04:35 18 November 2019
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    Der russische Präsident W. Putin traf am 22. Oktober mit dem türkischen Präsidenten R. T. Erdogan in Sotschi zusammen. Alexei Druzhinin/ RIA Novosti

    Auf Amerika kein Verlass? So hilft Putin dem „erniedrigten“ Erdogan, „das Gesicht zu wahren“

    © RIA Novosti . Alexei Druzhinin
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    Bei einem Treffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdogan in Sotschi sind nun die ersten positiven politischen Lösungen für Nordsyrien herbeigeführt worden. In einem Sputnik-Gespräch erzählte der Nahost-Experte Stanislaw Tarassow, warum es wohl wichtig war, „Erdogan aus der Ecke zu retten“.

    Es ist so weit: Bevor die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer den Nato-Partnern in Brüssel ihren Plan zur „Sicherheitszone“ in Nordsyrien mitgeteilt hat, pokert Wladimir Putin in Sotschi mit einer Einigung mit Recep Erdogan auf den gegenseitigen Erhalt von Frieden und Ruhe im Grenzraum zur Türkei.

    Die beiden Seiten haben sich zur territorialen Integrität Syriens bekannt, sich aber zugleich darauf verständigt, nach dem Abzug der US-Truppen eine 30 Kilometer tiefe türkische Sicherheitszone im Grenzraum zu erhalten. Ab 12.00 Uhr an diesem Mittwoch werden Einheiten der russischen Militärpolizei und des syrischen Grenzdienstes auf der syrischen Seite der syrisch-türkischen Grenze den Rückzug der YPG-Formationen (kurdische Volkswehr) samt Waffen auf 30 Kilometer von der syrisch-türkischen Grenze gewähren. Die russische Militärpolizei hat mit der Patrouille von Positionen nahe Manbidsch bereits begonnen.

    Dem unterschriebenen Memorandum zufolge werden die russischen und türkischen Truppen nach dem Rückzug der kurdischen Milizen die Gebiete östlich der unter die Operation „Friedensquelle“ fallenden Region mit Ausnahme der Stadt Kamisli gemeinsam patrouillieren. Auch die Heimkehr syrischer Flüchtlinge aus der Türkei soll gewährleistet werden. Der syrische Präsident Bashar Assad hat sich bereits in einem Telefongespräch mit Putin bei dem russischen Verbündeten  für die Ergebnisse der Verhandlungen bedankt und die Bereitschaft des syrischen Grenzdienstes zugesagt, die syrisch-türkische Grenze ins Visier zu nehmen.

    Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat seinerseits das Ende der türkischen militärischen Invasion in Nordsyrien angekündigt. Am Wochenende hatte Erdogan erklärt, die Türkei werde die Köpfe der kurdischen Kämpfer „zerquetschen“, sollten sie sich nicht bis Dienstagabend, wenn die fünftägige Feuerpause endet, aus der Sicherheitszone, die Ankara errichten will, zurückgezogen haben.

    Die Rolle der USA in der Region

    „Russland hofft, im Syrien-Konflikt der lachende Dritte zu werden“, schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) zur wachsenden Rolle der „Ordnungsmacht“ Russland nach dem Rückzug der US-Truppen aus Nordsyrien. „Für Putin läuft in Syrien alles nach Plan“, legte die Tagesschau nach. „Putins Sieg in Syrien ist ein großes Signal an alle Despoten“, meinte das „Handelsblatt“. Laut dem russischen Nahostexperten Stanislaw Tarassow liegen die meisten Medien da falsch, denn der Beitrag der USA zur Sicherheit in der Region soll für Moskau von nicht geringerer Bedeutung gewesen sein.

