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    Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders am 27. Oktober 2019

    Lieber Trump als Sanders? – US-Ökonom Hudson vermutet perfide Strategie der Demokraten-Führung

    © REUTERS / Rebecca Cook
    Politik
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    Wirtschaftswissenschaftler aus aller Welt trafen sich am vergangenen Wochenende in Berlin-Steglitz auf einer internationalen Finanz-Konferenz. Sputnik war vor Ort und sprach mit dem linken US-Ökonomen Michael Hudson. „Donald Trump ist Kandidat beider US-Parteien“, so der New Yorker Marxist im zweiten Teil des Interviews.

    Der Ökonom und Kapitalismus-Kritiker Michael Hudson aus New York sprach am vergangenen Wochenende auf einer internationalen Finanz-Konferenz in Berlin-Steglitz über aktuelle Herausforderungen für die Weltwirtschaft. Hudson lehrt als Senior-Professor das Fach „Ökonomie“ an der Universität von Missouri in Kansas City (UMKC). Außerdem hält er weltweit regelmäßige Vorträge über soziale Ungerechtigkeiten, die durch das laut dem Professor „ausbeuterische Verhalten“ großer Finanz-Akteure wie Versicherungen und Zentralbanken erzeugt werden.

    Er präsentiert seine Vorträge regelmäßig in Deutschland, den USA, China oder auch in Lettland. Dort arbeitet er für eine lettische Denkfabrik, in der er Strategien des Internationalen Währungsfonds (IWF) im Baltikum kritisch beleuchtet.

    Im zweiten Teil des Sputnik-Interviews vor Ort auf der Finanz-Konferenz in Berlin-Steglitz spricht Hudson über die aktuelle Situation der baltischen Nachbarländer Russlands, über US-Studentenkredite, die deutsche Landesbanken „kaufen sollen“ – und über die beiden größten Parteien im US-Politiksystem in Bezug auf US-Präsident Donald Trump.

    Professor Hudson, ich habe kürzlich auf Ihrer Website ein aktuelles Interview mit Ihnen zum Baltikum gelesen. Wie bewerten Sie den Zustand der baltischen Staaten, auch in Hinblick auf Russland und die Nato?

    Die baltischen Staaten leiden seit der Wende unter dem Neoliberalismus. Nach 1991 studierten viele Studenten aus dem Baltikum, oder auch aus Georgien und anderen solchen Staaten, an vielen rechtsnational orientierten Universitäten. Auch in den USA. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat sollen sie die Kleptokratie (persönliche Bereicherung der Eliten mit staatlichen Geldern, Anm. d. Red.) im Baltikum sozusagen absichern. Sie sollen zuvor öffentliche und staatliche Güter privatisieren, diese unter anderem auch an die New Yorker Börse bringen. Sie sollen hohe Reichen-Steuern verhindern und ähnliches. So arbeiten diese jungen Akademiker mit den kleptokratischen Eliten im Baltikum zusammen – auf Kosten der armen Bevölkerung. Es geht dort auch immer darum, zuvor staatliche Dienstleistungen oder große private baltische Unternehmensstrukturen an US-amerikanische oder britische Investoren zu veräußern. Es geht letztlich um den Ausverkauf der Balten.

    Wie sehen Sie die US-Präsidentschaftswahlen 2020? Wie bewerten Sie die Demokraten und die Republikaner? Und: Wie schätzen Sie die Innenpolitik von US-Präsident Trump generell ein?

    Das demokratische „National Committee“ hat bereits entschieden, wer für die Demokraten der Kandidat für 2020 wird: Das ist Donald Trump. Trump ist der Präsidentschaftskandidat beider Parteien. Beide Parteien unterstützen ihn meiner Meinung nach. Daher schaffen es die Demokraten aktuell auch nicht, einen geeigneten Kandidaten für das Rennen aufzustellen. So wollen sie sichergehen, dass Trump den Wahlkampf gegen die Demokraten nicht verliert.

    Wenn Sie richtig hinschauen, ist die Finanzpolitik der Demokratischen Partei die Gleiche wie die der republikanischen Trump-Administration. Die Demokraten wollen die Reichen nicht weiter besteuern und deren Steuern sogar noch weiter reduzieren. Sie wollen die Besteuerungen der einfachen Arbeiter weiter anheben. Sie wollen noch weiter privatisieren. Die Demokraten lieben es eben, dass Trump und die Republikaner diesen Job übernehmen. Denn nur so können die Demokraten vortäuschen, sie wären noch die Partei der sozialen Gerechtigkeit.

