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    Digitale Kompetenz bei deutschen Schülern: Studie zeigt alarmierende Erkenntnisse

    CC0 / Pixabay
    Politik
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    Fast jeder Achtklässler hat ein Handy, aber nutzt er das auch zu Lernzwecken in der Schule? Wie steht es um die digitale Kompetenz von Schülern und Lehrern hierzulande? Eine internationale Studie bescheinigt Deutschland großen Aufholbedarf, sowie ein Versagen bei der Digitalisierung. Dänemark und Moskau können in der Studie dagegen glänzen.

    Achtklässlerinnen und Achtklässler in Deutschland liegen im internationalen Vergleich im Mittelfeld, wenn es um den kompetenten Umgang mit digitalen Medien geht. Das ist das Ergebnis der aktuellen ICILS-Studie, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Beteiligt waren 14 Länder, darunter acht in Europa. Besorgniserregend ist es laut Forschern, dass seit der letzten Erhebung 2013 in Deutschland kaum etwas bei dem Thema Digitalkompetenz passiert sei.

    Deprimierende Zahlen…

    Dr. Birgit Eickelmann ist Schulpädagogik-Professorin an der Universität Paderborn, und sie hat den deutschen Teil der Studie geleitet. Ihr Fazit: Die Fähigkeiten der deutschen Schülerinnen und Schüler gehen weit auseinander: Rund ein Drittel der Jugendlichen haben nur ungenügende computer- und informationsbezogene Kompetenzen. Das heißt zum Beispiel, sie können im Internet vielleicht etwas suchen, aber nicht bewerten, was sie finden, und auch selbst keine fundierten Inhalte erstellen. Die höchste Kompetenzstufe erreichen nur knapp 2 Prozent der deutschen Achtklässler, so die Forscherin:

    „Es bleibt daher zu hoffen, dass Deutschland auf dem Weg zur Erziehung zur digitalen Mündigkeit die nächsten Jahre zu mehr Erfolgen kommt. Dabei ist wichtig, dass es nicht ausreicht, an einzelnen Stellschrauben zu drehen, sondern gesamte Entwicklungsprozesse im Blick zu haben. Also zum Beispiel nicht nur in Ausstattung, sondern vor allem auch in pädagogische Konzepte zu investieren und das zügig und nachhaltig anzugehen.“ 

    Laut Prof. Eickelmann ist ein Grund für die mittelmäßigen Ergebnisse in Deutschland die nach wie vor mittelmäßige Ausstattung: Im Jahr 2018 kam ein schulisches digitales Gerät auf etwa zehn Schüler. Nur etwas mehr als ein Viertel der Achtklässler in Deutschland besucht eine Schule, in der sowohl Lehrkräfte als auch Schüler Zugang zu einem schulischen WLAN haben. Die wissenschaftliche Leiterin der Studie fordert ein Umlenken:

    „Wenn man zum Beispiel nach Dänemark schaut, da bringen die Schülerinnen und Schüler zu mehr als 90 Prozent ihr eigenes digitales Endgerät mit in die Schule zum Lernen. Das heißt aber auch, dass sie außerhalb von Schulen zuhause weiterarbeiten können. Und zwar unabhängig davon, welche Bildungsnähe die Eltern haben. Das ist ein wichtiger Punkt, an dem wir arbeiten müssen.“

    Wie in anderen Bildungsstudien zeige sich, dass Jugendliche, die aus so genannten sozial benachteiligten Familien stammen, deutlich schlechter abschneiden als kulturell geförderte Klassenkameraden. Im internationalen Vergleich sei diese Leistungsdifferenz in Deutschland besonders groß. Nur Uruguay, Kasachstan und Luxemburg sind schlechter.

