12:11 15 November 2019
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    Ministerpräsident Russlands Dmitri Medwedew (in d. M.) und der serbische Präsident Aleksandar Vucic (r.) am 19. Oktober 2019der serbische Präsident Aleksandar Vucic während der Militärparade am 10. Mai 2019

    Serbiens Präsident exklusiv: Berlin und Belgrad stellen sich Kosovo-Grenzen verschieden vor

    © Sputnik / Ekaterina Schtukina © AFP 2019 / SASA DJORDJEVIC
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    Politik
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    Bleibt der Kosovo ein Teil von Serbien? Wird tatsächlich ein „russischer Einfluss“ auf Belgrad ausgeübt? Welche Waffen hat Wladimir Putin seinem serbischen Amtskollegen bei der Moskauer Siegesparade empfohlen? Darüber spricht der serbische Präsident Aleksandar Vucic in einem Exklusivinterview für Sputnik Serbia.

    Heute ist der ideale Moment für die Zusammenfassung der Ergebnisse des Serbien-Besuchs des Ministerpräsidenten Russlands, Dmitri Medwedew, der kürzlich den Veranstaltungen zum 75. Jahrestag der Befreiung Belgrads beiwohnte.

    Der Besuch ist nicht nur gut verlaufen. Ich möchte jetzt pathetische Worte vermeiden und werde konkret: Der Besuch verlief noch besser, als wir erwartet hatten. Für uns ist wichtig, dass wir nicht nur unser Zusammenwirken, sondern auch unsere aufrichtige Freundschaft und den hohen Grad des gegenseitigen Vertrauens bestätigt haben. Vergessen Sie nicht, dass wir den 75. Jahrestag der Befreiung Belgrads gefeiert haben.

    Wir wollten gerade darauf verweisen.

    Wir hatten keine solche Gedenkkultur, die sich erst jetzt entwickelt. Das ist nicht nur an den Veteranen des Zweiten Weltkriegs zu sehen, sondern auch an den Veteranen aus den 1990er-Jahren, die bei der Parade auf dem Flugplatz Batajnica dabei waren. Ich habe speziell mit ihnen gesprochen – mit ungefähr 100 von ihnen – diese Menschen nach all dem, was sie für ihr Land und ihr Volk getan haben, waren glücklich, dass sich jemand plötzlich erinnert hat, dass es sie gibt. Und ich bin der russischen Seite dankbar, dass sie uns hilft, diese Gedenkkultur zu prägen, was wir auch gemeinsam tun.

    Das russische Volk musste während des Zweiten Weltkriegs am meisten leiden. Und wir, das Volk, das verhältnismäßig auch am meisten gelitten hat (wir gehören zu den europäischen Völkern, die davon am stärksten betroffen wurden), werden jeglichen Versuchen vehement widerstehen, den Verlauf der Geschichte zu verändern. Unsere Aufgabe ist, das zu verhindern. Und unsere Aufgabe ist, nicht nur unsere Toten zu respektieren, sondern auch mit unseren am Leben gebliebenen Mitbürgern respektvoll umzugehen – mit denen, die für unser Land kämpften. Und ich bin der Russischen Föderation dankbar, dass sie uns dabei geholfen hat.

    Ich habe von Präsident Putin bereits eine Einladung zum 9. Mai erhalten, und das ist eine große Ehre für mich. Das ist etwas, was Sie erwarten, was Sie im TV sehen, und einmal passiert das Ihnen selbst. Als ich die Parade gemeinsam mit Präsident Putin beobachtete (2018 – Anm. der Red.), haben wir auch russische Waffen für Serbien gewählt. Präsident Putin hat mir dazu geraten…

    „Panzyr“?

    Ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen, aber etwas haben wir bereits gekauft. Etwas sehr Ernsthaftes. Ob das genügt? Natürlich nicht. Aber das ist etwas, was zu unserer Kampfbereitschaft wesentlich beitragen wird. Und vor allem bin ich stolz darauf, dass Premier Medwedew mir zwei Mal sagte, dass er stolz sei, welche Fortschritte die serbische Armee mache. Das hat heute Vormittag auch (Russlands Verteidigungsminister, Anm. d. Red.) Sergej Schoigu bei einem Gespräch mit unserem Verteidigungsminister Aleksandar Vulin bestätigt. Ich habe gesehen, wie er (Medwedew – Anm. der Red.) sich wunderte – das ist ein großer Fortschritt. Genauso bewunderte er  auch die Entwicklung Belgrads. Voriges Mal war Medwedew hier vor zehn Jahren gewesen, und er sagte mir, dass es inzwischen eine völlig andere Stadt sei. Sie ist jetzt viel besser eingerichtet, es gibt jetzt viel mehr schöne Fassaden. Was unsere Streitkräfte angeht, so sprechen die Zahlen für sich. Ich könnte stundenlang darüber reden. Ich bin sehr stolz.

