23:09 16 November 2019
SNA Radio
    Terroranschlag der IS-Kämpfer auf den Philippinen (Archiv)

    Wohin flüchten IS-Kämpfer aus Syrien?

    © REUTERS / Eloisa Lopez/File Photo
    Politik
    Zum Kurzlink
    Von
    8185
    Abonnieren

    Indonesien, Malaysia, Singapur, Philippinen und teilweise Thailand – der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu hat die Länder des Asien-Pazifik-Raums aufgezählt, in die sehr großer Teil der IS-Kämpfer* nach der Niederlage in Syrien geflohen ist.

    Nach seinen Worten haben sie in Syrien Kriegserfahrungen gesammelt und kehren jetzt heim, um dort ein neues Pseudo-Kalifat zu bilden. Noch vor einigen Jahren gab es im Asien-Pazifik-Raum keine große Terrorgefahr, aber mittlerweile hat sich die Situation verändert.

    Indonesien

    Am Syrien-Krieg beteiligten sich ziemlich viele Kämpfer aus Indonesien, dem größten muslimischen Land der Welt. IS-Terroristen haben dort ihre Kräfte im Januar 2016 trainiert, als in Jakarta zwei selbstgebaute Bomben gezündet wurden. Als Besucher eines Sarinah-Supermarktes und eines Starbucks-Cafés, wo die Explosionen passierten, in Panik gerieten und auf die Straße liefen, wurden sie mit Schusswaffen getötet. Zwei Menschen kamen ums Leben, etwa 20 wurden verletzt.

    Anderthalb Jahre zuvor hatte eine indonesische radikale islamistische Gruppierung ein Video veröffentlicht, das sie in einem Trainingslager gedreht hatten. Dabei schworen sie IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi die Treue. Offensichtlich gibt das Pseudo-Kalifat jede Menge Kräfte und Geld für Rekrutierung von ständig neuen radikalen Islamisten, die bisher Mitglieder der al-Qaida waren. Und das gelingt ihm auch – in Indonesien werden immer mehr Anschläge verübt.

    Im Oktober 2016 wurden drei Polizisten in einem Vorort Jakartas von einem mit einem Messer bewaffneten Kämpfer überfallen. Er hat sie verwundet, wurde dann aber selbst mit einem Schuss am Bein verletzt. Bei seiner Durchsuchung wurde unter anderem ein Sticker mit dem IS-Logo entdeckt. Einige Monate später zündete ein anderer Terrorist eine Bombe in einem Regierungsgebäude in der Stadt Bandung und eröffnete später Feuer auf die Menschen draußen. Er wurde auf  der Stelle getötet. Und im Mai 2018 gab es innerhalb von fünf Minuten Explosionen in drei Kirchen. Elf Menschen wurden getötet und 40 verletzt. Zwei Monate später wurden in der Stadt Pasuruan (Provinz Ost-Java) drei Bomben gleichzeitig gesprengt. Dabei wurde ein Kind verletzt.

    Die Regierung des Landes widersteht dem IS entschlossen. In den vergangenen drei Jahren wurden Hunderte Kämpfer verhaftet, viele Waffen- und Munitionslager von Terroristen entdeckt. Außerdem werden „Präventionsmaßnahmen“ ergriffen: Massenmedien entlarven ständig die dschihadistische Ideologie. Aber die Terroristen finden immer neue Möglichkeiten, um auf sich aufmerksam zu machen.

    Malaysia

    Ende Juni 2016 wurde in einem Nachtlokal am Stadtrand von Kuala  Lumpur eine Granate gesprengt. Niemand wurde dabei getötet, aber acht Besucher zogen sich Verletzungen zu. Die Polizei stellte fest, dass der Auftraggeber für den Anschlag ein Malaysier war, der zuvor an der Seite des IS in Syrien gekämpft hatte. Seit dieser Zeit berichten malaysische Medien regelmäßig über  Festnahmen von IS-Kämpfern und über Vernichtung von immer neuen „schlafenden Zellen“ der Terroristen.

    Das ist ein Beweis für eine angemessene und effiziente Anti-Terror-Politik des Staates. Eine extra gebildete Nachrichtenagentur informiert die Einwohner des Landes über den wahren Charakter des IS und widersteht der Anwerbung von neuen Kämpfern unter Jugendlichen. An der Arbeit der Nachrichtenagentur beteiligen sich Vertreter des Innenministeriums, des Nationalen Sicherheitsrates, der Polizei, des Instituts für islamische strategische Forschungen sowie der Geheimdienste.

    Im Grunde ist es den Behörden gelungen, den IS in den Untergrund zu drängen. Jegliche Versuche der Kämpfer, aus dem benachbarten Indonesien nach Malaysia zu gelangen, werden hart unterbunden. Im Januar 2017 wurden beispielsweise acht indonesische Studenten deportiert, nachdem in einem ihrer Handys das IS-Logo entdeckt worden war.