    ​Gymnasiasten schneiden im Schnitt übrigens besser ab als Schüler, die andere Schulformen besuchen. Spitzenreiter in der ICILS-Studie ist Dänemark, gefolgt von der Metropolregion Moskau. Prof. Eickelmann bescheinigte den Dänen in Sachen Digitalkompetenz sogar eine Spitzennote:

    „Das ist 1+ mit Sternchen. Die haben eine wunderbare Ausstattung mit mobilem Internet, die haben eine gute und positive Einstellung zur Digitalisierung. Die hatten in Dänemark einen kleinen Digitalpakt von etwa eine Milliarde Euro und die haben das in konkrete Unterrichtsmaterialien investiert. Die haben digitale Lernressourcen, die über das Internet zugänglich sind, für die Unterrichtsfächer entwickelt.“ 

    Auch in Deutschland gibt es mittlerweile einen Digitalpakt, der vor einem halben Jahr in Kraft trat und somit noch nicht in der Studie berücksichtigt wurde. Er soll dafür sorgen, dass Bund und Länder eine bessere Ausstattung der Schulen mit digitaler Technik sicherstellen. Der Bund stellt dafür über einen Zeitraum von fünf Jahren insgesamt fünf Milliarden Euro zur Verfügung. Laut Prof. Eickelmann könne das aber nur ein Anfang sein:

    „Die fünf Milliarden schnell verteilt auf alle Schulträger, oder dann noch einmal aufgeteilt auf alle Schulen, da bleibt manchmal nicht viel Geld über. Und wir können nicht nur Technologien hinstellen: Wir müssen Prozesse auf den Weg bringen, dass wir uns dauerhaft den Anforderungen des technologischen Wandels stellen.“

    Erstmals wurden Schülerinnen und Schüler in der ICILS-Studie auch auf ihr so genanntes "Computational Thinking" getestet. Dabei geht es darum, ob die Jugendlichen verstehen, wie Algorithmen funktionieren und damit arbeiten können. Es wurde getestet, ob sie Probleme in ihre Einzelteile herunterbrechen können und nach Anleitung etwas programmieren können - beispielsweise eine Drohne. Hierbei schneiden die deutschen Schülerinnen und Schüler sogar etwas schlechter ab als der internationale Durchschnitt.

    ​Das Forscherteam um Prof. Eickelmann rät deshalb unter anderem dazu, auch Lehrer und Schuleiter besser in digitaler Technik zu schulen, diese Kompetenzen sogar zu einem Einstellungskriterium zu machen. Die Entwicklung und Förderung digitaler Kompetenzen in den Unterrichtsfächern müsse dringend auf den Weg gebracht werden:

    „Wir müssen uns überlegen, was heißt das für das Fach Englisch, Mathematik, Religion oder Sport, wenn ich mit digitalen Technologien arbeiten kann? Gleichwohl: Wenn wir wiederum sehen, dass ein Viertel der Schulen in Deutschland überhaupt nur über W-Lan verfügt, dann sind natürlich die digitalen Lernressourcen noch nicht in der Fläche einsetzbar.“    

    Ein guter Unterricht sei nicht allein dadurch gewährleistet, dass digitale Medien vorhanden seien. Zwar trauen sich laut Studie fast alle deutschen Lehrkräfte zu, nützliche Unterrichtsmaterialien im Internet zu finden, aber mit einem Lernmanagementsystem arbeiten zu können, nur knapp ein Drittel. Auch seien deutsche Lehrer deutlich skeptischer als ihre Kollegen in anderen Ländern, ob sich die Leistungen mit digitalen Medien verbessern lassen: 34 Prozent glauben daran, im Vergleich zu über 70 Prozent als internationaler Mittelwert.

    Hintergrund der Studie ist ein Zusammenschluss nationaler Forschungsinstitute zur IEA - der International Association for the Evaluation of Educational Achievement. Teilgenommen haben Chile, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien, Kasachstan, Südkorea, Luxemburg, Portugal, Uruguay und die USA. In Moskau und Nordrhein-Westfalen wurde extra getestet. Der deutsche Teil der Studie wurde von Prof. Dr. Birgitt Eickelmann und ihrem Team an der Universität Paderborn durchgeführt.

     

    Der komplette Bericht als Radiobeitrag zum Nachhören:

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    Tags:
    Lernen, Bildung, Moskau, Dänemark, Deutschland, Kompetenzen, Digitalisierung, Medien, Schüler, Schulen, digitale Technologien