintflut“ sollen die bisherigen Verbündeten im Kampf gegen den so genannten „Islamischen Staat im Irak und in der Levante“ (IS) sehen, wo sie bleiben.

    Der türkische Präsident Recep Tayyib Erdogan will nun um jeden Preis die kurdische Arbeiterpartei PKK und ihre Verbündeten im Norden Syriens, der Region „Jaziera“, vernichten. Er will vor seiner Wählerschaft und den Generälen seine Stärke beweisen. Parteiinterne Kritiker aus der regierenden AKP, die eine neue Partei gegen ihn gründen wollten, werden in die Schranken gewiesen.

    Um die Opfer bei den eigenen Soldaten so niedrig wie möglich zu halten, bedient Erdogan sich dafür der syrischen Opposition. Die hat er seit 2011 – damals noch mit Unterstützung der USA, der Golf- und europäischer Staaten – ausgerüstet, logistisch unterstützt und auch bezahlt. Tausende Dschihadisten aus mehr als 60 Staaten ließ Erdogan über die türkisch-syrische Grenze und in den Irak passieren. Mit ihnen kamen Waffen, Munition, junge Frauen folgten, die mit den Kämpfern Ehen schlossen und Kinder geboren haben.

    Alte und neue Stellvertreter für Ankara

    Es kamen die so genannten „Weißhelme“, die in der Türkei gegründet wurden und Journalisten, die über die „Rebellen“ in Syrien berichteten. Zeitweise kämpften die Dschihadisten in Hunderten verschiedener Gruppen den „Heiligen Krieg“ gegen Syrien und Irak.

    Anfang Oktober nun wurde unter Aufsicht der Türkei aus den vielen verschiedenen Kampfgruppen eine „Syrische Nationale Armee“ gebildet. Dieser gehören alle Einheiten an, die in Idlib, Euphrat Schild und Afrin unter dem Namen „Freie Syrische Armee“ (FSA) oder im Bündnis mit dieser gekämpft haben.

    Die neue Armee wird geführt vom ehemaligen FSA-Oberkommandierenden Salim Idriss und untersteht der – auch von Deutschland finanziell unterstützten – Syrischen Interimsregierung mit Sitz in der Türkei. Idriss, der von dem ehemaligen französischen Botschafter in Syrien Eric Chevallier als „De Gaulle Syriens“ bezeichnet wurde, forderte im März 2013 im Europäischen Parlament, wo er in Uniform auftrat, mehr Unterstützung für den bewaffneten Kampf gegen die syrische Armee.

    Nordsyrien als Beute für Islamisten

    Nachdem sein Hauptquartier am türkisch-syrischen Grenzübergang Bab al Hawa Ende 2013 von der „Islamischen Front“  gestürmt und geplündert wurde, floh Idriss nach Doha (Katar). Im Februar 2014 wurde er seines bisherigen Amtes enthoben.

    Nun befehligt Idriss als Verteidigungsminister der Syrischen Interimsregierung die Kampfverbände, die völkerrechtswidrig in den Nordosten Syriens einrücken. Sie bilden die Speerspitze der 2. Türkischen Armee, die wie schon bei der Operation „Euphrat Schutzschild“ (2016/17) zusammen mit den Türkischen Spezialkräften (OKK) den Einmarsch durchführt. Erdogan hat den syrischen Kämpfern die „Schutzzone“ zwischen Euphrat und Tigris quasi als Beute versprochen. Sie und ihre Familien sollen sich dort ansiedeln, mit syrischen Flüchtlingen, die Erdogan aus der Türkei abschieben will. Mehr als 80 Prozent dieser Menschen stammen nicht aus dem Gebiet der „Jaziera“, sondern aus dem Umland von Damaskus, Deraa, Homs oder Aleppo. Sie sollen eine Art menschlichen Puffer zwischen den syrischen Kurden und der Türkei bilden. Selbst die Vereinten Nationen warnen vor einer „ethnischen Säuberung“.