    Aber zurück zur Gedenkkultur: Ich werde versuchen, nächstes Jahr am 7. Mai den Marsch „Unsterbliches Regiment“ zu organisieren, damit sich möglichst viele Menschen daran beteiligen. Obwohl wir uns auch in den letzten Jahren nicht schlecht gezeigt haben, werden wir nächstes Jahr versuchen zu erreichen, dass nur in Moskau an der Aktion „Unsterbliches Regiment“ noch mehr Menschen als in Belgrad teilnehmen. Ich werde persönlich dabei sein. Und ich möchte wieder über den Roten Platz mit dem Foto meines Großvaters gehen, falls Präsident Putin mich einlädt.

    Ich denke, das ist normal, gemeinsam zu feiern, da Serben Seite an Seite mit den Russen kämpften und Belgrad befreiten. Viele scheinen vergessen zu haben, was die Russen für sie getan haben…

    Wir haben das nicht vergessen. Irgendwas gerät aber tatsächlich in Vergessenheit – es kommen immerhin neue Trends, es wehen andere Winde. Einige Menschen denken vielmehr an sich selbst, an ihre politische Gegenwart und Zukunft als daran, zu welchem Zweck sie gewählt wurden.

    Wegen der Vereinbarungen, die mit Medwedew getroffen wurden, wegen des Waffenkaufs bei Russland wird Belgrad unter starken Druck gesetzt. Es wird geschrieben, Vucic würde sein Wort gegenüber dem Westen nicht halten. Um welches Versprechen geht es eigentlich?

    Ich muss mir jetzt seit sieben Jahren anhören, ich hätte jemandem ein unabhängiges Kosovo versprochen. Aber ich muss etwas fragen: Nennen Sie mir die Person, der ich das versprochen habe. Nur eine Person, nicht einmal zwei. Diese Frage richte ich an diejenigen, die das behaupten. Ich höre jetzt seit sieben Jahren diese Geschichte von meinem angeblichen Verrat. Ich bin der Verräter, der Serbien nach Kosovo zurückgeführt hat, den Kurti (Albin Kurti, kosovarischer Politiker, der wahrscheinlichste Kandidat für den Posten des Ministerpräsidenten im selbsternannten Kosovos – Anm. der Red.) jetzt deshalb angreift. Ich bin der Verräter, der nicht zugelassen hat, dass die Polizei im Norden Kosovos überwiegend albanisch wurde, wobei alle anderen in diesem Land noch 2013 bereit waren, das zuzulassen. Ich bin ein Verräter, weil ich den Punkt 14 des Brüsseler Abkommens ablehnte, dem zufolge Serbien Kosovo der Uno beitreten lassen sollte. Und nur deshalb haben wir das damals nicht zulassen können. Ich bin Verräter, weil ich angeblich die Kosovo-Frage von der Uno an die EU weitergeleitet hätte. Aber das ist 2009 passiert (noch lange vor dem Präsidentschaftswahlsieg Aleksandar Vucics – Anm. der Red.). Worin besteht dann aber mein Verrat?

    Man schreibt, dass Sie und auch die Opposition von Russland kontrolliert werden. Stimmt das etwa?

    Im Unterschied zu vielen anderen Ländern übt Serbien seine eigene Politik aus, die unabhängig und souverän ist. Und ich bin Russland dankbar, dass es das respektiert. Und ich bin allen in der Welt dankbar, die das respektieren. Möglicherweise gibt es solche Kräfte, die das nicht sehen wollen, aber die serbischen Behörden wurden von den Bürgern gewählt. Die Bürger haben uns gewählt, damit wir uns um die Interessen unseres Landes kümmern – und nicht irgendeines anderen. Wir respektieren und lieben Russland, respektieren und lieben Frankreich, respektieren und lieben auch viele andere Länder. Aber wir haben unsere Politik, unsere Zukunft – und wir richten uns danach.