    So rief selbst der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu am Montag Moskau, Washington und Ankara dazu auf, das Sicherheitsniveau in Syrien zu erhöhen. Er hat die Rolle der USA in der Region also nicht dementiert. „Die Ereignisse in Syrien nach dem Beginn der türkischen Militäroperation dort haben eine unerwünschte Wendung genommen“, so Schoigu. Erdogan seinerseits drohte vor seiner Abreise nach Sotschi, er würde „unsere Offensive da, wo sie aufgehört hat, und diesmal mit noch größerer Entschlossenheit fortsetzen“, sollten die Versprechen, „die Amerika unserem Land gegenüber gemacht hat, nicht eingehalten werden“.

    „Erdogan ist in eine Falle getappt“, kommentiert Tarassow die Lage des türkischen Präsidenten zum Start der Verhandlungen mit Putin. „Trump provozierte ihn mit dem Abzug seiner Truppen aus der Sicherheitszone, und Erdogan nutzte die sich öffnende Gelegenheit schon am nächsten Tag. Aber dann drohte der Nato-Partner Trump ihm plötzlich, dass er ihn mit diversen Sanktionen ruinieren könne. Zudem drohte US-Außenminister Pompeo Ankara mit einem Krieg. Erdogan wurde also faktisch in die Ecke gedrängt.“

    Warum ist solch eine Situation zustande gekommen?

    „Die Türken spielen ein doppeltes Spiel“, erklärt der Experte weiter. Einerseits beteilige man sich an dem sogenannten Astana-Prozess zur Beendigung des syrischen Bürgerkrieges, andererseits habe man einseitig mit den USA über eine Sicherheitszone verhandelt. Die beiden Szenarien hätten sich parallel entwickeln sollen. „Die Türken begannen ihre Operation unter dem Vorwand des Kampfes gegen die Kurden. Es stellte sich heraus, dass sich die Kurden plötzlich mit der syrischen Regierungsarmee ‘verbündet’ haben.“

    „Hätte Putin keine Zugeständnisse mit der Sicherheitszone gemacht…“

    Bevor die Amerikaner Kontakt mit Ankara zur Sicherheitszone aufgenommen hätten, soll sich für Ankara ebenfalls unerwartet herausgestellt haben, dass sie erst ernsthafte Verhandlungen mit den syrischen Kurden und der Damaskus-Regierung durchgeführt hätten. „Als die Amerikaner begannen, ihre Truppen teilweise in den Irak zurückzuziehen, wurden sie plötzlich von den syrischen Truppen und der russischen Luftwaffe begleitet“, so Tarassow.

    Die Hauptenttäuschung und Niederlage für Erdogan besteht laut dem Sputnik-Gesprächspartner darin, dass die Kurden, die er immer noch für Terroristen halte, es in den Vordergrund der großen Weltpolitik geschafft hätten. Mit deren Kontakten zu Ankara sei „der gemeinsame Feind“, wie im Adana-Abkommen von 1998 festgelegt (damals waren es die PKK-Aktivitäten – Anm. d. Red.), verschwunden.

    Faktisch habe Putin Erdogan überredet, eine Situation zu schaffen, in der der türkische Präsident sein Gesicht wahren könnte, sagt der Experte weiter.

    „Die Amerikaner haben Erdogan wohl erniedrigt – allerdings nur aus seiner Sicht. Moskau will das nicht, denn man hat viele gemeinsame wirtschaftliche Projekte wie Turkish Stream oder Atomkraftwerke.“ Dabei sei die Türkei ein strategischer Partner Russlands, deren Besorgnisse man berücksichtigen wolle.

    „Hätte Putin keine Zugeständnisse an Ankara mit der Sicherheitszone gemacht, wäre es zu Spannungen gekommen, etwa zu internen politischen Komplikationen in der Türkei oder zu einer internationalen Gefahr im Falle der Uno“, sagt der Experte abschließend.

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    Tags:
    Sergej Lawrow, Sergej Schoigu, syrisch-kurdische Volksverteidigungseinheiten (YPG), Kurdenpartei PKK, Sicherheitszonen, Syrien, Wladimir Putin, Putin, Recep Tayyip Erdogan