    Singapur

    Der reiche und wohlgenährte Stadtstaat lockt schon seit langem Migranten aus ärmeren Ländern an, bei denen es sich um die Zielgruppe der radikalen Ideologie handelt. IS-Anhänger aus Malaysia haben 2015 ein Video veröffentlicht, in dem sie versprachen, mehrere Regierungsgebäude in Singapur zu sprengen. Die Behörden im Nachbarland nahmen diese Drohung sehr ernst und verschärften die Sicherheitsmaßnahmen. Außerdem war Singapur das einzige Land aus dem Asien-Pazifik-Raum, das an der Anti-IS-Koalition teilnahm, die von den USA gegründet wurde.

    Im Mai 2016 wurden in Singapur acht IS-Kämpfer aus Bangladesch festgenommen, die dem Pseudo-Kalifat in Syrien und im Irak beitreten wollten. Angesichts dessen plädierte der Innenminister für eine Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen. Im Juni 2017 räumte der Ministerpräsident Lee Hsien Loong ein, dass ein Anschlag in Singapur im Grunde eine Frage der Zeit wäre, denn viele Bürger des Landes kämpften im Nahen Osten auf der Seite der Terroristen und würden irgendwann heimkehren.

    Am vergangenen Dienstag berichtete die Hongkonger Zeitung „Oriental Daily“ über die Vorbereitung eines Attentats auf den singapurischen Premier. Ihn sollte ein 19-jähriger IS-Anhänger töten. Insgesamt wurden in Singapur seit 2002 mehr als 60 Menschen verhaftet, die mit verschiedenen terroristischen Gruppierungen verbunden waren.

    Philippinen

    Während andere Länder des Asien-Pazifik-Raums die IS-Gefahr mehr oder weniger in den Griff bekommen, geht auf den Philippinen ein regelrechter Krieg vor sich. Anfang 2016 haben sich die dortigen Extremisten vereinigt und die Bildung einer IS-Filiale auf der Insel Mindanao verkündet. Australische Medien veröffentlichten ein  Video, auf dem Kämpfer aus vier Gruppierungen Abu Bark al-Baghdadi die Treue schworen. Schon am 9. April griffen die Terroristen Soldaten der Regierungsarmee an, wobei 23 von ihnen getötet wurden. Und im November wurde ein Versuch zur Tötung des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte unternommen.

    Die Behörden reagierten darauf mit einzelnen Gegenangriffen. Im Mai 2017 eroberten die Terroristen die Stadt Marawi auf Mindanao und töteten alle Menschen, die sie für Feinde hielten. Die grausamen Straßengefechte dauerten von Mai bis Oktober. Am 23. Oktober gab Verteidigungsminister Delfin Lorenzana bekannt, die Kampfhandlungen würden eingestellt, im Zuge derer 168 Soldaten der Regierungstruppen getötet und mehr als 1400 weitere verletzt wurden. Die Verluste der Kämpfer lagen bei 974 Toten. Der IS erlitt eine Niederlage und musste in den Untergrund gehen. Seine Spezialität sind jetzt Terroranschläge. Im Juli 2018 wurden beispielsweise in der Stadt Lamitan elf Menschen bei mehreren Explosionen getötet.

    Thailand

    Offiziell räumten die Behörden in Thailand nie ein, dass es im Königreich einen IS-Ableger gibt. Im Frühjahr 2017 warnten die malaysischen Nachrichtendienste ihre Nachbarn, dass sich dort Terroristen verstecken könnten, aber die Ermittlungen blieben damals erfolglos. In den an Malaysia grenzenden Gebieten gibt es mehrere islamistische Gruppierungen, aber im Unterschied zu den Extremisten in anderen südostasiatischen Ländern sind sie am internationalen Dschihad nicht beteiligt. Jedenfalls gab es bisher keine Beweise (Videos im Internet usw.) dafür, dass sie  der IS-Führung ihre Treue geschworen hätten. Sie verlangten bisher nur eine umfassendere Autonomie für ihre Provinzen. Unter Umständen käme auch eine Abspaltung von Thailand infrage.

    Dennoch kämpften in Syrien und im Irak mehrere Dutzende thailändische Staatsbürger auf IS-Seite. Im April 2018 warnte Vizepremier und Verteidigungsminister Prawit Wongsuwon, der IS könnte versuchen, einen Ableger in Thailand zu gründen. Offenbar sind die IS-Emissäre schon jetzt in den südlichen Regionen des Landes präsent. Der russische Geheimdienst FSB warnte die Behörden in Bangkok bereits 2015, dass zehn Kämpfer des Pseudo-Kalifats sich nach Thailand  begeben hätten, um dort eine Anschlagserie vorzubereiten.

    *Terrororganisation, in Russland verboten

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Bedrohung, Terror, Flucht, Niederlage, Kalifat, IS, Syrien