    Egal was wir mit den Russen tun, wird sie (die Kritiker, Anm. d. Red.) unser Vinjak (balkanischer Weinbrand, Anm. d. Red.),  stören, den wir verkaufen, das Gas, das wir kaufen… Möglicherweise haben Sie bemerkt, dass ich beim jüngsten Gipfel der Visegrád-Gruppe in Prag westlichen Journalisten sagte: „Leute, was wollt Ihr von mir? Dass wir Gas doppelt so teuer kaufen, um unsere Loyalität zu zeigen? Das geht nicht. Wir werden billiges Gas kaufen. (…) Ihr seid mächtig und könnt mich morgen absetzen. Aber dass wir statt anderthalb oder zwei Milliarden drei oder vier Milliarden zahlen, dass wir diese Gelder unseren Rentnern wegnehmen, die Gehälter unserer Krankenschwestern kürzen, nur damit Ihr uns dann lobt und sagt: ‚Gut gemacht, Vucic!‘ – nein, auf solche Ideen komme ich nicht.“

    Woran wir mit den Russen gerade arbeiten, worum ich sie gebeten habe und worauf wir uns hoffentlich bald mit (Gazprom-Chef) Alexej Miller einigen werden – ist der Ausbau des Gasdepots „Banatski dvor“: 450 Millionen Kubikmeter sind uns zu wenig. Es gibt ein Projekt für 750 Millionen, aber wir müssen es uns überlegen, ob das reicht, denn Serbien entwickelt seine Industrie intensiv und verbraucht immer mehr Gas. Die Russen sehen das, und Serbien wird für sie ein immer wichtigerer Markt. Wir müssen unsere Reserven auf zwei oder drei Milliarden Kubikmeter ausbauen. Denn wenn Ungarn sechs oder sieben Milliarden Kubikmeter hat, dann müssen wir auch unsere Vorräte aufstocken.

    Für mich war an diesem Besuch noch interessant, dass wir dabei vielen konkreten Dingen Aufmerksamkeit widmen konnten, die wir besprechen. Die russische Gesellschaft „Russische Eisenbahnen“ (RZD) soll einen Plan und ein Projekt entwerfen, und wenn alles in Ordnung ist, werden wir im März einen Vertrag unterzeichnen, und im März oder April werden wir die Bahn von Valjevo bis Vrbnica, bis zur Grenze nach Montenegro bauen (genauer gesagt, umbauen). Verstehen Sie, was das für Serbien bedeutet? Das ist etwas wie der Bahnbau zwischen Belgrad und Bar in den 1960er-Jahren. Es wird ja ein ganz anderes Leben sein! RZD arbeitet glänzend, bei uns kann man so etwas noch nicht. Sie machen alles rechtzeitig und mit hoher Qualität. Sie arbeiten, wie eine Schweizer Uhr!

    Stellt Russland dafür einen Kredit bereit?

    Möglicherweise wird die Finanzierung teilweise aus dem Haushalt erfolgen und teilweise mit Kreditmitteln. Heute haben wir damit keine Probleme, die es noch vor zehn oder 15 Jahren gab. Damals sagten uns alle: „Ihr könnt Eure Kredite nicht tilgen, Ihr seid ohnehin hochverschuldet.“ Heute gibt es solche Probleme nicht – wir  erstellen Pläne, und das wird in den Nationalen Investitionsplan aufgenommen, der für zehn Milliarden bestimmt ist und den wir am 5. bzw. 6. Dezember präsentieren werden, wenn der Haushalt verabschiedet worden ist. Wir arbeiten intensiv daran, zu zeigen, woher wir zehn Milliarden haben und wofür wir sie in den kommenden vier oder fünf Jahren investieren wollen. Das ist eine große Sache für Serbien. Wir werden versuchen, jede Gemeinde mit Wasserleitungen und Kanalisation zu versorgen – und überall Gasleitungen zu verlegen.

    Wie deuten Sie die Position Medwedews, der von der Notwendigkeit der Einhaltung der Prinzipien der Resolution 1244 des UN-Sicherheitsrats redet (die vorsieht, dass Kosovo ein Teil von Serbien ist – Anm. der Red.), gleichzeitig aber auch von der Bereitschaft, ein Abkommen zwischen Belgrad und Pristina zu akzeptieren?