    Trump ohne weiteres Interesse

    Ähnlich wie der türkische Präsident will auch US-Präsident Trump Stärke beweisen. Für ihn hat der Wahlkampf begonnen. Um wiedergewählt zu werden, will er seine Wahlversprechen einhalten. Wiederholt hat er den Abzug der US-Soldaten aus Syrien angekündigt, nun wird er umgesetzt. Mit großer Geschwindigkeit haben die US-Soldaten die Basen entlang der syrisch-türkischen Grenze geräumt. Selbst die Basis Ain al-Arab/Kobane mit einem großen Flughafen wird verlassen.

    Sämtliche US-Diplomaten, die sich im Nordosten Syriens befanden, werden ebenfalls abgezogen. Sie haben dort mit der kurdischen Selbstverwaltung den Wiederaufbau, lokale Administration sowie politische Perspektiven verhandelt. Die Kriege im Mittleren Osten seien die schlechteste Entscheidung gewesen, die die USA je getroffen habe, teilte Trump per Twitter mit. „Nun sollen die Türkei, Europa, Syrien, Iran, Irak, Russland und die Kurden rausfinden, wie es weitergeht und was sie mit den gefangenen IS-Kämpfern in ihrer ‚Nachbarschaft‘ machen wollen.“

    Protest gibt es innerhalb der USA – vor allem der Demokraten, die die US-Präsenz und Politik in Syrien wesentlich zu verantworten haben – sowie von den wichtigsten NATO-Verbündeten Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Dennoch hält Trump an dem Rückzug der US-Soldaten aus dem Norden Syriens fest.

    Israelische Interessen sichern

    Lediglich die 200 Sondereinsatzkräfte der US-Armee, die im Dreiländereck Syrien, Irak und Jordanien das Gebiet um den Grenzübergang Al Tanf (Syrien) /Al Walid (Irak) besetzt halten, werden vermutlich auf der Militärbasis Als Tanf – völkerrechtswidrig – bleiben. Die Entscheidung dürfte dem Druck Israels geschuldet sein. Tel Aviv will verhindern, dass der strategisch wichtige Landweg zwischen Syrien und dem Irak und damit auch zwischen Iran und Libanon frei gegeben wird.

    Frankreich wird seine Spezialkräfte aus Syrien ebenfalls zurückziehen, wie am Montag bekannt wurde. Ohne die logistische Unterstützung der US-Truppen können auch andere ausländische Truppen sich dort nicht halten.

    Kurden fühlen sich verkauft

    Obwohl der türkische Truppenaufbau entlang der Grenze seit Wochen anhielt, scheinen die kurdisch geführten „Syrisch Demokratischen Streitkräfte“ (SDF) nicht mit dem plötzlichen Rückzug der US-Truppen aus der Region gerechnet zu haben. Der US-Nachrichtensender CNN veröffentlichte Auszüge aus einem Protokoll von einem Treffen am vergangenen Donnerstag zwischen dem Oberkommandierenden der kurdisch geführten SDF, Mazlum Abdi, und dem US-Sonderbeauftragten für den Kampf gegen den IS, William Roebuck.

    „Sie verlassen uns, damit wir abgeschlachtet werden“, so Abdi. Der SDF-Kommandeur wollte von dem US-Beauftragten wissen, was die USA zum Schutz der Kurden und der Bevölkerung vor dem Angriff der Türkei tun wollen. „Sie haben nicht vor, das Volk zu schützen und gleichzeitig wollen sie verhindern, dass andere Mächte kommen, um uns zu schützen. Sie haben uns verkauft, das ist unmoralisch.“

    Inzwischen hat die Militärführung der syrischen Kurden intensive Gespräche mit dem russischen Militär, russischen Diplomaten und auch mit der syrischen Regierung geführt. Das Ergebnis ist eine Vereinbarung, die den Vormarsch der syrischen Armee bis an die syrisch-türkische Grenze vorsieht. Bereits am Montag zogen syrische Armeeeinheiten aus Hasakeh in Richtung Westen nach Ain Issa vor, der ehemaligen Basis der 93. Divisionn der Syrischen Streitkräfte. Auch in Manbij ist die syrische Armee eingezogen, Ain al Arab/Kobane ist das nächste Ziel.