    So, welchen Kandidaten können die Demokraten jetzt aufstellen, um zu garantieren, dass dieser gegen Donald Trump verliert? Die Korruption des demokratischen Kandidaten Joe Biden ist mittlerweile vom US-Justizministerium aufgedeckt. (Die demokratische Kandidatin, Anm. d. Red.) Kamala Harris oder Bernie Sanders? Das sind alle Kandidaten, die prädestiniert sind, gegen Trump zu verlieren. Die Demokraten würden lieber mit Bernie Sanders verlieren – als mit ihm zu gewinnen. Das ist eine Konstante, die die demokratische Politikerin Tulsi Gabbard neulich erst gut beschrieben hat.

    Das ist ein sehr interessanter, ungewöhnlicher Blickwinkel auf die US-Politik. Sie haben auf der Konferenz auch die momentane Studenten-Kreditkrise in den USA genannt. In einem US-Medium habe ich einen aktuellen Bericht dazu gefunden, wo auch Ihre Arbeiten Erwähnung finden. Der Titel: „Die Wall Street zockt schon seit Jahrzehnten mit den Studenten-Krediten.“ Wie sehen Sie dieses Problem?

    In den USA – beispielsweise in New York City, wo ich lebe – bezahlen Studenten teilweise bis zu 40.000 Dollar im Jahr, um studieren zu dürfen. Wenn Sie an Elite-Universitäten wollen, dann zahlen sie bis zu 300.000 Dollar pro Jahr. Die Folge ist, dass Banken viele dieser Studenten-Kredite vergeben. In den letzten 15 Jahren sind sogar neue kriminelle Geschäftsfelder in dem Bereich entstanden: Das sind viele privat organisierte Hochschulen und Universitäten, wie die „Trump-University“. Das sind Colleges, die letztlich nur Geld verdienen wollen, ohne wirkliche Gegenleistung. Am Ende gibt es zwar einen Abschluss, aber keine Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt. Wenn diese ehemaligen Studenten keinen Job finden können, dann können sie auch die Schulden nicht gleich zurückzahlen und kommen so immer mehr in die finanzielle Abhängigkeit dieser von mir genannten Finanz-Akteure.

    Nun kommt das eigentlich Erschreckende daran: Viele Wall-Street-Unternehmen haben jetzt angefangen, diese Studenten-Kredite in einem Paket zusammenzuschnüren und weiterzuverkaufen. Ähnlich wie das mit den Immobilien-Aktien bei der US-„Subprime“-Krise 2007/2008 passiert ist.

    Die Wall-Street-Verantwortlichen fragen sich jetzt: Wen können wir finden? Wer ist dumm genug, uns diese Kredit-Pakete abzukaufen? Nun, die Antwort ist: Deutschland. Deutsche vertrauen den US-Amerikanern. Genau wie damals viele deutsche Landesbanken die Ramsch-Immobilienaktien-Pakete aus den USA kauften und so enorme Geldsummen verloren, versuchen heute US-Finanzakteure, deutschen Banken viele dieser Ramsch-Studentenkredit-Pakete anzudrehen.  

    Zur Person: Der US-Ökonom und Kapitalismus-Kritiker Michael Hudson (Jahrgang 1939) lebt, forscht und wirkt im Finanzzentrum New York. Er arbeitete viele Jahre im Finanzwesen für Banken an der Wall Street, darunter die „Chase Manhatten Bank“. Dabei konnte er praktisches Wissen erlangen – stets mit kritischem, marxistischem Blick. Er zählt zur internationalen Spitze der linken Kapitalismus-Kritiker und Finanz-Analytiker und war einst der Patensohn des russischen Revolutionärs Leo Trotzki, der ab 1928 ins ausländische Exil gegangen war. In jener Zeit erreichte Trotzki ein Buchangebot des Verlags „Simon & Schuster“ aus New York. So kam Hudson bereits in jungen Jahren mit der Wirtschafts-Analyse und Kapitalismus-Kritik von Karl Marx in Berührung, die sein Patenonkel Trotzki ihm politisch vorlebte. Die marxistische Theorie prägte Hudson. Bis heute weist er auf wirtschaftliche und soziale Ungerechtigkeiten in der US-Finanzwelt und der Weltwirtschaft hin.

    Das Radio-Interview mit Michael Hudson (in deutscher Übersetzung) zum Nachhören:

    Das Radio-Interview mit Michael Hudson (Englisch) zum Nachhören:

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    Tags:
    Bernie Sanders, Kandidat, Donald Trump, Skandal, Joe Biden, Demokraten, Präsidentschaftswahl, USA