    Es geht dabei um einen Vertrag zwischen den Seiten, die ihre eigene Zukunft bestimmen sollen. Um einen Vertrag, mit dem niemand völlig zufrieden sein wird. Aber dieses Abkommen gibt es nicht und wird es auch nicht geben, wenn man die aktuelle Situation bedenkt. Ich werde alles tun, dass dieses Abkommen erreicht wird, sehe aber, dass in diesem Prozess keine Fortschritte  gemacht werden. Erstens wollen die serbischen Ohren immer das hören, was ihnen gefällt, auch wenn das realitätsfremd ist. Aber das ist das kleinere von den Problemen. Andererseits wollen die Albaner nichts hören, was mit einem wahren Kompromiss verbunden wäre. Und es gibt den dritten Moment: Alles, was der Westen Serbien bietet, ist gar kein Kompromiss.

    Sie erklärten offen, der Westen würde Serbien im Hinblick auf Kosovo nichts anbieten…

    Ich kann offen sagen: Angela Merkel war absolut ehrlich gegenüber Serbien während eines Gesprächs in Davos. Sie sagte mir offen: „Aleksandar, wir können nicht der Abgrenzung, einer neuen Festlegung der Grenzen zustimmen.“ Ich hatte ihr zuvor gesagt, dass die Grenzen nicht bestimmt worden sind. Für uns gibt es eine Grenze, für Berlin eine andere. Für Russland eine, für die USA eine andere. Für China eine, für Frankreich eine andere. Für Spanien eine, für Großbritannien eine andere (gemeint ist, dass Russland, China und Spanien die Souveränität Kosovos nicht anerkannt haben – Anm. der Red.). Ich sagte ihnen: Lasst uns schon  darüber entscheiden.

    Und was antwortet man Ihnen?

    „Das geht nicht! Kosovo ist ein souveräner Staat in den aktuellen Grenzen. Wir haben Verständnis für Euer Problem, aber im Moment können wir Euch kaum etwas bieten.“

    Also ist alles möglich, aber Belgrad muss Kosovo anerkennen?

    Ich habe ein gutes Gewissen, denn ich kämpfe immer und überall für unser Volk und unser Land. Wir haben keine einzige Entscheidung getroffen, wo wir von jemandem unter Druck gesetzt worden wären. Ich habe nie Terroristen freigelassen und nie darauf verzichtet, den Jahrestag der Nato-Aggression gegen Jugoslawien zu begehen. Wir übten unsere Politik als freier und unabhängiger Staat aus und werden das auch weiter tun. Das Problem ist, dass die andere Seite weiß, was das unabhängige Kosovo will, und wir aber oft nur wissen, was wir nicht wollen, und nicht verstehen was wir wollen.

    Wir „wollen“ z.B., dass irgendwo Kacanik als unser Territorium eingetragen wird, wo es aber keinen einzigen Serben gibt und das als Hauptzentrum für die Rekrutierung von IS-Kämpfern in ganz Europa dient (Kacanik ist eine Stadt in Kosovo; 2015 wurde Kacanik in einem Bericht des kroatischen TV-Sender HRT, der Kosovo gewidmet war, als „Champion“ nach der Zahl der IS-Kämpfer pro Kopf der Bevölkerung bezeichnet). In Kacanik will künftig ja kein einziger Serbe leben. Viele zeigen einfach, wie wichtig dieser Ort für uns ist und dass sie angeblich solchen Quatsch nicht sagen können, den ich gerade sage.

    Haben wir Mechanismen, um die Serben im Kosovo zu beschützen?

    Wir werden immer die Kraft finden, um die Serben vor Pogromen und davor zu schützen, was sie in den 1990er-Jahren und 2004 (damals fand die größte antiserbische Massenausschreitung statt) erleben mussten. Ich meine es ernst, und zwar nicht weil ich jemandem drohe oder weil ich diese oder jene Pläne hege. Wir werden nicht zulassen, dass jemand unser Volk tötet und vertreibt.

    Könnte sich das Format der Verhandlungen über Kosovo verändern? Was denken Sie beispielsweise über die Organisation einer internationalen Konferenz?

    Ich fürchte internationale Konferenzen. Aber wenn eine solche Konferenz stattfinden würde, sollten sich daran alle führenden Staaten beteiligen. Ich bin dafür, dass wir mit den Albanern reden, dass wir versuchen, einen Kompromiss zu erreichen. Es ist aber offensichtlich, dass das schwierig ist.

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    Tags:
    Putin, Zweiter Weltkrieg, Geschichte, Kauf, Waffen, Kosovo, Russland, Serbien