    Syrische Souveränität erneuert

    Russland hat lange an diesem Plan gearbeitet. Grundlage ist ein Abkommen zwischen der Türkei und Syrien aus dem Jahr 1998, das sogenannte Adana-Abkommen. Danach übernimmt die syrische Armee die Verantwortung, die gemeinsame Grenze zu schützen und die syrischen Kurden zu kontrollieren. Für die Kurden bedeutet das, sich der syrischen Armee unterordnen zu müssen, was Mazlum Abdi als „schwierigen Kompromiss“ bezeichnete.

    Durch den plötzlichen Abzug der US-Truppen und den Vormarsch der türkischen Armee und der sie unterstützenden syrischen Kampfverbände muss der russische Plan nun unter Zeitdruck umgesetzt werden.

    Die militärische Niederlage der syrischen Kurden gesehen ist auch darauf zurückzuführen, dass die „Jaziera“ flach und ohne natürliche Verteidigungsmöglichkeiten ist. Anders als im Nordirak oder im Südosten der Türkei gibt es keine Berge oder bewaldete Hügel. Für die SDF-Kampfverbände ist es kaum möglich, sich vor den Luft- und Artillerieangriffen der türkischen Armee zu schützen.

    Zweifel am kurdischen Vorgehen

    Schwerer wiegt für die kurdische Bewegung, dass sie nicht die gesamte Bevölkerung der „Jaziera“ hinter sich versammeln konnte. Die Syrisch-Orthodoxen und andere Christen blieben auf Distanz. Auch die arabische Bevölkerung und besonders die Stämme lehnten das übermäßig „harte“  Vorgehen der syrischen Kurden ab.

    Der Kurdische Geheimdienst setzte die arabischen Familien unter Druck, ihre Söhne der kurdischen Armee einzugliedern. In Schulen wurde teilweise die arabische Sprache gestrichen und nur noch in Kurdisch unterrichtet. Namen von Orten und Straßen wurden „kurdisiert“. Die kurdische Bewegung im Nordosten Syriens bewegte sich nicht mehr wie der Fisch im Wasser.

    Diesen Widerspruch nutzte die türkische Armee und fiel im Westen, in den Gebieten ein, die vor allem von arabischer Bevölkerung und Beduinenstämmen, vor allem bei Rakka, bewohnt werden. Die SDF verfügten dort nur über wenige Verteidigungskräfte. In der Kürze der Zeit und unter der Wucht der türkischen Luftangriffe konnte keine Verteidigungslinie etabliert werden.

    Kurden in der Minderheit

    Erst bei Ras al-Ain hielt die kurdische Verteidigung trotz massiver Bombenangriffe wegen Bunker- und Tunnelanlagen stand. Bis zu 200.000 Menschen sollen bisher aus dem Grenzgebiet nach Syrien, Richtung Hasakeh, geflohen sein.

    Die syrischen Kurden sind im Nordosten Syriens eine Minderheit – anders als in Deutschland wahrgenommen. In der Provinz Hasakeh machen sie nicht mehr als 30 Prozent der Bevölkerung aus. Nur selten liegen ihre Dörfer eng beisammen, wie beispielsweise in Afrin, westlich von Aleppo. Im oberen Teil des syrischen Nordostens, bei Malikiyeh (Derik), stellen sie im Grenzgebiet etwa 40 Prozent der Bevölkerung, die restlichen 60 Prozent sind Araber.

    Der zügige Vormarsch der syrischen Truppen und die intensive Unterstützung Russlands, das die Entwicklung auch gegenüber der Türkei moderiert, dürfte die Lage im Nordosten Syriens zunächst stabilisieren. Offen ist, wie die „Syrische Nationale Armee“ sich verhalten wird. In ihr sind die Dschihadisten und Kampfverbände versammelt, die seit 2011 an vielen Frontlinien gegen die syrische Armee kämpften. Eine erneute Niederlage werden sie kaum akzeptieren.

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    Tags:
    Krieg, Offensive, Kurden, USA, Türkei, Russland, Syrien