06:49 15 November 2019
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    Hungersnot in der Ukraine in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts (Symbolbild)

    Ukrainischer Botschafter kritisiert Berlin wegen Nichtanerkennung von Holodomor als Völkermord

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    Der ukrainische Botschafter in Deutschland, Andrej Melnik, hat die deutsche Regierung in einem Interview mit der Agentur UNIAN dafür kritisiert, dass sie die Hungersnot in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik in den Jahren 1932-1933, den sogenannten Holodomor, nicht als Genozid am ukrainischen Volk anerkennen will.

    Laut Melnik halten die Argumente der deutschen Regierung gegen die Anerkennung des Holodomor als Völkermord am ukrainischen Volk „keine ernsthafte Kritik“ aus.

    Unter anderem stimmte der Diplomat dem deutschen Außenministerium darin nicht zu, es habe im Völkerstrafrecht bis 1948 keine klare Definition des Völkermords gegeben und die Hungersnot habe sich nicht nur auf die Ukraine ausgeweitet.

    Wie Melnik weiter betonte, liege „die historische Wahrheit“ auf der Seite der Ukraine. Der Holodomor betreffe auch unmittelbar Deutschland selbst, das – wovon Archive zeugten – in den Jahren 1932-1933 sehr gut über das gigantische Ausmaß der Stalin-Verbrechen in der Ukraine informiert gewesen sein soll, so Melnik.

    „Wir wollen in den kommenden Wochen engere persönliche Kontakte mit Mitgliedern des Petitionsausschusses – mit Vertretern ausnahmslos aller Fraktionen – unterhalten, um erschöpfende Antworten auf alle offenen Fragen zu geben“, sagte Melnik abschließend.

    Petition für die Anerkennung der Hungersnot in der Ukraine als Völkermord

    Zuvor hatte der Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Michael Roth, erklärt, dass Berlin den Massenhunger in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik in den Jahren 1932-1933, den sogenannten Holodomor, nicht als Genozid des ukrainischen Volkes anerkennen wolle. Eine entsprechende Petition auf der Webseite des Bundestags soll offenbar offiziell abgewiesen werden.

    Am 21. Oktober 2019 hatte der Petitionsausschuss des Bundestags in einer öffentlichen Sitzung eine Petition mit der Forderung erörtert, die Hungersnot der 1930er Jahre in der Ukrainischen SSR als vorsätzlichen Völkermord durch Stalin und die sowjetische Führung an den Ukrainern anzuerkennen. Das Online-Gesuch hatte knapp 57.000 Unterschriften gesammelt.

    Laut Roth handelt es sich beim Holodomor zwar um eine „grauenvolle, schreckliche Hungerkatastrophe, die von Menschen zu verantworten ist und die zu Millionen von Hungertoten geführt hat“. Erst seit 1948 gebe es im Völkerstrafrecht eine klare Definition des Völkermords. Die entsprechende UN-Resolution ist 1951 in Kraft getreten.

    Massenhunger in den Jahren 1932-1933

    Als Holodomor wird der Massenhunger in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik in den Jahren 1932 bis 1933 bezeichnet. Kiew pocht seit Jahren darauf, dass diese Hungersnot von anderen Ländern als organisierter Völkermord Stalins an den Ukrainern anerkannt wird.

    Zu den Staaten, die den Holodomor als Genozid anerkennen, gehören unter anderem Polen, Georgien, Australien, Kanada, die USA, Lettland, Estland und Litauen.

    Doch von dem Massenhunger war nicht nur die Ukrainische SSR betroffen, sondern viele weitere Regionen der Sowjetunion. Damals waren verschiedenen Einschätzungen zufolge sieben bis acht Millionen Menschen verschiedener Nationalitäten ums Leben gekommen: drei bis 3,5 Millionen in der Ukraine, zwei Millionen in Kasachstan und Kirgisien, zwei bis 2,5 Millionen in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik.

    ns/sb/sna 

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    Tags:
    Andrej Melnik, Kanada, USA, Polen, Georgien, Anerkennung, Holodomor, Bundestag, Deutschland, Russland, Ukraine